Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6ette 4. @äm!furfcr gsrvEschck AwÄken-IE. Nr. 3. Amerika. New-Uork. Im November landeten im hiesigen Hafen. 3^6 jüdische Einwand er er gegen 12 418 im gleichen Monat des Vorjahres. — Bon den Eingewanderten kamen 2292 aus Rußland, 914 aus Oesterreich-Ungarn, 163 aus Rumänien, 41 aus England und 9 aus Deutschland. Rew-Nork. Jacob Schilf, Louis Marshall und einige andere hatten in Sachen der Sontagsruhe eine Besprechung mit dem Polizeichef B i n g h a m, um für tue orthodoxen Juden die Erlaubnis;u erwirken, am Sonntag ihre Geschäfte offen zu halten. Die genannten Herren machten den Polizciches darauf aufmerksam, baß für die jüdischen Kaufleute der Konkurrenzkampf ein sehr ungleicher und ungünstiger wäre, da sie gezwungen seien, zwei volle Tage in der Woche zu feiern. Herr Bingham versprach, eine Anordnung zu erlassen, daß man den Juden, die den Sonnabend streng feiern, gestatte, ihre Läden am Sonntag zu öffnen. In der jüdischen Bevölkerung Newyorks, für die diese Angelegenheit natürlich eine ganz außerordentliche Bedeutung zukommt, anerkennt man gern den guten Willen der Herren Schiff, Marshall re., meint aber, daß es richtiger gewesen wäre, sich in dieser Angelegenheit nicht an eine Exekutiv-Behörde, sondern an die gesetzgebenden Körperschaften zu wenden und dort die Frage zur Behandlung zu bringen. „N. I. K." Personalien. Berlin. Anläßlich des Krönungs-unü Ordensfestes erhielten Auszeichnungen: Geh. Kommerzienrat Wilhelm Herz-Berlin - (Roter Adlerorden 2. Klasse mit dem Stern), Geh. Kommerzienrat Isidor Loewe (Roter Adlerorden 3. Klasse mit der -Schleife), ordentl. Universitäts« Professor Fraenkel, Amtsgerichtsrat Dr. Freund-Breslau, Rentner Gustav Kronthal, ^Professor Dr. L a ch m a n n, Reichstagsabgeordneter LeopoldRosenow, Hofjuwelier OttoRosenthal-Berlin, Sanitätsrat Dr. Salomon Mey er-Rietberg, Geh. Sanitätsrat Dr. Neubürger- Frankfurt a. M. (Roter Adlerorden 4. Klasse). Göttingen. Der dieser Tage verstorbene geniale Mathematiker Hermann Minkowski wurde am 22. Juni 1864 in Alexoten (Russisch-Polen) geboren und war einer der wenigen Juden, die in Preußen eine ordentliche Universitätsprofessur bekleiden. Breslau. Geheimer Justizrat Dr. Freund feiert am 26. Januar sein 25jähriges Jubiläum als Vorsitzender der Anwaltskammer. Görlitz. Landgerichtsrat Wendriner erhielt den Titel Geheimer Justizrat. Bernbnrg Hier verlchied im 81. Lebensjahre Kommerzienrat David Calm. Posen. In Fordon wmde der Kaufmann DavidOser zum unbesoldetenRatsmann - und in Schubin der Kaufmann Pelz zum st e l lvertretenden Stadtverordneten-Vorsteher gewählt. Oftrowo. Hier wurde Juüizrat Boß zum - Stadtverordneten-Vorsteher und in Schönlanke Rentier Baruch zum stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher wiedergewählt. Oftrowo. Stadrat und Fabrikbesitzer Fabian Fraenkel verschied im Alter von 67 Jahren. Parts. Stach Vollzug der Senatswahlen gehören nunmehr folgende Juden dem Senate an: Paul Strauß, M. F. Cremieux, Eduard Mil« laut» und Ferdinand Dreyfus. London. Der 70 jährige angesehene Diamant-nhanbler Jonah Jonas starb infolge eines