Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 6. Breuer in' einem Bortrage, den «r vor einigen Tagen vor einem mindestens MOköpsigen Publikum im Frankfurter ' Verein „Mekor Chajim" hielt. D r. S e l i g m a n n schreibt: „Nicht >v i s s e \i-> schaftliche Aufklärung soll der Religionslehrer in seinem Unterricht treiben, sondern religiösen Sinn wecken und pflegen. Wissenschaftliche Streitfragen und gelehrte Hypothesen sind überhaupt nicht für die Schule, am allerwenigsten für den Religionsunterricht." „Die Bibel ist ebensowenig ein dogmatisches Lehrbuch der Weltgeschichte wie der N a t u r w i s s e n s ch a f t. Aber — sie ist uns ein heiliges Buch ..." Auf 'dem gleichen Bodeu bewegte sich D r. Breuer. Er ging in seinen Ausführungen davon aus, daß auch in der traditionell-gesetzestreuen Familie der 18jährige Jüngling unserer Tage, der nach unseren Weisen bereits zur Gründung einer jüdischen Familie reis sein sollte, in diesem Alter gerade in das Stadium der Zweifel eintritt, denen er dann häufig die Lehre des Vaterhauses opfert. Nur durch die Erhaltung des jüdischen Gefühls — Redner nannte es „jüdisches Schamgefühl" —, das gemeinsam mit dem bewußten Verständnis für die sittliche» Werte des Judentums geweckt und gepflegt werden will, könne dieser Gefahr begegnet werden; doch mit den veränderlichen wissenschaftlichen Ergebnissen dürfe man. das Judentum nicht verquicken. Redner wandte sich mit Energie gegen jene kalte Verstandsmenschen in der Orthodoxie, die das Judentum gleich mathematischen Gleichungen behandeln wollen, indem sie imnier nach Parallelen in den Werken der bedeutenden Philosophen, Naturwissenschaftler rc. der Gegenwart suchen. Samson Raphael Hirsch habe gesagt: als Inden, d. h. um einzig und allein mit jüdischem Sinn die jüdische Welt« und Lebensanschauung zu erfassen, wollen wir die Thora lesen; all das, was >in Hirschs Werken in Rücksicht auf die moderne Zeit geschrieben ist, sei sterblich an ihnen. Freilich hieße es von einem Extrem ins andere fallen, wollte man nun gleich Dr. Breuer den Chassidismus mit seiner R u r - Gefnhlsbewertung als Jddal hinstcllen. In der vollständigen Vernachlässigung eines jüdischen Gefühlslebens liegt Wohl unsere schwere Schuld, aber das Gefühl kann nur dann das richtige sein, so es in der durch Wissen entstandenen jüdischen Erkenntnis seine Quellen hat: erst so wird jüdisches Denken und Fühlen gebildet. Doch cs genügt nicht, in harmonischer Weise das jüdische Herz und den jüdischen Verstand bilden zu wollen, indem man beide aus dem einen Quell des Judentums trinken läßt. Der Verwirklichung dieses Zieles stellen sich solange unüberwindliche Schwierigkeiten gegenüber, als es kein selbständiges jüdisches Milieu gibt, — und gegen die Schaffung .eines solchen sind sowohl Dr. Seligmanu, als auch Dr. Breuer. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Den' »Tabellarischen Uebersichten, betreff, den Zivilstand der Stadt Frankfurt am Main im Jahre 1907" entnehmen wir folgende statt st is che Zahlen: Es wurden 1907 in Frankfurt 168 rein jüdische und 35 jüd.-christl. Ehen geschlossen. Unter den 9831 Geborenen stammten 34-1 aus rein jüdischen Ehen, 48 aus jüd.-christl. Ehen und 27 waren unehelich von jüd. Mutter. Berlin. Ihre sechste regelmäßige Jahressitzung hält die - Deutsche Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle am 16. Februar d. I. im großen Saal des Verwaltungsgebäudes der Jüdischen Gemeinde Berlin ab. Auf der Tagesordnung steht: Rechenschafts¬ und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1903, Bericht der Mitglieder über ihre . Bezirke, vorläufiger Bericht des Herrn Rabbiner Dr. Porges, Leipzig über die Schnlinspektionsreise nach dem Orient, und die Neuwahl des Vorstandes usw. Berlin. Der Gesamtausschuß des Verbandes der Deutschen Juden war am 7. Februar in Berlin versammelt. Es wurde beschlossen, die Hauptverfammlung im Herbst in Breslau abzuhalten. — lieber die wünschenswerte -Ordnung des jüdischen Religionsunterrichtes an höheren Lehranstalten in. Preußen und die Bor- Frankfurter