Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L seiuGeld, um an seineuFeindenRach« nehmen zu können. Aber Shylock ist ein herzloser Tyrann, er will Fleisch von einem lebendigen Menschen? — Wie rechtfertigt Shylock diese grausige'Tat? Was mill er mit dem Fleische anfangen? „Fische damit ködern." Zu solcher Stärke des Hasses und der Verachtung ist nur ein Mensch fähig, den man systematisch ,;u vertieren sucht und den man wie ein Tier behandelt. Welche Verachtung für Antonio steckt in diesem Worte, er will mit seinem Fleische Fische angeln? Shylock sieht in Antonio ein schwaches, aber durchaus — weil listiges — gefährliches Tier und will auch sein Fleisch wie Tierfleisch behandlen. Und Antonio ist jener schlaue, feige und gemeine Schwächling, dem sein menschlicher Verstand imr dazu dient, seinen tierischen Instinkten besser fröhnen zu können; in ihm lebt keine einzige menschliche Idee. Soll ihn da nach Shylock als Mensch betrachten? Er nimmt seinen Feind, wie er ist. . . . Und gibt man zu, daß Rache menschlich ist, und gibt man ferner zu, daß Shylocks Rachedurst begründet und berechtigt ist, so verliert seine grausige Tat jenen Schrecken. Wenn das Herz vor Rachebcgicrdc schwillt und das Blut in den Adern kocht, da ist der Mensch aller sittlichen Gefühle bar, da ist er nur noch ein nacktes, animalisches Wesen, da schwindet jede Ueberlegung mid jedes Maß . . . Dabei ist nicht aus den Augen zu lassen, daß Shakespeares tragische Helden von gewaltigen, fast übermenschlichen Leidenschaften beherrscht und getragen werden, und mit dem Pfund Fleisch wollte Shakespeare mehr den Grad der Leidenschaft und die Gewalt des R.achebewußtseins Shylocks andcuten. Und da Shylock der Geprellte, Betrogene, Verleumdete und Verhöhnte ist, und alles das, nur weil er Jude ist, , so durste der große Brite bei ihm den größten Grad von 'Rachelust ann eh men.. - Nun kommen die toleranten Seelen und erheben die Stimme der Humanität. Shylocks Tat ist die eines brutalen, herzlosen Menschen, Shylock ist kein Jude usw. Es hat schon seinen Grund, daß Ferdinand Lassalle mit 16 Jahren in seinen Tagebüchern ausrust: „Mein Volk (damit sind die Juden und nicht die Deutschen gemeint), bist Du zum Knechte geboren?" Sollte sich der betrogene, verleumdete, verhöhnte Jude alles gefallen lassen und dann chrislliche Toleranz Men? Sich ducken und den Speichel seiner Feinde lecken? lieben die Christen Nächstenliebe, und darf auch nicht ein Jude Leidenschaften und starke Triebe haben? Rache, zumal berechtigte und begründete Rache, ist eine rein menschliche Eigenschaft. Sind Juden nicht auch Menschen, dürfen wir nicht rächen? „Du sollst nicht rächen" ist ein Postulat der jüdischen Ethik, aber gerade dieses Postulat beweist, wie unsere Gesetzgebung mit dem Vorhandensein der Rache als menschliche Eigenschaft rechnete. Wenn Shylock die Gefühle seines "Herzens, seine Neigungen und Triebe für Geld verschachert hätte, wenn er sich vor dem Schuft Antonio geduckt hätte, dann wäre er ein seiner Mann, ein ethisches Individuum? Und da er es nicht tat, sein Herz nicht für Geld verschachert, sich vor Antonio nicht geduckt, ist er ein Schurke, ein herzloser Tyrann? Oder hätte Shylock im Momente höchster Auftegung und Wallung einen liberalen Westeuropäer zu Rate ziehen sollen, wie er in humanitärer Weise an seinein Erzfeind Rache nehmen könne? Nur sentimentale Phllister können Shylocks Tat verdammen. Shylock hatte nur die einzige Möglichkeit: Rache zu nehmen, indem er von seinem lebenden Feind ein Pfund Fleisch ausschneiden will, um Fische damit zu ködern, und diese Möglichkeit und Gelegenheit wollte er, da sein Herz voll war, nicht unausgenützt verpassen lassen. Und das Schönste ist, daß Shylock der zweimcck Betrogene war. Er hat seine Absicht xicht ausführen können, also auch