Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^van&futtex ffturlxlxfdjrs lamiliraklntt ( > Diese Zettxmg erscheint wöchentlich. AbonnementlpreiH pro Vierteljahr: I» Frankfurt a. M. ML 1.— frei in» Hau». Bet der Post abonniert im In» und Ausland ML 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland uxxd Oesterreich - Ungarn ML 1,50, sonstige Sünder ML 2.— t.- He-aLtt-« nnt> chekchLftsstekle: Jrankturt a. IN., vlldtlerßrate 4/6, «cke »leichstra»- v-r-f»« 10L07. Kaks Infertion»P«is«: Di« viergespaltene Petitzeile. 35 Pfg. Die Sieklamezeile. roo .. Platz- und Daten-Borschrtft ohne Berbinblichkeit. Beilagen: Prei» nach Uebereinkunst. 7. Jahrgang. Freitags de» s. 56VS <26. Februar Anhalt »es Haxxptblattes. Artikel: Gilgamesch-Monomanie. — Aus den .Geschehnissen des Tages. — AuS aller Welt. — Personalien. - Feuilleton:NochrmKlesnxer. — Wochen-Kalender. — Familtennachrichten. — Barmtzwohs. : / Gilgamesch-Mo«oma«ie. Bon Dr. Sigmund I a,n p e l--Karlsruhe. In der ganzen Geschichte der Entwicklung der Wissenschaften hat die Menschheit noch nie über eine solch entstzlicheEntartungder wissenschaftlichen Kritik zu klagen gehabt, als in unserer Gegenwart. Der seit kaum zwei Menschenaltern dem finsteren Banne der Inquisition entronnene Menschengeist fängt jetzt leider selbst an, jene grauenhaften Inquisitoren zu rechtfertigen, indem er sich der durch verheerende Kriege so schwer errungenen Denkfrciheit so sehr unwürdig zeigt uxid die durch unsägliche Btutströme erkämpfte Freiheit für seine schauderhafte, bübische Zügellosigkeit nxißbraucht. Vielleicht das grauenerregendste Bild wissenschaftlicher Verwilderung bietet der Marburger Professor I e n s e xr in seinem nicht weniger als 1030 Seiten starken Buche „Das Gilgameschepos in der Weltliteratur", in welchem er die ganze biblische Geschichte, sogar bis über das Exil hinaus, in lauter Figuren der kcilschristlichen Gilgameschsage auflöst und daher die ganze Bibel in ein Luftgebäude verwandelt. Während selbst der extremradikalste Rationalismus, der in der Bibel ein Konglomerat alter Volkssagen findet, hinter denselben wenigstens Anklänge an althistorische Erinnerungen sucht, während die Astralmythologen, welche in den biblischen Ereignissen Abbildungen der Bewegungen im Universuin erblicken, den biblischen Personen wenigstens ihren historischen Charakter belassen und während z. B. in der Zahlentheorie eines Jacob-Dortmund nur der Pentateuch allein, nicht aber die andern biblischen Bücher der Vernichtung anheimgegeben werden, ist nach Jensen die ganze biblische Geschichte von Abraham bis Esra-Nehemia eine, jedes historischen Hintergrundes bare, phantastische jüdische Reproduktion des babylonischen Gilgameschepos, sodaß wir, Jensen folgend, noch nicht einmal wissen können, ob überhaupt in der vormakkabäischen Zeit ein jüdisches Volk existiert hat. Es ist dies ein Zerstörungswerk, wie es die ganze historische Wissenschaft nicht kennt. Während nun aber bisher jeder Verteidiger der Ehre der Wissenschaft einen gewissen Trost darin erblicken konnte, daß diese Jensensche Methode, welche die Wissenschaft, in deren Namen sic auftritt, so furchtbar diskreditiert, schon durch die quairtitative Größe des vor etwa drei Jahren erschienenen Buches, sowie wegen seines unerschwinglichen Preises, — 40 Mk. —, wenigstens dem großen Laiexipxxblikum unbekannt bleibt — Schreiber dieser Zeilen hat selbst in literarischen Revucs cs peinlich vermieden, dieses Laborat in Betracht zu ziehen, lediglich um nicht den Aechtern der Wissens chast Wasser auf ihre Mühlen zu schütten und xxm nicht die Gegner jeder kritischen Forschung triumphieren zu lassen —, kommt jetzt Jensen selbst und schüttet in den Morgenblättern vom 19. und 20. d. M. der „Franks. Zeitung" dem großen Lesepublikum seinen ichmackhaften Brei auf, wobei 'er sich in einenx heftigen Räsonuieren gegexr die „sich xnit ihrer voraussetzungslosen Unvoreingenommenheit spreizende, in Wirklichkeit gegen alles Neue ihre Kreise störende unduldsame sog. moderne Theologie" ausläßt. Als Motiv seines Zufluchtsuchens bei der Laienwelt gibt er selbst den Umstand an, daß sein Werk, wie er glaubt, wegen des Zusammenschlusses der Gelehrten gegen ihn. in jenen Kreisen ignoriert wird, — und nun werden, „was den Gelehrten ein Aergernis ist, die Laien durch- Vrücken nxüssen". Mancher Leser wird sich hierzu erixxnern wissen, daß auch Hackel — der Jensen der Biologie — in der Einleitung zu seiner großen Ausgabe der „Wclträtsel" desselbexr