Israelitisches Familienblakt. Lildung der hierfür anzustellenden Religionslehrer wurde ein einstimmiger Beschluß erzielt. Schließlich wurde die Herausgabe der von Dr. Hirsch Hildesheimer gesammelten, von über 450 hervorragende» Gelehrten und Praktikern abgegebenen Gutachten über die Vorzüge der jüdisch rituellen vor anderen Schlachtmcthoden vom Verbände übernommen. Im Anschluß an die Sitzung tagte die literarisch-apologetische Kommission, welche über wissenschaftliche Vorbereitungen zur späteren Herausgabe jüdisch-apologetischer Schriften Beschlüsse faßte. Mainz. Der jüngst verstorbene Stadtverordnete P h. Nathan Reis hinterließ der Stadt ein Legat von 20 000 Mark zum Besten der Arme» und ein Legat von 15 000 Mark zum Besten -es Vereins für Volkswohlsahrt. Breslau. Am 2. Februar fand eine Repr8sentantensrtzung der jüdischen Gemeinde statt, in der zuerst die Wahl des Präsidiums vorgenommeu wurde. Geh. Justizrat Freund wurde zum Vorsitzenden, Justizrat Ollen darf zum stellvertretenden Vorsitzenden und Professor Dr. Badt und Schlesinger zum Schriftführer bezw. stellvertretenden Schriftführer gewählt. Die Legate: De. Hermann Guttmann (1000 JL), David Freund (400 JL), Anna Flatau (3000 Jk\ Kommerzienrat Bernhard und Helene Setten (14 000 JL) wurden debattelos angenommen und eine Anzahl vonr Vorstand geforderter Ausgaben genehmigt. Hamburg. Das Revräientanten-Koll-gium des „Jfr. Tempclverbandes" beschloß einstimmig den Neubau eines Tempels. Eine Propagandakommission soll für die "Aufbringung des Bausands tätig sein. Ruhland. Petersburg. Verschiedenes. Der Dumapräsident Chomjakow äußerte sich einem Journalisten gegenüber, der Unterschied zwischen den Russen und den Juden bestehe nur darin, daß die Inden für manches Gelb zahlen müssen, was die Russen umsonst haben; aus Rücksicht auf die Polizei — die Polizeibeamten haben nämlich durch die vielen Ausnahmegesetze, die für die Juden Geltung haben, eine hübsche Nebeneinnahnre, indem sie diese Ausnahmegesetze nur dann anwenden, wenn der Jude nicht zahlt — müßte das jüd. Ansiedlungsrayon bestehen bleiben. — Der K ad e tt cn f ü h r e r Roditschew sprach sich in der Duma offen und energisch für die Gleichberechtigung der Juden au». Der Moskauer Generalgouverneur verweigert seit einiger Zeit den jüdischen Aerzten die Erteilung der Erlaubnis zur Errichtung von Sanatorien, und den jüdischen Zahnärzten verbietet er überhaupt die Eröffnung von Zahnateliers. Rumänien. Bukarest. Die Regiemng fährt in ihrem System, die Juden aus Rumänien hinauszuh u n g e r n , fort. So hat jetzt der Handels m i n i st e r ein Schreiben an alle Staats- und Stadtbehörden versandt, worin er verlangt, daß die Artikel 45 des Handwerkergesetzes und 95 des Reglements desselben Gesetzes streng beobachtet werden. Artikel 45 besagt, daß bei Staats- und städtischen Arbeiten die rumänischen Unternehmer auch dann zu bevorzugen seien, wenn ihr Angebot 5 Prozent teurer ist, und Artikel 95 des Reglements fordert, daß bei Staats¬ und städtischen Arbeiten nur rumänische, 'Arbeiter beschäftigt werden. „N. I. K." Türkei. Saloulki. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat hier einen Kindergarten begründet, der am 7. Februar in Gegenwart der angesehensten Mitglieder der städtischen und jüdischen Gemeinde eingeweiht worden ist. Der Kindergarten steht unter der Patronage seiner Eminenz des Herrn Großrabbiners Jakob Meir. Außer ihm gehören dem Komitee des Kindergartens die folgenden Herren an: Gemeindevorsteher Jakob Kasis als Vorsitzender, Redakteur Florentin als Sekretär. Leon Gotinein, Schulleiter, Rabbiner Boton und Salvador Gachon, Rechtsanwälte M. Chalfon und M. Cohn. