Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Frankfurter JsraelWches FainÜieMatt. Leite 3. kennen lasse. Wenn wir diese Tatsache auch gern anerkennen, "so darf -doch der Differenzpunkt zwischen uns und den andern, die nationale Idee, nicht verwischt werden.. Die Assimilation bedeutet einen Verzicht auf eigene Kultur. Eine Lösung der Judenfrage, die nur die Juden eines einzelnen Landes berücksichtigt, ist ebenso unmoralisch wie die individuelle Lösung der Judenfrage, die Taufe. Alle die Behauptungen, die sich auf eine angebliche Gefährlichkeit des Zionismus beziehen, weist der Redner nlit schlagenden Argumenten zurück. Mit besonderer Entschiedenheit wendet er sich gegen die von den Rabbinen propagierte Anschauung, daß der Zionismus insofern eine Gefahr für die Zukunft der jüdischen Religion bedeute, als dadurch die Mission Israels in der Diaspora gefährdet werde. Das Missionsidcal sei weder eine im jüdischen Schrifttum begründete, noch könne cs angesichts unserer gegenwärtigen Lage etwas anderes sein als eine unvernünftige Phrase. Die energischen, scharf pointierten Ausführungen des Redners Neckten lebhaften Beifall. Der Vorsitzende Dr. Kalmus begrüßte K mit großer Genugtuung, daß ein Rabbiner so ehrlich und offen den Zionismus vertrete und den Widersinn der Missionstheoric aufgedeckt habe. Köln a. Rh. Es gingen in dem zweiten Halbjahr 1968 für den Jüd. Nationalfonds ein: aus Argentinien 2134,89 Mk., Australien 1246,44 Mk., Belgien 1893,76 Mk., Bulgarien 1749,06 Mk., Kanada 818,53 Mk., Deutschland 17 986,18 Mk., Aegypten 148,64 Mk., England 6 624,02 Mk., Griechenland. 24,30 Mk., Italien 160,26 Mk., Niederlande 1671,32 Mk., Nordamerika 21690,93 Mk., Oesterreich 27 407,11 Mk.. Ungarn 2 466,46 Mk., Kroatien, Slavonien und Bosnien 1014,19 Mk., Rumänien 9244,94 Mk., Rußland 36 268,67 Mk., Schweiz 530,52 Mk., Südafrika 12 389,03 Mk., Skandinavien 33,75 Mk., Türkei 577,54 Mk. — Außerdem wurden aus gesammelten Postwerzeichen 395,18 Mk. und aus anderen gesammelten Materialien 267,84 Mk. erzielt, sodaß die Gesamteinnahme des Jüdischen Nationalfonds im zweiten Halbjahr 1908 147055,69 Mk. beträgt. Die jährliche Gesamteinnahme des Jüdischen Nationalfonds darf man danach auf etwa 300000 Mark schätzen, wobei allerdings zu bemerken ist, daß. der Fonds erst seit sieben Jahren besteht und daß seine Einnahmen bisher ständig gewachsen sind. Das Gesamtvermögen des Jüdischen Nationalfonds beläuft sich gegenwärtig auf annähernd l3/i Millionen Mark. Pose». Der diesmalige Makkabäerabend der zion. Ortsgruppe war von etwa 400 Personen besucht. Nach einem stimmungsvollen Präludium aus dem Harmonium, vorgetragen von Chordirigcnt Fin kel, feierte Rechtsanwalt Dr. Köllen scher das zionistische Makkabäerideal in schwungvoller, zündender Rede. Cantor Feldmann, Oberkantor Leib owitz und Fräulein Martha Wolfso hu, die seitens unserer Districtsgruppen so sehr begehrte Vortragskünstlerin, lösten sodann mit ihren Deklamationen zion. und jungjüd. Dichtungen lebhaften Beifall aus. Frau Finkelstein produzierte auf deni Klavier mit gewohnter Meisterschaft die jüdische Rhapsodie. Den Schluß des deklamatorischen Teils bildeten die wirksamen Vorlesungen der Menora von Herzl, einer Scene aits den Makkabäer von Otto Ludwig und des Schlutzkapitels von Altneuland, in denen Schauspieler Bruck seine reife Künstlerschaft voll entfaltete. Den künstlerischen Darbietungen schlossen sich eine Verlosung und ein Verkauf von jungjüdischen Büchern und Produkten der Kunstgewerbeschule