Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-02-05 · Heft 5 (5.2.1909) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 5 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692619--04502-2699321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Gelte 4. Stäbe schwangen. Cha-cha! — Haben sie dies schon vergessen? Haben sie denn keine Erinnerungen? Und die Frauen? Die Damen? Wenn sie erst die Damen sehen würden! Diese Toiletten! Diese Parfüms! Und alle sind sie dekolletiert, halbnackt, und alles lebt, lacht, tollt, rauscht, ist in steter Bewegung, alles nach einem Takt, »ach einer neuen, sonderbaren und brünstigen Melodie! Still! — Da erscheint sic, auf welche so viele Augen schauen, der so viele Herzen entgegcnschlagen. Alles verstummt, alles Leben konzentriert sich auf die Bühne, wo eine Sängerin, wie man sie überall in jedem Gartenpavillon sehen kan», erscheint. Doch nein! Das ist keine gewöhnliche Sängerin, keine gewöhnliche Tänzerin — das ist eine Hexe, die die - ganze Stadt mit all ihren 'Bewohnern bezaubert hat. Bezaubert mit Hilfe einer Melodie, eines neues Liedes. Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! So begann die Hexe zu singen, und das ganze Publikum fiel mit ein! Alle: Damen, Herren, Studenten, Mädchen, Kinder und Greise — alle sangen mit. Die Sängerin aber, die Hexe, peitschte das Publikum auf, nicht so sehr mit ihrem Gesang als durch das Tanzen, nicht so sehr durch das Tanzen als durch die Bewegungen und das Augenzwinkern. Jeder Blick, jede Bewegung ruft Begeisterung, Ekstase hervor. Alles singt, lacht und freut sich. Ich aber betrachte diese Menschen und denke: ,4jeri des Himmels, träume ich? . . . Das ist ihnen von der ganzen Arbeit geblieben? . . . Das der Erfolg der Revolution — „Chawe"? . . . Ich betrachte meine Frau, meine Kinder; ich erkenne sie nicht mehr. Ich komme nach Hause, ich will fragen,, um Erklärung bitten, doch da singt mir schon als Antwort entgegen: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! ' Zu Hause: Chawe! Frühmorgens: Chawe! Auf der Gasse: Chawe! Beim Friseur: Chawe! Ich nehme einen Wagen, da pfeift der Kutscher am Bock: Chawe! Weg! rufe ich und schlage den Kutscher auf die Schultern; er wendet sich verdutzt zu mir und schaut mich wie einen Verrückten. an. Aufgeregt eile ich nach Hause. Ich läute, und/das Stubenmädchen öffnet die Tür, indem sie singt: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Ich halte mir die Ohren zu, ich renne ins Vorhaus, doch da schallt mir dieselbe Melodie entgegen. „Das ist unerträglich," sage ich zu meiner Frau und fasse mich an den Kopf. Sie schaut mich mitleidig an und sagt: „Du bist noch nicht vollständig gesund. Komm mft mir zu einem Arzt." Dann aber singt sie: „Chawe, oj-oj, oj-oj Chawe!" Wieder Chawe! „Gut," sage ich, „komm zum Arzt!" Der Arzt, ein alter Bekannter, nimmt mich ftcundlich auf, ladet mich zum Sitzen ein, bietet mir eine Zigarre an, fragt mich, wie mir die Reise bekommen, ob ich schon im Tivoli gewesen sei und ob ich schon die neue Sängerin gehört habe: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! So singt der Arzt, und meine Frau begleitet ihn und ahmt die Bewegungen der Sängerin nach. Mir aber steigt das Blut zum Kopfe, inein Herz bebt und meine Hände zittern. Das erste, was mir in die Augen springt, ist ein großer Leuchter, der auf dem Tische des Arztes .steht. Ich halte mich aber zurück, sitze ruhig da, glcichgiltig, wie wenn alles in schönster Ordnung wäre! Mir ist alles gleichgiltig! Doch