Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'v-r - Seite 2 fertigkeit der Lebensweise dieses bescheidenen Bibliothekars. „Er borgt sich einige Rubel aus, laust ein Reisebillct für die Frau und die Kinder und schickt sic nach einem kleinen Städtchen, wo sic 9—10 Monate jährlich wohnen bleiben. So macht er's seit mehreren Jahren." Das ist die Information, die ich erhielt. Gerne möchte der Bibliothekar dieser größten jüdischen Gemeindebibliothek Rußlands nach Amerika auswandern, um dort durch beliebige Arbeit sich und seine Familie ernähren zu können. „Ich bin twch kräfsig und möchte gerne jede Arbeit tun, in einer Fabrik oder auf der Straße. Ich wäre auch ein guter Lastträger ... Ich habe aber kein Reisegeld und stecke hier in Schulden . . . ." So sagte er mir. Schäme dich, „Jerusalem Lithauens"! r Aus Hett Geschehnissen des Tages. „Zerschneide das Kind!" rief die eine der beiden streitenden Mütter Salomo zu und zeigte so dem weisen König, daß ihr die Liebe fehlte und sie daher nicht die Mutter des Kindes sein konnte. , An diese Erzählung mußten wir denken, als Wir dieser Tage ein von dem Oberrabbiner der Aschkenasim zu Jerusalem Samuel Salant, von Rabbiner Chajim Berlin, dem früheren Moskauer Rabbiner und Aw Beth-Din von Wolhynien, und einer Reihe anderer der gelehrtesten und frömmsten Rabbiner Jerusalems unterzeichnetes Zirkular erhielten, in dem sie sich beschweren, daß bei dem Streit um den sefarddischen Oberrabbinerstuhl für Palästina unberufene Kreise des Auslandes verwirrend eingegrisfen haben. Diese Kreise hätten sich als die Hüter des traditionell-gesetzestreuen Judentums, dessen Interessen hier auf das schwerste bedroht seiend aufgespielt, — während in Wirklichkeit die beiden um den Oberrabbinerstuhl kämpfenden Parteien in jüd. Beziehung gleich würdig sind und der Kamps nur ein Kampf um die Personen und nicht um die Sache ist. Es ist hier also wieder einmal der Beweis erbracht worden, daß es heute innerhalb der traditionell-gesetzestreuen Judenheit Männer gibt, denen das Ziel vorschwebt, die Judenheit der ganzen Welt in zwei Teile — einen gesetzestreuen und einen sogenannten liberalen Teil —, gespalten zu sehen und die deshalb überall in der Judenheit zwei Lager zu sehen wähnen. Wir hatten diese Politik bereits bei der Verwirrung, die unter den Misrachisten angerichtet worden ist/ damit die die Zusammenfassung aller Juden bezweckende zionistische Bewegung gefährdet werde, konstatiert. Und wir können auch heute nur wieder unsere warnende Stimme gegen diese aus einem bewußten und systematisch bis zu Ende gedachten Konfessionalismus resultierende Politik erheben. Wir wissen wohl: es kann einen Zwang zur Separierung geben. Doch wer nun die Not zu einer Tugend macht und die Trennung zu einem jüdischen Prinzip erhebt, das durchzuführen edelster jüdischer Lebenszweck ist, — der hat keine Liebe zum jüdischen Volke, der ist nicht mit der Tradition des jüdischen Volkes verbunden, — der kann sich kaum gesctzestreuer, aber nimmermehr traditionell-gesetzestreuer Jude nennen. Uebrigens kann man politische Maßnahmen nur zur Abwehr gut heißen; die positive Tätigkeit der traditionell - gesetzestreuen Judenheit hat dahin zu streben, in ihren eigenen Reihen die Ideale eines jüdischen Lebens immer mehr zu verwirklichen. Politisieren erzeugt nur Entzweiung! Ja, in der Jerusalemer Affäre hätte das Politisieren sogar zu einem Verbrechen werden können, denn gegenwärtig ist der türkischen Judenheit nichts