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Neue jüdische Presse · 1909-02-19 · Heft 7 (19.2.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 7 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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v KranKfrrrter Bfrarlitifdirs fiimilirublatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnemerULprriS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inL Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,5V, sonstige Litnder Mk. 2.— ' H.edaKtiou tttib HekchäftsKrlle: SranKturt a. M.. vildelerKraße 4/6, Lcke Blerchstraße V-r-fa« 10507. Herausgeber: Hals ^ei.s. JnsertionSPreisr: Die viergespaltene Petitzefte. 25 Psg. Die Reklamezrile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. 7. Jahrgang. Freitag, Le» 28. 5669 (19. Februar 1999). Nr. 7. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Reisebriefe aus Rußland. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Nochem Klesmer. Bunte Chronik. — Wochen.Kalender. — Aus der Geschäftswelt. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Reisebriefe aus Rußland. Bon I. b. E. I. Wilna — das „Jerusalem Lithaueus"! Dieses Epitheton ist zwar antiquiert, hat jedoch noch immer seine Berechtigung. Jahrzehntelang war Wilna das Zentrum jüdischer Kultur. Verschiedene, oft entgegengesetzte Strömungen gingen von Wilna aus, um bald in die ganze russische Judenheit cinzudringen. Der „Wilnaer Goaun" bedeutet den Anfang einer neuen oder erneuten Phasis in der Entivicklung des jüdischen Geisteslebens. Ein vielseitiges Genie, das ans Uebernatürliche grenzt, ausgestattet mit einer nie versiegenden Arbeitslraft und Willensenergie, ein Heiliger, der als Prototyp echter Bescheidenheit für Geschlechter hinaus noch dienen wird, — war er dazu berufen, ein großer Reformator zu sein. Er strebte, wie jedes große Genie, nach Wahrheit und Einfachheit. Das funkensprühende Geistreicheln, die erklügelten Subtftitätten, die großartigen Pyramiden mit harten Spitzen und ohne Basis — dieses echte Golusprodukt hat er als feinsinnige Spielsucht, die dem Ernst göttlicher Wahrheit nicht ziemt, aus der talmudischen Lehrmethode entfernt. Er ignorierte die große talmudische Literatur der Pilpulistik; er ließ sich nicht von kasuistischer Hast nach Scharfsinn und Spitzfindigkeit verleiten, — und richtete seinen Sinn auf das Einfache, Elementare, Wahre. Er darf daher wohl in dieser Gegenüberstellung als der Vertreter einer wissenschastlichen Lehrmethode des Talmuds innerhalb der Grenzen der Tradition gelten. So konnte oder mußte es kommen, daß Wilna der Ausgangspunkt auch einer anderen Mischen Kulturströmung wurde — der „Hask a l a I>" (Aufklärung). Wie sehr der freisinnige Geist der Haskalah in einem strikten Widerspruch zu dem tradi tionell-jüdischen Geiste der Reform eines Wilnacr Goaun sich besindet, sind doch diese zwei Wirkungssphären durch eine gemeinsame unbewußte Tendenz verbunden. Es ist die Tendenz des Rationalismus. - Diese Verbindungslinie wird in dem Verhältnis der Goauns- und der Haskalahschule zum Chassidismus, evident. Beide Schulen lehnten sich gegen das Aufkommen der kabbalistischen Rom a n t i k auf. So ist Wilna die Residenzstadt des „Mißnagdimtums", der Opposition gegen Chassidismus. Dieser Rationalismus ist das Spezifikum der jüdisch-lithauischen Kultur, im Gegensätze zu den jüdisch-romantischen Kulturerzeuguissen Wolynicns und Bessarabiens, die mich in Polen feste Wurzeln schlugen. Daher heißt Wilna das „Jerusalem Lithauens". * Jni Lause der letzten Jahre wurde das jüdische Wilna allniähkich von seinem historischehrwürdigen Platze verdrängt. .... Es hatten sich andere jüdische Kulturzentren gebildet, wie Odessa und Warschau, die Wilna den Vorrang streitig machten. Indessen blieb Wilna der Hort des klassischen Golnsjudentums. Wer die echten Golustypen kennen lernen will, der muß nach Wilna gehen. Aber sie sind auch hier nicht mehr echt: die bewußte und noch mehr die unbelvilßte Assiniilation der Neuzeit verstümmelt und verzehrt immer mehr die Gestalt des sogen, „echt-jüdischen" Lebens, das nicht mmder Produkt einer langjäh-i rigen ungewollten Ässimilierung ist, die aber bereits historisch und mithin national sanktioniert ist. Die Germanisierung der Juden, die uns eine „jüdische" Sprache schenkte, muß jetzt einer Russifizierung als Ässimilierung in zweiter Potenz den Platz räumen. Dies ist eine bedauernswerte