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Neue jüdische Presse · 1909-01-29 · Heft 4 (29.1.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 4 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Eeite ä. Die Zugehörigkeit zu einer Bnei-Brith- Loge war bei den konsequenten Vertretern einer Trennungs-Orthodoxie, die den gesellschaftlichen Verkehr mit Andersdenkenden als die religiös-jüdische Anschauung gefährdend ansehen, stetS verpönt. Das einzige einigende Band der Juden verschiedenster Anschauungen sollte das Gebiet der Wohltatigkeitspflege bleiben. Es hat den Anschein, daß nun auch dieses Band zerrissen werden soll. Die Gründung einer Wohltätigkeitsinstitution „Peah" in Frankfurt seitens des orthodoxen Jüd. Frauenvereins und der Ortsgruppe des Verbandes der Sabbatfreunde hat den Israelit. Hülfsverein, das Pflegeamt des Almosenkastens der israel. Gemeinde und die Weibliche Fürsorge zur Abfassung eines Zirkulars veranlaßt, in dem sie zur Boykottierung der „Peah", die den Sabbat beobachtenden Leuten Beschäftigung geben will, mit der Motivierung ausfordern, daß sie in dieser Institution eine unnötige Konkurrenz erblicken. Ein bedeutungsvolles Ereignis haben die letzten- Tage gebracht. N a h o u m, ein Schüler des Pariser Seminars der Alliance, ist als der Kandidat der Alliance zum Oberrabbiner (Chacham Baschi) des gesamten türkischen Reiches gewählt worden. Damit tritt ein Mann an die Spitze der türkischen Judenheit, dessen jüdisches Wissen kein bedeutendes ist und der als Vertreter der Alliance nicht das Vertrauen der religiösen Kreise genießt. Da jedoch Anzeichen vorhanden sind, daß man in den leitenden Kreisen der Alliance einzusehen beginnt, daß die Alliance heute die französische Politik zu Gunsten einer jüdischen in der Türkei zurücktreten lassen muß, wenn sie nicht ihre Position einbüßen will, so ist es möglich, daß die Befürchtungen, die an Nahoums Wahl geknüpft wurden, weniger begründet sind, als man glaubt. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der Deutsch-Israelitische Gemeind eb und hat an den preußischen Kultusminist.er eine Petition gesandt, die die Notwendigkeit auseinandersetzt, auch solchen leist ungssch wachen Sy nagogengemeinden, die w e n i g e r a l s 12 s ch u l - pflichtige Kinder besitzen und die infolge der örtlichen Verhältnisse den Religionsunterricht nicht gemeinsam mit anderen Gemeinden erteilen lassen können, einen staatlichen Zuschuß zu gewähren. Es wird in der Petition auch nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Gehälter einer sehr großen Anzahl jüdischer Lehrer dringend einer Aufbesserung bedürfen, ine der Lage der Sache nach nicht von den bereits bis zur äußersten Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angestrengten Gemeinden, sondern nur vom Staate gewährt werden kann. Lflenbach a.M. Fortgesetzt beschäftigte sich unsere Polizei mit den hier ansässigen russischen und galizischen Juden. Neuerdingshaben wieder Ausweisungen verschiedener Familien stattgefunden. Auch in den frühen Morgenstrmden läßt die Polizei Revisionen abhalten, die sich besonders auf die gesundheitlichen Verhältnisse in den Wohnungen erstrecken. Erscheinen Irgendwo hygienische Vorschriften verletzt, so wird sofort Antrag auf Auslveisung gestellt. Würzbura. Kaum ein Javr ist verflossen, seitdem in hiesigen Kreisen ,der Gedanke angeregt .wurde, einen israel. Kinderhort ins Leben zu rufen. Wie alles Neue, so fand auch dieser Vorschlag