was sage ich! Glcichgiltig? Es brennt in mir! Es glüht! Ich platze vor Wut! Ich halte mich aber zurück. Ich beobachtete, ich studiere, ich wlll wissen, was aus dem Menschen geworden ist? Woher diese Veränderung? Was bedeutet diese Melodie, diese neue Melodie, die überall auf der Gasse und zu Hanse zu jeder Zeit gcsmrgen wird? Sogar im Traume höre ich dieses Lied. Sogar jetzt, da ich neben Ihnen sitze und erzähle, kommt es mir vor, als ob mir jemand in die Ohren „Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! singen würde. Hören Sie nicht? Sprechsaal. (Ohue Berantworülchkett 8er Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir zu den interessanten Ausführungen des Herrn Dr. S a l k i n d in der vorwöchentlichen Nummer eine Bemerkung. — Herr Dr. Salkind hat die Bedeutung und das Lebenswerk des verstorbenen Chiefrabbi Dr. Adler ungerecht beurteilt. Dr. Adler genoß durch seinen Kommentar. „Nisino la-ger und seine anderen Schriften selbst bei den Lamdonim Osteuropas den Ruf eines hervorragenden jüdischen Gelehrten. Und tzurch die Organisation, die er geschaffen hat, haben wir es ihm zu danken, daß die Einheit der englischen Inden heit auf dem Boden des traditionellen Judentums gewahrt worden ist. Diese Wirkung der von ihm geschaffenen Organisation ist. so wichtig, daß die Mängel, die nun einmal einer jeden Organisatton anhaften, dadurch überschattet werden. Ergebenst Dr.—r. tjXvniijUncr Qwtrtttcttwiift. Kunst und Literatur. Chamisclio chumsche iöra im peruscli mecliokelie jehndo. Von Jude! Krinskt, Minsk, Rußland. Verlag des Verfassers. Preis Bereschis 1.70 Rubel. . Das neue Chumcsch, von dem vorläufig nur Bereschis vorliegt, ist seiner äußeren Ausstattung nach eine Prachtausgabe; die innere Einrichtung macht es zu einem eminent praktischen. Es enthält vor allen: neben dem überaus groß und deutlich gedruckte» Texte das Targunr Onkelos Raschi und Jbn Esra. Neu sind darin zwei Erläuterungen zum Jbn Esra unter dein Kollekttvnamcn „Mcchökckc jehudo" und der Quellennachweis zu Raschi „Mcköre Raschi", dir den Herausgeber 3t. Judcl Krinski zum Verfasser haben. Die beiden Erklärungen beabsichtigen, das Studiun: Jbn Esras zu erleichtern; .die bisher erschienenen Kommentare reichen — abgesehen davon, daß manche von ihnen sehr selten sind — nicht aus. R. Jubel Krinski hat seinen beiden Superkommentaren zu Jbn Esra alles, was von den bisherigen Erklärungen verwendbar schien, cinverlcibt und aus Eigenem recht viel Neues hinzugefügt und.hat damit eine vollständig ausreichende Erläuterung Jbn Esras geschaffen. Der eine seiner beiden Kommentare „jahel 6r" befaßt sich mit der knappen aufs notwendigste beschränkten Erläuterung, während der andere „tarne or" sich ausführlich mit Jbn Esras Erklärungen besaßt, Parallclstcllen dazu heranzieht, feststellt, ob evtl, von welchem der nanihaften Erklärer Jbn Esras Ansicht abweicht und welche Aufnahme sie bei späteren Erklärer» fand. Der Quellennachweis zu Raschi ist bedeutend um« fangreichcr als die gleiche Arbeit des bedeutendsten Meisters der Raschiforschnng, Prof. Berliners. Berliner beschränkt sich nämlich auf eine ganz knappe Angabe, aus welchem Midrasch z. B. Raschi seine Ansicht geschöpft habe, während Krinski die betreffende Stelle genau nach Paragraphen, Seiten usw. bezeichnet. Ferner ist der neue Quellennachweis auch nach der Richtung erweitert, daß auch parallele Stellen aus Midraschim, die Raschi nicht bekannt waren, und aus späteren azadischen Sammlungen darin verzeichnet erscheinen. R. Jubel