Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Artikel: Und ehret Shakespeare. —Briefaus Ungarn. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Denkst Du noch? — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. ...... Und ehret Shakespeare. Bon M a x i m e Le Ma! trc - Winterthur. Im großbritannischcn Reiche, in dem die Sonne nie untergeht, bezeichnet man mit dem Namen Shylcck jenen Auswurs der Menschheit, den finstere Kräfte geschaffen und der überall das Böse stiftet und das Ucbcl verbreitet. Tolerante Menschen, die über den Parteien, Religionen, Nationen und Rassen stehen, zeihen den genialsten aller Briten des Antiscmitismns, weil er die „Komödie" Shylock gedichtet; jeder freisinnige Jude in Westeuropa hat für Shylock nur Verachtung übrig, und jeder gebildete „Glaubensgenosse" lehnt es ab, Shylock als den Seinen anzucckennen. — Unglücklicher, bedauernswerter Shylock! Wenn ich von dir nicht mehr gewußt hätte, als daß man dich überall haßt, dich überall abweist, dich überall verfolgt, dich allseits verachtet, ich würde dich schon aus diesem Grunde als meinen Stammes- und Schicksalsgenossen erkannt haben. . . . Shylock, der AuSwurs der Menschheit .... Shylock liebt Geld, — aber Antonio und Graziano lieben auch Geld, mit dein einzigen Unterschied, daß sie, die heißblütigen Benetiancr, ihr Geld nicht verwalten können. Und gar Bassanio, der sich selbst charakterisiert: „Euch ist nicht unbekannt, Antonio, Wie sehr ich meinen Glücksstand Hab' crschövft, Indem ich glänzender mich eingerichtet, Als nreinc schwachen Mittel tragen konnten." Alle lieben Geld, und Shylock auch. Antonio rtnd Graziano lieben ihre Frau, aber sie sind, wie sie selbst sagen, bereit, ihre. Frauen aufznopfern, nur um sich selbst zu befreien. Und Shylock, der Auswurf der Menschheit, der tierisch veranlagte Mensch, sagt von seiner Tochter, die ihn verraten hat: „So sind die Christenmänncr! Ich habe 'ne Tochter, War' irgend wer vom Stamm des Barnabas Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ." Shylock ist der verratene Vater, Shylock ist der Geldjude, — und doch spricht er, ungeachtet des Zornes und der Verwünschungen von Jessika, mein Kind. Und das, trotzdem sie gemeinsame Sache mit den Feinden Shylocks machte. Shylock ist L ein Jude, Antonio, Graziano nnd Bassanio sind Christen. Shylock ruft mit grimmigem Hohn Antonio zu: ' „Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag; Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund — Für diese Höflichkeit will ich Euch ' Die nnd die Gelder leihen. . . ." Woraus Antonio, der Christ, der Pfleger edler Nächstenliebe, antwortet: „Ich könnte leichtlich wieder dich so nennen. Dich wieder anspcin, ja mit Füßen treten." Erste Thesis: Der Kaufmann von Venedig, als Ein heit betrachtet, ist eine K a r r i k a t n r auf die ch r i st l i ch e Nächstenliebe. Schon Heinrich Heine, der Bewunderer Shakespeares, meintcf: „Wahrlich, Shakespeare würde eine Satyrc aus das Christentum gemacht haben, weine er es von jenen Personen repräsentieren ließe, die dem Shylock seindlich gegennbcrstehen." Im. letzten halben Jahrhundert ist man freilich in der Beurteilung des Kausmann von Venedig dazu gelangt, ihn als antisemitisches Stück anznsehen; schon Schlegel dachte so. Aber ist nicht diese „Komödie", wenn man ihre Personen genau betrachtet, ein antichristliches Stück, ja eine Karrikatur auf die christliche Nächstenliebe'? Von dem Haupthelden Antonio sagt Heine: „Der bankrotte Antonio ist ein weichliches Gemüt, ohne Energie, ohne Stärke des Hasses, und also auch ohne Stärke der Liebe, ein trübes Würmchen, dessen Fleisch wirklich zu nichts'bcsserem taugt, als Fische damit zu angeln." Das von Shylock entliehene Geld verpraßt er und gibt es ihm nicht wieder, und der