Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692621--04530-2699352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 3. Rr. 7. ^ran^rtrker ZfsraeÜtffcheS KamilieMad. (d.) Etraßvurg. Der neuernannte Selretär der ijrael. Gemeinde geht tapfer ans Werk zur Reorganisation des Armenwesens; seine Denkschrift hierüber hat nunmehr schon schöne Früchte gezeitigt.' Dem Vorbilde des städtischen Armenwesens folgend, wurden alle Komiteedamen der hiesigen israelit. Damenvereine zu einer Besprechung eingeläden. Unter Leitung des Synagogenratcs A. Oppenheimer wurde der Abend durch einen Vortrag von Fräulein E. Wolf eröffnet, welche über die Sachlage referierte. Es wurde hierauf Sekretär Hagenau er beauftragt, die Statuten für einen neuen Wohltätigkeitsverein, sowie einen Aufruf an sämtliche Damen zu verfassen, um dieselben zum Beitritt zum Vereine und zur Mithilfe aufzusordern. Die 45 Komiteedamen erklärten sich bereit, die persönlichen Armenbesnche in den unter ihnen zu verteilenden Stadtbezirken zu übernehmen. Man hofft dadurch, mehr den verschämten Armen zu Hilfe kommen zu können und der Ausbeutung der Wohltätigkeit durch sogenannte Professionsschnorrer Einhalt zu tun. Rußland. - Petersburg. Das Ministerium des Innern faßte jm Hinblick aus die häufiger werdenden .Uebertritte von Juden zum Islam folgenden Beschluß: 1. Den Juden kann der Uebertritt zu den nichtchristlichen Religionen nicht untersagt werden, da eine solche Maßregel ein Verstoß gegen die Gewissensfreiheit wäre. 2. Die Juden, die zum Islam übertreten, erlangen 'dadurch keine andere Rechte, als sie solche bereits hatten, weil die russischen Gesetze keinen Hinweis darauf enthalten, daß guch denjenigen Juden, die zu njchtchristlichen Religionen übertreten, irgend welche besonderen Rechte zuteil werden und sodann, weil die Beschränkungen der Juden nicht als eine Folge ihrer Religion, sondern als Folge ihrer nationalen Eigenart zu betrachten sind, Ueberdies könnte die Gewährung besonderer Rechte an die zum Islam übergetrctenen Juden große Jubenmassen zu diesem Uebertritt veranlassen, was wahrscheinlich von nachteiliger Wirkung auf die politische Gesinnung der Mohammedaner sein würde. Wilna. Infolge der Nachrichten aus Odessa daß die dortige Stadtverwaltung ein Zirkular aus Petersburg erhalten habe mit der Weisung, alle bei der Stadtverwaltung angestellten Juden zu entlassen, hat der Korrespondent einer hiesigen Zeitung sich an das Wilnaer Stadthaupt gewandt, um zu erfahren, ob der erwähnte Erlaß auch hier gelten solle. In der Wilnaer Stadtverwaltung ist jedoch nichts von einem derartigen Zirkular bekannt, und da Wilna Petersburg näher liegt als Odessa, so ist wohl anzunehmen, daß die Ausschließung der Juden ans der Stadtverwaltung in Odessa lediglich der Initiative des „Verbandes der echten Russen" entspringt, die ja dort die unbeschränkten Herren der Situation sind, und daß bei dem von ihnen verbreiteten Gerücht von einem allgemein gültigen Zirkular der Wunsch der Vater des Gedankens ist. „N. I. K." Palästina. Jaffa. (Telegramm.) Die von verschiedenen Zeitungen verbreitete Meldung von Judenverfolgungen in Sased, wie auch die vom Hilfsverein der Deutschen Juden gegebene Darstellung entspricht in keiner Weise den Tatsachen. Es ist nichts derartiges