Verfahrens sich rühmt. In welch lächerlicher Naivität gefallen sich diese gleichen Seelen? Bei den höchsten Fragen der Physiologie, Biologie, ebenso wie Philologie und Archäologie verzichtet man auf das Urteil der berufenen Fachgelehrten, und man wendet sich an den kritiklosexr Laien. Richten sich diese Herren rricht selbst? Wie jeder Leser des Jensenschcn Buches weiß, hat Jensen in diesem populärexr Artikel nur deshalb die Mosespartie herausgegriffen, weil dieselbe die meisten xmd auffälligsten Parallelen zur Gilgameschsage enthält. Nun überzeuge' sich der Leser durch nachfolgende auserlesene Musterware: Gilgames drangsaliert die Bewohner von Erech — Pharo unterdrückt Israel, also Gilgamesch — Pharo. Ebani ist in der Wüste — Moses in der Wüste, a l s o E b a n i — Mos e s. Ebenso kommt Ebani am Brunnen mit dem Mädchen zusammen, wie Moses mit der Zipora, und wie Ebani mit dem Mädchen zu Gilgamesch nach Erech geht, so geht Moses mit Zipora zu Aron nach Aegypten, also ist Gilgamesch — Aron, während er kurz vorher Pharo war. Ferner: Jstar, die Ztadtgöttin des Gilgamesch. wird weggeführt, wie Zipora, die Frau Mosis, fortgeschickt wird, und wie Gilgamesch seine Göttin nachher zurückführt, so führt Moses seine Zipora wieder heim, also ist wiederuin Gilgamesch — Moses. Wie Gilgamesch der Jstar Vorwürfe macht, so auch Aron-Mirjam dem Moses, also wiederum Aron-Mirjam — Gilgamesch undMo - ses — Jstar. Gilgamesch und Ebani erschlagen den Himmelsstier und waschen sich hierauf ihre Hände, ebenso schlachten Eleasar und ein anderer die rote Kuh und waschen ihre Kleider, also Eleasar — Gilgamesch und der Unbekannte — Ebani. Ebani stirbt — Aron Nr. 8. stirbt, also wiederum Ebani — Aron. Gilgamesch sucht Einlaß nach Palästina, wird von einem Riesen zurückgehaltcn, schließlich erhält er doch die Erlaubnis dazu, ebenso wollen Moses und Israel nach Palästina, werden vom Riese» Og zurückgehalten, schließlich erzwingen sie doch' den Eingang, also wiederum Moses und Israel — Gilgamesch. Gilgamesch wird vorn Propheten und Schisser des Königs Rsuthros zu demselben gebracht, ebenso werden Moses und Israel von Balak, dem König Moabs, gehaßt, der Prophet Bileam aber nimmt sich ihrer an, also Xisuthros — Balak. L'isuthros landet landet auf dem Sündftutberge, xmd Moses kommt auf den Berg Sinai, also Tisuthros schon — Moses, und Moses gehört danach auch in die Sündfluterzählung. Außer diesen Karnevalistika ist der Jnhalt des Gilgameschepos gerade in den kritischen Punkten sehr fraglichen Textübersetz^ ungen entnommen, und auch sonst ist das meiste des aus der Gilgameschsage Zitierten in dieser gar nicht enthalten, sondern vermutungsweise von Jensen ergänzt. Weder von Ebanis Flucht in die Wüste noch von Jstars Wegführung und Wiederkehr noch von Gilgameschs Ankunft in Palästina oder von seinem Weilen an der phönizischen Küste u. dgl. ist im Gilgameschepos irgendwie etwas deutlich enthalten. Und sind es nicht ungezogene Kinderpossen, den feuerschnaubenden Himmelsstier, der Gllgamesch töten soll, mit der roten Kuh zu vergleiche» —- oder Jstar, die Verfolgerin des Gilgamesch, mit der Frau des Moses, — oder den Tisuthros, den Großvater des Gilgamesch, zuerst mit Balak und dann mit Moses? Der Leser versuche es einmal mit der ersten besten Partie in der deutschen Geschichte oder mit der beliebigsten Episode der deutschen Politik des 19. Jahrhunderts, ob er dieselben, nach der Methode Jensen, nicht oiet restloser in Gilgamesch - Figuren wird auflöse» können. Nun ist aber diese in dem Zeitungsartikel dargestellte Moses-Partie schon die plausibelste in der ganzen Jensenschen Hanswurstiade. Wie es erst mit den anderen biblischen Partien aussehen mag, kann sich der Leser schon ungefähr nach dein Gegebenen vorstellen. Gilgamesch-Figuren sind, nach Jensen, alle Patriarchen, 286—360, Josef und Esa, 225—285, David, 474—556, Salomo 556—578, außerdem auch sämtliche Richter und Könige Israels, wie Judas, ja sogar Esra, Daniel und der nachexilische Hohepriester Josua, bessert Urenkel Jochanan in den jetzt gefundenen rlephantinischen Jnschristen als Zeitgenosse genannt wird, alle diese sind, nach Jenjens Entdeckung, Gilgamesch-Gestalten und haben nie existiert. Hoffen wir, daß Jensen in den folgende», nicht minder dicken Bänden nicht rmr das ganze Mittelalter, sondern mit viel größerem Rechte noch die neuere und neueste Zeit nach seiner vielbewährten Methode behandeln wird. Darm wird es überhaupt keine Weltgeschichte mehr, son- 1 2