Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. meisten gefördert wird, will — das fei einmal offen ausgesprochen — den Untergang des Judentums. Die Presse, hinter der Christen stehen, fiat bett Bestrebungen, dem jüdischen Bolle im Lande seiner Väter als treue Bürger des türkischen Reiches eine Zukunft zu erbauen, durchweg Anerkennung gezollt; einzig von einer gewissen liberalen Presse her kamen vergiftete Pfeile geschossen. Aus aller Weit. Deutsches Reich. Berlin. In seinem letzten Berichtsjahre nahm das Krankenhaus der jüd. Gemeinde 1753 Patienten auf, von denen 893 als geheilt, 461 als gebessert und 91 als ungeheilt entlassen wurden und 191 starben. Die durchschnittliche Pflege- Lauer betrug 30 Tage; zirka 43 Prozent der Kranken wurden unentgeltlich behandelt. Das Vermögen des Krankenhauses beträgt 2 268 000 Jt. Berlin. Unter den 4050 Personen, deren Leichen 1908 im Deutschen Reiche eingeäschert wurden, befanden sich 183 Juden. Stratzburg. In der Zeit von 1900-1907 wurden hier 252 rein jüdische und 74 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. 8mS. BiS zur Eröffnung der Saison wird die hiesige Synagoge renoviert sein und sich so den Badegästen in schmuckerem Gewände zeigen. Oesterreich-llngaru. Prag. In Anwesenheit der Behörden wurde Sonntag der Neubau des jüdischen Rathauses keiner Bestimmung übergeben. Dr. Ludwig Sen» diener, Vizepräsident der Israel. Kultusgemeindc, hielt die Festrede, in der er u. a. einen Ueberblick über die Geschichte der Gemeinde gab. Wir entnehmen diesem Teil der Rede: Nachweisbar bestand bereits um das Jahr 1000 eine jüd. Gemeinde in Prag. 1290 wurden tausende Juden infolge Beschuldigung der Hostienschändung niedergemetzelt; aus gleicher Beschuldigung fand 1380 eine Niedermetzelung statt. 1551 ordnete Kaiser Ferdinand I. ein gelbes Rädchen in den Gewändern der Juden an, und 1630 verfügte Kaiser Ferdinand IL, daß sie die Kirche zum Anhören christlicher Predigten besuchen müssen. Für ihre Tapferkeit bei der Schwedenbelagerung erhielten die Juden vom Kaiser das Recht, ihr Rathaus mit Turm und Ahr zu versehen und ihre Aeltesten durch eine Glocke zusammenzurusen. 1744 wurden die Juden aus Prag vertrieben, kehrten aber nach einigen Jahren wieder zurück. Der gelbe Fleck an den Gewändern wurde erst 1782 aufgehoben. Nach Dr. Bendiener sprach Oberrabbiner Dr. Rat Han Ehrenfeld. ' Die Art und Weise, wie der Bau zustande kam, sei bezeichnend für den Geist, der in der Gemeinde herrscht. Das Me Rathaus, das durch drei Jahrhunderte als Mittelpunkt in den wechselvollen Geschicken der Gemeinde dastand, ist pietätvoll geschont worden; es wurde ihm.nur ein den Anforderungen der Neuzeit entsprechender Zubau angefügt. Tatsächlich seien ja in der Gemeinde nie umstürzlerische Gedanken laut geworden, stets habe sie das Althergebrachte geehrt und geschont. Prag. Ein hiesiger, bisher durch seine Unbekanntheit glänzender jüdischer Geschäftsmann mit Namen Perutz. hat sich ein nettes Stücklein geleistet. <£r hat nämlich als begeisterter Germane mosaische» Glaubens eine Rechnung der tschechischen Prager Stadtgemeinde demonstrativ zurück gewiesen, weil diese Rechnung in tschechischer Sprache abgefaßt