Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. AranHurier KsraelitisDs Familienblakt. Seite 3. 'Arzt Abrahan'i, der die Gesellschaft verwundert betrachtete. „Ich dachte, Ihr hättet schon längst gespeist!" Der Hausherr rief aufgeräumt: „Nein, wir haben auf Dich gewartet, sehe Dich." „Ich habe bereits längst gegessen, aber ich will kein Spielverderber sein." Um die Tischordnung nicht zu störe», setzte er sich an das untere Ende der Tafel neben Esther, die ihm flink ein Gedeck auflegte. Der junge Arzt war ernster, als sonst. Nach dem Tischgebet begann er: „Ihr lieben Freunde, eine gute Nachricht kommt selten allein. Auch ich habe Euch freudiges zu berichten. Heute ging mir Botschaft von "meiner Mutter zu. Mein Feind, der sich in eine Verschwörung gegen den Chalifen eingelassen hatte, wurde gerichtet und enthauptet. Jetzt steht meiner Rückkehr in mein schönes Vaterland nichtsmehr im Wege." Einen Augenblick war es still, dann ertönten Freudenrufe. Wer als Abraham zufällig seineil Blick ans seine Nachbarin fallen liest, da sah er, daß sie tief erblaßt war und sich ihre Augen langsam mit Tränen füllten. Er fragte leise: „Base, was habt Ihr?" Sie antwortete nicht, sondern eilte ansdem Zimmer. De» jungen Mann aber dnrchströmte ein Glücksgefiihl. „Sollte sie Iveinen, weil ich vom Scheide» sprach?" Sie kam wieder, gelassen wie zuvor und beteiligte sich ruhig all der Unterhaltung. Nur die geröteten Augen zeugteil von den vergossenen Tränen. Aber Abraham war jetzt mutig. Er flüsterte ihr leise zu: „Esther ich must Euch allein sprechen." Sie wollte in ihrer Verwirrung ihm ausweichen. Er sah sic vorwurfsvoll an: „Base, fürchtet Ihr mich?" Sie sagte leise: „In einer halben Stunde, wenn meine Eltern ruhen, bin ich allein und crlvarte Euch." Zur bestimmten Zeit ivar der Arzt da. „Esther, weshalb habt Ihr vorhin geweint?" „Es war etwas in's Auge geflogen." - „Base sagt die Wahrheit, kaincn Euch die Tränen, weil ich von meiner Abreise sprach?" Sie blickte den beharrlichen Frager an, und ihre Augen füllten sich auf's Neue mit Tränen. Sie schlug die Hände vor's Gesicht und schluchzte: „Weshalb fragt Ihr mich, warum quält Ihr mich so?" Er zog ihr die Hände sanft herunter und erwiderte: „Weil ich Dich liebe, Esther, weil ich nur dann fortgehe, wenn Du mich nicht wiederliebst." Sie weinte stärker Erfragte zärtlich: „Soll ich fortgehn?" Sic sagte kaum vernehmbar: „Bleibe." Wer er verstand es doch. Mit einem Jubelruf zog er sie in seine Arme und an seinem Herzen flüsterte sie: „Ich folge Dir, wohin Du willst." Das liebende Paar wurde jäh unterbrochen Eine laute, sehr verwunderte Stimme fragte: „Nun was ist das, ist das eine ärztliche Untersuchung?" Es war Bär, der zu unruhig gewesen war, um einen längeren Mittagsschlaf zu halten,. und nun, von den Liebenden unbemerkt, die Treppe heruntergekommen war. Esther flog auf ihren Vater zu. „Vater, Abraham liebt mich." „Und Du liebst rhu nicht. Dir gefallen Deine Haare zu .gut, Du Heiratest nicht." Abraham faßte seine Hand. „Oheim, gib sie .mir. Ich werde Dein Kind glücklich machen, so lveit ein Mensch dies vermag." Bär sah auf seine Tochter, die, an Abraham geschmiegt, mit gefalteten Händen da stand, und dann wandte er sich an Wrahanr: „Und Du willst mein Kind mit nach Spanien nehmen, in ein fremdes Land, Du willst sie von ihrer Heimat, ihren Eltern und Verwandten fortführen für alle Zeit? Kannst Du ihr die