Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692617--04476-2699291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Frankfurter Israelitisches Familienblatt. SK. 3 an." Mit dem Nathan als Führer vollsich der Weg, den die deutschen Juden im Jahrhundert zurückgelegt, folgendermaßen: >ch Zanational. Misch antinational, »Ls ch national. Das Judentum selbst wurde zu »d Glaubensartikel, zu einer Konfession herab- Später wurde das Judentum in 'chland mit dem Allgemein-Menschlichen Hin identifiziert. Zu einer solchen Torhat uns der weise Nathan verleitet. IW'wäre natürlich falsch, zu behaupten, daß jsings Nathan allein an der Verwahrlosung i, Judentums in Deutschland schuld ist; aber sings Nathan, von dem uns sein Schöpfer .daß er Jude ist, hat auf vielen Umwegen btc Degenerierung der deutschen Juden beige gen und der Assimilation in die Hände gear Man war auf falschem Wege, als man den ifchen Nathan zum Musterjuden wählte. . . ist und bleibt eine schöne Tendenzdicht ,-,das künstlerische Produkt gewisser philos» Min und ethischer Postulate. Und, wenn der oeMse und . bluüeere Nathan, das Produkt Men Christen, der mit Nathan seiner «ine gewisse Tendenz demonstrieren wollte, n dieser allgemein-menschlich gehaltene Nathan c Führer und Wegweiser einer speziellen, an send Eigentümlichkeiten und scharfer Charakte- Wchen Volkes wird, so muß das Volk abschüssige Wege geraten und degenerieren. Allgemeine beweist nichts für das Spezielle, aus diesem Grunde konnte Nathan weder für (gegen die Juden zeugen; aber da die deuthM Juden das Allgemeine an Nathan mit oAn /Urspeziellen identifizieren wollten, so mußte «flc Karrikatur herauskommen. Die Karrika pesheißt Rejorm, Mission unter den Völkern, wir sche, Ccnttalverein deutscher Staatsbürger |ühyl Glaubens, der Syndikus der Berliner Ge l»e und Rabbiner Cohn usw. Diese Karrika- Ke aus der Identifizierung des allgemein enen Nathan mit dem urspeziellen Juden orging, hat der unsterbliche Herzl zu einer Men Tradition erhoben: sie heißt Mauschel. So hat die Nathan-Kultur verderbend, zersetzend und karrikierend auf die Juden in Deutschland und auf das Judentum gewirkt, weil es ihnl das Spezielle und Charakteristische und Jüdisch- Eigenartige geraubt. Deshalb hütet euch vor Lessings Nathan! Jyp-’ Doch ich muß noch uns einen Umstand hin ‘Isafen. Die deutschen Juden sind zweifelsohne p begabteste Judenstamm. Die deutschen Juden her Wissenschaft, Literatur und Politik aer geliefert, die einen integrierenden Bcstandher deutschen Kultur bilden Viele deutsche den * haben jüdisch gedichtet oder wolften als Me Dichter in deutscher Sprache gelten. Un 2 sind die jüdischen Romane, Dramen, Gesammlnngen, die Juden zu Verfassern haben, tön denke an Lohn, Kompert, Franzos usw. haben die deutschen Juden auf diesem Gepositiv geleistet? Wo ist der jüdische Men- Ivo der jüdische Bialik in deutscher Sprache? he ästhetische Werte von bleibender Dauer be« die unzähligen deutsch-jüdischen Schriftsteller d (Mchter geschaffen? Sieht man von Bern- WWgele Magidd ab, so kann man hinter se' Fragen eine Null stellen. Warum? Nathan Hörbild, der ajüdische Nathan. Und jeder Me Dichter oder Schriftsteller in Deutschland, r Mische GestaÜen zu dichten und zu schaffen te, -hat in beschränkter Tendenz und in engziger Nathan-Tradition „anständige tolerante, sinnige und edle" Menschen resp. Juden gchlfffen oder schaffen wollen, die weder Menschen Huden, weder als die Einen typisch, noch!s die Andern charakteristffch sind. Was will so Mischer Held in einem deutsch-jüdischen Rol? „Pietät für den Glauben der Väter", Me sein" und „Toleranz üben". Das ist »enW. Er ist weder allgemein-menschlich , noch besitzt es die Größe der jüdffchen Ein- Was ist Berthold Auerbachs Spinoza? Mtzilosophie-Historiker nennen das Werk eine "Mar von Spinoza, und berufene ästhetische M bezeichnen