war und hat diese seine Heldentat in allen deutschen Blättern ausposaunen lassen. - Die Rechnung dieser Rechnung hat natürlich wieder einmal die jüdische Gesamtheit zu tragen; hunderte jüdischer Geschäftsleute werden es seitens ihrer tschechischen Kundschaft büßen müssen, was einer von ihnen verbrochen hat. Meran. Die fereruche Einweihung des Neubaus des Genesungsheims für mittellose Jjraeliten hat nunmehr stattgefunden. Das mit Men Errungenschaften der Neuzeit ausgestattete Haus enthält Raum für etwa 80 Erholungsbedürftige, die Kr den geringen Preis von 80 Kronen monatlich Verpflegung, ärztliche Behandlung, Arzneien, Beheizung und Beleuchtung erhalten. Rutzlimd. Radowisel. In der Röhe des Städtchens Makaroff hat sich, vorigen Mittwoch eine scheußliche Tat abgespielt. .Makaroff, einstmaliger Sitz des berühmten ^Zadiks" aus Makaroff, liegt 25 Werst entfernt von der Station „Brodjoucka" der Kiew- Kowler Bahn. Die Fuhrwerke bringen ihre Passagiere aus Makaroff zur Bahn zum Morgenzuge, und allabendlich um 11 Uhr wird abgefahren. Die Kutscher sind sämtlich Juden, „Balagole" genannt, die ärmsten und elendsten Geschöpfe unserer Glaubensbrüder. Auch am vorigen Mittwoch sammelte ein „Balagole" seine Passagiere für den Morgenzug; es waren fünf, darunter der reichste Jehudi von Makaroff, Herr Scholem Wiewes. — Sie fuhren in die Nacht, bis sie in (dem nahe der Bahnstation gelegenen Gehölz, wo man schon den Pfiff der Lokomotive vernehmen kann, von meuchlerischen Händen ermordet wurden. Der Wagen wurde später umgekippt, über den Leichnamen liegend angetroffen und die Pferde an einen Pfahl angebunden. — Eine beträchtliche Auswanderung junger Mädchen, sogar solcher, die das Gymnasium absolviert haben, nach den Vereinigten Staate» und Argentinien macht sich bemerkbar. Aus der Station Shitomir kann man beim Abgang des Zuges um ll1/» Uhr fast tagtäglich erschütternde Szenen sich abspielen sehen. Junge Mädchen .weinen an den Hälsen ihrer Eltern und Geschwister bittere Tränen; sie nehmen meist für immer Abschied von ihren Lieben, und reisen in die Fremde, weil ihnen hier in Rußland alle Wege zur Errichtung einer Existenz hermetisch verschlossen.sind. Die Eltern sind arm, haben alles verkauft, damit ihr Kind, ein Gymnasium beendigen soll, und jetzt haben sie keine andere Hilfe, als es fortzuschicken. .Wir leben hier wirklich in einer unbeschreiblichen Armut, von der ein Mensch aus dem Westen einfach keinen Begriff hat. — Gewöhnlich sind die Einladungen aus Amerika wiederholte, Gott weiß unter welchen Umständen und Einflüssen geschriebene Aufforderungen von Seiten früher ausgewanderter, meist -bereits in die Klauen von nichtsnutzigen Leuten sich befindenden Bekannter oder Verwandter, welche die Daheimgebliebenen mit allen Lockungen als: leichte und lohnende Arbeit, besseres Leben usw. zu bestechen und zum Auswandern zu bereden suchen. Wenn man fragt: Warum tuen sie das? erhält man die schlichte Antwort: Die Not gibt den Ausschlag. — In der Tat sieht es aber hier miserabel aus. Schreiber dieser Zeilen, ein armer kranker Lehrer, hat eine Tochter, die das kaiserliche Gymnasium mit Medaille absolviert hat. Alles was er hatte und am Körper absparen