erst Widerspruch; aber der energischen, zielbewußten Leitung gelang es bald, das vorgesteckte Ziel zur Ausführung zu bringen. Und welch' ein Erfolg nach dieser kurzen Zeit!! 16. Kinder besuchen jetzt die Anstalt und finden unter der liebevollen, fast möchte ich sagen mütterlichen Fürsorge einer jungen Kindergärtnerin, Frl. Stern, ein wahres Kinderparadies. Man sieht .daran so recht, daß es wirklich eine Wohltat für Eltern ist, ihre Kinder so gut geborgen zu wissen. Kommen die Kinder doch weg von der Straße und deren verderblichen Einflüssen und gewöhnen sich einstweilen an Ordnung, Reinlichkeit und Verträglichkeit, um dann gut vorbereitet die Schule zu besuchen. Doch die Vorteile der Anstalt zu schildern, ist nicht meine Absicht, da man diese ohnehin schon - kennt. Ich will vielmehr hier auf das materielle Moment Hinweisen. WohlJ veranstaltete der Verein „Israel. Kinderhort" vor wenigen Wochen ein Wohltätigkeitsfest, das auch in pekuniärer Hinsicht einen ungeahnt schönen Erfolg erzielte; aber zur Verwirklichung des - Zieles, die Kinder bald im eigenen Heim unterznbringen, um eine größere Anzahl aufnehmen zu können, bedarf es noch größerer Mittel. — Vielleicht veranlassen diese Zeilen .manchen Wohltäter, sein Interesse dieser guten Sache zuzuwenden, denn es gibt ja kaum ein edleres Ausüben des Wohltuns, als den armen Kindern helfen, gute, brauchbare Menschen zu'werden. .? Oestcrretch-Ungarn. Lemberg. Die polnischen Hausbesitzer am Maryacki« und Malickiplatz und den umliegenden Gassen haben beschlossen ' jüdischen Kaufleuten keine Geschäftslokalitäten zu vermieten. Die antisemitische Entwicklung Galiziens steigt ja rüstig vorwärts! Das scheinen anch die Wiener Antisemitenhäuptlinge zu nicrken, denn eS verlautet, daß der Minister a. D. und .Führer der christlich-sozialen Partei Dr. G e ß m a n n eine Reise nach Galizien zu unternehmen gedenkt. Wenn lischt alle Anzeichen trügen — die Entstehung der Polnischen christlich-sozialen Partei in Krakau, das unverblümte Antijemiteln der Stapinskischen Boltspartei und des ueugebildeten Polnischen Volksbundes, .schließlich die „schärfere Tonart" der Nationaldeinokraten —, so wird dem antisemitischen Minister a. D. ein warmer Empfang sicher sein. Frankreich. Pafts. Herr Alfred Ochs schenkte der hiesigen Stadtbibliothek seine Dreysus-Affaire Bibliothek, die in 28 Sprachen 802 Bücher und Broschüren und eine große Anzahl Zeitungen, Flugblätter, Bilder und Ansichtspostkarten umfaßt. Rumänien. Bukarest. Heute kann i-ü Ihnen ausnahmsweise einmal eine angenehme Nachricht aus Rumänien senden. In Buhusai ist ein o r t h o d. Rabbi ne r s e m i n a r unter der Leitung der Rabbiner Mendel Friedmann und David Twersky eröffnet worden. Das Seminar wird bereits von 50 Jünglinge» besucht, die alle fleißig studieren und für deren materiellen Unterhalt aufs beste gesorgt ist. H—r. Türkei. Konftantinopel. Aus I o a n n i n a, einer Stadt nahe der griechischen Grenze, wird ein furchtbares Verbrechen gemeldet. Eine griechische Bande tötete vier Juden, schnitt ihnen die Ohren ab und sandte diese nach der Synagoge mit einem Schreiben, daß dies die Strafe für den Spiondienst sei, welchen die Ermordeten ihrem türkischen Vaterlande geleistet hätten. Palästina. Jerusalem. Im Dez-mber behandelte der Verein „L e m a an Zion" in seiner Poliklinik 3330 Augenkranke und 882 diverse Kranke und ließ in seiner Apotheke für 1376 Rezepte Arzeneien anfcrtigen. Amerika. New-Aork. Ueber