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Neue jüdische Presse · 1909-01-22 · Heft 3 (22.1.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 3 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. jekt des Streites 'und macht nur so en passant die interessante Bemerkung, daß „sein Gärtner und seine Häushälterin ihm viel näher stehen als die polnischen Juden", er rät aber den Nationalisten, sich in ihrer Sprache zu mäßigen und die - Frage sine ira zu behandlen, ein Ratschlag, den er am besten täte, seinem Freunde Mr. Simon zu erteilen, der der einzige Urheber dieses Sturmes ist. Es ist klar und selbstverständlich, daß dieser Federkampf zu keinen weltpolitischen Komplikationen führen wird. Nicht einmal dürfte er die 'am Ruder der Regierung Stehenden veranlassen, daß von nun an ein Unterschied gemacht werden soll in der Handhabung der Gesetze zwischen den Juden, die Nationalisten sind, und denen, die erzbritisch zu sein wähnen. Die Engländer werden nicht einmal die Assimilanten mehr be- und die Nationalisten mehr verachten. Es ist sogar leicht möglich, d aß bei dem Durchschnitts-Engländer gerade das Entgegengesetzte der Fall sein wird. (Schluß folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der Vorstand der jüd. Gemeinde als Verwalter der Geh. Medizinalrat Dr. Mols Cohn-Stiftung erläßt in den hiesigen Blättern ein Inserat, in dem esheißt: „Zur Ausbildung von jüdischen Handwerkslehrlingen, die am Sonnabend die Arbeit nicht aussetzen, sind noch Stipendien zu vergeben." — Ungedruckte Arbeiten, welche in philologisch-historischer Methode die Wissenschaft des Jitdentums fördern, könn i von der Zunz-Stiftung eine Beih. e zn den Druckkostcn erhalten. Für dieses Jahr sind 2000 Jk verfügbar. Bewerbungen um eine Beihilfe sind bis zum 1. Mai an den Vorsitzenden F. Liebcrmann unter Beifügung des Manuskriptes einzureichen. Berlin. Für das Jüd. Technikum in Haifa (Palästina), mit dessen Bau der „Hilfsverein der Deutschen Juden" bereits begonnen hat, hat Herr Jakob H. Schiff-Newyork 100000 Dollars gespendet. Dresden. Der jüngst verstorbene Kommerzienrat und Konsul Max A r u h o l d vermachte der jüdischen Gemeinde 100 000 Mark zu einer „Sozialen Stiftung". De» diesbezüglichen Bestimmungen hat der Erblasser hinzugefügt, er wisse, daß durch dieses Vermächtnis nach Jahrhunderten große Summen anwachsen und alljährlich zu Verwendung gelangen können. Er hoffe, daß, wenn auch dann noch Religions- und Nationalitätshader unter, den Menschen bestehen sollten, das Vermächtnis Kazu beitragen werde, solche sorgsam zu bekämpfen. Köln a. Rh.» 19. Januar. Die Verleihung der Rechte einer «synagogengemeinde an die bisherige Religionsgesellschaft Adaß Jeschurun sowie das 25 jährige Bestehen ihrer Synagoge waren die Veranlassung zu einem Fe st gottesdien st e und Festmahle. In der überfüllten Synagoge, die festlich geschmückt war, wies letzten Samstag — nach einleitenden, von dem Chor des Lehrerseminars sehr schön vorgetragenen Psalmen — Herr Rabbiner Dr. Carlebach in einer groß angelegten, in Form und Inhalt meisterhaft durchdachten Predigt, auf die Bedeutung des Tages hin. Von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels ausgehend schilderte er die Not und Drangsal lies Volkes Israel in der Zerstreuung, in der es gleich dem Dornbusch im Feuer der Leiden und Versolgungen unversehrt blieb und das nicht zum mindesten, weil es sich überall, wo man ihm gestattete, zu verweilen und die Schuhe