Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-03-05 · Heft 9 (5.3.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 9 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692623--04554-2699378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Isrartkfttrrer Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AVonnementSprei» pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1>50, sonstige Länder M. 2.— Srsnkfurt a. m.. VUdelerstraße 4/ö, Lcke Lleichstraße P-Ief-« 10507. JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzelle. . . . . 35 Pfg. Die Reklamezeile. roo ., Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Uedereiillunft. - ' 7. Jahrgang. Freitag, den 12. ^üar 5669 <5. März 1909).__Rr. 9. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Schicksal und Maus .... — Aus den Geschehnissen des Tages.'— Aus aller Welt. — Personalien. —. Feuil l eton: Beim Könige Ah>sve>us. — Wo ch en-K alen d er. — Aus d er Lehrerw elt. —Verein8-Kalender. Familiennachrichten. — Barmizwohs Schicksal u»d Waus..... Von Maxime Le Maitre. Kennt Ihr sie, die Totengräber der Weltgeschichte, die großen Verkleinerungskünstler, die aus einer reichen Welt mit großen Landschaften und großen Gestalten eine kleine, erbärmliche Straßenecke, aus einem Stück Weltgeschichte eine "Episode, aus einem Schicksal eine Maus machen? Kennt Ihr sie, die modernen jüdischen Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts? Judäa, einst die rechte Säule der Menschheitskultur, die Stätte des Weltgeistes, der Quell, in den - alle Ströme antiker Kultur, mündeten, der Springbrunnen des Genius,' — Judäa, der rhythmische 'Gesang des Geistes an den Wassern, ist verwandelt — ist verwandelt in eine Synagoge — nicht einmal in eine Synagoge, sondern in einen grünen Tisch. . . ., an dem glattrasierte Kahlköpfe, kommerziell- und justizrätliche Glaubensgenossen sitzen und ernstlich Rat pflegen, ob man die zehn Gemeindebeter und Gemeindefaster in Anbetracht der Teuerung der Lebensmittel finanziell besser stellen soll. Großer Rabblais — schade, daß Du kein Jude warst! Dein groteskes Genie würde sich an diesem Anblick weiden ... . Aus einem Schicksal machen sie eine Maus, — aus dem stolzen, selbstbewußten Judäa eine kleine, armselige Synagogengemeindc, die zu besuchen zehn Gemeindebeter und Gemeindesaster verpflichtet sind. Mutet' es nicht, amerikanisch an? — — — Auch die Geschichte ist ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, nein, der möglichen Unmöglichkeiten. . . . . Die Pyramiden zeugen von unserer einstigen Größe, sie sind die Zeugen unserer Energie und Lebenslust, seit mehr als dreißig Jahrhunderten stehen wir als Nation im Karnpfe — nicht gegen andere, sondern um unsere Existenz — drei Jahrtausende Blut, drei Jahrtausende Geistdrei Jahrtausende Staunen, Bewunderung, Haß und Verfolgung von, Seiten unserer Mitmenschen und Mitvölker, — und was ist das Ende des Schicksals? Eine Maus, ja eine Maus. —t — Ich denke an Berlin, Nürnberg, Frankfurt, Paris, Wien und London, an die großen jüdischen Siedlungen und modernen Ostend- und Westend-Ghettos, wo jüdische Massen, Millionär- und Proletariermassen, leben, — und vor mir tauchen, merkwürdige, groteske Karrikaturen auf. Die. Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde sanktionieren die Medertracht eines jüdischen Antisemiten, der sein Legat nur an die am Sabbat Arbeitenden zukommen lassen will —; ich denke •n Nürnberg, wo eine gesetzestreu sich heißende Judengemeinde chren zu wählenden Rabbiner wie einen Commis-Voyageur anstellt und den berufenen Gemeindeführer zum Gemeindeknecht macht . . . . in Paris schaltet Herr Reinach, in Wien ist Taussig Trumpf und die Taufe, die tausende Juden-Mäuner und Juden-Frauen verschlingt . . und ich denke noch an viele andere Zeichen der Verkrüppelung des einst so großen Judentums!.. So nach drei Jahrtausenden des Blutes und des Geistes . . . . Sind da nicht die Männer, die das Programm einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte auf ihre Fahne geschrieben, optimistische Genies, Männer von urwüchsiger Gläubigkeit?