Erscheinung, nicht nur, weil die germanische Assimilation von der jüdischen Psyche bereits nationalisiert worden ist und daher einen historisch-organischen Bestandteil im Diaspora-Leben unseres Volkes bildet; sondern auch, weil die Russifizicrung einen kulturellen Rückschritt gegen die Germanisierung bedeutet; die russische nationale Kultur ist noch am Beginne ihrer Entwicklung und steht so auf einem niedrigen Niveau. Dieser Nachteil tritt besonders deutlich in der jüdischen Literatur der Gegenwart hervor. Während die Literatur der Haskalahschule, die unter dem Einfluß der deutschen Kulturspähre stand, von einem philosophischen und wissenschaftlichen Ernst beherrscht war. vermißt maK in der hebräischen und jüdischen (Jargon) Literatur der Moderne jede systematische und durchgreifende Bildung. Viele ihrer Schriftsteller sind Ignoranten, die nicht einmal den guten Willen haben, etwas Gründliches zu lernen. Man begnügt sich gewöhnlich mit Lektüre belletristischer und einiger sozialökononlischer Werke. Man schöngeistelt, sprüht „Funken" und setzt sich über Religion und Ethik, Erziehung und derlei Philister-Fragen mit dem Selbstbcwußtsein eines Halbgebildeten hinweg. Alles asthetisiert in einem fort, da ist Wissen naturgemäß Nebensache; dem Talente schadets nur wenig, für Talentlose aber ist diese Zuspitzung der Kultur auf einseitige Kunst eine Art Rechtfertigung der Ignoranz. Dieser Mißstand, dieses Mißverhältnis der hebräischen und jüdischen Literatur unserer Zeit zur philosophischen und methodischen Denkart ist auf den Einfluß der russischen Literatur zurückzuführen, die viele Kunst-Talente besitzt, dagegen fast ^gar keine Wissenschaftler und systematische Denker. So vollzieht sich die Wirkung der noch im Entstehen begriffenen russischen Kultur als eine Nivellierung und Verflachung der deutschen Geistesbildung, die der Mischen Ausklärungsphftosvphic zugrunde lag. Das merkt man besonders in Wilna, der Geburtsstadt dieser Ausklärungsperiode (Haskalah) innerhalb der russischen Judenheit. Daß Wilna nicht mehr ein jüdisches Kulturzentrum ist, sagt uns auch die hiesige „Straschunsche Bibliothek. Sie wurde iwr etwa 25 Jahren gegründet; den Grundstock bildete die rcichhalttge Bibliothek des bekannten Talmud-Gelehrten Reb Matisjahn Straschun. die er der jüdischen Gemeinde verinachte. Die Bibliothek wurde später durch Geschenke des Schriftstellers und Gelehrten Sch. I. Finn, seines Sohnes und des I e h u d a B e h a k mit vielen interessanteri Büchern bereichert. Nun besitzt Wilna eine Mische Bibliothek, die ca. 12,000 Bücher und mehrere wertvolle Marnrskripte zählt; die auch von auswärttgen Schriftstellern, Gelehrten und Rabbinern zwecks Studien häufig besucht wird. Ihre Spezialität ist die rabbinische Literatur. Sie ist die e i n z i g e Bibliothek in Rußland, in der dieses Fach dermaßen verttetcn ist. Die Juden Wilnas scheinen aber gar keinen Sinn für sie zu haben. Seit 15 Jahren ist sie außer Stande, neue Bücher anzuwerbcn. Seit 15 Jahren! Der Bibliothekar, der über ein großes bibliographisches Wissen verfügt und bereits 17 Jahre an dieser Anstalt tätig ist, der ihr seine frische' Jngendkraft und Energie opferte, erhält ein Honorar von sage und schreibe 35 Rubel monatlich. Damit muß er Frau und Kinder ernähren. An eine Gehaltserhöhung ist gar nicht zu denken. Man wandte sich an die I. C. A., die einen Spezialfonds für jüdische Bibliotheken in Rußland hat. Sie lehnte die Bitte, um Subventionierung ab, da, wie sie durch einen ihrer Berttauensmänner erfahren hat, in der Bibliothek mit bedecktem Haupte gelesen wird.... (Diese „Unsitte" hat ihren Grund in der Rücksichtnahme auf die große Zahl der Rabbiner, die dort heftige Bücher studieren; auch ist diese Bibliothek räumlich mit der 600 Jahre alten Synagoge verbunden, was ihr einen traditionellen Strich gibt.) Die Orthodoxen haben wiederum kein Interesse für die Bibliothek, weil sie auch profane Bücher besitzt — Haskalahbücher. Was macht nun jener Bibliothekar mit Frau und Kindern? Natürlich kann er mit den 35 Rubel selbst das Minimum der Lebensbedürfnisse nicht befriedigen — einige und dreißig Rubel monattich für eine mehrgliedrige Familie in Wilna, wo die Lebensmütel teuer sind. Diese Frage hat mich sehr interessiert und ich erkundigte mich bei einem Mitglied der Bibliothek-Verwaltung nach der erstaunenswerten Kunst-

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