Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ß- Seite 2. x _ Frankfurter JfraekiMHeS Famüienblatt. i1li |r.' f' K -er» nur noch ein Gilgameschepos geben. Es wäre sicherlich nur eine Inkonsequenz von Jensen, wollte er nicht über das Altertum hinausgehen.' Wenn Jensen es fertig bringt, sämtliche biblischen Ereignisse in Gilgamesch aufzulösen, lediglich weil er z. B. jeden biblischen Baum — der Zeder des Humbamba, jeden biblischen Fluß — der Sündflut, jede biblische Stadt — Erech, jede biblische Frau — Ebanis Dirne, jeden Berg — Lisuthros Insel u. dgl. m. ansieht, warum sollen nicht auch europäische Städte, Häuser, Berge, Flüsse, Tiere und Bäume eine solche ehrwürdige Rolle spielen dürfen? Man hat es hier, wie der Leser sieht, mit ganz unheimlichen Erscheinungen zu tun. Erscheinungen, die die bedenklichsten Krankheitssymptome unserer Zeit deutlich markieren. Möge sich die „Franks. Zeitung", der seit mehreren Jahrzehnten Hunderttauscnde von Lesern ihre ernste Aufmerksamkeit schenken, auch zu einer solch schönen Kolportage hergeben, — die Zeiten werden sich ändern,. und eine ernstere Zukunft wird von unserer Gegenwart, in der ein ord. Universitäts-Professor seine Zeit und Kraft einem solchen Karnevalismus widmet, und über die Theologen ungehalten ist, die selbst in den späten biblischen Büchern auch nur historische Anklänge suchen, mit eben solchem Hohn und Entsetzen sprechen, wie wir von den finsteren Perioden des Mittelalters. Ernste Momente finden sich auch bei Jensen selbst, foo er, wie z. B. S. 333 seines Buches, von einer.Gilgamesch-Monomanie, zu deutsch Gilgamesch-Wähn, spricht. i: Le» Geschehnissen des Tages. Der letzte Mohikaner, — wir deutsche Zuden brauchen ihn nicht in den Urwäldern Amerikas zu suchen: die meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands haben in den letzten fünfzig Jahren ihren letzten Mohikaner gehabt und manche haben ihn noch; in Hunderten Gemeinden ist er bereits gestorben und in manchen lebt er noch als einsam ragender Stamm aus einer Vergangenheit, die jüdisch war. Zuerst kam die Zeit, da jeder Nekrolog dem letzten galt, der in der und der Gemeinde im jüdischen Schrifttum, im Talmud, Schulchan - Aruch nsw., .bewandert war. Und als diese ausgestorben waren, da wurden -je Nekrologe den letzten geweiht, die sich durch jüdische Frömmigkeit, wenn auch ohne jüdisches Wissen, auszeichneten. Und seitdem man ganze Landstrecken durchwandern kann, ohne ein jüdisches Haus zu finden, in dem Gesetz und Sitte des Judentums Stätte hat, ragen noch jene hervor, in denen das jüdische Gesicht, das goldene jüdische Herz, sich zur Herr- Achen Blüte entfaltet hat. Aber auch diese sterben jetzt aus. Unsere Armen und unsere Wohltätigkeitsanstalten wissen ein Liedchen davon zu singen. Und gerade wir hier in Frankfurt haben es im letzten Jahre erlebt, wie das Hinscheiden eines jeden unserer Philanthropen eine Lücke reißt, die nicht wieder ausgefüllt wird, denn gewöhnlich entfernen sich die Kinder eine Stufe weiter vom Judentum, — und das jüdische Gefühl war die letzte Stufe. Man spricht seit einigen Jahren von einem Wiederrrwachen jüdischen Interesses. Doch die Tatsachen unterstützen diese Behauptung nicht, und nur in den