Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrerrtkfrrrter Bfriirlilifdirs fauiilif«lilatt. i -- Diese Zerrung erscheint wöchentlich. AdonnementSpreis pro Vierteljahr: In Frankfun a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mt. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mt. 1,50, sonstige Länder Mt. 2.— <.... > -- ,i H-daLtio« ««d Geschäftsstelle: SrsnKfurt a. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstra-e P-refo« 10507. Herausgeber: Sa lg ^eßs. . , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Berbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - ' 7. Jahrgaug. Freitag, de« 14. 8eii>vut »669 <L. Februar 190!)). Nr. 5. Inhalt des Hanptblattes. Artikel: Brief aus der Schweiz. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Die neue Melodie. — Sprechsaal. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Brief aus der Schweiz. 15 000 Juden wohnen in der Schweiz bei einer Eimvohnerzahl von 3t/» Millionen Seelen. Und trotz dieser verschwindend geringen jüdischen Bevölkerung existiert der moderne Antisemitismus bereits in unserer sonst so fortschrittlichen Alpenrepublik, — wenn auch die maßgebenden jüdischen Kreise ihn vornehm ignorieren. Wohl gab und gibt es Warner. In der sehr regsamen Züricher jüdischen Gemeinde wird von seriösen Mitgliedern das Problem der politischen Betätigung seit längerer Zeit eingehend besprochen. Die Weitestblickenden erkennen die Notwendigkeit, daß die Beteiligung an dem politischcn Leben das einzige Mittel ist, um sich bei Zeiten gegen den anwachsenden Antisemitismus zur Wehr zu setzen. Und wahrlich: was steht dem im Wege, daß die stimmfähigen Juden sich zusammenschließen, eine Vertretung zunächst in dem Stadt- und Kantonsrat erstreben, cvent. einer Partei beitreten, die uns Juden, weil wir ernstlich anftreten und vorwärts kommen wollen, schätzen und nützen wird? Doch die Alten schütteln die Köpfe: Wieviel stimmfähige Juden haben wir denn? In Zürich und in Basel vielleicht 1000. Wie lange sind wir Schweizer? Die meisten erst ein paar Jahre. Nur ein verschwindender Bruchteil schon von Geburt und Erziehung. Können wir uns mit Deutschland vergleichen? Dort haben die Juden in großer Anzahl seit Jahrhunderten gesessen, seit einem Jahrhundert bereits das ganze vaterländische Leben mitgemacht, Freiheitskriege, Revolution, Begründung des Deutschen Reiches, überall waren Juden dabei, standen zum Teil an der Spitze der Gesetzgebung, der Wissenschaft, der Literatur. Wir in der Schweiz sind kaum vierzig Jahre emanzipiert; und ist es nicht in mancher Beziehung bei uns besser als in Deutschland und änderen Staaten? Man warte! Bis die Zahl der stimmfähigen Bürger größer ist, bis mehr unter ihnen sind, die hier geboren und erzogen auf dem natürlichen Wege in das schweizerische Volksleben und damit auch in das politische Leben hineingewachsen sind, bis die nächste Generation groß wird. Die Jüngeren unter uns aber wollen nicht warten, nicht noch länger warten. Schon vor zwei Jahren, als eine öffentliche Diskussion in Zürich dieses Thema behandelte, äußerte ein junger Jurist unter dem Beifall der meisten Anwesenden: „Wenn wir nicht jetzt uns politisch betätigen, — wann, denn? . Von selbst kommt nichts; m'än muß bei Zeiten anfangen, der kommenden Generation die Wege ebnen, vorbereiten. Wir müssen den Kindern ein Vorbild geben. Noch ist keine antisemitische Partei da, aber wenn wir uns weiter alles gefallen lassen (damals machte das angesehenste Blatt der Schweiz, die „Neue Zürcher Zeitung", durch prononziert antijüdische Artikel großes Aufsehen), kann auch das noch kommen. Wir sind wenige, aber doch nicht so wenig, daß wir nicht etwas schon bedeuten. Der jüdische Anteil an Steuerkapital, an Industrie und Handel ist groß genug, daß eine Vertretung im Stadt- und Kantonsrat verlangt werden kann. Schon haben wir hier eine nennenswerte Jungmannschaft, die Interesse sür das öffentliche Leben hat, die das Recht und die Pflicht hat, dem Staat zu dienen. . ." Eine dritte Fraktion will den Mittelweg betreten und rät an, vorläufig Versammlungen zu besuchen, an Abstimmungen teilzunehmen, überhaupt für öffentliche Dinge sich zu interessieren und das Weitere der Heranwachsenden Generation zu überlassen. Gestehen wir es uns offen: die Furcht vor dem „Aussehen", das die von den Jungen empfohlene Taktik in der nichtjüdischcn Bevölkerung in der e r st e n Zeit unzweifelhaft Hervorrufen wird, schüchtert diese ein; denn sie