Krinski hat sein Chumesch auch mit wertvollen wissenschaftlichen Beilagen versehen. Der vorliegende Teil wird eingelcitet durch eine auf der Höhe der Zeit stehende Biographie Abraham ibn Esras, ein sehr genaues Verzeichnis aller seiner Werke und endlich die Aufzählung aller von ihm zitierten Autoritäten und Autoren.' Dem 2. Bande will Krinski eine Raschibiographie und eine Whandlung über die drei Targunim beigeben. Wir sind überzeugt, daß das neue Chnn:esch sich recht viele Freunde erwerben wird. S. H. L. Prag. 3! a b b i I s r a e l,B a a l - s ch c m, der Stifter des Chassidismus, sein Leben und seine Lehre von Dr. I. Günzig, Rabbiner in Loschitz, Brünn 1908. Jüd. Buch- und Kunstverlag. Max Hickl. 8°. Preis: 2 Kronen. Eines der vielen Rätsel, die der Chassidismus den westlichen Juden zu lösen gibt, ist die Tatsache, daß die bedeutenden rabbinische» Zeitgenossen der Begründer des Chassidismus ihn mit aller Schärfe bekänrpften — man denke nur an R. Ezechiel Landau, an R. Elia Wilna —, während in den letzten 'Jahrzehnten eine ganze stattliche Zahl orthodoxer Rabbiner — speziell in Ungarn — bedenklich zum Chassidismus hinneigen. Weniger rätselhaft crfcheint es, wenn sich nicht gesetzestreue Juden vom romantischen Zauber des Chassidismus angezogen fühlen. Um die Wandlung im Verhältnisse von Geschestreuen und Chassidim zu verstehen, ist es notwendig, sich mit der chassidischei: Lehre und ihrer Geschichte eingehend zu beschäftigen, ::nd schon darum ist das Buch wärmstens zu begrüßen, das der in der jüd. Literatur bestbekannte gelehrte Rabb. Dr. Günzig diesem Gegenstände widmet. In ruhiger, objekttver Schilderung bietet er eine eingehende populäre Darstellung der wichtigsten chassidischei: Lehrsätze und einen Ueberblick über die Geschichte des Chassidismus von seinem Begründer Israel Baal Schem bis auf die neueste Zeit. Dr. Günzig deckt schonungslos die Blößen des Chassidismus auf, dessenungeachtet aber wird er manchmal — wie z. B. bei der Besprechung der chassidischen Sabbatverherrlichung — zum begeisterten Apologeten. Er weist nach, daß die ursprüngliche Befehdung der Chassidim seitens der anerkanntesten rabbinischen Autoritäten ihren Hauptgrund hatte in dem Kampfe der Chassidim gegen das ihrer Ansicht nach zu eifrig und ausschließlich betriebene Talmudstudium, daß die Chassidim später, allmählich diesen ihren Kampf aufgaben und sich so langsam wieder den gesehesttcuen Juden nähern, ohne darum die wertvollen Errungenschaften ihrer Lehre aufzngebcn. Das Buch ist anziehend geschrieben, für jedermann verständlich und darum durchaus empfehlenswert. S. H. L-, Prag. Der Jüdische Verlag in Köln hat soeben unter dein Titel „Bücher der jüdischen Renaiss a n c e" ein hübsch ausgestattctes, illusttiertes Büchlein erscheine» lassen, das eine uulfasscnbe Zn- Rr. S. sannnenstellung sämtlicher Werke der modern-jüdischen Literatur enthält und allen Interessenten ans Wunsch sowohl von der Verlagsbuchhandlung. wie auch von allen Sortimentsbnchhandlungen gratis und franko zugesandt wird. „R n t h, deutsches Gebet- und Erbauungsbuch für israelitische Mädchen, zur häuslichen Andacht und zum öffentlichen Gottesdienst, bearbeitet . und herausgegeben von I. Brandeis." Diese neue Ausgabe einer Techina, die schön ausgestattet und mit einem Lichtdruckbildc, der Wiedergabe der Ruth von Henry Rhland, versehen ist, eignet sich sehr zu einem Geschenkwerk für unsere weibliche Jugend. Die stimmungsvollen Festbetrachtungen und die häuslichen Gebete sind zur Veredlung des Gemütes