Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-02-12 · Heft 6 (12.2.1909) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 6 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692620--04515-2699335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

€>eite i. Frankfurter Israelitisches Familrenbtakt. Nr. 6 Gietele, und ein Zittern geht durch Deinen Körper. Während Deine Augen auf der jungen, blühenden Gestalt hasten, tomrnt Dir plötzlich ein Gedanke, und Dü sagst mit halblauter Stimme: „Mit mir vom Libanon kommst Du, o meine Braut. . Du hast die Worte niemals gründlich verstanden. Jeden Freitagabend, wenn Du an diese Stelle gelangt bist, blicktest Du auf vom Gebetbuch. Wie oft überkam Dich eine mächtige Sehnsucht nach jenem stolzen, herrlichen Berg. Du wußtest selbst nicht recht, woran Du dachtest. Dir schien es eine Phantasie, ein zaubervoller, unbegreiflicher Trauni. Doch wie gut verstehst Du jetzt die süßen, göttlichen Worte —! Mit mir vom Libanon, o meine Braut, wirst Du kommen, herunterblicken vom Gipfel Amanas, vom Gipfel des Smir und des Hermon. — Auf der höchsten Spitze des Berges steht ihr, und es lacht und strahlt auf Euch glänzender Sonnenschein... Uni Euch blüht und' rauscht der Palmcnwald, und über Euren Häuptern lächelt und winkt mit tausend Wonneu der reine, blaue Himmel. . . Du beugst Dich zärtlich über die neben Dir stehende Gestalt, drückst sie an Dein Herz, und sie erhebt den Blick zu 'Dir aus den großen, braunen, feuchten Augen .... Gietele . . . .! * * * Ein halb unterdrücktes Lachen schreckt Dich aus Deinem süßen Traum empor. Der heilige Baal«Schein hat einen so guten Witz gemacht, daß Gietele den schlummernden Vater vergessen hatte. Der Rabbi erwacht, dabei wirft er den Seser Chassidim zur Erde. Nasch hebt er das Buch auf, küßt es andächtig und reibt sich die Augen. Und Du, vom Berge Hermon herab gestürzt, kehrst zurück zum Traktat Keduschin. Noch einen Blick wirfst Du auf die ruhig dasitzende Gietele, verschluckst einen tiefen Seufzer und beginnst. Dich wieder zu schaukeln und mit hörbarer Stiminc zu singen: „Tanu Rabanan, die Rabbis haben gelehrt ... " Kunst und Literatur. Schriften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Band I. ' Heft 1 und 2. I. .Eibogen, Studien Lur Geschichte des jüdischen Gottesdienstes. Berlin. Mayer und Müller. In dem ersten Teile des vorliegenden Buches untersucht Elbogen die beiden Hauptstücke des täglichen Gebetes, das Sch'ma und die Tefilla, .bezüglich ihrer technischen Bezeichnung, ihres Alters und ihres Textes. Als hauptsächlichstes Resultat seiner Untersuchungen über das Sch'ma möchte ich den ansprechenden Versuch einer neuen Erklärung des terminus „paureh al sch'ma" bezeichnen. Dieser terminus ist seit alten Zeiten eine wahre crux interpretum, die das „Brechen des Sch'ma" nicht recht zu deuten wußte, und auch der seit langen allgemein verbreitete Gebrauch des Ausdruckes für die Wiederholung des Borchu durch Zuspätgekommcne nach den Tefilla ist nicht recht begründet. Elbogen ist der 'Ansicht, daß dieser Ausdruck in der Mischna bezeichnend fei für den ursprünglichen respondierenden Bortrag, durch den das Sch'ma tatsächlich geteilt, „gebrochen" wurde, und belegt seine Hypothese trefflich durch den Ausdruck der Mischna „kaurech es sch'ma" der wörtlich das Gegenteil, ei» Zusammenwickeln, Zusammcnfaßen des Sch'ma bezeichnet und nach der tannaitischcn Diskussion nichts anderes bedeutet, als das Sch'ma ohne Unterbrechung, also nicht alternierend, vortragen. Der Text des Sch'ma selbst weist begreiflicherweise auch nicht die geringste Aenderung auf, umso mehr unterlagen die das Sch'ma begleitenden.Segenssprüche Aenderungen und Variationen. Elbogen bespricht ihre Varianten ausführlich. Ebenso gründlich wird die Tefilla behandelt, wobei wiederum viele termini technici erläutert und an der Hand von Zitaten der älteren halachischen Literatur und Handschriften der Text der Tefilla und sein Werdegang beleuchtet werden. Der zweite Teil des Buches ist der Aboda im Mussafgebet des Versöhnungstages gewidmet. Die Aboda — die Beschreibung des Tempeldienstes am Versöhnungstag — spielt in der Liturgie