der Wanderschaft von den Füßen zu ziehen, immer einen heiligen Boden zu schassen wußte, ein Gotteshaus, von dem aus ihm neue Kraft zuströmte. Unsere Synagoge, fuhr Redner sort, an der zwei Jahrzehnte hindurch ein Weiser und Großer in Israel, der greise Rabbiner Dr. Plato, lehrend und durch edles Beispiel zu allem Guten aneifernd gewirkt hat, sei 'auch für uns der Quell frischer Lebenskraft gewesen als Stätte des Gebetes, Stätte der Weihe fürs alltägliche Leben und Stätte der Einigung und Sammlung, — und als Frucht der inneren Uebereinstimmung und der durch die Synagoge .geförderten Einigkeit sei der Gemeinde die königl. Bestätigung geworden, die nun den Grund zu weiterer gedeihlicher Fortentwicklung unseres Gemeinwesens gelegt habe. Lebensbedingung und Reichtum einer Gemeinde seien nicht die große Zahl und Steuerkraft ihrer Mitglieder, sondern wahres Leben und Reichtum seien bedingt durch eisriaes Thorastudium, ausopferuugsfähige und rührige Mitarbeiter an den Aufgaben der Gemeinschaft und heilige Begeisterung für die alten Ideale bei jedem Einzelnen. In diesem Sinne wünschte der Rabbiner der Gemeinde, daß sie nicht nur existiere, wie so viele andere, auch bedeutendere jüdische Gemeinwesen, sondern lebe und Reichtümer sammle, deren Ertrag einst Kinder und Kindeskinder erst voll und ganz genießen möchten. Die Predigt, die einen tiefen Eindruck hervorries, erhöhte noch die allgemeine Fciertagsstimmung, die die sämtlichen Gemeindeinitglieder beherrschte. — Am Abend vereinigten sich die Gemeindeniitglieder mit ihren Damen zu einem F e st in a h l. Nach Absingung des 150. Psalms durch den Seminarchor begrüßte Herr B. H i r s ch die Anwesenden namens des Fcstkoinmitecs. — Alsdann ergriff der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Dr. A. Ochs das Wort und beleuchtete in schwungvoller, oft von lanrem Beifall unterbrochener Rede Entstehung und Entwicklung der Gemeinde, indem er besonders hervorhob, daß die Gemeinde lediglich ihre Ansichten und ihre Rechte innerhalb des eigenen Kreises zu verteidigen und zu fördern beabsichtige, ohne sich in humanitären und solchen Fragen, die das religiöse Moment nicht berühren, von der alten Synagogcn-Gemeinde trennen zu wollen: er schloß mit dem Kaiserhoch. — Nach der Absingung der Kaiserhymne gedachte Herr- Rabbiner Dr. Carlebach des Begründers und langjährigen geistigen Leiters der Adaß Jeschurun des Herrn Rabbiner Dr. Plato, des ehrwürdigen Greises, dessen Gelehrsamkeit weit über die deutschen Grenzen hinaus anerkannt und gewürdigt sei, dessen Frömmigkeit, Bescheidenheit und ideale Lebensauffassung uns zum leuchtenden Beispiel dienen möchte. Der Toast auf ihn und seine edle Gemahlin, deren werktätige Nächstenliebe Großes für Köln geschaffen habe, und die kaum ihresgleichen finde, fand begeisterte Aufnahme. — Herr Isaac van Cleef, der Vorsitzender der Repräsentanz, sprach Herrn Rabbiner Dr. Carlebach den Dank und die Huldigung der Gemeinde aus für seine selbstlose, aufopsernde Hingabe und die großen Verdienste um die Entwicklung der Gemeinde. Durch seine begeisternde Aufmunterung und sein tatkräftiges Eingreifen habe der Herr Rabbiner die geistige Hebung der Gemeinde bewirkt und sich dadurch die Liebe, Verehrung und das Vertrauen sämtlicher Gemeindemitgleider bereits heute nach den wenigen Jahren seines hiesigen Wirkens erworben. — Es toasteten ferner: Herr I. D ü l k e ii auf die Verwaltung, Herr Jonas W o l s ans die Männer und Frauen, die