Unglücksfalles auf der Reise von London nach Nottingham. — . Der Großkaufmann Jacob Elias Safson in Bombay, der vor wenigen Monaten dem Gouveneur von Bombay 70000 Lstr. zur Gründung einer Universität behändigte, wurde in den Baro netstand erhoben. — Henry Ospovat, der Meister der englischen Karrikatur, verschied nach schwerem Leiden. Er wurde 1877 in Dwinsk (Rußland) geboren. — Die am 7. Dezember verstorbene Lady Goldsmid, Witwe des Sir Francis Henry Goldsmid, hinterließ zahlreiche Vermächtnisse, u. a. 3000 Pfund der Jüd. Kinderschule in der Commercial Street, Whitechapel und 1000 Pfund dem Jüd. Altersheim in Stepney Green. Rew-Vork. An der Harvard-Universität frTjtpTtpn unter 200 ausgezeichneten Studenten 26 jüdische Studenten Auszeichnungen. Es entspricht das der Berhältniszahl der jüd. zu den nichtjüd. Studenten an der Havard-Universität. Vorige Woche verloren wir zwei angesehene Juden: Louis A. Heinsheimer von der bekannten Bankfirma Kuhn, Loeb & Co., der mehrere Jahre Schatzmeister der „United Hebrew Charities" war, und Rechtsanwalt Maurice Untermyer. Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levh. (Fortsetzung). „Nun Mendel, erzähle mir doch Lenau, wie es die Feiertage war, wer vorgebetet hat, wer die Mizwoth hatte und alles das." Mendel aber entgegnete: „Lieber Onkel, das kann ich Dir jetzt nicht mehr sagen. Ich kenne die Leute nicht, und Du kennst sie nicht." Bär nickte beifällig, zog aber den jungen Mann weiter auf. „Du irrst Mendel. Wenn mein Schwager wüßte, daß Dir das alles so gleichgültig ist, ich glaube nicht, daß er Dir seine Tochter gäbe." „Das wäre ja schrecklich Onkel, aber ich weiß es wirklich nicht. Sobald mir die Namen einfallen, sage ich sie Dir." „Gut, aber vergiß nicht. Reiche mir jetzt ein Glas Wein." Mendel, dem offenbar ein guter Einfall gekommen war und dem der Schalk aus den Augen leuchtete, gehorchte bereitwilligst. Nach Mitternacht trennten sich die Frohen. Ein kühler Regen rieselte hernieder, sodaß die aus dem warmen Zimmer Tretenden ein Frösteln überlief. Mendel begleitete seinen Onkel Bär und führte ihn sorglich. Als sie nach kurzer Zeit an dessen Tür angelangt waren, schlüpften seine Frau und Esther rasch hindurch, Mendel aber hielt seinen Onkel fest. ,Onkel, jetzt erinnere ich mich wieder aller Namen. Also höre. Schacharis betete Isaak Aach vor" — im strömenden Regen wollte er jetzt weiter berichten. Bär, der schon ganz durchnäßt war, riß seinen Arm los und rief: „Du Narr, mußt (Du mir das jni Regen sagen?" und eilte in's Haus. Das laute Lachen Mendel's tönte ihm nach. Da sagte er zu den Frauen befriedigt: „Der Mendel ist doch ein prächtiger Mensch." Der so Belobte aber ging nun eilends nach Hause. — Bär tat, wie er beabsichtigt hatte und erzählte dem Arzt die Unterredung des Rabbiners mit dem Erzbischof. Abraham hörte aufmerksam zu. „Oheim, der Elende hat also über Dich gänzlich Unwahres berichtet?" „Durchaus Erlogenes, soweit es mich betrifft. Die Tätigkeit meines Schwagers Moses in dieser Angelegenheit habe ich Dir berichtet." „So überlasse den Verräter mir. Ich werde Dich von ihm zu befreien wissen." „Abraham, was willst