Bezalel an.. Das Buffet wurde von der nationaljüdischen Frauenvereinigung, der auch für die Ausschmückung usw. besonderer Dank gebührt, gestiftet. Nachdem beim Tanze auch die Jugend zu ihrem Recht gekommen, 'schritt man zur Kaffeetafel, bei der verschiedene Toaste ausgebracht wurden und Schauspieler Goldberg Jargonlieder zum Besten gab. Mit der Kaffeetafel hatte das glänzend ' laufene Fest sein Ende Erreicht.? Budapest. Redakteur L. Lebowitsch hielt in Maros-Basarhely, in Miava und in Eperjes Propagandareden für den Misrachi. Die Versammlungen hatten den Erfolg, daß sich die Anwesenden korporativ dein Misrachi anschlossen; in Miava wurde außerdem die Gründung einer jüd. Lesehalle und einer misrach. Mädchen-Vereinigung beschlossen. Bukarest (Rumänien). Am 7. bis 9. dss. Mts, den rumänischen Weihnachten — findet eine zion Landeskonferrenz in Galatz statt, und zwar unter dem Vorsitze unseres arbeitsfreudigen Präsidenten M. H. Schein. — Die Makkabäerfeiern sind im ganzen Lände gut verlaufen und brachten eine hübsche Summe für den Nationalfonds. H—r. London. Drei jüdische Studentenvereine an den Universitäten Oxfort, Cambridge und Leeds, von "'denen« zwei zionistisch und einer nationaljüdifch ist, erlassen einen Aufruf, der zur Bildung ähnlicher Vereine an den übrigen Universitäten Englands, Irlands und der Kolonien auffordert. Konstantinopel. Die Antwort des P ar l am en t s auf die Thronrede besagt«vezügl. der «ch u l f r a ge. daß nur die bis jetzt vom Staate selbst gegründeten und dem Unterrichtsministerium unterstehenden Schulanstalten einheitlich auf nationaler und patriotischer Grundlage zu reformieren sind. Somit sind die von den Griechen, Juden und andern Nationalitäten unterhaltenen Schulen als Privatanstalten erklärt und mit der verlangten Freiheit für die Wahl der Unterrichtssprache und des Schulprogra m m s ausgestattet. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M>, 12. Januar. 58 et ein f ftt j ü d. Geschichte und Literatur. — Ein mittelalterliches Kulturbild mit all den schwarzen Schatten der Dummheit und Bosheit, die besonders gegen die verachteten und rechtlosen Juden sich frei ergehen ließen, entrollte Rabb. Dr. Ackermann- Brandenburg in seinem gestrigen Bortrage über den kurfürstlich brandenburgschen Münzmeister 1535 bestieg der schwankende und schwache Joachiin II. den brandenburgschen Thron. Er war den Inden nicht ungünstig gesinnt und nahm die von seinem Vater, der 38 unschuldige Juden auf einein Roste verbrennen ließ, des Landes verwiesenen Juden wieder auf, so daß Martin Luther es,für angebracht hielt, ihn vor den Juden dringend zu warnen. Eine Freundschaft, die immer vertraulicher wurde, verband .ihn mit lpem Juden Lippold, und er machte diesen 1556 zum Obersten aller märkischen Juden, später noch zu seinem Schatullenverwalter und 1565 überdies auch zum Münzmeister. Lippold war als armer Bursche mit Vater und Brüdern aus Prac eingewandert. Der verschwenderische und in Lieb" schäften verwickelte Kurfürst brauchte ihn zur Befriedigung seiner gewaltige» Geldbedürfnisse, und Lippold erwies sich gegen ihn von unwandelbarer Treue. Lippold war aber der Typus eines Emporkömmlings, dazu sehr habsüchtig und zog sich so nicht nur den Haß der Christen, sondern auch der Juden zu, die gegen ihn eine aus >17 Anklagepunkten bestehende Beschwerdeschrift an den Kurfürsten richteten (hierin wird ihm u. a. vorgeworfen, daß er Wege» einer Meinungsverschiedenheit einen Juden in der Synagoge blutig geschlagen und ein anders