Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 4 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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©eite 2. zu reorganisieren, — aber an die Quelle des Ucbels wagte man sich nicht heran. Die- Mißstände des englischen Rabbinats sind so alt wie die jetzt regierende Oberrabbincr-Dynastie. Das Uebel datiert von dem Tag, an dem Samson Rafael Hirsch s. 2t., der, wie bekannt, für das englische Chiefrabbinat kandidierte, nur zwei Stimmen erhielt. Man muß zugeben, um dem siegenden Kandidaten gerecht zu werden, daß auch der „alte" Dr. 2ldlcr als Organisator eine sehr bedeutende Kraft war, cs fehlte ihm aber der große Geist seines großen Rivalen. Während Hirsch, von der festen lleberzeugung beseelt, daß der große Gedanke des überlieferten Judentums siegen muß, auf diese Ucbcrzeugung gestützt, auf alle möglichen Vorteile verzichtete, um aus dem engen Umkreis, den er um sich gezogen hatte, die Bastilte der Zerstörungssüchtigen in Israel um so erfolgreicher stürmen zu können, verwendete der hannoversche Rabbiner, der sich plötzlich als Rabbi der „großen Schul" Londons sah, seine Kraft nach einer Richtung, die ihm wohl die Chief-Rabbi-Dynastie sicherte, die aber den Interessen des Judentums sich kaum als nützlich erwies. Ein anderer Unterschied im Charakter dieser beiden Männer war der, daß Hirsch — eben aus oben crwähiucm Grunde — eine überzeugte, starke Natur lvar, die ihre Sache schonungs- und rücksichtslos und unentwegt verfolgte, während 2tdler immer zaghaft und unsicher verfuhr und sich in Kompromisse einließ. Vielleicht ist auch der Umstand daran schuld, daß Hirsch eine Gemeinde vom Mittelstand leitete, die er sowohl in jüdischem als allgemeinem Wissen hoch überragte, während es der Rabbiner von Hannover, der nie ein gutes Englisch gesprochen haben soll, nnt einer Gemeinde zu tun hatte, der die größten Leitsterne der Welt-Börse angehörten, die sich nicht von dem deutschen Kleinstädter führen lassen wollten. Der Chies-Rabbi sollte nicht leiten, sondern geleitet werden, und er wurde auch geleitet. Die Parole des Tages war Zentralisation; die verschiedenen Gemeinden der Hauptstadt, ja des ganzen Landes und seiner Kolonien, sollten zu einer Körperschaft verschmolzen werden; eine Organisation sollte ins Leben gerufen werden, nach dem Muster des ftanzösischen Konsistorium zugeschnitten, das überhaupt als Ideal galt. Diese Organisation war von ganz besonderer Wichtigkeit für die Gleichberechtigungsvorkämpfer. Nicht etwa, well sie das englische Judentum innerlich stärken und vereinigen wollten, sondern weil sic etwas repräsensieren wollten. Wenn sic im Namen der gesamten englischen Judcnheit sprachen, mußte doch diese organisiert sein und etwas Konkretes vorstellen! Dieser Tätigkeit widmete auch der Chief-Rabbi seine ganze Kraft. In dieser Tätigkell hatte er auch teilweise Ersolg. Ich. sage teilweise aus Gründen, die ich noch einmal in dieser Zeitung näher zu besprechen hoffe. Doch das alles ivärr nicht so schlimm gewesen, wenn Cäsar nicht nur der größte aller Imperatoren, sondern nicht auch der alleinige Imperator Roms hätte sein wollen. Das Chicfrabbinat wurde im Sinne von „ani weafsi oud" Nufgefaßt, „einer und weiter keiner", wie man im Jüdischen zu sagen Pflegt. Kein Oberrabbiner, sondern ein Rabbiner für das ganze Königreich, ein Beß-din, das über alle religiöse Fragen entscheidet, eine Instanz, die Eheschließungen oder -scheidungen ausüben darf, eine Antorftät, die über die Ernennung oder Absetzung von Schochatim, Chasonim und „Minister" z» verfügen hat. Die „Minister" (Rabbiner), mögen sie auch an der Spitze von Gemeinden stehen, die numerisch denen von Frankfurt oder Hamburg nicht nachstehen, brauchen weder akademisch gebildet zu sein noch das Rabbinerdiplom zu besitzen und dürfen infolgedessen den Titel Rabbiner nicht führen. Sie sind frei vom Studium der Thora, der sich die „polnischen" Rabbonim widmen mögen; auch sollen sic sich nicht um die Wissenschaft des Judentums kümmern, die inade in Germany bleiben mag. Ihre Funktionen bestehen darin, wöchentlich