notwendiger, als die Einigkeit, und diese sollte hier gestört werden. Auch das verächtliche Bevormundungssystem, das die Jerusalemer Affäre charakterisiert — als ob die 40,000 Jerusalemer Juden allesamt unmündige Kinder wären und unter Kuratell einiger westeuropäischer jüdischer Diplomaten stehen müßten! —, ist eine Folge der Politikmacherei, die sich überall hineinmischen muß, auch dort wo sie nichts ‘ verloren hat. K- Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. In wenigen Tagen wird das „Israelitische Krankeuheim" seine neu erbauten Räume in der E l s a s s e r st r. 85 wieder eröffnen. Dieses vor S Jahren gegründete Institut hat eine von Jahr zu Jahr sich steigernde segensreiche Tätigkeit entfaltet. Ursprünglich in Mietsräumen mit 20 Krankenbetten eröffnet, wird Frankfurter Israelitisches Familienblatt. es im neuen Heim 50 Krankenbetten neben 18 Personalbetten enthalten. Der Neubau ist mit dem Komfort eines modernen Krankenhauses ausgestattct; es sind 3 Operationssäle mit Ober- und Seitenlicht vorhanden, außerdem Liegeränme, elektrische Licht- und sonstige medizinische Bäder; alle Zimmer sind mit Zentralheizung und Warmwasserversorgung versehen. Ein elektrisch betriebener Fahrstuhl verbindet die einzelnen Etagen. Das Krankenheim enthält eine innere Abteilung unter der Leitung des Herrn Professor F. Blumenthal, eine chirurgische Station unter der des Herrn Dr. S. Adler und eine gynaekologische, sowie geburtshilfliche unter der Leitung des Herrn Di. Joseph Hirsch. Jeder Station ist eine Etage reserviert. Das Grundstück ist 52 Qu. R. groß und bisher nur bis zu % der Fläche bebaut. Sowie genügende Mittel vorhanden sind, soll auch der übrige Teil ausgebaut werden, wodurch sich die Bettenzahl um 20 bis £5 erhöhen dürste. Berlin. Im August 1907 wurde im Haag der Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina gegründet. Als nächstes Ziel setzte sich der Verband, die jüdischen Krankenhäuser und Asyle Palästinas mtt modern ausgebildeten Schwestern zu versehen und eine Haushaltungs- und Wirtschaftsschule nebst hiermit verbundenem Heim für Krankenpflegerinnen und Lehrerinnen zu gründen. Auch Kindergärten müssen gegründet werden, dainit die Frauen, die dem Manne Bei der Arbeit helfen, nicht gezwungen sind, die Kinder zu Hause sich selbst zu überlassen. Der Verband, dem jüdische Frauen und Mädchen aller Kreise und verschiedener Richtungen angehören, verfügt z. Zt. über mehr als 500 Mitglieder und hat im ersten Jahre über 4000 Mark an Beiträgen aufgebracht, von denen über 2500 Mark als Bestand in das neue Bereinsjahr übernommen wurden. In zahlreichen Städten haben sich Ortsgruppen gebildet. Trotz der kurzen Zeit seines Bestehens kann der Verband schon erfreuliche Ergebnisse seiner Tätigkeit auf dem Gebiete der Krankenpflege aufweisen. Er unterstützt gegenwärtig das jüdische Krankenhaus in Jaffa und hat die Schwester Frl. Tempelmann als dessen Leiterin eingesetzt. Das Krankenhaus sollte infolge Mangel an Mitteln auf 3 Monate ganz geschlossen werden, aber durch die Unterstützung des Verbandes konnte es ohne Unterbrechung geöffnet bleiben. Wenn der Verband unter den jüdischen Frauen die notwendige Unterstützung findet, wird er auf dem noch sehr vernachlässigten Gebiete der Wohlfahrtspflege in Palästina eine überaus segensreiche Tättgkeit entwickeln können. Zuschriften sind zu richten an die Schriftführerin Frau Betti Leszynsky, Berlin \V., Bayreutherstraße 36. Berlin. Am 7. Febr. fand hier