Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. willig die von ihm begehrten Liebesdienste erwies. Man fand ihn zu jeder Zeit dazu bereit; darum scheute man sich nicht, ihn zu solch ernstem Zwecke selbst zur Mitternachtsstunde wecken. Er war dem Sterbenden, wie auch dessen Angehörigen in gleichem Maße Hilfe und Trost, und er verstand es, dank seinen vieljährigcn Erfahrungen, allen, das Schwere solch bitterer Stunden leichter tragen zu Helsen. Michael schlüpfte auch jetzt, als er die Worte des Klopfenden vernahm, schleunigst in seine Kleider und ellte ans Fenster, das er öffnete. „Nu, Jossef, ist gS so schnell gekommen mit dem Schalem?" fragte ,er den draußen harrenden Jossef. Dieser antwortete: „Ja, Michosl. Es wird wohl bald mit dem guten, armen Jungen zu Ende gehen." Bei diesen Worten hörte man ein Schluchzen des Sprechenden, des Katers des mit dem Tode ringenden Knaben. - „Armer Junge!" entgegnete Michael bedauernd und' seine» grauen Kopf schüttelnd. „Was.sagt denn der Arzt?"; „Er war seit Mittag noch nicht wieder da," antwortete Jossef, „er untersuchte das ' Kind und erklärte achselzuckend, seine Kunst sei hier macht, los. Wenn ■ nicht irgend ein Wunder geschehe, dann würde es den nächsten Tag nicht mehr erleben. Nur Gott, könne hier noch helfen." „Gott wird schon helfen," sprach hierauf Michael tröstend, „gehe nur heim, ich folge Dir gleich." — Nachdem Jossef sich eiligst entfernt hatte, zog Michael sich vollends an, nahm das Gebetbuch zur Hand, das er in solchen ernsten Stunden zu benutzen pflegte, und trat vor das Haus. Das Schneetreiben hatte noch nicht aufgehört, waü eine ziemlich hohe Schneelage bedeckte die Straße. Mit Mühe schritt Michosl, den Schnee durchwatend, dem Hause Jossefs zu. Dieses befand sich jedoch nicht in der Reche der die Judenstraße umsäumenden Häuser. Vielmehr stand es abgesondert da, als ob es keinerlei Gemeinschaft haben sollte mit den Wohnstätten seiner Umgebung und seine Insassen von der Berührung mit den Bewohnern der Judcnstratze ausgeschlossen werden sollten. Und in der Tat war es meist Engherzigkeit und Dünkel, Hoffart und Stolz gewesen, die die jetzigen Bewohner in jenes abgelegene Haus gedrängt hatten. Weil sie aus weiter Ferne gekommen waren, weil sie die besonderen Sitten der Judenstraße nicht gekannt und sie darum auch nicht befolgt hatten, weil ihre Ahnen hier nicht gelebt und — gelitten, betrachtete man sie als Eindringlinge und verwehrte ihnen den Eintritt in die Glaubensgemeinschaft. Mochten sie sich im Laufe der Jahre als noch so arbeitsam und rechtschaffen, bescheiden und hilfsbereit gegenüber jedermann erwiesen haben, — alle diese Tugenden hatten es nicht zu Wege gebracht, daß sie ihrer Umgebung auch nur einen Schritt näher getreten wären. Die l e s m e r s" waren und blieben gemieden von Jung und Alt. In der „heiligen Schul" räumte man keinem ihrer Angehörigen einen Sitz in den Reihen der achtbaren Balbattini ein. Denn wer wollte wohl neben einem der „Klesmers" sitzen und an dessen Seite seine Gebete zu Gott, der doch der Vater aller Menschenkinder ist, emporsenden? Und da man ihnen den Zutritt zum Gottcshause nicht ganz verwehren konnte und durfte, gestattete man ihnen, einen Platz in der letzten „Orchimdank" einzunehmen. Von allen Ehrenrechten waren sie ausgeschlossen. Selbst an der Stätte des ewigen Friedens machte diese Intoleranz nicht Hall, denn ein „Klesmer" durste nimmer in der Reihe der verstorbenen Balbattim die ewige Ruhe genießen. Während alle anderen sich den