Heimat ersetzen?" Der junge Mann sagte mit tiefem Ernst: „Oheini, ich habe meinen Beruf nunmehr in Köln gefunden und will die Stätte meines Wirkens nicht verlassen, ich bleibe hier, anders Ihr nicht niit mir ziehen wollt. Aber glaube mir, bei uns, bei den Mauren ist es besser, da sirst> wir Mensche» und im Besitze der Menschenrechte. Luft und Erde sind dort für alle gleich, die Juden sind nicht in enge Gassen eingepfercht. Hier bei Euch ist es schlimmer, als in einem Käfig voll wilder Tiere. Die Menschen sind ini Käfig und draußen, vor dem Gitter lauern die Bestien, die Euch verschlingen wollen. Eure Menschenwürde wird hier stündlich mit Füßen getreten. Ich bitte Dich, folgt mir alle in mein Vaterland." Bär erwiderte in tiefem Schmerz. „Wraham, ich weiß, Du hast tausendmal recht,' — und doch kann ich Dir nicht folgen. Hier ist unser Vaterland, das wir lieben, wenn man es uns auch mißgönnt. Hier sind die Gräber unserer Eltern, hier liegendie Gebeine unserer Märtyrer, hier wohnt Mein Volk. Einen alten Bäum kann man nicht verpflanzen, wenn auch das Erdreich dürr ist, in dem er groß geworden. Aber nimm mein Kind mit Dir in Deine glücklichere Heimat, ich gönne ihr die Sonne im heiteren Hispanien." „Nein Oheim, 'wir bleiben hier. Aber lvcnn der Druck noch schlimmer wird, wenn die Vorboten nahen, die "uns kommendes Verderben künden, dann kehre ich .mit meinem Weib nach Granada zurück und Du, Oheim kvirst mir mit Deiner Familie folgen und bei uns, wie unser Ahne, ein neues Vaterland finden." „Abraham, den Tag möchte ich nicht mehr erleben; aber wenn er hcrannaht, werde ich nicht zögern. Dir zu folgen. Gott ist überall!" Der starke Mann, der die letzten Worte >uit zitternder Stimme gesprochen hatte, öffnete weit seine Arme und drückte seine beiden Kinder fest an die Brust, N a ch w o r t. Es ist ein zloeckloses Unterfangen, in einem verlassenen Steinbrnch, in tauber Halde nach lauterem Golde zu schürfen. Aber es ist ein gleich trostloses Mühen, in de» Geschichtsbüchern des Mittelalters eine, wenn auch ganz kurze Epoche nach den Krcuzzügcn zu suchen, da die Inden ohne Verfolgungen, ohne Erniedrigung in Frieden mit ihren Mitbürgern leben durften. Ihnen wurde so wenig Ruhe gegönnt, wie dem Wild ini Forst, Es bedurfte nur der Aufreizung deS Pöbels durch wenige Einzelne, daun endigte die Schonzeit. Das fröhliche Halali, das „Hep Hep" ertönte, und die Mort tust feierte ihre Orgien, alles zu Christi größerer Ehre. In dem Wunsche, ein Idyll aus dem bürgerlichen Leben unserer Ahnen zu schreiben, forschten wir in den Chroniken emsig nach einer Zeit von nur wenigen Dezennien, da die Inden, der Sorgen bar, in einem größeren bürgerlichen Gemeinwesen atmeten. Wir wollten nichts von Blut und Schändung, nichts voil der lodernden Brandfackel erzählen; lvcnn man aber der Wahrheit die Ehre geben will, muh man die Feder entmutigt nicdcrlcgcn. Sollten wir deshalb verzichten, die Gestalten zu beleben, die uns in unseren Träumen begrüßen, die vor Jahrhunderten geliebt und gehaßt haben? Nein, der Dichter ist kein getreuer Geschichtsschreiber, er darf die trübe Wirklichkeit verklären. Er ist an keine Zeit, an keinen Raum gebunden.. Die durch Menschenalter getrennt auf der Erde getvandelt haben, lverden belebt, und der funkelnde Strom der Phantasie führt sie gleichzeitig aus der Gruft an die Sonne. Ich grüße Dich, ehrwürdiger Rabbi Mordcchai, Dich, Du kluger und