konnte, wendete er auf, damit seine Tochter das Diplom erreiche. Nun aber, was tut man jetzt? Alle Pforten zur Weiterbildung sind zu, in Kieff darf ein Jude oder Jüdin sich nicht immatrikulieren; ins Ausland zu senden, fehlt das Geld, und so finden die Menschen keinen anderen Rat für ihre Töchter, als sie in die Welt aufs Geratewohl zu schicken. Lehrer I. I. Braun. Amerika. Ncw-Nork. Unter der Bedingung, daß das „Mount Sinai Hospital", das „Jüd. Waisenheim der City von Newyork", das „Montefiore-Hcim für dauernde Invalide und Landes-Sanatorium für Lungenleidende", die „Erziehungs-Allianz", das „Heim für alte und schwache Juden Newyorks" und die „Bereinigten Jüd. Wohltätigkeitsgesellschaften" sich innerhalb eines Jahres zu einer Foederation zusammenschließen, die die systematische Sammlung und Verteilung aus dem Gebiete der jüd. Wohltätigkeitspflege Newyorks besorgt, hat der jüngst verstorbene Louis Heinsheim er diesen Institutionen eine Million Dollars vermacht. — Heinsheimcr war Mitglied der bekannten Bankfirma Kuhn, Loeb u. Co. und Schatzmeister der Vereinigten Jüd. Wohltätigkeitsgesellschaften. Palästina. Jaffa. Der Kindergarten des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der unter der Direktion der Frau Epstein steht, hatte dieser Tage . hohen Besuch. Der Kaimakam (stellvertretender Gouveneur) besichtigte ihn, sprach sich sehr anerkennend über das Gesehene aus und gab sogar dem Wunsche Ausdruck, seine eigenen Kinder dem Kindergarten des Hilfsvereins anvertrauen zu dürfen, einem Wunsch, dem die Direktion natürlich gern entsprach. Die Haltung des neuen Kaimakams den Juden gegenüber sticht wohltuend ab gegen die seines Vorgängers, unter dem sich vor etwa Jahresfrist die aussehenerregenden Ueberfälle auf die Jaffaer Juden ereigneten. Marokko. Aus Marrakesch, 11. Januar schreibt der dortige Vertreter der Alliance, Herr S. Falcon. über einen Fall marokkanischer Justiz: „Am vorigen Donnerstag hielt sich ein' armer jüdischer Hausierer in der Kasbah auf. Gerade applizierten Soldaten einem jungen Sklaven des Pascha Hussein, Bruders von Glaui^der beschuldigt Str. 5 war, feinem Herrn einen Ring gestohlen zu haben, die Bastonnade. Plötzlich bat der Neger, daß man die Züchtigung einstelle. Er zeigte mit dem Finger auf den unglücklichen Juden und sagte: „Diesem Juden habe ich den Ring für 5 Pesetas verkauft." Ohne jede Art prozessualen Verfahrens wurde der Jude an Stelle des Sklaven gebracht. Man gab ihm fast 800 Stockschläge; so mißhandelt steckte man ihn ins Gefängnis und legte ihn in Ketten. Sobald ich von dem Vorkommnis gehört hatte, begab ich Mich zum Großwesir. Er war im Begriff, sich zum Gebet zu begeben und bat mich deshalb, anderen Tags wiederzukehren. Ich ließ ihn wissen, daß es sich um „einen dringlichen Fall handele und und baß ich ihn bäte, mich aus der Stelle zu empfangen. Ich wurde vorgelassen und setzte dem Minister die Ursache meines Kommens auseinander. Entrüstet schickte er feinen Caid zu seinem Bruder, um ihn wissen zu lassen, wie sehr seine Art, Justiz zu üben, ihm mißfalle und ihm sofortige'Freilassung des Juden anzubesehlen. — Eine Stunde später war der Unglückliche bei mir, sich für meine Intervention zu bedanken." 