Klesmers gegenüber stets ablehnend verhalten 'haben, war der Schammes Michael denselben zu jeder Zeit zugetan gewesen, obwohl er darob, schon manches Wort des Spottes und des Tadels hatte vernehmen müssen. Er hatte eben ein mitfühlendes Herz und konnte es den Leuten in jenem, wie gebannt dastehenden Hause, dem er jetzt zuschritt, wohl nachfühlen, was es heißt, unter Glaubensbrüdern vereinsamt dazustchen und weder im Glück noch im Leide Teilnahme zu finden. Er hatte daher längst diesen Bann gebrochen und den Klesmers sein besonde.es Jnteres.e zu erkennen gegeben. Das hatten dieselben in den verschiedensten Lebenslagen schon erfahren, und sie hatten Vertrauen zu ihm gewonnen. Diese Tatsache hatte auch Jossef ermutigt, ihn jetzt in der schweren Stunde herbeizurufen und seinen Beistand zu erbitten. Als Michael der Ecke der Judenstraße sich näherte, blieb er plötzlich stehen und horchte verwundert auf. Was aber war es. das seine Schritte jüh hemmte? An sein lauschendes Lhr drangen Geigentöne, die sich in das Tosen des Schneesturmes mischten. „Woher diese lustigen Weisen in dieser mitternächtlichen Stunde?" fragte, er, nach allen Seiten sein forschendes Auge lenkend, das in der tiefen Dunkelheit nur einen sehr engen Kreis überblicken konnte. Da — war es Wirklichkeit, oder täuschte ihn seine Phantasie? — bemerkte er gar Seltsames! Vor dem - Hause, in dem ein zartes, junges Menschenleben seinem frühen Ende entgegenging, stand eine völlig in Schnee gehüllte Menschengestalt. Das Haupt war unbedeckt, und das Haupthaar, wie ftrftttflmfeg FsvaMWeS ffgmffteiMdEt. 9fc. 9. auch der lange, weiße Bart wehten im Stnrine hin und her. Mit der Linken hielt die über und über schneebedeckte Gestalt eine Geige, die' sie gegen die linke Schulter preßte, und die dürren, langen Finger der Rechten erfaßten krampfhaft einen Bogen, mittelst dessen der Dastehende dem Instrumente allerlei lustige Weisen entlockte. Michael schritt voll Verwunderung ob dieses sonderbaren Anblickes auf den Spielenden zu, der ihn nicht zu bemerken schien, denn sein bleiches, fleischloses Angesicht war starr auf die Geige gerichtet. Er achtete des auf ihn zuschreitcnden Mannes nicht und ließ sich in;einem Tunnicht stören. Wie unheimlich tönten oie lustigen Weisen in die stürmische Winternacht hinein! Sie schienen mit dem Heulen des Sturmwindes zu. wetteifern. Wie peinlich berührte aber auch das Gebahren des Alten, oa Frendentöne zu wecken, wo vielleicht in den nächsten Minute» die Todesschatten herniedersinkc» werden! Vorwurfsvoll redete daher Michael den Spielenden an: „Aber, Nochcm, wie könnt Ihr hier draußen so lustig drauf losspielen, während Euer Enkel in den letzten Zügen liegt?" In der Tat war der Angeredete kein anderer, als- Nochem Klesmer, der Vater Jossefs, der Großvater Scholems. Mit starrem Blick aus den trüben Augen schaute der Alte den Sprechenden an. Dann senkte -er die Hand, die den Bogen hielt, deutete mit der Spitze des letzteren nach der Haustüre und sprach mit heiserer Stimme: „Ich muß den Malach hamowes vertreiben; der kann kein lustig Lied vertragen; darum wird er meinem Enkel fern bleiben und ihn: kein Leid antun." „Aber nicht bei solchen: Wetter solltet Ihr Euch hier draußen aushalten. Ihr werdet Euch totkrani machen und werdet sterben." „O, möchte Gott, boruch hu, mich nehmen anstatt meines Enkels. Ich spiele ja darum, und ich hoffe, daß er die Weisen, die ich jetzt ertönen lasse, eher hören wird, als das Gebet meiner Lippen." Und der alte Mann geigte unbeirrt weiter, währeyd Michael ins Haus eilte.