oder zweimal monatlich Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. nicht mehr als zwanzig Minuten englisch zu predigen, weshalb sic zum offiziellen Titel „matif wedarschon" berechtigt siird; an Samstagen und Feiertagen bis „Schochen ad" — wo der Chasan ansetzt - - vorzubetcn und nach Schachariß zu lcienen, damit der Chasan für das Musjaf-Gcbet neue Kräfte sammle. Dazu gehören noch Pflichten, die man nnt dem vornehm klingenden Ausdruck „soolal work" bezeichnet und die darin bestehen, die Krankenhäuser und Gefängnisse usw. zu besuchen und den wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde von Zeit zu Zeit Besuche abznstatten. Um die Reformbewegung tot zu machen, die, nebenbei bemerkt, hier sehr harmlos und oberflächlich lvar, lourden die Prediger in die Uniform der Church of England gesteckt, die für sie obligatorisch gemacht worden ist. ... In diesem Lande, das jeder Uniformierung so abgeneigt ist, bilden die Geistlichen nämlich den einzigen Beruf, der, neben Briefträgern und Lakaien, eine Uniform trägt. Ans dem Gesagten ist leicht zu ersehen, daß unter diesen Umständen der Rabbinerstand, der dazu noch sehr schlecht besoldet wird, sich kaum aus b c u Elementen rekrutieren konnte, die dir Würde des 2lmtes verdient. Und auch von denjenigen, die den Mut hatten, diese Via Dolorosa zu betreten und zu diesem Zwecke das Rabbincrseminar besuchten, verließen die meisten, welche fühlten, daß sie etwas mehr werden können als ein englischer „Minister", den Rabbinerstand oder — glänzen jetzt am Firmament der Ultra-Reform in Amerika.... Slusländische Rabbiner mit umstürzlerischen Ideen, die es wagten, sich um einen Posten in England zu bewerben, wurden immer geschickt, wahrscheinlich wegen ungenügender Kenntnis der englischen Sprache, aus dem Weg gehalten.Als die Affäre Dr. Cohn-Berlin vor zwei Jahren aufgerollt wurde, da war die ganze jüdische Welt empört ob dieses inittelalterlichen Gewissenszwanges. Hierzulande wäre diese Handlungsweise ganz in Ordnung und würde nicht einmal Erstaunen Hervorrufen. Wie mir gesagt wurde, sollen, zur Zeit der Proteste gegen den Zionismus, die zionistisch gesinnten Minister gezwungen worden sein, sich schriftlich zu verpflichten, jeder zionistischen Aktivität fernzu bleiben. Das Leben der hiesigen Rabbiner ist ein unaufhörliches Martyrium mittelalterlicher Natur, satt an 2lrmut, Verleumdungen und Erniederungen jeder 2lrt. Von Zeit zu Zeit dringt zwar etwas darüber in die Presse, ohne jedoch die 2lufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die die Slngclegenheit verdient, — wahrscheinlich, weil die Anklagen nur zaghaft und undeutlich hcrvorkommen — und ohne den eigentlichen Ursprung des Uebels zu berühren. Die Lage der jüdischen Minister in England harrt noch auf ihre Beecher Stowe. Es muß hier iwch bcmerft werden, daß die Lage in den letzten 25 Jahren sich noch bedeutend verschlimmerte. Durch den großen Jmmigrationsstroiu aus dem Osten Europas wurden die meisten Gemeinden von unsren „polnischen" Brüdern majorisiert. Diese Elemente konnten unmöglich ihren Seelsorger respektieren, von dem sie wußten, daß er weder Thora noch Chochmah besitze und der ihnen durch seine „galchischc" Tracht nur instinktiven Widerwillen cinflößen mußte. Mögen sie sich äußerlich noch so assimiliert haben, als Ideal eines Rabbiners stand 'immer vor ihren Augen die Gestalt des Raws in ihrem Heimatsslädtchen, der in den meisten Fällen ein Zadik und ein Gaon war. Lichteten sic ja den Chief-Rabbi auch nur darum, weil sie glaubten, daß er ein „korew lemalchns" sei und in den hohen Sphären für Juden „gseirous touwous" auswirken könne.... Diese Umstände machten die 2l f s ä r e B r a dsord zur Möglichkeit. In diesem großem Industriezentrum existieren zwei Gemeinden, eine Reformgemeinde (eine der drei Reformgemcinden, die England zählt), die etwa fünfzig Jahre alt ist und der die dort wohnenden deutschen Juden angehörcn, und eine orthodoxe (was nennt sich hier nicht orthodox?) Gemeinde, die viel jüngeren Datums ist und deren Mitglieder zum größten Teile _ Nr. 4 russisch-polnische Juden sind. Die