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Neue jüdische Presse · 1909-01-15 · Heft 2 (15.1.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 2 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Abends kam Bär Kuchenheim in Begleitung des Ehepaares Basel nach Hause. Sie gingen sofort zum Kranken, der beim .Geräusch der Eintretciiden die Augen aufschlug. Seine Aiutter sing an zu jammern und zu fragen; der inzwischen erschienene Arzt mahnte jedoch zur Ruhe. Er untersuchte den muntergewordenen Joseph und sagte dann: „Mein Oheim Bär wird erlauben, daß der Verletzte diese Nacht hier bleibt. Morgen früh kann er dann aufstehen und nach Hause gehe», vorher jedoch werde ich nochmals nach ihm sehen. — Jetzt aber muß ich als Arzt darauf bestehen, daß wir alle anbeißen." Salomon und seine Frau sahen sich unschlüssig an. Der Arzt wiederholt nachdrücklich! „Der Kranke mutz Ruhe haben!" und alle verließen die Stube. Draußen sagte Salomon mit schwerem Seufzer: „Reb Bär, ich begreife das alles nicht." Bär, mit einer Wetterwolke aus der Stirn erwiderte: „Ich begreife cs wahrscheinlich wohl, wenn ich meine Tochter gesprochen habe. Jetzt — verzeiht mir — wir alle sind noch nüchtern. Geht in Ruhe nach Hause, für Euren Sohn wird gesorgt." Die beiden dankten und gingen niedergeschlagen fort. Bär, dem der Urzt inzwischen das Geschehene berichtet und ihn über den Zustand des Kranken beruhigt hatte, speiste im Kreise seiner Familie mit gutem Appetit. Die beiden Jungen wurden in's Bett geschickt, 'und dann sagte Bär zu seiner Tochter: „Nun Esther, erzähle." Das junge Mädchen begann stockend, aber bald sagte Doktor Abraham: „Oheim lasse mich berichten, ich kann dies besser." Esther sah ihn dankbar an. „Also mit wenigen Worten. Joseph benutzte das Alleinsein Deiner Tochter, fiel ihr mit seiner Werbung lästig und wurde zudringlich. Esther konnte sich seiner nur erwehren, indem sie ihn zurückstieß, — und da tat er den unglücklichen Fall. — Das ist alles!" ,Bär fragte: „Estherlicb, hast Du etwas hinzuzusügen?" „Nein Vater, ich habe mich seiner erwehrt, und da stürzte er" Bär sprach: „Gut. Morgen mache ich ein Ende mit ihm und mit seiner Lippe. Er soll uns nicht mehr stören." Der Arzt meinte: „Ohcini, Du bestimmst wie immer, das Richtige. Ich aber wurde raten, dem .Sünder eine Tasse Milch und etwas Weißbrot heraufzuschicken." Die Mutter erhob sich sofort. „Gott, der arme Mensch. — Daß ich daran nicht gedacht habe!" Sie ellte in die Küche, kramte dort herum und kam nach einer Viertelstunde befriedigt ins Zimmer. „Es hat ihm Gottlob sehr gut geschmeckt, jetzt möchte er wieder etwas schlafen." Nachdem am folgenden Tag der Arzt den Kranken für völlig wiederhergestellt erklärt hatte, ging Bär zu ihm herauf. Er hatte sich bereits erhoben und war im Begriff, sich anzulleiden. Bär schloß die Tür und sagte: „Joseph, wir wollen nicht viele Worte machen. Euer Heil blüht nicht bei uns; ich bitte Euch nur, laßt Euch nicht mehr in meinem Hause sehen." Joseph erwiderte: „Reb Bär, nur ein Wort. Ich habe nichts Böses gewollt. Meine Absicht war. Eure Tochter zu heiraten, — und jedes Jndeiimädche» sollte sich glücklich schätzen, die Frau von Joseph Basel zu sein. Das solltet auch Ihr wissen! Und wenn Ihr mit mir nichts zu tun haben wollt, muß ich Eure Feindschaft mit meiner Feindschaft vergelten!" «Joseph, ich hin nicht Euer Feind, — aber daß ich nicht Euer Freund sein kann, seht Ihr ein. Wir können nebeneinandergehen, Köln's Judcnviertel ist groß. Warum habt Ihr nicht einschen wollen, daß meine Tochter nichts für Euch übrig hat? Daß. übrigens Niemand etwas von Eurer verunglückten