Mal den Vorbeter in den Mund gestoßen> habe), aber nichts erreichten. Als der Kurfürst starb, änderte sich das Schicksal Lippolds. Der neue Kurfürst Johann Georg ließ sofort alle Günstlinge feines Vaters, denen er die Schuld an dessen lüderlichen Lebe» znschrieb, gefangen nehmen, und der ehrgeizige Kanzler Diestelmeyer feuerte ihn in dieser Politik noch nach Möglichkeit an. .Am 4. und 5. Januar wurda das Berliner Judenviertel geplündert und die Synagoge zerstört und am 5. Jan. Lippold fvegen Unredlichkeit in der Kassenführung verhaftet. Da aber trotz eingehendster Untersuchung die größte Korrektheit konstatiert werden mußte, so wurde Lippold wieder entlassen. Doch die Freiheit währte nicht lange. Es wurde nun eine Anklage wegen Zauberei und Vergiftung des verstorbenen Kurfürsten, seines Gönners, gegen ihn konstruiert, nach grausamen Foltern ihni ein Geständnis abgezwungen und dann am 28. Januar 1573 auf furchtbarste Weise das Todesurteil gegen ihn vollstreckt, während zu gleicher Zeit alle Juden aus der Mark Brandenburg — selbstredend unter Verlust ihrer Forderungen an die Christen — ausgewiesen wurden. Frankfurt a. M., 11. Januar. Verein „Tiferes Bachurim." — In seinem gestrigen Vortrage „Ein neues Buch über altjüd. Frauenleben" beschäftigte sich Herr Dr. I. Heinemann eingangs ganz allgemein mit den Neuerscheinungen christlicher Gelehrter über das altjüdische Schrifttum und zeigte dabei, wie die Wclthausen'sche Theorie, die — nebenbei bemerkt — als Theorie schon vor Wellhansen bestand und i> Wellhausen nur ihre volle Durchführung und glänzendste schriftstellerische Vertretung fand, inzwischen in ihren wichtigsten Grundlagen wissenschaftliche Widerlegung gefunden hat. Er besprach dann das soeben erschienene Büch des Greifswalder Professors Wilke „Frauenideal und Wertschätzung des. Weibes im alten Testament." Dieses Buch sei wochl nicht ganz frei von den Vorurteilen des christlichen Gelehrten dem jüd. Volke gegenüber, es weist,aber nach, daß die jüdische Frau nicht die faullenzende und nicht die geknechtete Frau des Orients ist, sondern die geachtete, arbeitende Frau. Redner verlieft einige Stellen des Buches, die von dem klaren Blick des Verfassers ein glänzendes Zeugnis oblegen, so die Paralelle zwischen Rizpa, der Frau Sauls, und Antigone, so die Charakterisierung Rebekkas, als sie allein die zehn dürstenden Kamele Eliesers tränkte. Frankfurt a. M. Der Israel. Mehg.. gehilfen-Verein wählte in seiner Generalversammlung in den Vorstand: Adolf Sinn (1. Vorsitz.), Hugo Freudenthal (2. Vorsitz.), David Bär (Kassierer), Isaak Ros enthal (Schriftführer), Hugo Katz und Jakob schmidt. Berlin. Der Verein .Bezalel" hielt hier unter dem Vorsitze des Prof. Dr. Marburg seine Generalversammlung ab. Dem Rechenschaftsbericht entnehmen wir: An der Jerusalemer Anstalt des ,Sezalel", die im Berichtsjahre in zwei neue vom Jüdischen Nationalfonds dem „Bezalcl" mietweise überlassene Häuser überfiedelte, bestehen gegenwärtig eine Teppich-Abteilung und Färberei, in der insgesamt 44 Arbeiterinnen beschäftigt sind, eine Abteilung für Holzschnitzerei mit einem Meister und drei Gesellen, eine Rahmen-Abteilung mit einem Meister und neun Arbeitern, eine Abteilung für gilt* gran-Arbeitcn mit einem Meister und drei Arbeitern, eine Abteilung für Steinhauer- Arbeiten, in der in einem dreimonatigen. Kursus 29 Arbeiter ausgcbildet wurden. Den Borbereitungskursus der K u n st s ch u l e besuchten zehn Schüler im Alter von 16 bis 22 Jahren. Im Februar nächsten Jahres wird