nicht ausge- - Frankfurter JsraelitWeS Fmnüienblatt. führt. Bleibt nur der Rachewunsch. Wenn Shylock die heutigen Ehrbegriffe der jüdischen Westeuropäer hätte, hätte er die Regungen seines Herzens für Geld verschachert, sich vor Antonio geduckt, und er wäre ein toleranter, humanitätübender Glaubensgenosse. Aber der gewaltige Brite kannte glücklicherweise die liberalen westeuropäischen Inden mit ihren Ehrbegriffen nicht, er kannte als „Child of the Bible" den antiken, stolzen Juden, der weder,de nt Römer noch dem Griechen die Hand bot, geschweige denn ein cm venetiani scheu Charlatan. Und nach diesem Muster des anttken Juden hat er Shylock konstruiert. In scinent Kaufmann von Venedig zeigte er uns den Juden, der, t r o tz d e m e r d u r ch die christliche Barbarei v c r k ü m nt t r t und zum Geldvieh degradiert ist, doch vor seinem Feinde sich nicht duckt, die Regungen seines Herzens für Geld nicht verschachert und — trotzdem seine Tochter ihn schnöde verrät und mit seinen Feinden gemeinsame Sache macht — dennoch von seiner „Tochter Jessica" spricht, also den klassisch-jüdischen Familiensinn behalten hat. Auch Shylock ist der entblößte Mensch im Juden, aber Shylock ist nicht wie Lessings Nathan so ein „allgemeines Wesen", sondern der jüdische Mensch mit seinen Trieben und Regungen und Leidenschaften, der stolze Jude und der gute Vater. Deshalb ehret Shakespeare. Brief aus Ungarn. Wer sich einen Begriff machen will über die vcrversc Katnpfesart, deren sich bei uns das offizielle Judentum zur Beschleunigung des gcgenseittgen Auflösungsprozesses bedient, der darf die Bekanntschaft des Kultusministerialrats Mackay, des Vorstehers der Sektion, in welcher alle aus die Juden Bezug habenden Angelegenheiten erledigt werden, nicht scheuen. Seine Devise divide et impera (teile und herrsche) ließ diesen Antisemiten in 99 von hundert Fällen so entscheiden, daß die eine Partei über den Durchfall der andern — denn was diese wünschte, wurde imnier gemäß Begutachtung der andern, die doch auch offizielles Judentum repräsentierte, entschieden — sich freute. Die Kosten einer solchen Hetz bezahlte natürlich das ungarische Judentunt. Tausende berechttgte Wünsche jüdischer Gemeinden, Rabbiner, Körperschaften nttd Vereine — der Zionismus weiß davon ein garstig Lied zu singen — blieben jahrelang unerledigt oder wurden abgewicsen, da der Beamte für seine Handlungsweise immer eine Partei fand, die durch die negative Erledigung ihr höchstes Glücksziel erlangt hatte. Run wurde es schließlich unseren Ncologen zu bunt. Der Sturm, der gegen diese feindselige Bastion geblasen wurde, hatte den Erfolg, daß die Stellung des antisemitischen Leiters der Judensektion erschüttert ist. Man sollte meinen, das offizielle ungarische Israel beider Konfessionen werde bei dieser Kunde erleichtert aufatmen; — dem ist aber nicht so! Die Zentralleiter der Orthodoxie fanden näntlich diesen Moment für ihre „politische Spekulativn" zu günstig, um durch ein trauriges Dokument golushaftcr Degeneratton — sic haben nämlich Herrn Mackay in der nichtjüdischen Presse ein glänzendes Zeugnis gegeben — sich bei der Regierung anzubiedern und die andern, „die von der uniformierten öffentlichen Meinung als die Führer des ungarischen Judentums angesehen werden", als Störenfriede zu dermnzieren. Doch es hat-den Anschein, als ob das gefährliche Spiel mit der Brandfackel in manchem Hirn vernünfttge Gedanken entzündet hätte. So haben sich die fett 1862 getrennt gegeneinander existierenden Gemeinden der Stadt Weißenburg endlich wiedergcfunden; die neueste Aera mit dem rauhen politischen Windzug hat sie zusämmengeführt. — Daß gerade Weißenburg der Ort der Prädestination sein mußte, dafür ist folgendes. Ereignis der logische Hintergrund: . . ...... ..SK. 8. Wie im ganzen Nngarland hat