vorgefallen. Und das ganze Gerücht ist lediglich dadurch entstanden, daß der Kaimakam einige Juden wegen rückständiger Steuern pfänden lassen mußte. Die zuerst von der Wiener „Neuen Freien Presse" verbreitete Nachricht, die also vollständig erfunden ist, stammt .offen bar ans Kreisen, die ein Interesse daran haben, die türkische Regierung — besonders auch in jüdischen Kreisen — zu diskreditieren. „N. I. K." Amerika. New-Adrk. Der baldige Rücktritt des Händelsministers Oskar Straus, in dessen Bereich alle Einwandernngsangelegenheiten gehören, und des Einwanderungskömmissars Robert Watschorn darf als ein - Sieg der Einwanderungsgegner angesehen werben. Diese Herren haben jetzt gelernt, hinter Len Kulissen zu Arbeiten; denn sicherer als bei der offenen Agitation durch Reden und Schriften ist der Erfolg, wenn durch die .versteckte Agitation hinter Len Kulissen dafür gesorgt lvird, daß einwanderungsfeindliche Beamte eingesetzt lvcrden. - Rew'Aork. Dreizehn jüd. Farmerorganisationen hatten 30 Delegierte zu einem Kongreß jüdischer Farmer nach hier entsendetum über ihre speziellen Fach angelegenheiten zu beraten und die Gründung, eines „Verbandes jüdischer Farmer von Amerika" zu beschließen. Der Kongreß io ährte vier Tage. Nach den Berichten' der Delegierten. gibt es in Amerika 5000 jüd. Familien, die sich ausschließlich mit Landwirtschaft beschäftigen, und zwar wohnen sie hauptsächlich in den Staaten Connecticut, New Jersey und New Jork. Der Kongreß beschloß u. a., einen .Fonds zur Förderung und Entwicklung des Farmwesens unter den Jrrden zu schaffen, in den Hauptstädten der Unionstaaten Märkte und Kommissionshäuser für die Produkte der jüd. Farmer einzurichten, einen Plan zur Schaffung von Industrien im Zusammenhänge mit den Farmern und einen Bildungs- und Erziehungsplan für die Kinder jüd. Farmer auszuarbeitcn. Personalien. Berlin. Deni dieser Tage im 42. Lebensjahre verschiedenen Dr. med. Heinrich Brat verdankt die Heilkunde eine Anzahl von neuen Präparaten, wie das Barutin, das Nährpräparat Glutol, das Bromocoll und das Sajodin. Seine Studien führten ihn ferner zur Herstellung eines der besten Sauerstoffapparate für die Wiederbelebung Erstickter, sowie — in gemeinsamer Arbeit mit Prof. Borchardt und Prof. Schmieden — eines Apparates für die Narkose und Sauerstoffeinatmung bei Operationen. — Oberlehrer föc. Nathan Pnlvermacher erhielt den Titel Professor. Heidelberg. Im 65. Lebensjahre verschied Stadtrat Eduard Reis, Vizepräsident der Handelskammer und Inhaber des Zähringer Löwenordens. Slolp. Dem Vorsteher der jüd. Gemeinde, L. G. o l d e und Frau wurde anläßlich ihrer goldenen Hochzeit die Ehcjubiläums- Medaille verliehen. Lberzitzko (Posen). Stadtverordnetenvo; sicher S i e g m u n d L ö w i n s o h n ist jm 67. Lebensahre verschieden. Breslau. Adolf Frey Han, ein Mann, der in früheren Jahrzehnten im öffentl. Leben Breslaus eine Rolle spielte, ist — 68 Jahre alt — verchieden. Er war lange Jahre Vorsitzender des auf demokratischer Grundlage aufgebauten Handwerkervereins und trat in den 70 er Jahren an die Spitze der „BreSlauer Dichterschule", bis er 1894 aus Gesundheitsrücksichten dieses Amt niedcrlegte. Auch im jüd. Gemsindeleben spielte er eine Rolle; so war er Vorsitzender des Vereins zur Speisung armer