schalkisch froher Bär Kuchenheim mit der holden Mädchenblüte, Deiner Tochter Esther! Die Welgeschichte! Es gibt nichts Neues unter der Sonne; was ivar, kehrt lvieder. Die Menschheit ist nicht besser, sondern nur geschickter geworden. Die bösen Instinkte sind in Banden gehalten durch die Kultur, bis sie jäh diese Fessel sprengen. Wiederholen sich die .Greuel des Mittelalters nicht täglich in den barbarischen Reichen des Ostens? Leben dort nicht die Flagellanten heute noch, die zur Zeit des schwarzen Todes allein im Erzbistum Köln vierundvierzig jüdische Gemeinden durch Feuer und Schwert vernichtet haben? Die Voraussagungen' der Propheten, daß das jüdische Volk zerstreut werde und unter den Nationen zu leiden habe, sind 'in Erfüllung gegangen. Die Prophezeiung, daß dereinst unsere Qualen ein Ende haben und der Allinächtige fein Volk wieder um sein Heiligtum sammeln werde, wird sich ebenfalls erfüllen. Gott hält treulich feine Zusage Jenen, die in der Erde schlummern. Ende. Die neue Melodie.*) (Leiden eines Nervösen.) Bon Schalaum Weichem. Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Ist Ihnen diese Melodie bekannt? — Sie kennen sie sicher. Mmr hört sie überall. Bei uns aber mehr wie bei Ihnen. Sie ist ein Motiv der Zeit, ein Saisongesang. Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Lebt nicht in dieser Melodie der Geist unserer Zeit? Sagt sie nicht alles, was bei uns vorgeht? Drücken die Worte dieses Liedes nicht die ganze *) Scholauin Rabinowitsch, bekannt unter seinem Schriftstellernamen „Scholaum Aleichem",' feierte jüngst sein 25jähriges Schriftstellerjubiläum. Scholaum Aleichem ist der Liebling unserer Brüder im Osten, — und mit Recht, denn sein goldener Humor erhellt ihr gedrücktes Dasein. In der volkstümlichen Humoristik, besonders in seinen kleinen Skizzen und seinen Monologen, kann sichkein zweiter ihm zur Seite stellen. Eine Probe seines Könnens geben wir hier, aus der vortrefflichen Newyorker Jargon- Monatsschrift „Die -jüdische Zukunst" übersetzt,' wie- Leere, Trostlosigkeit und den Unmut unseres inhaltlosen Lebens ans? Wenn Sie das Lied zum ersten Male hören, scheint es Ihnen, daß Sie es schon irgendwo gehört haben. Dies kommt nicht nur bei Liedern vor; oft hat "man beim Anblick eines Menschen die gleiche Empfindung. Wenn Sie sich auf der Gasse befinden, oder im Eiscnbahnzuge fahren und einen Menschen treffen, so fragen Sie sich oft: Wo habe ich diesen Menschen schon gesehen? Genau so verhält es sich mit einem Gedanken, ober einem Einfall. Wenn Sie ihn zum ersten Male vernehmen, so bohrt in Ihrem Gehirne die Frage herum: „Wo habe ich ihn schon gefunden?" Zum ersten Male hörte ich die Melodie, als ich jüngst von einer weiten. Reise nach Hause zurückkehrte. Ich hatte die Welt bereist. Die Aerzte verordneten mir das Reisen. Ich weiß. Sie lächeln darüber. Sie denken wohl, der Mensch muß nervös, muß überspannt sein. Ich aber sage: „Ein Mensch, der sich selbst flieht, welcher begreift, daß er vor sich flüchten muß — ist nicht überspannt/' Ich mußte vor mir selbst fliehen. Es war vor drei Jahren nach - den „Oktobertagen". Sie sehen wohl ein, daß ich vor mir flüchten mußte. Ich konnte es nicht länger aushalten — ich ging vor mir durch. Dann kam ich nach Hause zurück und fand meine Heimatstadt, mein Haus, meine Frau und meine Kinder, meine Freunde und meine Feinde —■ genau wie ich sie verlassen, genau so, nur ein