Du beginnen? Hüte Dich vor ihm, daß er Dir nicht schade." „Sei unbesorgt. Ich habe in Cordova einen Dominikaner, der mich vernichten wollte, gebändigt und weiß, wie man mit solchem Gezüchte uiiizngehen hat." Im Flur trat ihm Esther mit blassem Gesichte entgegen. „Vetter, ich bin's, deretwegen sich Joseph an meinem Vater rächen will. Macht ihn nicht nun auch Euch unsertwegen zum Feind, ich wäre unglücklich, wenn Euch meinetwegen Unbill zustieße." „Seid ruhig, Base, mir geschieht nichts Schlimmes. Doch quälet Euch nicht, denn Ihr habt gehandelt, wie Ihr handeln mußtet." „Ich bereue es auch nicht. Wer ein Schatten würde auf mein ganzes ferneres Leben fallen, wenn Ihr durch Josephs Feindschaft leiden müßtet. Ich bitte Euch inständigst, bedenkt das." Sie stand vor ihm mit gefalteten Händen und blickte ihn flehend an. Er lächelte und sagte: „Seid ohne Sorgen, schönes Väschen. Ich versichere Euch, Joseph ist ohnmächtig gegen mich. Loben aber möchte ich ihn, da er doch die Ursache ist, daß Ihr mich eines Gespräches gewürdigt habt, während ich sonst so selten Eure Stimme höre." „Ach, ich werde doch mit meinen unwichtigen Plaudereien den Herrn Doktor nicht stören, wenn er unser armes Haus' mit seinem Besuche beehrt." Sie verneigte sich anmutig und war verschwunden, Abraham aber lächelte noch, als er durch die Straßen schritt. Er ging gleich zu Salomon Bafel, der sich sehr freundlich erhob, als der angesehene Arzt eintrat. ,Millkonnnen Herr Doktor, was verschafft uns die Ehre?" „Ich wollte Euren Sohn sprechen, Reb Salomon." „Er wird im Augenblick erscheinen." Nach einer kurzen Weile trat Joseph ein, den Doktor ehrerbietig begrüßend. „Joseph, ich möchte allein mit Euch sprechen." „Kommt mit in mein Stübchen, Doktor, dort sind wir ungestört." Erfühlte den Gast in das obere Prunkzimmer, das mit bunten Teppichen, kostbaren Gefäßen, kunstvollen Lampen überreich ausgestattet war. „Nun Herr Doktor setzt Euch. Was ist Euer Begehr?" Der Doktor blieb stehen. „Ich komme als Beauftragter meines Oheims Bär Kuchenhcim. Ihr habt dem erzbischöflichen Vogt Fabrizius erzählt, mein Oheim habe dem Overstolz die Zeugen verschafft, die' gegen den Erzbischof ausgesagt haben. Wie kommt Ihr dazu?" Joseph war fahl geworden. „Das muß doch ein Irrtum sein. Wer hat diese Unwahrheit gesagt?" Abraham entgegnete immer mit derselben Ruhe: „Der Herr Erzbischof hat es unscrm Rabbi Mordechai berichtet. — Verlegt Euch nicht aufs Leugnen. Ich wage nochmals, wie kommet Ihr zu solcher Verleumdung?" Der Befragte hatte sich inzwischen gefaßt und agte trotzig: „Ich mußte dies aus einer Unterredung entnehmen, die ich mit Eurem Oheim hatte. Möglicherweise habe ich mit meinem Freund, dem Vogt Fabrizius, davon gesprochen. Es ist allerdings bedauerlich, wenn dieser geplaudert hat." Der Arzt sprach: „Euer ganzes Vorbringen ist eine Lüge, die bereits richtig gestellt ist und keinen Schaden nach sich ziehen wird. Jetzt frage ich, was wolltet Ihr mit dieser Verleumdung bezwecken? Wißt Ihr nicht, daß Ihr dadurch das Unheil über die ganze Gemeinde heraufbeschwören könntet, jetzt, wo das Geleit bald abgelaufen ist? Und warunl tatet Ihr