Werbung erfährt, dürft Ihr sicher sein. — Und nun gehabt Euch wohl!" Joseph entfernte sich, einen bösen Blick aus Bär werfend. Zu Hause sagte er seinen Eltern: „Fragt mich nicht nach meinem Unfall, ich bin doppelt geheilt. Wenn die Juden nichts von uns, nichts von mir wissen wollen, sollen sie es bereuen. Auch ohne Christ zu sein, hoffe ich doch, die Macht zu haben, sie zu vernichten. Ich muß doch den Wogt Fabriziys einmal beftagen, mit wessen Hülfe der Overstolz seine Zeugen aufgefunden hat." Salomon entgegnetc: „Joseph, unternimm nichts im Zorn. Es sind noch manche gute Familien in der Gemeinde, die Dich willkommen heißen." „Nein, ich habe genug von der Judengeseltschaft! Lasse mich meinen Weg gehen!" Der Jüngling, die Züge von Haß entstellt, wollte das Zünmer verlassen, da hielt ihn seine Mutter, die stllle Frau, die sich sonst niemals in die Gespräche der Männer mischte, zurück. „Mein Sohn, Du bist zweimal mißhandelt worden, von Christ und von Jud — schweig — ich kann mir denken, was Dir gestern geschehen ist — hüte Dich vor dem dritten Mal. Mein Daker olow hascholaum sagte immer: „Die Frankfurter Israelitisches Familienblait. Nr. 2. ' höchsten Halme werden zuerst geschnitten." "Wenn Du unsere Glaubensgenossen unterdrücken willst, wirb Dich selbst das Unglück treffen." „Beunruhige Dich nicht, Mutter, ich iveis; mcjiicn Weg, den ich jetzt zu gehen habe." Kapitel 13. Mendel war von Emmerich zurückgekehrt, und die Familie versammelte sich Abends in seinem elterlichen Haus, ihn zu begrüßen. Der junge Bräutigam saß mit strahlendem Gesichte da und nahm die Glückwünsche mit sestcm Händedruck entgegen. Sei,: Oheim Bär war ernster als gewöhnlich und rief seinen Schwager Moses nach wenigen Minuten auf die Seite: „Laß uns auf dein Zimmer gehen, ich muß ungestört mit Dir reden!" Kaum ließ er seinem Schwager Zeit, eine Lampe anznzündcu, da begann er: „Ich bereue bitter, Salomon Basel vor dem Geschäfte mit demBeuelshos gewarnt zu haben. Sein Sohn Joseph hat 'dem Bogt Fabrizins hinterbracht, ich hätte dem Overstolz beigestandcn und ihm die Zeugen hcrbcigeschaft." Moses rief: „Du warst cs doch nicht. Du bist doch unschuldig daran! — Wie kommt er Idazu?" „Joseph fragte mich einmal, als er noch bei mir verkehrte, ob mir die Angelegenheit mit dem Gcuelshof bekannt gewesen sei, und ich blieb ihm die Antwort schuldig. So hat der Elende sich das zusanunengcreimt und will sich an mir rächen, da ich ihm die Tür gewiesen." Moses fragte 'den Aufgeregten: „Woher hast Du es erfahren?" „Von unserem Rabbi Btordcchai. Ich komme jetzt von ihm. Der Rabb. hat bereits mehreremal mit dem Erzbischof wegen Verlängerung des Schutzbriefs verhandelt, und cs ging alles in der jschönsteu Ordnung. Heute aber war der Erzbischhof erbost und schrie ihn an: „Ihr Juden verdient meinen Schutz nicht! Wie kann sich einer von Euch unterfangen, mit Ovcrstolz Feindseligkeiten gegen mich auszuhccken?" Der Rabbiner war tödlich erschrocken. Er rief: „Hochwürdigster Herr, wer von uns sollte wagen, ctivas Euch mißfälliges zu tun?" „Das wagte Bär Kuchcnheim. Wenn er, den man für einen «der Besten unter Euch hält" — Bär schaltete ein: „so sagte er" — Ränke gegen mich schmiedet, wessen habe ich mich denn von den Geringeren zu versehen!" Unser Rabbiner ist klug und gewandt und sagte: „Ich kann den Gedanken nicht fassen, daß ein Jude etwas gegen unfern hochmächtigc» Beschützer unternimmt, werde aber mit Eurer gnädigen Erlaubnis den Angeschuldigtcn befragen. Dürfte ich wissen, wer uns so bei Euren fürstlichen Gnaden verleumdet hat?" „Jef.ph Basel hat es meinem Bogt Fabrizius verraten." „Gnädigster