Israeliten und Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung der Interessen der Synagogengemeinbe Breslaus. Crone a. Br. Remter Isidor Philipp, langjähriges Vorstandsmitglied der Synagogengemeinbe, und Frau feierten am 18. Februar die goldene Hochzeit. Nicolai i. Overschl. Frau Johanna Herzberg feierte ihren 99. G e b u r t s t a g. Leipnik (Mähren). Der Gemeindeausschuß der Jsraelitengemeinde ernannte Bernhard Zerkow i tz, Fabrikant in Leipnik und Wien, und Adolf S ch r a m e k, Hoflieferant?md Kohlengroßhändlcr in Wien, zu Ehrenbürgern der Jsraelitcngemeinde Leipnik. Biel (Schweiz). Das David Nordmann'sche Ehepaar feierte die goldene Hochzeit. Paris. Freiberr Gustav von Rothschild und-Frau Cacilia geb. Anspach feierten die g o l d e n e Hochzeit. Der Jubilar wird am 17. Februar 80 Jahre alt. Das Jubelpaar hat drei Kinder: Robert von Rothschild, vermählt mit Nelly Beer, Baronin Lambert und Frau Eduard Sassoon. Rew-Uork. Artillerieoffizier Edward Gottlieb hat einen elektrischen Scheinwerfer von hervorragender militärischer Bedeutung erfunden; das Kriegsdepartement hat bereits eine große Summe zur Ausführung der Erfindung bewilligt. New-Iork. In R o ch e st er starb im 55. Lebensjahre Abraham Gold mann, der Vater der bekannten Anarchistin Emma.Goldmann. Goldmanu, der aus Rußland einwanderte, erwarb sich in Rochester die Position eines sehr geachteten Kaufmannes. Die Ideen seiner Tochter hat er stets aufs schärfste verurteilt. Zu Sidonie Danu's Gedächtnis. Am 9. Februar dieses Jahres schloß der Tod die Augen einer Bürgerin Frankfurts, deren Name über weite Kreise hinaus in der ehrenvollsten Weise bekannt geworden ist. Sidonie Dann, die Tochter einer Alt-Frankfurter jüdischen Familie, welche ihren Stammbaum in das 17. Jahrhundert zurückführt, trat früh aus den engen Grenzen heraus, welche zur damaligen Zeit, —- der Mitte des 19. Jahrhunderts — den Wirkungskreis der Frau noch auf die Häuslichkeit beschränkten und allenfalls in einem kleinen Kreis Raum ließen zum Ausüben liebevoller Wohltätigkeit, die zumeist in religiösem Empfinden wurzelte. Sie war eine der Naturen von kulturellein Gepräge, die zu allen Zeiten modern empfunden haben. Ihr Geist war zu kräftig geformt, ihr Empfinden zu allgemein wohlwollend, um sich mit der kleinen Liebestätigkeit der Frau in einem engbegrenzten Gebiet abfinden zu können. Ein stark pulsierendes Leben, das nach größerer Betätigung rang, weckte reformatorische Ideen in ihr, und sie wurde eine der Borkämpserinnen auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge. Obwohl alle Zeit bereit, überall hilfreich Hand anzulegen, wo sich ein Notstand zeigte, gliederte sie ihre Wirksamkeit vornehmlich den philantropischen Bestrebungen der israelitischen Gemeinde Frankfurts an. Hier entfaltete sie ihre schlummernden Kräfte und wirkte fast, während eines Menschenalters segensreich ans allen Gebieten zur Linderung der sozialen Nöte. Wo es galt, aufstrebende Talente hochzubringen, Studien zu fördern, Frauen, Mädchen und jungen Männern zu einem Broterwerb, zu einem künstlerischen, geistigen, kaufmännischen oder gewerblichen Beruf heranzubiloen, stand Sidonie Dann in erster Reihe und verfocht diese Bestrebungen mit einer planvollen Energie, mit warmem, wohlwollendem