bie§?" ' Es wurde Joseph doch unbehaglich zu Mute. Unter der große Ruhe des Fragenden, der mit blitzenden^Augen hochaufgerichtet da stand, ahnte er den Sturm. Er wollte deshalb versuchen, ob er nicht durch kaltblütigen Trotz ein Ende der Unterhaltung herbciführen könnte. „Das will ich Euch gestehen. Ich habe durchaus keinen Grund, Euren Oheim zu schonen; in seinem Hause habe ich nur Schimpf erlitten. Und an der Gemeinde liegt mir nichts, sie hat es nicht anders um uns verdient. Denkt Ihr nicht mehr an den Bann? Ich bitte Euch, laßt uns jetzt enden, meine Zeit ist gemessen." Der Arzt trat einen Schritt näher auf Joseph zu, der unwillkürlich zurückwich. Er rief: „Elender, hast Du keine Entschuldigung für Deine Verleumdung, nrit der Du einen Ehrenmann in's Unglück stürzen wolltest.' Weißt Du, wie ich Dich unschädlich machen werde? Ich versammle die Gemeinde und lasse alle Männer vom Rabbiner verlangen, daß er über den Judenfeind, der die ganze Gemeinde verderben will, den großen Bann spreche, der Dich aus der Stadt verweist und umherirren läßt, wie Kain, den Brudermörder.' Und den Erzbischof suche ich selbst auf. Er soll seine Hand von dem Verbrecher ziehen, der ihn durch falschen Bericht getäuscht, um seine eigene niedrige Rachsucht zu befriedigen. Ich werde Dein Verbrechen auf den Gassen bekannt machen, daß kein Christ mehr mit Dir redet, denn wer sein Volk, seine Brüder verrät, — wessen hat sich der Fremde vor dem zu versehen? Du weißt, daß ich mächtigen Einfluß bei dem Erzbischof und bei den Räten der Stadt besitze, die ich mir alle durch meine ärztliche Kunst verpflichtet habe. Ein Wort von mir und alle Deine christlichen Freunde schützen Dich nicht." Joseph versuchte zu lächeln, doch mit verzerrten Lippen. „Ihr macht große Worte für das kleine Versehen." „Willst Du es gut nrachcn? Willst Du dem Vogt gestehen, daß Du gelogen?" „Wenn Euch daran liegt, werde ich dies wohl tun." „Gut, wenn das bis heute Wend geschehen ist, lasse ich für diesmal ab von Dir; — nicht Deinetwegen, sondern wegen des Rufes der Gemeinde." Joseph atmete auf. Der Arzt fuhr mit harter Stimme fort! „Nun höre weiter. Ich werde Dich fernerhin beobachten. Wenn Du noch etwas feindliches gegen die Gemeinde unternimmst, vernichte ich Dich ohne Gnade. Mir steht der weltliche Arm der Gerechtigkeit zu Gebote." „Ich werde keinen Streit mit Euch suchen, das liegt mir ferne." Der Doktor' sprach nun mit ruhiger Stimme, als ob nichts vorgegangen Iväre: „Dann können wir die Unterredung beenden, da wir einig sind. Gehabt Euch wohl." Er entfernte sich mit langsamen Schritten und sprach unten mit dem Ehepaar noch einige freundliche. Worte. Joseph aber war blaß vor Wut. Er sah ein, daß er in Zukunft weder gegen Bär noch gegen den Doktor etwas feindseliges werde unternehmen können, da dieser Teufelsarzt gar zu rasch und entschieden vorging und mächtige Verbindungen hatte. Ja, wenn er Christ werden könne! Wer dann droht ihm die Rache des jungen Overstolz. „Wer Geduld, meine Zeit wird doch noch kommen!" Vorläufig aber sah sich Joseph veranlaßt, dem Vogt zu bekennen, daß er sich hinsichtlich der Zeugensache geirrt habe. ■ .