es als eine Kompilation von ohne jede organische Einheit. Selbst hat rächt ausgereicht, den Rabbi harach zu vollenden. .... Und Heine orgezogen/^tatt nathanisch Moral und To- W prebigen, das Werk unvollendet zu Brief aus England. Von Dr. I. M. Salkind. Bon jeher befaßten sich unsere Zeitungen mit kaum etwas anderem als mit seitenlangen Biographien der Chasonim und Schamossim der verschiedensten Chevras der Hauptstadt und der Provinz und der genauen Aufzählung der unzähligen Hochzeitsgeschenke der Söhne und Töchter unserer Parnassim, oder, im besten Falle, mit den hohlen, aufgeblasenen Predigten (wenn nicht übersetzt aus dem Deutschen) unserer mehr oder weniger bekannten „Ministers". Nun ist es plötzlich anders geworden, und unsere Zeitungen haben in einem solchen Maße interessant zu werden begonnen, wie wir es kaum erwarten durften. Zwei ganz unerwartete Inzidente tragen Schuld an dieser gewaltigen Umwälzung im Charakter und Lebensinhalt der englischen jüdischen Presse, und zwar die jüdischen Studenten und die Enthüllungen über die Art, wie die Bradfordcr „orthodoxe" Ke - hilla ihren früheren Prediger zu behandle« pflegte. Auch wir haben jetzt Studentenunruhcn. Natürlich weder nach ° russischem noch nach österreichischem Muster; leben wir ja auf dem gesegneten Boden des freien England, wo Revolutionen nicht mehr notwendig und Rassenvorurteile dermaßen unbekannt sind, daß sogar ein Jude — und mag er auch noch vor 5—6 Jahren ein angesehener „Baal-Habiß" von Berdltschew oder Frankfurt a. M. gewesen sein ein Vollblnt-„Lo§Ii8kmLU of the Jewish persuasion" sein kann. Unsere Studenteimnrnhen sind ganz anderer Natur. Das Einzige, das sie vielleicht mit den gewöhnlichen Studentenunruhcn in Gemeinschaft haben, ist, daß die jüdischen Studenten nicht das Subjekt, sondern das Objekt der Unruhen sind. Die Zahl der jüdischen Studenten in diesem Lande, das unsere Kehilla-Führer, wie cs überall Usus ist, als das auserwählte Land preisen, ist sehr gering. Es gibt hier Universitäten, die kaum einen jüdischen Studenten haben. Der englische Jude weiß aus Erfahrung, daß man ganz bedeutende Reichtümer anhäufen kann, auch wenn man seinen Nanren nur mit schwerer Mühe auf einen Scheck hinzukritzeln vermag. Nicht einmal die Rabbiner brauchen akademisch gebildet zu sein. An der geistigen Leitung des englischen Judentums gibt es nur für einen Herrn Dr. Rabbiner Platz. . . . Vor 10—15 Jahren war die Zahl der jüdischen Studenten noch bedeutend geringer. Was man so die besseren Stände nennt, pflegte seine Kinder nach den Polier-Anstalten in Brüssel oder Paris zu schicken, aus denen sie nach dem Verlauf von 2—3 Jahren als „acnomp- Iisueck" herauskamen. Das - Dutzend Studenten, das vielleicht in Oxford und Cambridge anfzutreiben gewesen wäre, lebte fern vom Judentum, machte tüchtig alle Sports mit, bummelte fleißig mit den jungen Lordlings und nahm in sich die ganze Tiefe des „britischen Wesens" auf. Aus ihrer Mftte rekrutierte sich gewöhnlich, nach vollendeten Studien, die geistige und politische Führerschaft der englischen Judenheit, jene Schar der „Großen in Israel", vor ^encn nian auf dem Kontinent einen solchen Heidenrespekt hat und von denen man dort annimmt, daß sie „rorew lemalchus" sind. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der jüdischen Studierenden bedeutend zugenommen, obwohl auch noch jetzt, ihre Proportion zu der jüdischen Bevölkerung Englands sehr beschämend ist. Die unerträglichen Verfolgungen, die unsere Brüder in Rußland und Rumänien erleiden müssen, haben unserer Insel auch größere Massen der besseren Schichten unserer russischen Brüder zugeführt. Dieser Zuwachs, der o segensreich für das englische Judentum geworden ist, blieb auch nicht ohne Einfluß auf die jüdische Studentenschaft. Nicht nur bedeutete er, dank dem bekannten jüdischen Drang zum „lernen", eine