Kreisen, die vom Zionismus ergriffen sind, ist ein sichtbares Wiedererwachen zu konstatieren. Zeugt es z. B. von dem Vorhandensein eines lebendigen Interesses, wenn in der 23000 Seelen zählenden Frankfurter jüdischen Gemeinde in der Regel nur SO bis 100 Personen — und fast immer dieselben — jüdische Borträge besuchen? Oder ist es ein Zeichen von Interesse, wenn diese 23000 Juden auf die Verwaltung des jüdischen Gemeindewesens nicht nur keinen Einfluß haben, sondern auch nicht zu gewinnen suchen? Unter solchen Umständen ist es ein Segen, daß wenigstens in jedem jüd. Hause, in dem man nicht mit Absicht der Tause zuscgeln will, eine jüd. Zeitung gelesen wird. Würde aber die jüd. Presse in den berufenen Vertretern der jüdischen Gemeinde Stütze haben, indem die Vorsteher und Repräsentanten ihre Position nicht nur als Verwalter der Finanzen der ihnen anvertrauten Gemeinde ausfassen, vielmehr in der Erstrebung jüdischen Wissens und in der Wahrung jüdischen Brauches mit gutem Beispiele oor- «mzugehen sich bernühen, — dann — erst dann Wnnte es wieder besser werden; — wir sagen besser, denn gut kann es nur in einem jüdischen Milieu «erden. Aus edler Welt. Deutsches Reich. Berlin. Dos von dem »Fürsorgeverein für hilflose jüd. Kinder" in Nieder-Schönhausen, Kronprinzenstraße, errichtete Kinderheim ist nunmehr eröffnet worden. Das. Gebäude liegt zwischen Landhäusern, die von weiten Gärten umgeben sind, und grenzt mit seinem Park, der weite Rasenflächen und schattige Spielplätze bietet, an die Anlagen des Schlosses Schwenhausen. Für 30 Pfleglinge sind Plätze vorgesehen. Im Erdgeschoß liegen das Zimmer der Oberschwester, mehrere Kinderzimmer, darunter auch ein Saal für Säuglinge, das Spielzimmer der Kinder, Arzt- und Quarantänezimmer. Im geräumigen Wlctschastsgeschoß befinden sich besondere Räume für die Zubereitung der Säuglingsnahrung, Anstaltsküche, Desinfektionsraum rc. Alle Hilfsmittel, über die die neuzeitliche Säuglingspflege gebietet, sind reichlich vorhanden, wie überhaupt aus der ganzen Anordnung und Einrichtung der Anstalt der Geist der modernen Hygiene spricht. Berlin. Der 23000 Mitnlied-r züdlende Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nahm in seiner Generalversammlung den neuen Satzungsentwurf an, nach dem eine alle zwei Jahre stattfindende Delegiertenversammlung aus Vertretern aller im ganzen Reiche bestehenden Unterverbände des Vereins in Zukunft an die Stelle der bisherigen Mitgliederversammlung tritt. Leipzig. Diennag. den 2. März findet im großen Festsaale des Zoologischen G a r t e n s ein Orientalisches Fest (Purimball) statt, dessen Reinerttägnis dem ,,Bezalel" und dem „Verein Oelbaumspende" zufließt. Eine größere Kollektion kunstgewerblicher Gegenstände des Bezalel stehen im Saale zur Schau aus. Allen Freunde des Bezalel und der Oelbaumspende, die die Leipziger Messe besuchen, ist dringend anzuempfehlen, dieser Veranstaltung beizuwohnen. Oesterreich-Ungar«. Aussig. Koblenarosthändler JgnazPetschek ließ der jüd. Gemeinde in Prag 30 000 Kronen für ihre verschiedenen Wohlsahrtsinstitntionen zugehen. Er hatte erst jüngst der hiesigen Stadtgemeinde 200000 5kr. für Wohltättgkeitszwecke zur Verfügung gestellt. Türkei. Kouftautiuopel. In