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Neue jüdische Presse · 1909-01-29 · Heft 4 (29.1.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 4 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I?rarrkfrrrL§x Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (etn> schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50. sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtio« ««d ^ekchäftsstetle: rrsnictun s. m.. VildelerSraße 4Ü. Ecke Lleichftraße Helefo« 10507. Herausgeber: Sa kg ^ei-s. . JnferNonsvreri e: Die viergespaltene PeNkzerte. 25 Mg. Die Rektamezerte . .. 100 Platz« und Daren»Borschrift ohne Derbindlictikell Beilagen: Preis nach llevereinkuntt. - Freitag, den 7. Scliwat 5««9 i29 Januar 1909). 7. Jahrgang. Inhalt des Hauplblatles. Artikel: Ein zionistisch politisches ExvosS. — Brief aus England. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine bersunkene Welt. — Wochen- Kalender. — Sprechsaal. — Familtennachrichten. — Barmizwohs. Gin zionistisch-politisches Expose. Unserem Dr. Md.-Mitarbeiter, der für uns «u maßgebender Stelle in Köln vorsprach, erklärte man über die politische Lage im Zionismus folgendes : Mit dem Wechsel des Regimes in der Türkei hat auch natürlich ein taktischer Wechsel in dem Verhältnis des Zionismus zur Türkei stattgefunden. Damit soll keineswegs gesagt sein," daß die zionistische Leitung alles, was bis jetzt geschehen, für überflüssig und fruchtlos ansieht — und, daß sie alles von neuem anfangen müsse. Tie Politik ist etwas Fließendes, Fortlaufendes uab nicht ein Unveränderliches. Damit muß jede .politische Bewegung und ihre maßgebende Leitung rechnen. Als die zionistische Leitung von dem Wechsel in der Türkei erfuhr, änderte sie weder ihre politischen Bestrebungen noch ihre politischen Ziele, sondern nur gemäß den neuen Verhältnissen ihre Taktik. Es kam ihr in erster Reihe darauf an, das türkische Volk und seine Presse .mit den zionistischen Bestrebungen bekannt zu . machen, nur sich die Sympathie des türkischen Volkes für die zionistischen Bestrebungen zu sichern. Die zionistische Leitung tat ihr Bestes, dieses Ziel zu erreichen. Ihre Bemühungen sind «uch, das kann man offen sagen, von Erfolg gekrönt. Nachdem das türkische Volk von den berufenen Führern des Zionismus von dessen Ziele unterrichtet worden ist, hat es schon vielfach sein Einverständnis und seine Sympathie bewiesen. Alle großen Zeitungen imtürkischen Reiche bringen oft Artikel über den Zionismus, die ausnahmslos ihr Wohlwollen und ihreSympathie für den Zionismus bekunden. Wir rechnen auf dieSymPathieunddie kluge Einsicht des türkischen Volkes, und wir glauben, das türkische Volk ist stetzt voir der Loyalitätdes zionistischen Werkes, wie von der Möglichkeit der Realisierung der zionistischen. Pläne überzeugt. Das Verhältnis des rürkischen Volkes und seiner Presse zum Zionismus ist zu einem Faktor für die weitere Entwicklung des Zionismus geworden, mit dem wir rechnen und dessen moralischer wie politischer Wert nicht zu unterschätzen ist. Weiter erklärte man unserem Mitarbeiter: Neben der allgemeinen türkischen Presse, die die zionistische Idee mit ersichtlicher Sympathie »erkundet und in einem dem Zionismus wohlwollenden Sinne diskutiert, ist es speziell die jüdische Presse in der Türkei, insbesondere die in Saloniki, dem Vororte der jungtürkischen Bewegung, die die zionistischen Ziele und Bestrebungen propagiert. Man darf wohl sagen, daß die jüdische Presse in Saloniki rein zionistisch ist. Der erste Schekelbeitrag für 1109 lief von Saloniki ein. 'In diesem Horte türkischer Volksfreiheit, in der eine uralte jüdische Gemeinde mit einer ruhmvollen Vergangenheit organisiert ist, blüht der Zionismus wie in keiner anderen Stadt der Türkei. Zu bemerken ist noch, daß die zionistischen Führer in Saloniki irr engen Beziehnngen zn den juugtürkischen Führern dortselbst stehen. Bon einer allgemeinen zionistischen Organisation in der Türkei kann man nicht gut reden, da sich noch alles im Gährungszustande befindet; aber es ist für die Stimmung der Juden in der Türkei und für ihr Verhältnis zum Zionismus charakteristisch, daß sie sich schon heute mit einenl groß angelegten Kolonisationsplan beschäftigen, der dahin zielt, heimatlose Juden im türkischen Reiche anzusiedeln. Von dieser Einsicht bis zum Zionismus ist nur ein Schritt. Die jüdischen Führer in Saloniki sind ausnahmslos