eine Borstandssitzung des Jüdischen Fauenbundes statt. Anwesend waren d ie Damen:Pappenheim- Frankfurt a. M., Werner-Hamburg, May- Berlin, Dr. Frankl-Berlin, Justizrat Meyer- Stargard, Guttm an n-Mannheim und Dr. Vogel st ein - Stettin. Ueber den Verlauf der Sitzung, die von einer überaus regen Tätigkeit des Frauenbundes Zeugnis ablegte, ist folgendes zu berichten: Es wird beschlossen, Ortsgruppen nur an den Orten zu gründen, wo sie eine Notwendigkett für jüdisch-soziale Arbeit sind. Die Ortsgruppen können ohne Anfrage beim Bundesvorstand über ihr Ortsgebiet hinaus selbständige Arbeit nicht vornehmen, da dieses zu Komplikationen führen könnte. Erfreulich ist Hjp Tätigkeit des Heims in Neu-Isenburg. In kurzer Zeit erscheint ein gesondeter Bericht, darum erübrigt es sich, jetzt näher auf die Arbeit einzugehen. Es wird abgelehnt, in eine starke Propaganda .für das Heim einzutreten, das augenblicklich 9 Zöglinge beherbergt; die Schöpfung des Bundes soll langsam wachsen, von innen heraus reifen, um sich zu einer Musteranstalt zu entwickeln. Frl. Pappenheim hat eine Petition an die Königin von Rumänien im Aufträge des Vorstandes ausgcarbeitet, dahinlautend, daß die Dichterin auf dem Thron sich der jüd. Mädchen und Frauen in ihrem Lande annehmen solle, die zu dem schändlichen Gewerbe der Prostitution getrieben werden; ein Federsttich von ihr könne Gesetze dagegen schaffen. Frl. P a p p e n h e i m soll, nachdem sämtliche an geschlossene Vereine ihre Unterschrift gegeben haben, versuchen, die Petition selbst zu überreichen. Bon der Herausgabe eines Alman a ch s wird nach Vorstandsbcschluß n o ch A b st a n d genommen, da drängendere Arbeiten vorliegen. Frl. Pappcnheim wird nach Toronto zum Internationalen Frauenkongrcß abseiten des Bundes delegiert. Nach dem Beispiel des Allgem. Deutschen Fraucnvereines sollen die dem jüd. Frauenbünde angeschl. Vereine aufgefordert werden, Mark 5.— zu den für Frl. Pappenheim so großen Kosten beizutragen, um der Reise von Frl. Pappenheim einen offiziellen Charatter zu geben. Nr. 7. Beschlossen wird, um eine einheitliche Arbeit des Bundes zu erzielen: die Vorstandsmitglieder, die dreimal hintereinander zu Vorstandssitzungcn nicht erschienen sind, als aus dem . Vorstande aus geschieden zu betrachten. Es wird in Aussicht genommen, eine Anstalt zu errichten, in der jüd. 'Haushaltungslehrerinnen,Stützen, geschultesHauspersonal herangebildet werden, da sich besonders der Mangel an gut vorgebildeten.Leiterinnen für jüdische Anstalten herausgebildet hat. Ferner wird beschlossen, den Versuch zu machen, die jüdischen Lehrerinnen zu organisieren, um mit ihnen dann gemeinschaftlich ftir ihre, mit anderen Konfessionen gleichberechtigte Anstellung an öffentlichen Schulen zu petitionieren. Frl. Werner-Hamburg wird diese Arbeit Ibertragen. Frau ,G u t t m a n n - Mannheim stellt den Antrag, bei dem Hilfsverein und 'bei derGroß - löge anzufragen, wie sie sich zu der K o n f e r e n z d.cr Großmächte geäußert haben. Da die Alliance Jsraelite Frauen in ihren Vorstand aufnimmt, soll dahin gestrebt werden, recht viele Frauen zu veranlassen, einzutreten. Ebenso soll wieder versucht werden, mit dem Hilfsverein in Fühlung zu kommen und ebenso mit dem Verband der Deutschen Juden. Berlin. lOifizicller Bericht). Am Dienstag. 