am „Bezalel" auch eine Abteilung für Korb- und Kunstmöbel- Flechterei eingerichtet, für die die nötigen Entwürfe von der Kunstabteilung des „Bezalel" geliefert werden. Außerdem sollen im nächsten Semester besondere Werkstätten für Damaskus- Möbel eingerichtet werden. — Das mit dem „Bezalel" verbundene Museum erfreut sich bei der Jerusalemer Bevölkerung eines lebhaften Interesses. Die aus der Anstalt bis jetzt hervorgegangenen Arbeiten, sowohl Teppiche wie Bilderrahmen, Gold- und Silberfiligran - Arbeiten usw. zeigen deutlich den Fortschritt, den die Schule seit ihrer Begründung gemacht hat. — Ueber den Absatz seiner Produkte hat der „Bezalel" nicht zu klagen. Er hatte im Gegenteil mehr Aufträge, als er im letzten Jahre effektuieren konnte. Es ist aber unbedingt nötig, den „Bezalel" soweit pekuniär sicher zu stellen, daß er in der Lage .'ist, größere Quantitäten von Rohmaterialien auf einmal und dadurch erheblich billiger zu kaufen, als es ihm jetzt möglich ist. Berlin. Der Verein fürjüd. Geschichte und Literatur beschloß in seiner Generalversammlung die Ausschreibung zweier Preise in Höhe von 500 und 300 Jk zur Erlangung einer guten Novelle für sein Jahrbuch und wählte Geh. Regierungsrat Dr. L. Geiger, Prof. Dr. Martin Philippson und Dr. I. Kaftan zu Preisrichtern. Der Verein vereinnahmte im abgelaufenen Vereinsjahre 15527 Jk und verausgabte im gleichen Zeitraum 13377 Jk Köln a. Rh. Die von der zion. Bereinigung am 1. Dezbr. in der Peterstr. 3 eröffnete Jüdische Lesehalle wurde im Dezember von 424 Lesern besucht. Radautz (Bukowina), Der .Verein zur Erhaltung eines jüdischen Schülerheimes" (Obmann: Dr. Stadtmauer, Obmannstellvertreter: Pros. Feiler und Notar Dr. Maier) ernannte den wegen Ileberbürdung aus dem Ausschüsse geschiedenen Prof. Dr. Spitzer zum Ehrenmitg I t e v e. Eine versunkene Wett. Roma» von JakobLevy. (Fortsetzung). Der Arzt sagte dem jungen Mädchen: „So, lasset ihn jetzt schlafen, heute Abend oder morgen kann er nach Hause gehen. Ich werde es feinen Eltern sagen, auch der Wahrheit gemäß berichten, daß er ungeschickterweise gestrauchelt und gefallen sei. Die Nebenumstände werde ich Euch und ihm zulieb verschweigen. Euren Eltern aber mögt Ihr es gestehen." Das Mädchen hörte ihm mit gesenkten Blicken zu. Er fuhr neckend fort: „Aber liebes Büschen, seid Ihr gegen jeden so gefährlich, der Euch einen etwas feurigen Antrag macht?" Sie antwortete schmerzlich: i),Euer Spott Üst die gerechte Strafe für meine — ich -muß es gestehen — für meine Roheit, aber ich wußte den Zudringlichen nicht anders abzuwehren; — glaubt mir das doch!" Der Arzt sagte ernst: „Spott war fern von mir, da Eure Handlungsweise Hochachtung verdient. Wie soll denn die schutzlose Jungfrau sich gegen rohe Angriffe anders wehren, als durch heftige Notwehr? Den Unfall hat der Dreiste sich selbst zuzuschreiben, er kommt noch zu glimpflich davon. Aber meine Frage dürftet ihr mir doch beantworten." „Doktor, es ist heute Jom Kippur." „Ihr habt recht! — Ich benachrichtige Solomon Basel, aber auch Euren Vater und beruhige beide. Keiner von ihnen braucht vor Nacht hierher zu kommen, da Joseph schlafen wird. Auch ich werde später wiederkehren. — Auf Wiedersehn!" Mit seinem gewöhnlichen Ernst hatte er das Letzte gesprochen; jetzt nickte er dem Mädchen zn und kehrte in die Synagoge zurück. Esther aber ging leise an Joseph's Lager, und als sie ihn da ruhig schlafend fand, schritt sie in's Wohnzimmer und nahm wieder das Machsor zur Hand, war jedoch sündhaft zerstreut. —