auch. diese Stadt ihre festgefügte christlichsoziale Organisation. Die Saat, die ihre Hetzapostcl in ihren verpöbelten Preßwischen unter das Volk streute, ist pesthauchend in die Halme geschossen. Vom letzten Wasenmeister bis hinauf zum höchsten Würdenträger ist alles antiscmittsch infiziert. Auch das Militär. So geschah es, daß mehrere Offiziere der Weißenburger Garnison, als sie sich gegenseittg recht gründlich Mut zugetrunken chatten, nach einein Juden ansschauten, um auf ganz besondere Art ihr Heldentum zu denwnstrieren. Hugo Weiß war das bedauernswerte Opfer ihrer Rauflust. Mit denr Schrei: „Jud riech!" wurde ihm eine Dosis Paprika in die Augen gestreut. Und als er, in rasenden Schmerzen sich windend, einige nicht ganz schmeichelhafte Epitheta über das Benehmen der Offiziere fallen ließ, waren die Marssöhne so weit ernüchtert, daß sie sich ihrer Offizicrsehre erinnerten und mit vereinten Kräften — es waren fünf Säbel gegen einen Juden — auf ihn losschritten. Als er dann blutüberströmt ins Spital und von dort in die Zeitung kam, blieb ihm, als Semiten, nur die Alternative: entweder als Feigling gebrandmarft durchs Leben zu hinken oder unter blitzender Husarenklinge sein Dasein zu beschließen. Da sich seine nicht paprizierte Vernunft fürs Erstere entschied, ist über ihn der Stab gebrochen.Glimpflicher verfuhr die königliche Tafel, unser Appellationssenat, mit dem Gerichtsadjunkten Klein, Szolusk. Er kam mit dem „bloßen" Verweis davon, weil er am Roschhaschono, für den er von scinent Vorgesetzten Urlaub verlangt utrd bekommen hatte, nicht sofort die Synagoge verließ, als ihn dieser in einem launigen Moment von dort. zu sich zitierte. Ist es da ein Wunder, wenn die Fahnenflucht in junseren gelichteten Reihen epidemisch grassiert und das vornehmste Organ des freisinnigen Ungarturns, „Pesti Naplo", zu folgender satyrischen Nottz veranlaßt: „Die Beförderung vorn Judentum zum Christentum wttd so blitzzügig vermittelt, daß die, Neophtten keine Zeit haben, auch nur die primitivsten Aeußerlichkeiten des neuen Milieus sich anzueignen. So kam es, daß. Sumegi — geb. Kvhn — trotzdem er, vorsichtig gemig, beim Portale der Stephansrirche einen Dienstmann postierte, damit dieser die zu der Einsegnung der Ehe seiner Tochter Geladenen aufmerksam mache, daß man „da drin" entblößten Hauptes zu stehen habe, es doch erleben umßte, daß ihnr dort ein verträumter „Konfessionsgenosse" ein herzliches „Mascltow" zurief. Zioni. Aus den Geschehnissen des Tages. Wie gewinnen wir unsere Jugend für das Judentum?" In Osteuropa, wo vorläufig noch ein jüdisches Leben pulsiert und cs deshalb nur gilt, den Einflüssen von außen her zu begegnen, würde die Frage gelautet haben: „Wie erhalten wir unsere Jugend für das Judentum?" Aber bei uns Juden Westeuropas — einerlei, ob wir uns tradittonell, gesetzesttett oder liberal nenne» — handelt es sichnicht um eine Erhaltttng, sondern unt eine Gewinnung unserer Jugend für die jüdische Gedankenwelt, denn das Judentum ist bei uns meist nur noch die äußere Uinrahmung eines anders gearteten Lebens, da wir in unserem Denken von den geistigen Sttömungen in der nichtjüdischen Welt vollständig abhängig geworden sind. In der harmonischen Lösung des Problems, wie unsere Kinder einerseits an dem vielgestaltigen geistigen Leben unserer Zeit vollen Anteil nehmen und andererseits dennoch mit Bewußtsein im Denken und im Tun Juden sein können, hängt viel für die Zukunft des Judentums ab. . Da ist es nun ein erfreuliches Zeichen, daß zu gleicher Zeit zwei niarkante Bertteter der beiden Hauptgliederungen der heutigen Judenheit, der traditionell-gesetzestteuen und der liberalen, das Problem aufgegriffen haben, nämlich Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann in seiner Monatsschrift „Liberales Judentum" und Dr. Raphael