wissen sehr wohl, daß, wenn einmal die Antisemiten als Partei Fuß gefaßt haben, wozu sie sich schon jetzt anschicken, der begangene politische Fehler, genannt „verpaßte Gelegenheit",, nicht sobald wieder gut zu machen sein wird. Leider haben die Juden zu allen Zeiten während des neunzehnhundertjährigen Exils ähnliche Gelegenheiten versäumt, speziell in den drei letzten Dezennien des verflossenen Jahrhunderts, als man die durch Stöcker inaugurierte nioderne antisemitische Hetze unterschätzte oder vornehm belächelte. So ging es in Wien, wo die Juden, ich meine die damals mit dem bereits innerlich faulen Liberalismus liebäugelnden einflußreichen jüdischen Führer, den, man mag sagen was man will, damals ehrlichen, demokratisch-freisinnigen, schneidigen und hochbegabten Dr. Lueger durch sogenannte „liberale" Chikanen buchstäblich den locit ihre Arme öffnenden Klerikalen entgegentrieben, wie Dr. Lueger vor bald 20 Jahren dem Schreiber dieses selbst bestätigte. Er sagte buchstäblich (1889): „. . . Ich hatte die Wahl, zu ertrinken oder die vom „schwarzen Manu" mir entgegengehaltene Stange zu ergreifen . . . ." Und wir bezweifeln, Haß ohne Lueger eine christlichsoziale Partei von solcher Wucht je hätte entstehen können?! Gewisse, sehr maßgebende Personen in der Wiener jüdischen Gemeinde werden seither mehr wie einmal das „mea culpa" geseufzt haben .... I. M. (Basel). Aus den Geschehnissen des Tages. Wie der keineswegs jubenfreundliche Große Kurfürst zur ' wirtschaftlichen Hebung seines verwüsteten Landes Juden herbeirief, so möchte es heute auch Spanien tun, jenes judenreine Spanien, in dem Jahrzehnte lang jüdische Leiber im Flammentode zum Himmel aufloderten. Schon öfters in den letzten Jahrzehnten haben spanische Patrioten in ihrem Sinnen nach einer Verjüngung des einst so reichen schönen Landes zum Znrückrnsen der 1482 vertriebenen Juden aufgesordert, da diese noch heute die spanische Sprache und das spanische Wesen treu bewahrt haben und mit ihrer Intelligenz und ihrem Streben sofort in das schläfernde spanische Volk 'Leben bringen würden. Seitdem aber jetzt die Türkei in einen konstitutionellen Staat umgewandelt ist und die Gefahr somit vorliegt, daß die 200000 span. Inden nun ihr Spaniolentum aufgeben, hat sich der Sirenengesang von Spanien her verstärkt; — und — es ist merkwürdig — eine gewisse liberale Presse der westeuropäischen Länder stimmt in diesen Sirenengesang ein. Eine gewisse liberale Presse: nämlich jene, der geschichtliches Denken abgeht. Es sind das die Zeitungen, die.von halb- oder ganz getauften, in jedem Falle aber von ganz assimilierten Juden geleitet werden, — und die Assimilation dokumentiert ja immer einen Mangel an geschichtlichem Verständnis. Die Schamröte muß einem aus dem Gesicht schlagen ob der spanischen Aufforderung an die einst wie räudige Hunde aus Spanien heransgetriebenen Inden. So niedrig schätzt man die Juden, daß man glaubt, die Lockung, Geld zu verdienen, sei stärker für sie, als die Stimme ihrer Ehre. Nicht weil die Söhne die Schändlichkeiten der Väter wieder gut machen wollen, nicht weil man die einstmalige schmachvolle Handlungsweise sühnen will, wünscht man die Inden nach Spanien zurück, — sondern wegen der Verödung des spanischen Landes seit jenen grauenhaften Tagen vor 400 Jahren. Und hierzu bietet eine sich liberal nennende Presse Hülfe! Die Juden sollen ein Land, in dem sie einst vor den spanischen Henkersknechten und Räubern gastliche Aufnahme fanden und seitdem ein geachtetes, menschenwürdiges Dasein genießen, im Moment seiner Dem okratisierung Verla s s e n und in ihre gewesene Stiefheimat zurückkehren, in der noch heute ein judenfeindlicher, dem Fortschritte abholder tatholischer Klerus die Herrschaft führt, — und diese ungeheuerliche Zumutung nur deshalb, weil der jüdische Assimilant überall dort, wo jüdisches Leben aufzublühen beginnt, zerstörend eingreifen muß!! Die spanischen Juden der Türkei werden sich durch das zärtliche Winken der spanischen Schönen und ihres westeuropäischen Freundes nicht irre machen lassen; spanisches Wesen und Sprache haben sie nur als Reliquie^ einer schönen Vergangenheit bewahrt, einer Zeit, in der in Spanien noch der Halbmond wehte, und ihre jüdische Zukunft werden sie auch' nur im Reiche des Halbmonds suchen. Aus der ganzen Affäre haben nicht die spanischen Juden der Türkei, sondern wir westeuropäische Juden zu lernen. Und die Lehre lautet: Jene liberale Presse, die in jüdischen Kreisen am