0 MMon. © Eine versunkene Welt. Roman von Jakob Levy. (Schluß.) 15. Kapitel. Eines Freitags Nachmittags ging Bär Kuchenheim mit lebhaftem Schritte ins Beth - Hamidrasch zum Rabbiner. „Rabbi es ist spät. Wollet die jungen Leute entlassen und mich anhören." Der Rabbiner sah die leuchtenden Augen und das aufgeregte Wesen des sonst so gelassenen Mannes und schickte die Schüler fort. „Reb Bär, was habt Ihr mir mitzuteilen?" „Rabbi, es ist mir gelungen. Die Stadt hat -unsere Schutzfrist um zehn Jahre verlängert." „Gott sei Lob und Dank. Meine alten Augen brauchen nicht mehr zu schauen, daß die Gemeinde iu's Elend ziehen muß." „Aber die Bedingungen! Was haben wir jetzt zu frohnden und zinse»? Vielleicht das Doppelte der heutigen Abgaben! und woher dies alles nehmen?" „Auch dafür wird sich Rat finden. Die Juden sind an den Steuern noch niemals zu Grund gegangen, mögen sie den Einzelnen auch schwer treffen." „Rabbi, ich kann meines Sieges so recht nicht froh werden. Die tollsten Anschuldigungen mußte ich anhören, — und wenn ich hier eine Lüge vernichtet, hob. sie anderwärts wieder ihr Haupt." Der Rabbiner legte ihm die Hand auf den Arm. „Bär seid nicht kleinmütig, freut Euch des Erfolges, den Ihr errungen. Kommendes Unheil kann man nicht abwenden; man braucht aber auch dessen Schatten nicht zu fürchten. Jetzt wollen'wir uns auf Schabbos. vorbereiten." Die Synagoge war überfüllt, wie immer am Sabbat. Gleich nach dem Minchahgebet erhob sich der Rabbiner und ging auf den Almemor. Tiefe Stille trat ein, die Gemeinde blickte erwartungsvoll auf den ehrwürdigen Greis. Er begann: „Andächtige Gemeinde. Die Stadt hat ihr Geleit auf fernere zehn Jahre verlängert. In ihrem mächtigen Schutz können wir weiter iu- Frieden leben und unserm Erwerb nachgehen. Danken wir dem Ewigen, gelobt sei Er, der seine väterliche Hand über uns hält und uns sichtbar beschirmt. Aber Dank schulden wir alle nach Gott Bär Kuchenheim, der allein die Verhandlungen mit der Stadt gepflogen hat, dem es gelungen ist, sie zu einem gedeihlichen Ende zu führen und uns die liebe Heimat zu erhalten. Durch sein Bemühen können wir ferner in Ruhe leben und unsere Kinder das Gesetz lehren. Ihm, der unser Beth- Hamidrasch erhalten hat, gebührt die höchste Würde, die wir zu vergeben haben. Morgen wird Bär Kuchenheim als Morenu Raw zur Thora anfg'erufen." Lautes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Während der Rabbiner die Stufen des Mmemor langsam herabschritt, wurde Bär, der mit leuchtenden Augen hochaufgerichtet dastand, von den Glückwünschenden umdrängt. Der Chasen wartete mit Rücksicht auf, die Sachlage einige Minuten, dann begann er mit lauter Stimme: „Auf, laßt uns dem Ewigen jauchzen!" — Sabbat Mittag wurde es spät, bis Bär sich zu Tisch setzen konnte, denn von Schluß des Gottesdienstes an drängten sich die Besucher in. seinem Hause. Und er hätte sich Ruhe gewünscht, denn heute speiste das junge Ehepaar bei ihm und seine Frau hatte jedenfalls etwas besonders Gutes in dem schwarzen Topf, den die Mügd vorhin aus dem Ofen geholt hatte. . - ■ ■ ' Zu später Stunde konnte man sich endlich zw Tisch setzen. Da erschien noch ein Nachzügler, der