- (Schluß folgt.) 10 Uhr abend». Manchmal, so flüsterte er, hätte er auch bis 11 Uhr gearbeitet, und er nicht allein. In New Jork sind Tag und Nacht über 50000 Menschen so an der Arbeit. Und spät in der Nacht, wenn er zu einer Stunde, wo andere Menschen schliefen, die fieberhafte Arbeit verließ, bann war er heimgekommen durch den stinkenden Hof und in dem dunklen Kabinett von 6 :7 Fuß in einen unruhigen Schlaf gefallen. 371000 solcher Kabinette gibt es in der Stadt; und das war sein Heim. „Luft — Luft, gebt mir Lust." So rief er in seinem jiddischen Dialekt, den er allein beherrschte. In seinem Elend hatte er die Krankheit eher als die Sprache des Landes erworben. Die Schwitzhölle und das Kabinett hatten ihn krank gemacht. Sein geschwächter Körper konnte keinen Widerstand mehr leisten, die Krankheit kam und griff rasch imi sich. Noch den ganzen Winter hindurch hatte er an seiner Maschine in der Schwitzhölle gesessen, hatte die Kleider, die er nähte, — fieberisch, abgerackert, "ngstgepeitscht — angesteckt, nur um Nahrung und Kohlen kaufen zu können, nur um seinen Haushalt aufrecht zu erhalten. Und nun am letzten Tage seines Elends hatte er wohl zehnmal seinem Bruder die Bitte zugeslüstert, er möge für das Weib und die drei kleinen Kinder sorgen. Der Kampf ist nun zu Ende. Die Familie ist zerstört. Das gedämpfte Flüstern ist allmählich verstummt. „Luft — Luft — gebt mir Luft." Haider rrieorlcn —— Offenbach a. M. - Gegen Sicht nnd Rheumatismus bewahrt. | Welf--Mund wasser Der Menschheit Wohltäter. Retorte-Flasche Mk.1.25 Überall erhältlich! Bunte Chronik. Der letzte Wunsch im Mietshause.^ Nachstehende herzerschütternde Schilderung entnehmen wir dem jüngst im Verlage der „Concordia Deutsche Verlags-Anstalt" in Berlin erschienen Buche des amerikanischen Volkswirtschaftlers Robert Hunter: „Das Elend der neuen Welt",*) einem Buche, das vielen den Traum von dem Lande der „gollwnen" Freiheit gründlich zerstört und das das soziale Gewissen des Lesers stärkt. „Luft — Luft — gebt mir Luft." Ein jiddischer Seufzer in einer Aprilnacht 1903 im Herzen des Ghettos von New Jork. In Nr. 18 der Clintonstraße, hinten in einem Hinterhaus, liegt ein junger rumänischer Jude an der Schwindsucht auf den Tod darnieder. Ich war mit dem jüdischen Doktor gekommen. Mit jedem Atemzuge fühlte ich den schweren, fauligen Geruch von Armut, Unwissenheit, Schmutz und Krankheit. In diesem Zimmer, das nur 10 Fuß im Geviert maß, lagen 6 Menschen auf dem Fußboden aneinandcrgepreßt, rieben sich den schweren Schlaf ans den ermüdeten Augen und starrten uns stumpf an. Zwei kleine Fenster gaben Luft von einem stinkenden Hof her — von einer 20 Fuß breiten und 5 Stockwerk tiefen Grube. Der andere Raum war ein Kabinett, 6 Fuß lang und 7 Fuß breit, mit einem vergitterten Oberlichtfenster nach einem 18 Zoll großen Lichtschacht. Und in diesem Kabinett schliefen noch vier Personen, drei in einem Bett und ein Kind in einer Wiege. „Luft — Lust — gebt mir Luft." Die Krankheit des Mannes war ansteckend, nnd nun lag er schon zwei lange Wochen hier im Sterben. Von seinem schmutzigen Bett aus konnte er den einzigen Tisch erreichen, an dem zwei Familien aßen; der Kochherd war nur 6 Fuß von ihm entfernt, der Speiseschrank über seinem Kopfkissen; er konnte mit der Hand die eine von den Wiegen berühren, in denen sein Kind lag, das erschreckt auf seine sonderbare Haltung starrte. Denn sein abgezehrter Körper war zu schwach, um sich aufzurichten, aber aus Mangel an