neues Lied fand ich, eine sonderbare Melodie: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Ich hatte mich noch nicht recht von der Reise erholt, noch nicht den Staub von den Füßen geschüttelt, noch nicht recht Weib und Kinder angesehen (ich habe eine Frau und zwei Kinder); da sagt mir meine Frau: „Mein Lieber! Kleide Dich um, wir wollen heut' ins Tivoli." „Was werden wir denn dort machen?" ,^8-ir werden die neue Sängerin hören. Sie singt „Chawe!" Und Frau und Tochter beginnen plötzlich: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! „Falsch," sagt mein Sohn und singt dieselbe Melodie mit seiner Baritonstimme: Chaloe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Mein Sohn hat eine hellklingende, glockenreine Baritonstinnne bekommen, den Bart hat er sich ä la Merzwinski wachseil lassen und sich wie eine Brmlt herausgeputzt. Er sieht komisch mls. Eine große Veränderung ist mit ihm vorsichgegangen. Als ich die Reise angetrcten, ließ ich ihn in der rechten Arbeit, im rechten „Kampf" zurück. Nie hörte ich damals aus seinem Munde das Wort „Ich". Er sagte nur, „wir gehen", „wir wollen", „wir sind", „wir werden". Und heute! Welche Umwandlung, man hört nicht mehr „wir", sondern „ich". „Ich gehe", „ich werde", „ich bin", „ich will". „Was ist denn geschehen?" fragte ich ihn und erhalte die kurze Antwort: „Die Welt — die bin ich." „Nun und was bist Du?" wende ich mich zu nieiner Tochter. Sie ist in die Höhe geschossen, geputzt und sieht blühend ans. Ich betrachte sie mit inniger Freude. Doch gibt sie keine Antwort und wendet sich zur Mutter mit bittender Geberde: „Mama, wir werden zu spät kommen." „Was ist mit unseren Kindern geschehen?" frage ich meine Frau auf dem Wege in das „Tivoli- Theater". „Sie sind doch sehr brav," antwortete meine Frau, „was findest Du denn an ihnen auszusetzen?" „Nichts," sage ich, „nichts," aber ich möchte gerne erfahren, wohin „die Arbeit", „der Kamps", die hohen Ideale verschwunden sind." „Ach! Ideale!" sagt meine Frau; „der Mensch will leben, leben! . . . Sputen wir uns, die Vorstellung hat wahrscheinlich begonnen." Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Wir laufen, wir fliegen, um ins Tivoli, zu gelangen. Ist es Traunl oder Wahrheit? Das Theater ist voll. Tausende Bekannte, alle zufrieden, lustig, geputzt, als ob's ein Fest, eine Hochzeitsseier gäbe; einer begrüßt den andern mit einem süßen Lächeln auf den Lippen, mit jenem süßen Lächeln, das falsch, gezwungen und konventionell ist. Ich betrachte die zufriedenen, lebhaften, heiteren Gesichter, und ich traue meinen Angen nicht — ist dies alles ein Traum? Sind das dieselben Menschen, die mit mir zusammen jene schrecklichen Oktoberpogrome durchgemacht haben, die in Kellern, Ställen und auf Dachböden ängstlich zusammengekauert den Atem anhielten? Haben sie sich nicht in Angst und Qual vor denjenigen geduckt, die über ihren Häuptern die schweren eisernen der, eine Probe, die ihn diesmal als ernsten Beobachter zeigt: der Galgenhumor der Verzweiflung» den das gegenwärtige Rußland beherrscht, hat hier durch ihn einen trefflichen Zeichner gefunden. Scholaum Weichem liegt krank darnieder; die Not des Lebens hat ihn niedergestreckt. Möchte doch das jüdische Volk bei diesem Schriftsteller den Borwurf, daß es seine Schriftsteller darben läßt, von sich nehmen, damit er noch weitere Jahrzehnte Sonnenstrahlen in enge Judengassen bringe. D. Redakt.