Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MranLfrrrter Zstiklitisches lamilerutilntt. l - *jl 'ft; -j Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiL pro Vierteljahr: Ja Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mt. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Dü. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. IN., vildelerstraße 4/6> Ecke Lleichftraße V-r-f»« 10507. Herausgeber: Kalg cheks. -—’ Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petilzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 10» .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. ' 7. Jahrgang. Freitag, de« 29. Tewes 5669 <22 Januar 1909). Rr. L Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Hütet euch vor Lesfing I — Brief aus England. — Aus all er Welt. — Personalien. Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Wochen-Kalender. — Familiennachricht e n. Hütet euch vor Lesfiug! Don Maxime .Le Maktre-Gießen. Es war kurz vor der großen französischen Revolution. Die ganze Kultur der Persönlichkeit, die von der italienischen Renaissance ausging, Hatte sich ausgelebt, erschöpft und trieb in ihrer Entartung nur noch giftige Blüten. Von der großen Herrscher-Persönlichkeit, vom großen historischen Charakter, wie ihn Machiavclli erträumte, war nur noch das Haupt des banalen Polizeitzaates geblieben, der nüchterne, selbstsüchtige, aller Schönheit und aller Größe abholde Despot. Dieser Despot knechtete nicht sowohl das Einzelindividuum, als die Masse, das Volk. Und das Volk empfand tief seine Rechtlosigkeit, die Hemmungen seiner Selbstentfaltung, und es empörte sich gegen den schwächlichen Machthaber, gegen den alles verderbenden, verdicnstlosen Despoten, der mir ein Polizrifürst war. ... In dieser Empörung ging dem Volk, da es nur nach psychologischen Motiven agiert, der Sinn für die Persönlichkeit überhaupt verloren. Johann Wolfgang v. Goethe mußte zur Rückkehr zur Persönlichkeit mahnen. Das Volk sah im Einzelnen, der es beherrschte und vergewaltigte, seinen Feind. Gemeinsames Leiden, gleiche Schicksale verbinden. . . . . So fanden sich die Völker, die weder durch Telephon noch durch Telegraph noch durch Eisenbahn verbunden waren, zusammen. Und je größer der Druck von oben auf den Gemütern lastete, desto mächtiger erllang jene gewaltige Symphonie, zu der jedes Volk ein paar Akkorde lieferte, die wir mit den Namen Humanität, Toleranz, Auf- Lärung, Menschheitsverbrüderung oder sonstwie bezeichnen. Jene gewaltige Symphonie am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts war das große Menschheits-Revolutionslied, das die Menschen und Völker mit ihren Tränen und mit ihrem vom Despoten geknebelen Geist gedichtet haben, es war der Sang in der Trauerstunde, in den alle Leidtragenden instinktiv einstimmen. Aber für die Gesamtheit, für die Gattung ist das Unglück nur eine Unterbrechung des Glücks. .... Sobald das Glück der Gesamtheit nicht mehr gewaltsam aufhört, verstummt jener Gesang. Sentimentale, unhistorische Menschen, Kreiheitsstümper, llagen dann über die Reaktion. Gotthold Ephraim Lessing schrieb den Text zu seinem mächtigen Gesang, der am Ende des achtzehnten Jahrhundert erscholl, er dichtete ein Lied zu einer schönen Melodie. . . . Das Lied zu der Melodie, der Text zu jenem Gesang, den Gotthold Ephraim Lessing schrieb, heißt Nathan der Weise. Nathan, der Jude, der unterdrückteste Mensch, sollte die Verkörperung des Menschenideals jener Zeit sein. Tolerant, Humanitär, frei- und feinsinnig, edel und gut. Mendelssohn, der „jüdische Weise", dessen Nachkommen bald nach dem Ableben des jüdischen Weisen zum Christentum übergetreten sind, stand Lessing Modell. Was ist das Charakteristische, das Persönlich-Eigenartige an Nathan? Toleranz, Edelsinn, Edelmut, Feinsinn. Daß Lessing gerade den unterdrückten, geknechteten Juden als Träger dieser Eigenschaft auserkor, spricht für die Toleranz, Edelmut, Edelsinn und Humanität Lessings, — aber an sich könne» diese edlen Eigenschaften eines Menschen kein Kennzeichen eines großen, historischen Rasscn- oder Nationalcharakters sein. Allgemein-menschliche Eigenschaften, gute oder schlechte, sind jedem mehr oder weniger eigen und sagen nichts von dem speziellen Menschen, nur von dem Menschen schlechthin. Und jedes Grab ist eine Weltgeschichte, jeder Mensch eine Welt für sich. . . . Der spezielle Mensch, der Rassen- und Nationalmensch mit seinen Eigenarten, Eigentümlichkeiten und Absonderlichkeiten seines speziellen Charakters, der ans tausenden Momenten des Blutes, der Vererbung, des