Jude ist geprellt. Auch Bassanio erstattet ihm das Darlehen nicht zurück. Und Lorenzo ist Mitschuldiger an einem infamen Verbrechen. Alle „Helden" dieser „Komödie" haben eine gemeinsame Eigenschaft, die Liebe zum Getde. Sie schrecken vor keinem Mittel zurück, sogar nicht vor dem, die eigene geliebte Frau zu verraten oder zu verkaufen, wenn cs sich darum handelt, Geld zu ergattern. Jedoch diese Helden und Träger christlicher Nächstenliebe läßt man ruhig, ihr Name ist nicht der Inbegriff eines gemeinen, niedrigen, zu allen tierischen Untaten geneigten Menschen, wie der des Shylock. Was hat Shylock begangen, daß er von Christen und Juden in allen Weltteilen gleich gehaßt wird'? Er will dem Vertrage gemäß das Pfund Fleisch von Antonios Leib. Er will Rache nehmen, und er — der Geldjude — verzichtet sogar auf das Geld zugunsten des von ihm zu begehenden Racheaktes. Ist Rache unmenschlich, unjüdisch? Und will Shylock das Pfund Fleisch, weil er so brutal und herzlos ist? Shylock spricht: „Er hat mich beschimpft, mir eine halbeMillion gehindert, meinenVerlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volkgeschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Wenn Ihr uns stecht, blutenwir nicht; wennJhr uns kitzelt, lachen wir nicht; wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und, wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht, rächen? Sind wir Euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir rs Euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rach-e. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seineGednld seinnach christlichem Vorbilde? Nün, Rache. Die Bosheit, die er mich lehrt, die will ich a u s f ü h r e n." Zweite Thesis: Der K a u f m a u u von Venedig, als Einheit betrachtet, ist keine Komödie, sondern eine düstere Tragödie, die Tragödie des Juden. Shylock ist der einzige Idealist in dieser Gesellschaft venetianischer Schurken, er ist der wahre tragische Held. Und warum? Den vielgescholtenen Geldjuden Shylock kann man mitGeld nicht abkaufen,dieEhre seiner Person und seines Volkes sind ihm mehr als Geld. Und erschlägt die ihm angebotene zehnfache Summe des Darlehens ab, um sich Genugtuung für sein b eleidigtes Herz zu verschaffen. Shakespeare wäre ein Antisemit und Shylock ein gottloser Wucherer, wenn er für Geld die Ehre seines Volkes und seiner Person verkauft hätte, wenn er des Geldes wegen aus Genugtuung für Schmähungen urch Verunglimpsungen verzichtet hätte. Wir bewundern in Dramen und Romanen die Helden, die, unter Verzicht auf große irdische Güter, großen menschlichen Leidenschaften nachgehen, wir nennen sie stark, heroisch, gewaltig. Ist nicht bei. Shylock der gleiche Fall? Was konnte dem mittelalterlichen Juden, der von der menschlichen Gesellschaft ausgestoßcn war und nur durch den Besitz des Geldes seine nackte Existenz sichern konnte, mehr sein als Geld? Und doch verzichtet er auf dieses für ihn höchste Gut, um sich für die Beleidigung seines Volkes und seiner Person Genugtuung zu verschaffen und an seinen Feinden zu rächen. Würde uns Shakespeare einen ähnlichen Zngvoncinem französischen Ritter erzählen, der nicht von der Gese-llschaft ausgestoßen ist und dem das Geld nicht das Höchste sein muß, wir, d. h. Ihr würdet ihn alle als Helden, als Heros feiern. Tut so etwas ein Jude, dann nennt Ihr ihn Schuft und Auswurs der Menschheit. Hat nicht auch ein Jude ein Recht auf Ehre und Satisfaktion? Shakespeare hat mit seinem Shylock dicse'Frage bejaht. Shylock ist das mißverstandenste Werk Shakespeares, denn mit ihm hat er demonstrieren wollen, daß auch im mittelalterlichenJuden,imParia, große menschliche Leidenschaften leben, daß auch dieser „Ehrlose" Sinn für Ehre hat und daß er imstande ist, auf alles zu verzichten, sogar aus S fi