der Vorstadt Galata hat ein schweres Schadenfeuer zahlreiche Menschenleben vernichtet. Die Opfer sind russische Juden, auch Frauen und Kinder. Ein Teil kam in den Flammen um, andere zogen sich tödliche Verletzungen zu, indem sie aus den Fenstern sprangen. Die Zahl der Verunglückten wird auf zwanzig angegeben. Palästina. Jaffa. Der Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina hat in Jaffa unter der Leitung von Frau Dr. Thon einen tandarbeitskursus üdische Frauen und Mädchen werden gelehrt, orientalische Spitzen anzufertigen, deren Technik bisher nur von den Araberinnen beherrscht wurde. Bei der hübschen und überaus feinen Art dieser Spitzen wird es leicht möglich sein, eine größere Industrie zu entwickeln und einer großen Anzahl von bisher notleidenden Frauen, einen Beruf zu verschaffen. Herr Ingenieur Johann Kremenezky in Wien hat 50 Kronen als Prämie für die erste jüdische Arbeiterin gespendet, die Spitzen in gleicher Vollendung wie eine Araberin herstelkt. — Der Bau der von der Aktiengesellschaft „At i d" in Haifa errichteten Maschinenfabrik geht jetzt seiner Vollendung entgegen. In zwei Monaten wird diese Fabrik, die einen großen Einfluß auf die Entwicklung des Handels und der Industrie von Haifa und Umgegend haben dürfte, eröffnet werden. Personalien. Frankfurt a. M. In weniaen Wochen dir dritte aus dem Kreise der wenigen, die voll und ganz in dem Dienst jüdischer Interessen stehen. Erst Raphael Ettlinger, dann Sidonie Dann und nun Henry Seligman, der ein jüdischer Fürst gewesen ist in dem Adel seiner Gesinnung und in seiner warmen, großzügigen, auch durch Enttäuschungen nicht erlahmenden Menschenliebe. Und so war ihm denn das Glück beschieden, den Idealismus des Jüngling« in das Mannes- und in das Greisenalter hinüberzunehmen, — ein seltene» Bild i» unserer Zeit, die häufig schon im Jüngling die reine, edle Freude im eigenen Herzen und die Ät. * Freude am Schaffen zum Segen der Menschheit knickt. Doch Henry Seligman war nicht nur ein jüdischer Fürst in feiner Gesinnung als Mensch, sondern auch in seiner Gesinnung als Jude. Er war stolz darauf, Jude zu sein; in ihm lebte das Bewußtsein von dem Adel des jüdischen Volkes. Deshalb strauchelte er nicht, als sein Geschick ihn auf die Höhe des Glanzes sirhrte; sein Fuß hatte in der Religion seiner Väter festen Halt. Was wir an Henry Seligman verloren habe«, was er in 53jähriger, nicht für einen Augenblick gettübter Ehe seiner Gattin gewesen ist, was seiner Familie und was der jüdischen.Gemeinde und allen Wohltätigleitsbestrebungen in ihr, das zeichnete Rabbiner Dr. Seligmann in musterhaften Strichen au seiner Bahre. Als eine Gestalt aus der fromme» biblischen Pattiarchenzeit pries er ihn, und av einen jener, die dahingehen und nicht mehr gefunden werden, beklagte er seinen Verlust. Wer wird Henry Selignran ersetzen? .... Von gleichen Tönen waren die Worte der Lertteter der Körperschaften getragen, die dem Entschlafenen, bevor er zur letzten Ruhe gebracht wurden noch ihren Dank nachriefen. Sanilätsrar Dr. Iaff 6, der Vorsitzende des Vorstandes der jüd. Gemeinde, dankte dem ehemaligen Borstandskollegen, Rechtsanwalt Dr. M e r z b a ch als Präsident der Frankfurt- Loge dem treuen Bruder, der