numerische Verstärkung, sondern er bewirkte auch, daß die jüdischen Studenten jüdisch wurden und jüdischer zu denken und fühlen begannen. In den alten Universitätsstädten Oxford und Cambridge wurden von den Studenten Synagogen-Gemcinden und jüdische Literatur-Vereine gegründet. Dagegen konnte natürlich das offizielle Judentum nichts einwenden. Aber was zu erwarten war, traf auch ein. Durch die Vertiefung in die jüdische Geschichte und das jüdische Denken der einen und durch das noch vom Hause mitgcbrachtc tiefe jüdische Empfinden der andern wurden *bie meisten der jüdischen Studenten zunr jüdischen Nationalismus gedrängt, manche sogar, die konsequenteren unter ihnen, horriülle birtu zum Zionismus. Vor ein paar Wochen itim wurde eine Konferenz jüdischer Studenten abgehalten, auf der u. a. beschlossen wurde, öffentlich in der jüdischen Presse an die gesamte jüdische studierende Jugend Englands zu appellieren behufs der Gründung von lokalen jüdisch-nationalen Vereinen und der Verschmelzung dieser Vereine zu einem die sämtlichen Universittäen Englands umfassenden Verband. Da platzte die Geduld unserer Offiziellen, und das Gewitter brach los. Als erster im Kampfe trat Mr. Oswald John Simon auf, von deutschem Ursprung und ein angesehener Leader der hiesigen Reformgemeinde. Er griff die jungen Leute in heftiger, ungezügelter Rede an, sprach von ihrer ausländischen Herkunft und machte ihnen die bittersten Vorwürfe über ihre Abtrünnigkeit von den Idealen der Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation in England, beren glorreiches Andenken erst vor kurzem durch ein glänzendes luftillisches Diner (zu dem, a propos, viele berühmte Nichtjuden eingeladen wurden, aber nur sehr wenige erschiene» waren) gefeiert wurde. „War die Versicherung,' die unsre glorreichen Eltern feierlichst gegeben haben, daß die Juden keine Sonderinteressen haben und in jeder Beziehung, — mit der einzigen Ausnahme der Religion natürlich, die mosaisch ist, — Vollblutsbriten sind — eine Lüge? Was werden unsre Nachbarn dazu sagen? Mit welchem Rechte dürfe« nun diejenigen, die den jüdischen Nationalismus so offen proflamieren, auf die Gleichberechtigung der Juden mit der übrigen Bevölkerung des Landes Anspruch erheben?" Dieses nervöse Schreiben eines so Großen in Israel rief einen wahrhaften Platzregen von Korrespondenzen hervor^ Das Eis des Jndifferentismus war gebrochen. Am meisten sind es die Studenten, die auf beiden Seiten kämpfen. Die nationalistischen Studenten führen noch einstweilen eine sehr schüchterne, zaghafte Sprache. Die Armen haben leider einen sehr schweren Stand. Die Epistel der Gegner dagegen strotzen von Banalitäten und sind sehr agrressiv. Wir vernehmen einen Wiederhall der Angriffe, die vor Jahren seitens der kontinentalen Assimilanten auf uns ausgeübt wurde» und die zu wiederholen sogar unsre Emanzipationshelden in Rußland vor der dritten Duma für notwendig gefunden hatten. Das günstigste Gebiet für diese Känrpfe bietet „The Jewish World". Diese Zeitung, die einst sogar als das Organ der englischen Zionisten galt (nota bene: als die „Jewish Chronicle" extrem antizionistisch war) und die jetzt führenden Jtoisten und Assimilanten gehören soll, ist, seitdem die Jüdische Kolonialbauk .Herrn L. I. Gremberg zum Ankauf der „Jewish Chronicle" verholfen hat, obwohl diese Zeitung dadurch, aus Geschäftsgründen natürlich, kaum zionistisch geworden ist, in eine heftige Gegnerin des Zionismus verwandelt worden. Man kann sich daher leicht denken, wie fteudig sic diese Gelegenheit begrüßte. Das Interesse an diesem Kampfe wurde noch dadurch erhöht, daß auch der Größte unserer Großen, Claude G. Monte f i o r e nämlich, in der vordersten Reihe der Kämpfenden erschien. Dieser große Philosoph, Reformer, Philanthrop und Leader des Judentums nimmt zwar keine prinzipielle Stellung zum Ob-