und zur Erweckung des religiösen Bewußtseins wohl angebracht. Weniger geeignet erscheinen uns jedoch die Gebete für den öffentlichen Gottesdienst. Dazu sollte ein' jüdisches Mädchen unsere altehrwürdige Tesillo oder das Machsor beinchen. Beide sind zum besseren Verständnis mit deutscher Uebersetzung zu haben. Ganz die hebräische Sprache aber im Gebete auszuschalten und nur das deutsche Buch zur Hand zu nehmen, dazu darf man die Jugend nicht ermuntern. Die Owinu-Malkenus, das Sündcnbekeuntnis, die schönen Sabbat- und Festgebete u. s. w. müssen dem jüdischen Kinde in der Ursprache geläufig sein, das deutsche Andachtsbnch diene zur Erbauung für das Haus. Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. M. —— Gegen Gicht nnd Ehenmatismus bewährt. d i \/ i fr Wel F-Mund Wasser Der Menschheit Wohltäter. Rehorte-Flasche Mk.1.25 Überall erhältlich! Wocherr-Salender. (Zeitangaben nach dem Lasch.) Samstag, den 6. Februar (=15. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 55 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 20 Min. in Berlin 5 Uhr 45 Min. Der heutige Sabbat führt den Namen „Schabbos - Schiro", weil an ihm der Abschnitt „Be schal ach" verlesen wird, welche das „Meereslied" (Schiro) enthält. Der Wochenabschnitt erzählt von den: eigentlichen Erlösungsakt. Pharao hatte Reue, Israel eutlasfe» zu haben, und er jagte ihnen nach. Durch Versprechungen überredete er sein Volk, ihm zu folgen. Auf Uniwcgen hatte Gott sein Volk ans Schilfmecr geleitet. Sie sahen nun Pharao hinter sich heraneilen, vor ihnen war das Meer. Verzweiflung ergreift sie, weil kein Ausweg sichtbar. Vorwürfe gegen Moses, der Wunsch, nach Egypten zurückzukehren, wird laut. Moses beruhigt sic; Gott verkündet den nahen Untergang Mizrajims und ermuntert zum Wciterziehen. Die Wolkensäulc tritt zwischen Israel und die Egypter und deckt Israel im Rücken. Moses hebt feinen Stab über das Meer. Durch einen starken Ostwind teilt es sich während der Nacht in zwei Hälften. Rechts nnd links stand das Wasser gleich einer Mauer. Israel zieht trockenen Fußes hindurch, die Egypter nach. Das Meer fließt jedoch wieder zusamnren, — und bic- Eghpter ertrinken. Moses singt mit den Männern das herrliche Meereslied, Mirjam mit den Frauen. — In Mara erhält das Volk bittere Wasser; cs murrt. Auf Gottes Geheiß wirft Moses ein Holz hinein. Das Wasser wird süß. Das Volk erhält in Mara einige Gesetze. (Nach der Tradition das Gebot des Sabbats und der roten Kuh.) — Elim ist eine Oase mit 12 Wafserquellen und 70 Dattelpalmen. Auf dem weiteren Wege murrt das Volk wieder, spricht von den Fleischtöpfen Egyptens. Gott sendet als Fleischspeise Wachteln, als Brot das sogen. „Manna." Es fiel täglich, sah weis; aus, schmeckte wie Honigkuchen, wurde in Gefäßen eingesammelt, ein Omermaß für jede Person. Keiner sollte über Nacht davon anfbewahren. An: Sabbat fiel nichts, am Freitag dafür doppelt. 40 Jahren aßen sie die Himmelsspeise. Lehren hieraus: a) Gottvertrauen, täglich mit leeren Gefäßen dastehen, nichts über Nacht aufheben. d) Heiligkeit des Sabbats. Am siebten Tage fiel nichts, c) Habgier nützt nichts. Beim Messen hatte jeder das gleiche Quantum. — In.Repfidim murrt das Volk wegen Wassermangels. Auf Gottes Befehl schlägt Moses einen Felsen. Es kommt genügend Wasser hervor für die Gemeinde nnd ihr Vieh. — Dort erscheint auch Amalek, der erste Feind nach dem Auszug aus Egypten. Josua schlägt ihn. Moses ist währenddessen auf einem Berge,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.