Reformgemeiude ist unabhängig, während die orthodoxe Gemeinde unter der Jurisdiktion des Chief-Rabbi steht. Die letztere hatte einen-Prediger namens Tribitch, einen früheren Schüler des Jews College. Bor einigen Monaten verließ dieser Minister sein Amt, und die Presse berichtete in der üblichen Weise, daß das Scheiden so rührend wie nur möglich war und der beliebte Pastor in seinem Koffer kaum Platz finden konnte für die Unmenge von Adressen und „gold purses", mit denen er überhäuft wurde. Nun stellt es sich heraus, daß die Trennung gar nicht so salbungsvoll und daß Reverend Tribitch vielleicht der größte Dulder seines Standes war. Die Entdeckung machte Rev. 2l. A. Green, ein angesehener Prediger einer der größten Synagogen des Westends, der sich im Sattel bereits so fest fühlt, daß er Gedanken auszusprechen wagt, wegen ivelcher ein ~ anderer um seinen Posten gekommen wäre. Es ist hier nicht der Platz, in die.Einzelheiten der Schikanen, die im höchsten Grade für Juden beschämend sind, einzugehen. Ich will nur über einen Fall berichten, der als Beispiel dienen möge und der wegen seiner Originalität wahrlich patentiert zu werden verdient. 2lls Mr. Tribitch seine Stelle angetreten hatte, hatte die Bradfordev orthodoxe Gemeinde noch keine eigene Synagoge. 2118 die Herren Baale-batim beschlossen, eine Synagoge zu bauen und sich den Kopf zerbrachen, woher man das nötige Geld nehmen solle, ging Herr Tribitch ernst an die Sache und brachte es fertig, in einer verhältnisniäßig kurzen Zeit dreitausend Pfund (60000 Mark) zu diesem Zwecke zu sammeln. 2lus Dankbarkeit beschloß die Gemeinde in anerkennenswerter Weise, Herrn Tribitch eine Gedenktafel in der Vorhalle der Synagoge zu errichten. Dieser Beschluß ärgerte aber derartig einige Herren der. Gemeinde, daß sie australeit und eine Konkurrenzgemcinde gründeten. Die Gemeinde konnte jedoch diesen Verlust nicht verschmerzen und schloß einen Frieden mit den Ausgetretenen unter der Bedingung, daß die Tafel für ein ganzes Jahr mit einem schwarzen Tuch verdeckt werde. Das Tuch wurde nicht einmal an dem Tage heruntergenommen, an dem Herr Tribitch heiratete und die Trauung in der Synagoge stattfand, zu deren Errichtung er so viel beigetragen hatte. Herr Tribitch ließ sich diese Schikane gefallen. Man kann sich denken, ivelcher Natur die Erniederung sein muß, die ihn zur Niederlcgung seines Amtes veranlaßte. Diese Handlungsweise einer jüdischen Gemeinde ihrem Seelsorger gegenüber erregte die Gemüter gewisser Kreise, scheint aber bald vergessen zu werden. Der Chief-Rabbi schwieg aber während der ganzen Zeit. Was hätte er auch sagen können? Alts den Geschehnissen des Tages. In dem Leitartikel unserer vorwöchentlichen Nunrmer war ausgeführt, daß der von uns Juden mit Recht so hoch verehrte Lessing in feinem Nathan den Weisen einen Juden mit den edelsten allgemein menschlichen Charakterzügcn zeichnete, daß aber dieser Nathan als Literaturtradition, da ihn die Juden als den zu erstrebenden ,Mustcrjuden" zum Vorbild nahmen, mit schuld trägt an dem Auflösungsprozeß, in dem sich die deutsche Judenheit seit 100 Jahren befindet. Wie tief bis i» die orthodoxen Kreise hinein dieser Entjudungsprozeß fortgeschritten ist, haben die Vorgänge inderNürnbergerorthodoxen Vereinigung wieder einmal erschreckend gezeigt. In einer echt jüdischen Gemeinde ist der Rabbiner Führer und nicht Beamter, und so war es stets in jenen Kreisen, die das unverfälschte Judentum bewahren wollen. Erst die Nürnberger orthodoxe Vereinigung ist schuld daran, daß man in der Orthodoxie nicht mehr spötteln darf, wenn cs für den Rabbiner in modernisierten Gemeinden heißt: „Weß' Brot ich eß', deß' Lied «ich sing'", denn sie hat ihren Rabbiner unter der Bedingung gewählt, daß er diesen Satz anerkenne. Ihr Rabbiner- Hat sich verpflichten müssen, aus der Bnei-Brith- Loge auszutreten und sich nie zum Zionismus zu bekehren. Selbst wenn er eines Tages einsehen sollte, daß der Zionismus die Rettung des Judentums bedeutet, muß er seine, innere Ueberzeugung Lügen strafen und schweigen, — Da schimpfe noch einer auf die ostelbischen Junker!