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zwei bisher an seinen Kindergärten in Jerusalem tätige Kindergärtnerinnen, die des Hebräischen mächtig sind, nach Saloniki entsandt. In den Kindergarten, der ans drei Abteilungen bestehen soll, werden zunächst 150 Kinder anfgenommen. Es ist in hohenr Grade erfreulich, daß die Idee, die der Hilfsverein im Orient zur Durchführung gebracht hat, Kindergärten als Fundament des Erziehungswesens einzuführen, in immer weiterem Matze Boden gewinnt und daß die Bevölkerung an diesem Werke der Jugenderziehung int Orient nach modernen Grundsätzen solchen warmen Anteil nimmt. Seite & Palästina. Jaffa. Vor einigen Tagen sind bier 150 yemenitische Juden, , 100 Männer und 50 Frauen, angekommen. Die Leute sind aus einer kleinen Stadt inmitten der arabischen Wüste, 20 Tagereisen vom Hafen Hodaida entfernt. Das Land um diese Stadt herum trägt, wie sie berichten, den Namen „Ostland", weil es den Osten der türkischen Besitzungen am Ufer des Toten Meeres bildet. Es wird ganz selbständig verwaltet, unabhängig von der Konstantinopeler Zentralregierimg. Nach oen Angaben der jetzt nach Jaffa gekommenen Inden sollen dort insgesamt etwa 5000 Juden wohnen, die sehr arm seien und von den arabischen Oberen unterorückt würden. Zwei Monate vor ihrer Abreise, so erzählen sie, habe eine Versammlung von etwa 100 Juden stattgefunden, in der die Teilnehmer beschlossen hätten, das Land zu. verlassen und nach Palästina zu übersiedeln. Da sie absolut keine Mittel hatten, so wandten sie sich an den reichsten Juden der Gegend und baten ihn um Hilfe. Der Mann verkaufte sein ganzes Besitztum für etwa 30 000 Franken und zog mit den anderen zusammen nach Palästina. Die Einwanderer sind gesunde und arbeitskräftige Leute, zum großen Teile Schmiede, zum Teil auch Ackerbauer. Sie hosfen, in den Kolonien oder in den Städten Arbeit zu finden und wollen, wenn es ihnen gelingt, festen Fuß zu fassen, die in der. Wüstenstadt zurückgebliebenen Juden Nachkommen lassen. Nach ihren Gewohnheiten und ihrer Lebensart erinnern sie sehr an die nomadisierenden Beduinen Mntelarabiens. Einige von ihnen haben mehrere, manche sogar bis zu vier Frauen. Jaffa, 29. Januar. Gestern kam es hier zu tumultuarischen Sceuen. Es ging das Gerücht, 7 Kinder seien an vergifteten Bonbons gestorben, und die Araber waren dadurch aufgeregt. Gestern hielt nun ein Araber einen kaufenden jüdischen jungen Mann an, er habe Zucker kaufen wollen, um vergiftete Bonbons zu machen. Es gab sogleich einen großen Auflaus, und der junge Mann wäre erschlagen worden, wenn er sich nicht schnell in einen jüdischen Laden gerettet hätte. Jetzt ging es mit großem Lärm auf diesen Laden drauf los, — da erschienen im kritischsten Moment 3—4 Polizisten und trieben die Menge auseinander Amerika. Rew-Nork. Staatssekretär Oscar Strauß wird, wie verlautet, von dem neuen Präsidenten Tast nicht mit übernommen werden. 0 FemllM. 0 Denkst Dn noch k Skizze von Hermann Blumenthal. Denkst Dn noch an das weiße Häuschen mit dem Strohdach, dort in dem engen Gäßchen, unweit vom Bache? Wie ein blühender Kranz umringt es das Gärtchen mit jungem Rettig, Zwiebeln und Schoten. Es ist Samstag „nach Tisch". In der hellen, geräumigen Stube ist es still. An dem Tisch» dem weißen, reingescheuerten Tisch sitzest Dn und schaukelst Dich über dem Buche.Durch die tot» und blaugefärbte Tischdecke, die vor Deinem Fenster hängt, kommen die Sonnenstrahlen herein und übergießen alles mit weichen, matten, zauberischen Farben. Es ist ein warmer Junitag und Dn fühlst Dich etwas matt pach der ungewöhnlich reichen Sabbat-Mahlzeit. Einige Male schon hast Dn den Mschnitt begonnen, den Dir der Rabbi für heute aufgegeben, doch es geht nicht. Deine Lippen bewegen sich und sagen gedankenlos: „Tanu Rabanan". (Die Rabbis haben gelehrt.) Doch Deine Blicke wandern müd und träumend durchs Zimmer. Dort in dem halbdunklen Alkoven schläft der Rabbi, den aufgeschlagenen „Sefer-Chassidim" auf dem Polster neben sich und die Brille auf der Stirn. Und drüben, zu Deiner Rechten, Dir gegenüber, die Baal'schem Erzählungen in der Hand, sitzt Gietele. Ihr Haar glänzt wie Gold, und ihre Lippen erinnern Dich an frische, rote Beeren. Hie und da blickt sie auf. Dann wird es Dir heiß im Gesicht, und Dein Herz klopft. Du senkst schnell die Angen auf das Buch und murmelst: „Tanu, Rabanan — Die Rabbis haben gelehrt." — Auf der Straße singt eine weibliche Stimme. Dann wird es wieder still. Dein Wick fällt auf