die jüdische Einwanderung 1908 liegen folgende Zahlen vor: Während des abgelausenen Jahres sind in den Hafen von Ncwyork 17 383 jüdische Männer, 16 016 Frauen, 11713 Kinder, zusammen 15172 Personen eingewandert. Von diesen wollten 32 991 in Newyork bleiben, 12 181 einen anderen Platz aussuchen. Aus Rußland stammten von den Einwanderern 33 376, aus Oesterreich-Ungarn 8892. aus Rumänien 2021, aus England 153, aus der Türkei 261, aus Deutschland 130, aus Holland 12, aus Frankreich 9, aus Spanien 6, aus Schweden 4, aus Belgien 3, aus Bulgarien 2, aus Finnland, Griechenland, Italien je 1. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer des Jahres 1907 betrug 106968. Die Einwanderung ist somit um 57,8 o/o zurückgegangeu. Aus den Vereine«. Frankfurt a. M. Am 19. Januar hat die ordentliche Generalversammlung der „Jüdischen Bibliothek und Lesehalle E. V." in den Räumen derselben, Bleichstraße 21, Part., stattgesunden. Dem Verwaltungs- und Kassenbericht, den der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Lazarus, bezw. der Schatzmeister, Herr I. L. Goitein, erstatteten, entnehmen wir einige Angaben. Die Bibliothek wurde im abgelaufenen Jahre um 230 Bände vermehrt und hat damit einen Bestand von 1162 Bänden aufzuweisen. Ausgeliehen wurden insgesamt 1231 Bände. In der Lesehalle, für die 1007 Besucher gezählt wurden, lagen 36 jüdische Zeitschriften in 4 verschiedenen Sprachen auf. Die Zahl der Vereinsmitglieder betrug 176, während als Ziffer für die Einnahmen Jfc 2748,65 und für die Ausgaben JL 2653,01 zu nennen ist. Der Verwaltungsausschuß, der von der Generalversammlung Dccharge erhielt, wurde wieder gewählt. Das gleiche gilt von den Bibliotheks- und Kassenrevisoren, die sich in dankenswerter Weise ihrer Mühewaltung unterzogen hatten. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß allseits die geringe Geldkraft des Vereins beklagt wurde. Denn so ist die dringendst nötige Vermehrung des Bücherbestandes^ dessen an sich geringe Steigerung nur auf Geschenke zurückzusühren ist, unmöglich gemacht Darum wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß erheblich mehr als bisher das Interesse sich dem für die jüdische Sache so bedeutungsvollen llnternchmen zuwenden und durch erhöhte Beiträge und reiche Geschenke kundgeben möge. Frankfurt a. M.» 25. Jan. Eine Primanerklasse der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft faßte den Beschluß, auch nach dem Verlassen der Schule in der Pflege geistigen Strebens vereinigt zu bleiben, — und so entstand im Jahre 1905 die Vereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit. Es war gestern nicht das erste Mal, daß die unter der fachmännischen Leitung des Herrn Professors A. ,W e y l stehende Vereinigung ihr Können einem größeren Publicum zeigte; ein guter Ruf ging ihr bereits voraus und dieser gute Ruf hatte sür einen bis auf den letzten Platz besetzten saal gesorgt. Wir können als eine jüdische Zeitung uns nicht über einen „Rudolf Presber - Abend" verbreiten, denn wir würden damit den Rahmen unserer Zeitung überschreiten. Nur das sei erwähnt, daß Rudolf Presber keine begeisterteren und verständnisiunigereu Interpreten seiner Dichtungen h.'tte finden können, als er sie hier fand, daß das von den Herren Sally Rosen heim er, Edwin Frank und Fritz Lehr und Fräulein Friedet Tannenbaum ge pielte r i e de Phantasiestückchen „Herbstzaubcr" einem Uneingeweih.en nicht Dilettanten, sondern Schauspieler als Darsteller hätte