dieses Tages eine bedeutende Nolle; sie erscheint als. Erinnerung, gewissermaßen auch als Ersatz der Versöhnung durch das Opfer, und darum widmen ihr die Paitanim besondere Aufmerksanikeit. Elbogen gibt nach einer Einleitung über die Entwicklung der poetischen Aboda nach Formund Inhalt eine eingehende Geschichte dieses Zweiges der liturgischen Literatur und veröffentlicht im Anhänge eine ganze Reihe bisher unbekannter Abodatextc nach Handchristen. S. H. L. Prag. Sozial- und Wirtschaftgeschichte der Juden i m Mittelalter und der Neuzeit von Dr G. Caro. Band 1. Leipzig. Buchhandluug Gustav Fock, G. m. b. H. <1908. VH und 514 S. Oktav. Einer der gewichtigsten Anklagepunkte gegen die Juden ist der, daß sie . alle sich nur zu gewissen Berufen hingezogcn fühlen' — zum Handel und zu Geldgeschäften —, daß sie cs angeblich stets verschmäht haben, produktive Arbeit zu leisten, sich mit Ackerbau und Handwerk zu befassen. Die Juden ind geborene Wucherer, sic wuchern mit Geld und Waren, das ist Anfang und Ende aller antisemitischen Weisheit. Wohl haben wir auch früher. schon mit Recht darauf Hinweisen können, daß die Juden in diese Berufszwcige hineingedrängt worden sind, daß Juden zu allen Zeiten sich auch anderen Berufen gewidmet haben, doch unsere Proteste wurden einfach als unwahr, die angeführten Beispiele als Ausnahmsfälle bezeichnet. Für die Gegenwart wird uns der Kanipf gegen diese Anschuldigungen seit einigen Jahren wesentlich erleichtert durch die über den Parteien stehende Statistik, die jetzt mit großem Erfolge von Juden bearbeitet wird. Aber auf unseren Ahnen mußten wir den Schimpf sitzen lassen, denn unsere Historiker haben dem Erwerbsleben der Juden nur sehr selten und auch da nur sprunghaft für kleinere Territorien und geringe Zeitabschnitte nachgeforscht. Es ist das nicht zu venvunbern, wenn wir bedenken, daß die Geschichte Israels in der Diaspora eigentlich eine Geschichte des Lebens innerhalb der jüdischen Gemeinden ist, die sich hauptsächlich mit den: geistigen Leben, der geistigen Regsamkeit der Inden zu befassen hat, daß (es die höchste Aufgabe dieser Geschichtsschreibung ist, scstzustcllen, wie Israel seinem Berufe nachgekommen ist, seine Lehre mitten unter fremden, meist feindlichen Völkern zu erhalten und zu pflegen. Daß die äußeren Schicksale der Juden die Erfüllung dieses Berufes wesentlich beeinflussen mußten, ist wohl stets anerkannt worden; die Konfequenzen dieser Erkenntnis wurden aber nicht gezogen, eine umfassende Bearbeitung der jüdischen Wirtschaftsgeschichte fehlt bislang. Soeben erscheint als Teil des von der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" heransgegcbencn Grundrisses der Gesamtwissenschaft des Judentums, der erste Band einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden vom Ausgang des Altert«,ms bis zur Neuzeit. Der Verfasser Dozent Dr. Caro behandelt pragmatisch die sozialen Verhältnisse der Juden der einzelnen Länder und deckt den Zusammenhang ihres Erwerbslebens 'mit dem mehr oder minder großen Ausmaß der Duldung, daß sie jeweils seitens ihrer Wirtsvölker erfuhren, auf. Er weist glücklich nach, daß ursprünglich die Juden kein speziellen Berufe hatten, daß sie erst allmählich durch Ausnahmsgesetzc in gewisse Berufszweigc hiueingezwängt wurden, und das zumeist auch nur dort, jwo sie eine verschwindende Minorität bildeten, wie z. B. in Deutschland. Auch ein anderes Moment.trägt dazu bei, die Juden zum Ergreifen bestimmter Berufe zu veranlassen. Es Ist dasselbe Streben, die sie bestimmt, bald diplomatische Missionen im fernen Osten zu versehen, bald den Handelsverkehr zwischen Orient und Okzident zu vermitteln, bald endlich im östlichen Europa Städtcbewohner zu werden, das Streben, vorhandenem Mangel abzuhelfen, Lücken der wirtschaftlichen Organisationen ausznfüllen. Von Interesse sind auch die manigfachen Belege für die „Arbeitsscheu" der Juden, aus deueu hcrvorgeht, daß an gewissen Orten einzelne Handwerke ausschließlich in jüdischen Händen waren, so z. B. in Tyrus die Glasbläserei,, in Süditalicu die Färberei und in Griechenland die Seidenweberei. Der vorliegende erste Band behandelt die Lage der Juden vom