von jeher treu zur Adaß Jeschurun gestanden, Herr Seminarlehrcr Gut ans-den langjährigen Bal- Kaureh und den um die Verwirklichung unserer religiösen Ideale hochverdienten Herrn M. L. Munk, dem aus Anlaß der Doppelseier der Gemeinde der Ehrentitel „Morenu" verliehen wurde, der .eben Gefeierte selbst auf die Religionsschule und ihre Lehrer, Herr Abraham Auerbach auf die Funktionäre der Synagoge, Herr Seminarlchrer Dr. Auer b a ch auf die innerhalb der Adaß Jeschurun blühenden Männer- und Frauenvercine und Herr Josef S c l i g m a n n auf die Frauen. — Herr Rafael Seligmann und Frl. E l k a van Cleef erfreuten die Gesellschaft durch Gesangsvorträge, und unter Absingung gemeinschaftlicher Tischlieder und bei der vortrefflichen Bewirtung seitens des Hotel Goldener Stern, entwickelte sich eine so animierte Stimmung, daß unbemerkt bereits die dritte Morgenstunde herangekommcn war, als das Tischgebet gesprochen wurde. Görlitz. Fabrikvesir-er Sallv Hey mann hat anläßlich seines 70. Geburtstages der jüdischen Gemeinde 30000 Jk zum Ban der Synagoge überwiesen. Oesterreich-Ungarn. Wien. In der »Neuen National Ztg." lesen wir: „Im nächsten Jahre wird das Propinationsgesetz erlöschen und mindestens 20000 Inden werden brotlos. Es wäre wohl überflüssig, hier näher zu erörtern, daß in Galizien, ein sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung vom Branntweinverschleiß elend das Dasein fristet. Es gehören hierher nicht bloß die Branntweinhändler in den Städtchen und Dörfern, sondern auch Legionen von kleinen Beamten, die bei den Propinationen angestellt sind. Sie alle verlieren im Jahre 1910 ihre Existenz. Die Propinationen werden aufgelöst, und ihre Bediensteten, durchwegs Juden, Familienväter, zumeist mit Wochengehalt von 10 bis 20 Kronen, müssen sich nach einem andern Erwerb umschauen. Sie werden ihn nicht finoen, denn sie haben nichts anderes gelernt; auch ihre Väter und Großväter waren bereits bei den Vorfahren ihrer Chefs in Dienst. Der Branntweinichänker, der sein Geschäft aufgeben muß, kann nichts anderes anfangen, denn er hat ebenfalls nichts gelernt und er hat auch gar kein Kapital. Der Branntwein-Ausschank war bisher die Domäne der Allerärmsten. Ihr ganzes „Betriebskapital" besteht oft in einem Liter Schnaps. Für diesen zahlen sie an den Propinator Kr. 1,60 bis Kr. 2,—, und haben sie den Schnaps mit einem Profit von Kr. 1—2 verkauft, dann kaufen sie wieder einen Liter. Im nächsten Jahre soll es anders werden. Die Propinationen hören aus; die Zahl der Branntweinschänker wird bedeutend herabgesetzt, sie werden „konzessioniert". Die Konzession erteilt der Bezirkshauptmann nach seinem Ermessen, unter Rücksichtnahme auf den Lokalbedarf. Der Obmanu der polnischen Volkspartei, Abg. Stapinski, hat bereits im Polenklub erklärt, Juden dürfen keine Konzessionen bekommen. Was soll nun mit den 20 000 Inden, die jetzt vom Branntwein-Ausschank leben, geschehen? Im Lande ist für sie keine Arbeit. Sollen sie ansmandern? Wohin? Nach Wien, Deutschland, London, Amerika?" Wien. In einer Sitzung der Wiener Bez'rksvertretung Josefstadt stellte der Bezirksrat Barth den Antrag, den Stadtrat auszusordern, in Zukunft das Bürgerrecht nur Personen arischen Stammes zu verleihen, die tatsächlich die Leistungen um die Gemeinde Wien auszuiveise» haben. Dieser Antrag wurde a n g e n o m m e n und zwecks Zustimmung sämtlichen anderen Bezirksvertretungen Wiens übermittelt. Rußland. Petersburg. Einige Beiso-ele. zu