annehmen lassen müssen und daß unter den rezitierenden Damen und Herren zwei gradezu hervorragende Kräfte — nämlich Fräulein Jenny Rapp und Herr Fritz Lehr — sich offenbarten. Frankfurt a. M. Uev r den ewigen Juden als medizinisches Problem sprach im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Dr. med. I. Moses- Mannheim. Die Grundlage zu seinem Vortrage bildeten Aufzeichnungen von Aerztcn an der Salpetriere in Paris» die durch den Umstand, daß den von ihnen behandelten zahlreichen ausländischen jüdischen Nervenlranken cia Wandertrieb gerne.nsani war, zu vergleichenden Studien zwischen ihren Beobachtungen und dem ewigen Juden der Sage veranlaßt worden waren. Nach der Tradition hatte 'Ahasver stets einen Groschen bei sich, es ist der Zehrpfennig, den er von seinen jüdischen Brüdern, bei denen allein; er rastet, erhält; auch der wandernde Jude der Gegenwart verlangt, von jüdischer Gemeinde -zu jüdischer Gemeinde ziehend, nur von seinen Brüdern Unterstützung. 'Auch er ist — gleich Ahasver — kein stumpf gewordener Bettler, sondern das reiche Mienenspiel in seinem vergrämten Gesichte weist auf eine nie ruhende Denktätigkeit hin. Unrichtige Schlüsse haben die Pariser Aerzte bezüglich des beiden gemeinsamen ungepflegten großen Bartes gezogen, denn dieser ist nicht dem rastlosen Wandern, sondern jüdischer Sitte zu perdanken; ebenso unrichtig sind ihre Schlüsse dahin, die Ruhelosigkeit als einen dem Juden wegen der Kreuzigung Christis anhaftenden Fluche aufzusassen, der Jude hat vielmehr das Streben zur Seßhastigkeit, und nur durch den äußersten Zwang trennt ec sich von den Gütern seiner Väter und greift zum Wander- : stab. Bezüglich der Sprache jedoch stimmen wieder die Vergleiche zwischen dem wandernden Juden der Ahasrer-Sage und dem der Gegenwart: beide sprechen deutsch. Zum Schlüsse seiner sehr interessanten Ausführungen geht Redner ans die Frage, ob die jüdische Rasse zu nervösen Störungen besonders disponiert sei, näher ein und bejaht sie an Hand statistischer Zahlen. Die Ueberproduktion an geistiger Begabung müsse naturgemäß Hand in Hand mit Neigung zu Störungen des Nervensystems gehen. Besonders hebt Redner bei dieser Gelegenheit h.rvor, daß die schreckliche Gehirnerweichung bei den Juden des Ostens, da sie die vom Judentume geforderte- Sittlichkeit wahren, unbekannt ist. Redner schließt unter lebhaften! Beifall des zahlreichen, mit Spannung lauschenden Publikums mit der Frage: Wann werden die Juden in.der Heimat ihrer Väter auf ihrer eigenen Scholle seßhaft werden und damit die Schäden, die ihrem Volkskörper durch die lange, schwere Goluswande» rung beigebracht worden sind, wieder verlieren? Berlin. Dem nur der Generäwerlamm ung des Hilfsvereins für die jüdischen Taubst ummen in Deutschland erstatteten Bericht entnehmen wir, daß die Mitgliederzahl aus 3181 gestiegen ist, daß in das Taubstummen-Altersheim in Pankow, welches im verflossenen Jahre eröffnet wurde, 12 Personen ausgenommen worden sind und daß das Vereinsvermögen gegenwärtig. etwa 87000 Mark beträgt. — - Das jüd. Genesungsheim in Lehnitz für Frauen und Mädchen wird vom 1. März wieder geöffnet. Aufnahmengesuche sind an das Büro, Rosenstraße 2/4, zu richten. Aurich. Im hösigen Montefiore-Berein hielt Sonntag, den 21. Januar, Herr Edmund van Cleef-Emden einen Vortrag über: »Indische Tagespoliti k". In meisterhafter Weise verstand es der Redner, der sich dem Publikum

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