Ausgang des Altertums bis ins 13. Jahrhundert, im Orient, im Karoliugcrreiche, in England, Frankreich und Deutschland; ganz besonders wird die Aenderung ihrer sozialen Verhältnisse durch die Stellung Papst Jnnoccnz IH. besprochen. Der Schlußband soll, die Geschichte dieser Länder bis in die Neuzeit fortführen und eine zusammenhängende Darstellung der Wirtschaftsverhältnisse in Spanien bringen. Das Buch ist dank seiner anziehenden populären Darstellung jedermann zu empfehlen; auch der Fachmann kommt darin nicht zu kurz, denn für ihn sind die fast 100 Seiten füllenden Anmerkungen und Ouellennachweise ein sehr wertvollen Behelf. S. H. L. Prag. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde, herausgegeben von Rabbiner Dr. M. Grunwald, Wien. 29. Heft. Leipzig, M. W. Kaufmann. Inhalt: S. Krauß, Eine spaguiolische Heiratsausstattung. — Albert Wolf s. A.. Fahrende Leute bei den Juden — Bücherschau. Der interessante Aufsatz über fahrende Leute bei den Juden beschäftigt sich auch mit dem durch den Frankfurter Dialektdichter Friedrich Stoltze verewigten „Mordche Unglück". Es heißt da über diesen: Der Nachfolger des Narr Mose war der um '1841 gestorbene Mordche Gewinner in Homburg, der unter dem Namen Mordche Unglück in der ganzen Gegend, in Frankfurt, Mainz, Darmstadt usw. bekannt nnd trotz manchen bösen Streiches auch beliebt war. L. Lehmann sagt von ihm: „Sein Tod (der damals in der Didaskalia ausführlich gemeldet 'ward) erfolgte an einem Tage, den er sich hierfür immer gewünscht. Er sagte nämlich stets: wenn ich mir meinen Todestag bestellen oder wählen könnte, so werde es der Trauertag der Zerstörung von Jerusalem fein, da geht es bei uns ^untereinander zu, und da es oben im Himmel auch so zngehen soll, so schlüpf ich schnell hinein. — Der Wunsch ward' erfüllt, er starb an einem solchen Tage; ob er aber in den Himmel hineiugekommcn, darüber fehlen die .näheren glaubwürdige» Berichte. Lange nach seinem Tode .sah man seine Figur in Marzipan und Gips idargcstellt, darunter die Worte seines ironisch gehaltenen Wahlspruch: Nur ehrlich! ..." Bon diesem Mordche Unglück erzählt Lehmann noch ein weiteres Scherzwort. „Einmal am Jomkippnr ging Mordche von seinem Platz weg, gerade als man die Aboda (Niederwerfung) tun wollte und stellte sich neben die Gemeindevorsteher, die Reichsten der Gemeinde. Als ihn einer seiner vorherigen Nachbarn fragte, warum er den Platz gewechselt, antwortete er lakonisch: Wer sich mit Gäscht (Lumpen) legt, steht auch mit Gäscht wieder auf, — und deswegen wechselte ich mein Platz." Kaiser fr'riedrlcn Quelle ■ ■■ - Offenbach a. M. - Gegen Gicht nnd Bhenmatisrnns bewährt. I Wel ("Mundwasser Der Menschheit Wohltäter. Retorhe-Flasche Mk.1.25 Überall erhältlich! Wohack Inhaber: üf. W”SLllSiU. Perlen, Juwelen, Goldwaren• : Auf Wunsch Ausw&hlsendungen. 't- Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 13. Februar (= 22. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 10 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 30 Mn. in Berlin 5 Uhr 55 Min. Wochenabschnitt: Iisrau. — Jisrau führt seinem Schwiegersohn Moses Frau und Kinder zu, die er in Midjan zurückgelassen. Moses geht dem Schwiegervater entgegen, sie küssen sich, und Jisrau kehrt in Moses Zelt ein. .Moses erzählt von dem wunderreichen Auszug aus Egypten; Jisrau. freut sich darüber. — Moses setzt sich nieder, um in eigner Person das ganze Volk zu richten. Jisrau bemerkt, )vie unpraktisch nnd ermüdend dies für beide Teile sei. Er rät, Beamte und Unterbe a m t e einzusetzen. Es geschieht. — Jisrau kehrt wieder heim. — Israel betritt die Wüste Sinai, um auf dem Berg Sinai die Lehre zu empfangen. Gott läßt das Volk verwarnen und vorbereiten. Das Volk verspricht Gehorsam. Sie waschen ihre Kleider und halten sich drei Tage heilig. Der Berg wird umzäunt. Während des Offenbarungsaktes darf ihn. niemand berühren oder besteigen. Am dritten Tage gibt Gott das Gesetz unter furchtbaren Erscheinungen der Natur: Der Berg Sinai erbebte, flammte und rauchte. Eine dichte Wolkelagert über dem Berg, mächtiger Posannenschall ertönt. Möses allein hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.