Interesse. Sie war unermüdlich tätig in den weit verzweigten Gebieten der Kranken-, der Waisen-, der Kinderpflege — insbesondere der Fürsorge für verkrüppelte und idiotische Kinder —, und eine ganze Anzahl von hervorragenden Institutionen zur sittlichen und sozialen Förderung der Jugend verdankte ihrer ideellen Mitwirkung ihr Entstehen. Es genügte der rastlos schaffenden Frau nicht, nur in eigener Persönlichkeit zu wirken; sie trug den Gedanken der sozialen Förderung und des sozialen' Ausgleichs in die Herzen aller ihr Nähertretenden und bildete eine Aufgabe für sich daraus, die jungen Frauen und Mädchen der begüterten Kreise zu dieser gehaltvollen, das Leben geistig schön gestaltenden Tätigkeit heranzuziehen und ihnen den Blick für den edelsten Wirkungskreis der Frau zu öffnen. Ihr Herz und ihr Haus waren allen geistigen Bestrebungen geöffnet, und sie, die hochbegabte, bis in ihre letzten Tage hinein geistig jugendfrisch gebliebene Frau war es, die jedem Zusammensein ein nutzbringendes, Gutes förderndes Gepräge verlieh. Nun ist sie — in einem Alter von 73 Jahren — abberufen worden von der Stätte ihrer segensreichen Wirksamkeit. Die nachstehenden, ihr in liebendem Gedächtnis von Freundeshand gewidmeten Strophen geben ein reines Bild dessen, was ihr Leben bewegte und war. Als früh Du dachtest Deiner letzten Stunde, Trat ein GedanU an Dich heran. Als ob er ernst Dich mahnen wollte: „O, hätt' ich dann getan, was ich erfüllen sollte." Es hat Dir eine Sendung Gott gegeben — Es war der heilige Beruf, Schutzgeist zu werden den bedrängten Seelen, Zu dem der Himmel Dich erschuf. Jm eignen lieben Kinderkreis zu schalten. War nicht Dein stillbeglücktes Frauenlos, In höh'rem Sinne solltst Du walten — Du hast's begriffen klar und groß. Den engen Kreis des Hauses hast Du überschritten Und zogest in Dein liebendes Bereich Die Scharen derer, die da litten; Sie wurden Dir den Deinen gleich. Fest stütztest Du der Wankenden Geschicke, Schwer mühte sich Dein Fuß auf harten Pfaden, Wo Dn's vermochtest, schloßt Du eine Lücke Und wurdest Mutter Allen, die Dir nähten. In die Geschichte Frankfurts hast Du eingeschrieben, Sidonie Dann, Dein Wirken und Dein Lieben, Und Er, der fort Dich nahm von dem, was Du noch wolltest. Rief sanft Dir zu: „Du hast getan, was Du erfüllen solltest." P. B. Nochem Klesmer. Bon I. Herzberg -Bromberg. (Nachdruck verboten!) Es war in einer stürmischen Winternacht. Ein eisiger Schneesturm toste -durch die Judenstraße. Dicke Schneeflocken flogen stoßweise umher und hüllten Häuser und Straßen in ein iveißes Gewand. Eben kündeten die Glockentöne vom Kirchturme die Mitternachtstnnde an. Da wurde an das Fenster des Schammes Michoöl -geklopft. „Michoöl, Michoöl, komm, meinem Scholem geht es schlecht." Michoöl erhob sich sofort von seinem Lager, obwohl er infolge der überstandenen Anstrengungen, die sein Beruf mit sich führte, eine große Müdigkeit in feinen-alten Gliedern verspürte, und ein ungestörter Schlaf ihm ein unabweisbares Bedürfnis war. Aber er murrte nicht, weil er in seiner ersehnten Nachtruhe gestört wurde. War er es doch längst gewohnt, in jenen schweren Stunden, da der Tod in dem einen oder anderen Hause seiner Glaubensbrüder Einlaß forderte, herbeigerufen zu werden. Und man wußte, daß er dann gern und