dem Zionisnrus freundlich gesinnt. Was ein solches Verhältnis der türkischen Juden zunr Zionismus für diesen bedeutet, liegt auf der Hand. Seit dem Wechsel in der Türkei macht sich auch ein Interesse der großen jüdischen Gesellschaften für die türkischen Juden bemerkbar. .Es ist nicht zeitgemäß, sich schon jetzt über diesen Punkt näher auszulassen; allein schon die Tatsache, daß die Alliance ihre alten Fehler einzusehen beginnt und ausdrücklich Gewicht auf eine bessere hebräische Erziehung der jüdischen Jugend in der Türkei legt, beweist, daß man allenthalben mit den türkischen Juden zu rechnen beginnt und daß man bestrebt ist, ihr Schicksal in sichere Bahnen zu lenken. Man will auch ihre jüdisch-kul-- turelle Entwicklung gewissermaßen sichern. Die zionistische Leitung glaubt keine besonderen Schritte um eine zionistische Organisation in der Türkei unternehmen zu sollen. Ein künstlicher Eingriff wäre um so verfehlter, als — wie gesagt — die türkischen Juden sich jetzt in einem Zustand des Gährens befinden. Wenn die jetzigen Symptome nicht täuschen, wird diese für die gesamte zionistische Partei und für die zionistische Politik überhaupt sehr bedeutende Organisation aus sich selbst natürlich hervorwachsen. Die Aeußerungen der jüdischen Presse in der Türkei über den Zionismus bekunden vollauf, daß der zionistische Gedanke bei den Juden in der Türkei schon jetzt lebendig ist. Eine genaue Beantwortung der Frage, ob die Chancen für den Zionismus durch den Wechsel des Regimes in der Türkei besser oder schlechter sind, ist jetzt nicht opportun; aber so viel kann man sagen, daß ein unterdrücktes, nach Freiheit strebendes Volk lieber sein Schicksal in die Hände eines ebenfalls nach Freiheit strebenden Volkes legt. .... Rr. 4. Bei der heutigen Lage der Dinge fallen viele Fragen, die den Zionismus einst beschäftigte», von selbst weg: allein das zionistische Programm bleibt bestehen, und an ihm wird nicht gerüttelt werden. Ob noch später die Einführung einer besonderen Klausel in das Baseler Programm notwendig sein wird, wird sich bald ergeben. Der Zionistenkongreß ist souverän und dafür die maßgebende Instanz. Er wird auch im gegebenen Falle das Nötige veranlassen. Die zionistische Leitung wird nach wie vor sich nicht mit der Immigration in Palästina beschäftigen; vielmehr wird es auch jetzt ihr Bestreben sein, die nötigen Bedingungen zu schaffen, um eine Immigration zu ermöglichen. Die zionistische Leitung tut alles, was der Wechsel in der Türkei von ihr erfordert. Sie ist mit dem Erfolge chrer bisherigen Bemühungen nicht unzufrieden. Das Arbeitsfeld ist jetzt größer und ausgedehnter, und das jüdische Volk hat jetzt seine politische Einsicht und sein Interesse an seiner Erhaltung durch seine Beteiligung am Zionismus zu dokumentieren. — Tie Art, wie man unserem Mitarbeiter das Obig» auseinandersctztc und die fröhliche, hoffnungsfreudig«; Stimmung, die er auf den Gesichtern beobachtete, gaben ihm die Gewißheit, daß man in der Leitung intensiv und mit Umsicht arbeitet. Hoffentlich werden wir später nicht sagen können: der große Moment hat ein kleines Geschlecht gefunden. Brief aus England. Bon Dr. I. M. Salkind. (Schluß.) Der zweite Vorfall, der unsere blutarme Presse jetzt bewegt, ist die Bradforder Rabbiner-Affäre. Für diesen Fall interessiert! sich besonders die „I e w i s h C h r o n i c l e", die für die Studentenangelegenheit bis nun weder viel Muße noch Lust zu haben scheint. Bevor ich aber an den eigentlichen Gegenstand herantrete, muß ich die Lage des Rabbinerstandes in diesem Lande schildern. Ohne diese Schilderung wäre die Bradforder Affäre einem Ausländer ganz unbegreiflich. Es gibt kein Land, in dem die Rabbinatsverhältnisse so traurig und verwahrlost sind, wie in England. Es gibt wenig Länder, in denen der Rabbiner geachtet wird und die Stellung im jüdischen Gemeindeleben einnimmt, die seinem Amt gebührt; noch weniger ist die Zahl der Länder, in denen der Rabbiner wenigstens geziemend besoldet wird; — es gibt aber kaum ein Land, in dem sowohl die pekuniären als sozialer« Verhältnisse des Rabbinerstandes so miserabel sind wie hier in England. In den letzte» Jahren wurde hier und da der Versuch gemacht, diese Frage zn behandeln; ja man ging sogar daran, gewisse Reformen vorzuschlagen und das englische Rabbinerseminaar, das „Jewish College"^

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