welchen Widersinnigkeiten das „Wohnrecht" der Juden führen kann: Beabsichtigten da die Studierenden der Elektrotechnik an der Kiewer Technischen Hochschule, während der Weihnachtsferien unter Leitung des Prof. Artemjew die elektrotechnische Ausstellung von Moskau zu besuchen. Alle Vorbereitungen waren bereits getroffen und die Aüfahrtsstunde bereits bestimmt, als die Moskauer Behörde die telegraphische Mitteilung machte, daß die vier jüdischen Studenten, weil sie als Juden nicht das allgemeine Wohnrecht besitzen, nur für zwei Tage nach Moskau nicht kommen dürfen. Sämtliche Teilnehmer nebst dem Prof. Artemjew verzichteten darauf auf die Reise. Achnlich war das Schicksal der von den Schülerinnen des Minsker Mädchengymasiums geplanten Exkursion. Auch hier handelte es sich um einen Besuch von Moskau, dessen Sehenswürdigkeiten die Mädchenjugend anzogen. Am Tage vor der Abreise depeschierte der Ghinnasialdirektor an den Moskauer Generalgouverneur und bat ihn, die Exkursion unter seine Obhut zu nehmen. Darauf erfolgte vom General Hörschclmann die prompte 'Antwort, daß er die christlichen Schülerinnen mit Freuden aufnehmen, den Jüdinnen hingegen den 'Ausenthalt in Moskau nicht gestatten würde. Nach diesem häßlichen Bescheid unterblieb auch die in Minsk geplante Ferienreise, indem die christlichen Mädchen mit ihren jüdischen Kolleginnen sich solidarisch erklärten. „Rufs. Korresp." Palästina. Jaffa. Die auf dem Boden des Jüd. Nationalfonds erbaute Landwirtschaftsschule„Kiriath Sefer'-, die vor Jahren von Israel Belkind unter großen Opfern gegründet wurde, ist jetzt erweitert worden. (Belkind ist einer jener ersten studentischen Pioniere, die als Kolonisten nach Palästina gingen (Gesellschaft „B i l u") und dort u. a. in den achtziger Jahren die Kolonie K a t r a h gegründet haben.) Belkind hat eine Reihe neuer tüchtiger Lehrkräfte für die Schule gewonnen und hat die ganze Anstalt reorganisiert. Unter den neuen Lehrern sind vor allem zu nennen: Dr. Müller aus Wien für Natur- Heilkunde und Mathematik und der Agronom Wilkau s k y, der in Königsberg seine Studien absolviert hat und der außerdem als hebräischer Schriftsteller geschätzt ist. Die Schule wird von Baron E d m u u d von R o t h s ch i l d mit 5000 Fr. jährlich subventioniert. — Die Administration der „Jca" hat über die jüd. landwirtschaftlichen Arbeiter in Galiläa ihre Befriedigung geäußert. Der gesamte Boden von Sedschera ist ausschließlich von Juden bearbeitet worden. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind fast alle Arbeiter Bvdenbesitzer geworden. Die 'Arbeiten sind derart hervorragend, daß die Administration der Jca daraus ersieht, daß eine jüdische Kolonisation in Palästina bei einem fleißigen und energischen Vorgehen weit größere Ersolge erzielen kann, als eine solche in Argentinien. Die Jca h^lt in Tiberias etwa 1600 Dunam des Bodens, den die Tscherkesscn gepachtet hatten, Juden übergeben. In allernächster Zeit muß auch die Klage entschieden werden, die die Jca gegen Sie Araber angestrengt hat, die in unrechtmäßiger Weise sich 1000 Dunam des Bodens von Lubia angeeignet haben; dieser Boden soll dann ebenfalls mir Juden besiedelt werden. Eine neue Kolonie beabsichtigt die Jca in Beth'gan zu begründen. Jeder der Kolonisten der neuen Kolonie soll von der Jca 250 Dunam erhalten, ferner ein Wohnhaus, einen Stall und 3000 Fr. zum Ankauf von Vieh usw. „N. I. K."

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