Luft und mit seinen Schmerzen konnte er sich auch nicht niederlegen. Sein junges Weib stützte ihn, während die Schläfer schweigend ihn anglotzten; und der jiddische Seufzer kam immer und immer wieder, aber jetzt mit einem neuen und furchtbarcrn Ausdruck. „Luft — Luft — Lust! oder tötet mich doch, ach tötet mich!" Zwei Jahre vorher war der Mann nach Amerika gekommen, — einer von den 488 000 im Jahre 1901. Er kam jung, gesund und hoffnungsvoll, mit seinem Weib und ihrem kleinen Jungen. Zwei Kinder waren inzwischen noch geboren worden. Für ihn war es ein neues Land, ein neues Heim, eine neue Arbeit, ein Land, in dem er atmen konnte. „Luft — Luft — gebt mir Luft." Er hatte aber hier keine andere Luft atmen dürfen als die dicke schwere Luft in der Schwitzhölle von 6 Uhr früh bis *) 256 Seiten, Preis 2.— Mark. Wocheu-Kalerrver. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 20. Februar (— 29. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 40 Min.' in Berlin 6 Uhr 10 Min. Wochenabschnitt Mischpotim. — Einführung in das jüdische Zivil-und Kriminalrecht. Wir hören von Rechten und Pflichten des Dienstherrn, des Sklaven, der Magd, von Vergehen gegen Person nnd Eigentum des Nebenmenschen, Verantwortung für Schaden, der durch Absichtlichkeit, Leichtsinn und Unvorsichtigkeit entsteht, durch Menschen und Tiere, an Menschen, an Tieren und leblosem Eigentum, bei geliehenem und aufbewahrtem Gut, Veruntreuung desselben; Pflichten gegen den Feind, dem wir nicht Liebe versagen sollen, Vorschriften für das siebente Jahr, das sogenannte Brach- oder Erlaßjahr, die Anordnung der jährlichen drei Wallfahrten u. s. f. All diese 'Lesetze bedürfen genauer Erklärung! — Schlußteite der Sidra: Führung Israels durch einen Gottesboten, nicht durch die Majestät Gottes selbst, falls das Volk sich widerspenstig zeigt. Besiegung der feindlichen Ureinwohner Palästinas; die Bundesschließung am Sinai vor dem Akte der Offenbarung: Versprechen des Volkes, gehorsam sein zu wollen, Aufbau von Altar und Denksäulen am Fuße des Berges, Besprengung Israels mit dem Blute des Bundes. Moses besteigt den Berg zu vierzigtägigem Aufenthalt daselbst. (Bemerkung: Daß der Abschnitt erst hier, nicht bei der Erzählung der Gesetzgebung mitgeteilt ist, gilt als Beweis, daß die geschichtliche Reihenfolge in der Thora nicht eingehakten ist) Einsegnung des Neumondes Adar, der auf Sonntag und Montag fällt (21. u. 22. Febr,). Zugleich „Parschas Schekolim". Man hebt zwei Seforim ails. Im zweiten liest man den Abschnitt von den Schekelspenden, welche zum Bau der Stiftshütte Verwendung fanden. (Es wurden die Silberfüße zu den Brettern daraus gemacht). Bedeutung dieser Vorlesung: Zur Zeit des Tempels wurden im Adar die Schekelsteuern erhoben zu den Gemeindeopfern. Jeder sollte daran gleichmäßig partizipieren. Die Vorlesung hatte also den Sinn einer Mahnung für die Schekelzensiten. Jauzereinschaltung. Auch im Mussav. Betrachtung über die Münzwerte im alten Israel, ebenso über sonstige Maße und Gewichte. Sinnige Bezugnahme auf das im Adar stattfindende Pnrimsest: Haman gab seine Schekel zu ruchlosem Zwecke dahin, zur Vertilgung Israels; wir aber bringen .unsere Silbermünzen in's Heiligtum, zu gottgefälligem Werke. Mit Parschas Schekolim beginnen die sogenannten „guten Sabbate", an denen je in einem besonderen Sefer ein Extra - Abschnitt verlesen wird. Es sind deren vier, zwei vor Purim, zwei nach Purim. Nächsten Samstag wird kein besonderer Abschnitt verlesen. ES ist „Hafsokoh", d. h. Pause, ,