während 2 t Jahre» das Amt eines Schatzineisters versah und ohne schwerwiegenden Grund nie eine Sitzung versäumte, Dr. Walter, dem Mitbegründer des Jsr. Hilfsvereins vor 27 Jahren und pflichtgetreuen Borstandsmitgliede seit dieser Zeit und Rabbiner a. D. Dr. Plaut dem Freunde. — — Henry Seligman wurde 1828 in Baiersdorf bei Erlangen geboren, wanderte 1842 nach Amertk» aus und kehrte 1862 nach Deutschland zurück. Ge« meinsani mit einem Bruder und einem Schwager errichtete er in Frankfurt — int Anschluß an seine Bankhäuser in Rewyork, London und Paris — das Bankhaus Seligman und Stettheimer. Auch nach der Liquidation der Firma blieb er ein regelmäßiger Besucher der Börse; aber nie bettat q» einem Sabbate sein Fuß die Räume derselben. Anläßlich seiner goldenen Hochzeit übergab er der Stadt 100000 JL für Wohltättgkeitszwecke, und seinem Geburtsort Baiersdorf schenkte er vor einigen Jahren ein Kinderheim. Frankfurt a. M. An, 1. Mär, sind es 30 Jahre, daß Herr Solomon Rosenthal, Oederweg Kg, als Kunstgärtner bei der Baronin von Rothschild auf Schloß Grüncburg ununterbrochen tätig ist. Berlin. Prof. Dr. Felix Lieberinann, der erst jüngst zum Mitgliede der Münchener und der Göttinger Akademie der Wissenschaften ernannt wurde, ist zum Ehrendoktor der Universität Oxford ernannt worden. — Rentier Oscar Heymann erhielt den Titel Kommerzienrat. Berlin. Proftssor Dr. Edmund Landau. Privatdozent der Mathematik an der Berliner Universität, hat einen Ruf nach Göttingen alS Nachfolger des jüngst verstorbenen Professor Hermann Minkowski erhalten. — Dr. Landau, ein Sohn des bekannten Gynäkologen Geheimen Medizinalrat Prof. Dr. Leopold L., ist 1877 in Berlin geboren. Aschaffeuburg. Nach langem, schweren Leide» verschied — erst 38jährig — Rechtsanwalt Simon Schotte nfels, Ausschußmitglied der tsr. Gemeinde. Er war ein Enkel Reb Löb Sulzbach (Darmstadt) s. A. uno erfreute sich allgemeiner Wertschätzung. Mainz. Am 20. Schwat verschied im Alte* von 90 Jahren Herr Marcus Fraenkel, Sohn und Nachkomme von Männern, die zu den hervorragendsten und bedeutendsten ihrer Zeit gezählt wurden. (Der Stammbaum der Familie ist vor wenigen Jahren in den von Herrn Dr. Löwenstein herausgegebenen Literaturblättern veröffentlicht worden.) Wie sehr der Verblichene den Lehren, die er im elterlichen Hause (Rabbiner Seligmann FraenkeH empfangen, nachgelebt, in welch ungewöhnliche» Maße er sich in seinem Leben die Hochachtung und Verehrung der weitesten Kreise der Gesamtbürgerschaft erworben hat, das bewies die allgemeine Teilnahme, die sein Hinscheiden hervorrief, sowie die ungewöhnliche Beteiligung an dem Leichenbegängnis. In seinem Hesped schilderte Herr Rabbiner Dr. Bondi die Charaktereigenschaften des Verblichenen, hob sein Thorawissen hervor und gedachte rühmend, in welch' hingebender Weise er sich der Armen aller Konfessionen annahm, und wie aufopfernd er das ihm von der Stadt Mainz verliehene Ehrenamt eines Armenpflegers und BezkrkSvorstehers in einer langen gieihe von Jahren verwaltete. Dresden. Kommerzienrat Georg Ar »bald wurde zum württembe rgischen Konsul für das Königreich Sachsen ernanut. Halle a. S. Privatdozent Prof. Dr. Edmuud Leser erhielt den rite» »«Helmer Sanit Als rat.