16. Februar, hat die aus den deutschen Mitgliedern des Zentral-Komitees der Alliance Jsraslite Universelle bestehende Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der A. I. U. ihre sechste Jahrestagung in Berlin im großen Sitzungssaal im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde gehalten. Die zur Teilnahme Berechtigten aus allen Teilen Deutschlands und die Mitglieder des Berliner Lokal-Komitees waren fast vollzählig erschienen oder hatten legittmierte Vertreter entsandt. Vom Zentral-Komitee in Paris war dessen Geschäftsführer delegiert. Den Vorsitz führten die Präsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Geheimrat Goldberger-Berlin und Philipp Schiff-Frankfurt a. M., die den ausführlichen und mit allseitiger Zustimmung aufgenommenen Rechenschafts- und Arbeitsbericht für das Jahr 1908 erstatteten und den Arbeitsplan für 1909 entwickelten. Mit Befriedigung wurde festgestellt, daß die Zahl der Mitglieder im vergangenen Jahre wieder erheblich gewachsen ist, dank der früher beschlossenen und inzwischen fast vollständig durchgeführten strafstren Zenttalisierung, einer eifrigen Propagandatätigkeit durch Vorträge und der Verbreitung des Organs der Konferenz-Gemeinschaft, der illustrierten Monatsschrift „Ost und West". Im Laufe des Jahres 1908 sind 28 neue Lokal-Komitees der Alliance geschaffen, 30 bestehende erweitert worden. Die Entwickelungder Mitglieds chastinDeutschland zeigt in einem Zeiträume von ZJahreneineVermehrungnm 40,5°/», die der Beiträge und Spenden in derselben Frist eine Zunahme um 64o/o. Die helfende, aufrichtende und unterrichtliche Tätigkeit der Alliance Jsraßlite Universelle blieb auch im vergangenen Jahre über drei Erdteile verbreitet; es wurden 45 000 Zöglinge unterrichtet, vielfach auch gekleidet und gespeist. Für dieses Hilfswerk hat die Wliance n« im ordentlichen Etat 1,5 Millionen Francs, i« außerordentlichen Etat 500000 Francs, zusammen zwei Millionen Francs aufgewendet. Die Tätigkeit der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft war vornehmlich auch den räumlich näherliegenden Arbeitsfeldern zugewendet: den durchwandernden russischen Glaubensgenossen und namentlich den Äusgewicsenen widmete sie ihre unterstützende und fördernde Fürsorge. An allen Hilfsorganisattonen in den Einzelstaaten und in den. Provinzen hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft im vergangenen Jahr in führender Weise Anteil genommen. — Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft erörterte, wie in früheren Jahren, eingehend und in bejahendem Sinne die Frage der Ausdehnung beziehentlich Einführung deutschen Sprachunterrichts in einzelnenAllianceschulen, u. a. in Marokko, und der erweiterten Entsendung von Zöglingen des Pariser Lehrerseminars der Alliance nach Deutschland zu« Zweck der Erlernung der deutschen Sprache. De« allgemeinen Bericht schlossen sich die Sonderberichte der einzelnen Bezirks-, Provinzial- und Landes-Komitecs an. Ueberall konte große Regsainkeit und erneuter Aufschwung konstatiert werden. Herr Rabbiner Dr. P o r g e s - Leipzig/ der in den Monaten November, Dezember, Januar mit Herrn Professor Lcvi-Paris die Orientschulen der Alliance inspiziert hatte, erstattete vorläufigen persönlichen Bericht. Der Bericht wurde mit lebhaftestem Interesse cntgcgengenommen. Mit großer Befriedigung und Genugtuung vernahm man, daß die Allianceschulen im Orient jede unbefangene Prüfung vertragen können hinsichtlich des Unterrichtsplans, der Unterrichtsmethode, der Unterrichts- und Grziehungsergebnisse, und nicht zuletzt hinsichtlich d«ä in ihnen waltenden vom traditionellen Geist getragenen religiösen Sinnes.