- Wer von unseren Großen seit Mojes hätte zu träumen gewagt, daß das Judenvolk, das bis an die Zähne mit Energie und Genie gewappnet ist, das allen Stürmen der Zeit ohne Wanken widerstand, nach drei Jahrtausenden - des Blutes und des Geistes zu einer jüdischen Konfession herabsinken werde? Ist es 'nicht eine giftige Ironie der Weltgeschichte, wenn man aus einem Schicksal eine Maus macht — ja eine Maus. Das Judentum ein Glaubensartikel! Als wir in die Weltgeschichte des Geistes eingetreten sind und unsere große Laufbahn, die kahlköpfige und glattrasierte Kommerzienräte mit der neuen modernen Synagoge abzuschließen glauben, angetreten haben, glaubten wir, ein Stern am Himmel 'des Geistes zu sein, wir wollten das Licht der Völker werden, aber nicht, indem wir ihnen eine Laterne zuhalten, sondern durch die reiche Ausstrahlung des Lichtes aus dem Urquell unseres Genius, wir wollten „das.Rätsel in uns" lösen, auch zum Exempel für die andern. Absolute Gerechtigkeit, der absolute Gott, die absoluten ethischen Normen, die allein nur ausreichen, aus dem böte dumnins einen menschlichen Menschen zu machen, kurzum, wir wollten Politik im kosmischen Stil treiben, mit Ewigkeitswerten rechnen und mit unserem Geist, der Ewigkeiten ausatmet, das All durchdringen. Denn panzerstark und marmorfest und graniten war der Geist unserer großen Wegweiser und Führer, und das Siegel ihrer Persönlichkeit suchten sie deni Volke aufzudrücken. Drei Jahrtausende kämpften wir für das größte Programm der Weltgeschichte, für ein großes, gewaltiges Schicksal, — und nach diesen drei Jahrtausenden kamen alleruntertänigste Kommerzien- und Justizrätc und machten aus dem Schicksal eine Maus, aus einem Programm der Weltgeschichte eineTagesördnungfür die Sitzung der Synagogengemeinde. Es gab Zeiten, in welchen man viel auf uns gab. Einer der unseligen ist sogar ihr Erlöser geworden, und im frühen Mittelalter bauten sie auf unseren Trümmern ihren Kirchenbau, denn Augustinus hat nur einzelne Teile des alten Testaments schlecht abgeschrieben, ... und im späten Mittelalter waren es wieder die Juden, die der Weltgeschichte einen Ruck nach vorwärts gegeben haben. Ueberall und zu jeder Zeit, in der sich der jüdische Geist regte, in der der weltgeschichtliche Jude eine Aktion einleitete, war sie immer groß, universell angelegt. — tlnd als am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein Romane eine neue Erde en!d/ckte, entdeckten die Ge« inanen zu gleicher Zeit, 'die Juden — ihr weltgeschichtliches Programm, das alte Testament, für die immer neue Menschheit. — und diese Entdeckung war für die Menschheitskultur und' für' die Entwicklung des Menschengeistes bedeutendere und fruchtbar«, als die Entdeckung der neuen! Erde. Denn ohne die germanische Entdeckung keine Reformation, keine englische Revolution und mithin auch keine französische Revolution. Also/ wo immer wir direkt oder -indirekt in den Lauf, der Dinge eingegriffen haben, geschah es im. großen Stil: immer und immerfort machten wir Politik im kosmischen Stil, überall und immer waren wir Schicksal, ein großes, gewaltiges Schick-. sal, bis die kahlköpfigen, glattrasierten Kammer-! zien- und Justizräte kamen und aus einem Schicksal eine Maus machten, — ja eine Maus. — — Und als die Germanen das alte Testament , fürdie neue Menschheit entdeckt und wir dadurch unsere Eintrittskarte in die europäische s Kultur erhalten hatten, raffte sich ' wieder der jüdisch!: Geist auf und produzierte in gewaltigen. Variationen Werte und Werke von ewiger Dauer,. die zu einem integrierenden Bestandteil des Kul- ’ turbewußtseins der neuen Menschheit geworden! sind, — das Judenvolk arbeitete mühselig in seinen finsteren Ghettis, es lebte in Armut und im Elend, aber des Volkes Genius schaffte im Stillen und überflutete Europa mit Geisteslicht. ' — Wieder machten wir weltgeschichtliche Politik — allerdings oft aus Kosten der betreffenden - Politiker. .... Der große Amsterdamer, die Verkörperung des tragischen Philosophen, befruchtete mit seinem Geist den letzten großen Germanen. Johann Wolsgang Goethe und — untergrub die Macht der Feinde aller Menschenfreunde, der Päpocesarie, — dann kam der Düsseldorfer Sänger, der Frankfurter Kritiker, und dann kamen Marx und. Lassalle und drangen in die Hütten der Arbeiter und entboten ihnen den Gruß des Lebens, der Gerechtigkeit und der Zukunft — im großen Stile. — Und der alte jüdische Prophetengeist, der Werte entwertet und umwertet, schien über Europa gekommen zu sein, — und wir selbst erwachten im Hämmern dieses Geistes. Es war Politik im Sinne der Weltgeschichte, die Politik im kosmischen Stil, die Politik der sittlichen Unterdrückten gegen die unsittlichen Unterdrücker. — Und bald tönte es in Lauten der alten Prophetensprache — da unten im Reiche des Zaren .... Und all diese Akkorde des Geistes, unseres Geistes, schmolzen zu einer große»! Symphonie zusammen, — im Westen. sangen wir - ein ehrliches Menschheitslied in jüdischer Melodie und im Osten ein traurig-fröhliches, stimmungsvolles 'Judenlied in. menschlicher Melodie. Es schien Schicksal zu werden — ein großes Schicksal, — aber da kamen die kahlköpfigen, glattrasierten Kommerzien- und Justizräte und machten aus einem Schicksal eine Maus — ja eine Maus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.