Milieus, der nationalen Reibungen, sozialen Konflikte und Strömungen der Zeit sich zusammensetzt, ist nicht mit dem allgemeinen Menschen, mit dem Menschen als ethisches Individuum identisch. Der Mensch des Buches und der Ideale ist nicht der Mensch des Lebens. Und was ist Nathan? Ein Mensch des Buches und der Gedanken und der ethischen Postulate, der zufällig Jude ist, dank der judenfreundlichenGesinnungLes sings .... uns als Jude hingestellt wird, der aber, da ihm alle Eigenschaften des speziellen jüdischen Mlen scheu abgehen, nicht notwendiger weise kraft seiner Eigenschaft Jude sein muß. Nathan ist der bloße Mensch im Juden, der entblößte Jude in seiner reinen menschlichen Hülle. Er kann ebensogut Norwege, Ungar, Deutscher oder Franzose sein, respektive als Glied eines dieser Völker hingestellt werden, und auch dann wird er weder Deutscher noch Franzose noch Ungar sein, sondern ein Mensch schlechthin, ein allgemeiner Mensch ohne jedes Spezifikum. Für Nathan sind wir Lessing Dank schuldig — weil er gerade im speziellsten, innerlich kompliziertesten Menschen, in dem persön lichen Juden auch den allgemeinen Menschen demonstrierte, — weil zu Lessings Zeit nicht das Spezielle, sondern das Alb gemeine im Menschen Ideal war und er dieses Ideal in einem Menschen verkörpert hat, den er Jude nannte und als Juden hinstellte. Mit dem Wechsel der Zeiten ändern sich auch die Ideale. Heute, nach Baudelaire, Poe, Tschechow und Kippling, ist nicht mehr das Alb gemeine am Menschen unser ästhetisches Ideal, sondern das Spezielle, Spezifische und Individuelle. Heute haben wir mehr Sinn für die Persönlichkeit, wie am Ausgange des achk- - zehnten Jahrhunderts. Damals war die 3Rof von einem Hasse gegen die Persönlichkeit qt>! tragen. Seitdem das Volk mit dem Einzelnen 5fc Herrschaft in Staat und Gesellschaft teilt, bringt : es der Existenzmöglichkeit der Individualität mehr j Verständnis entgegen. Damals hatte jedes Volk. > j einen Sinn für die Menschheit, heute betont eL mehr sein eigenes Ich. Auf allen Gebieten dsS geistigen und realen Lebens streben wir immer-'Va, mehr dem Persönlichen und dem Individuelles zu, in der Architektur, in der Musik, in der- Politik, in der Literatur usw. Heute erscheint uit£ das Allgemeine, wenn es von noch so einer starken , zentralen Einheit getragen wird, als etwas Derschwommenes, Charakterloses, Chaotisch-Allgemeß» nes. Was nicht persönliche Farbe und eigenartigen J. Klang hat, erscheint uns als ästhetisch minder-»^ wertig, als „Gemeinplatz", als Gut der «Siel*» ' 1 zu-Vielcn". £<••«. Aus diesem Grunde kann heute Nathan nicht das Ideal des Judentypus sein Und doch drängt -. uns die Lessing'sche Autorität, vielmehr das Wp» sehen Lessings, den Nathan auf; er zwingt unS^ 4 seinen Nathan als den Juden anzusehen. Taw- A sende und Abertausende deutsche Juden schwär«^ i. heute auf Nathan und sind bestrebt, sich, ihm zu identifizieren. Darin steckt eine Gefahr» \§-; auf die nicht genug hingewiesen werden fattn£' '■?!. Ich will mich hier weniger mit der ästhvtisch-theoretischen als vielmehr mit der kultnrelki» ' und jüdisch-literarischen Seite des Lessingschen Rq^ ° than beschäftigen. ' Zunächst die Thesis. Das Bestreben der deut^^ scheu Juden, sich mit Nathan zu identiMeren^N in Nathan den Musterjuden zu sehen, hat nicht wenig zur Verkümmerung ihres jüdischen Natio-l/) nalbewußtseins beigetragen. Nathan ist amtiomi^AlF und Nathan als „Musterjude" hat die deutschÄ^L, Juden gelehrt, in seinen Spuren zu waudÄnL'> Der eigenartigste, persönlrchste^D Mensch, der Jude, ist durch eineßaL-'.^' sche literarische Tradition in dieVev^ jj' suchung gekommen, all g e meiner^ Mens ch ohne jedes historisches Spezi'-- fikum zu werden. . Zu Beginn des neunzehnten Jahrhundert f mag dieses Streben vieler Juden in Deutschland H ein ehrliches gewesen sein, später, als die natiq^ . nale Idee als Reaktion auf den immer mehr unö-,^ mehr sich verwässernden Kosmopolitismus Uri&e£- a zum Leben tarn, war dieses Streben der dentfchen^ A Juden nicht mehr ehrlich .... sondern Pose, ein» Jdealisierung des Gebrechens,-die für den nationalen Selbstmord. . . . Denn als fei» nationale Idee in Deutschland ihre Herrschaft <u$ \ trat, mußten auch die Juden in Deutschland Farbrr. v bekennen.Im ersten Rausche der HchitzUÄ; wollten sie sich nicht mehr entschließe^, - Wirtsvolk chr jüdisches Nationale abzugeSen sie fürchteten auch.... Der Nathan half. DWhÄ in ihrer Not. „Wir sind Menschen, ^deiHWM Staatsbürger (Radikale, sagte sogar, wrr' Germanen), aber wir gehören der jüdis^ )< i-!