Herr, ein Verleumder ist immer ein Lügner. Ich werde mit Bär reden und bitte um die Gunst, Euch berichten zu dürfe». Aber entzieht uns Unschuldigen nicht Eure Huld." Kurz, er konnte beim Erzbischhof nichts erreichen, als daß er ihn nochmals anzuhören versprach." Moses war erblaßt. „Jetzt ist die Gemeinde durch mich in's Unglück gestürzt!" Bär ging im Zimmer auf und ab. Aber langsam glätteten sich seine Züge, und er fand-seine gewohnte überlegene Ruhe wieder. „Moses, bist Du sicher, daß Ovcrstolz und der Schreiber reinen Mund halten?" „Dafür verbürge ich mich mit meinem Leben. Peter Overstolz hat mir sein ritterliches Wort ge. geben, und den Schreiber ließ er die Geheimhaltung ans der Hostie beschwören." „Dann ist nichts verloren. Der Rabbiner soll dem Erzbischhof meinen seicrlichen Eid anbietcn, daß ich Herrn Ovcrstolz in dieser Sache niemals gesprochen, ihm niemals gedient habe, daß ich ihn überhaupt seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich denke, daß Herr Heinrich mir. mehr glaubt, als dem Verräter, auch mag er den Ritter selbst befragen lassen." „Bär, gebe Gott, daß cs zum Guten abläuft. Aber Joseph, der Bösewicht, wird die Gemeinde noch verderben." Bär entgegnetc finster: „Fast bereue ich, daß ich gegen Reb Würzburgers Vorschlag gesprochen. Es hätte der große Bann über ihn verhängt werden müssen, daß er unstet und flüchtig aus Köln fliehe." Moses sagte bedrückt: „Auch das hätte ihn nicht unschädlich gemacht; er hätte sich nicht gefügt, er hätte uns durch den Rat der Stadt befehlen lassen, auch diesen Bann aufzuheben." „Gleichwohl müssen Mittel und Wege gesunde» werden, um ihn unschädlich zu »rachen, wir haben an ihm den Verräter in unserer Mitte. Ich werde die Angelegenheit mit meinem Nefsen, dem Doktor Abraham besprechen. Er ist als Arzt höchangeschen bei den Patriziern, vielleicht kann er uns raten. Wir wollen nun nicht länger hier abgesondert bleiben, damit man unfcr Fehlen nicht bemerke und sich nicht beunruhige." — Sic gingen wieder zur Gesellschaft.zurück, die in ihrer Freude sie nicht vermißt hatte. Es war Wein ausgetragcn, und der Chäsen Israel sang eben ein wunderschönes Lied, das ihm der Arzt Abraham ausgeschrieben hatte, von dein Spanier Jehnda Halevi, dessen Ruf noch nicht nach Köln gedrungen war. Bär war wieder der Alte. Er setzte sich zu seinem Neffen Mendel, der einen roten Kopf hatte und ziemlich viel lachte. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Berantworllichkeft der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Znjchrijt der orthod. Vereinigung „O h c l I a c o b" auf meinen Sprechsaalartikel in Nr. 49 veranlaßt mich zu einigen kurzen Bemerkungen. Die Tatsache, daß der erwähnte und inzwischen gewählte Kandidat in der s. Zt. besprochenen Versammlung empfohlen wurde, die wich z» einer Kritik zwang, bleibt von der Eingangs erwähnten Zuschrift völlig unberührt; allerdings'hatte sich die Majorität in damaliger Versammlung eine» andern Standpunkt zu eigen gemacht, worauf dann die Aufstellung eines eigenen Kandidaten, des in der Zuschrift erwähnte» Rechtsanwalts orthod. Gcsinnnng, erfolgte. Erfreulich wirkt es, wenn bie orthod. Vereinigung aus den Wahlvorgängen der letzten Zeit die nötige Lehre ziehen will. Ich hörte "in der letzten Zeit von Herren, die weit entfernt vom orthod. Standpunkt stehen, die Ansicht vertreten, wenn das Gros der Wähler gewußt hätte, warum die Kandidatur des betreff. Herrn von orthodoxer Seite bebckämpft wurde, so würde derselbe nicht gewählt lvordcn sein. Für die Zukunft müßte jetzt schon vorgcsorgt werden durch periodische Veröffentlichungen über beschlossene Bestimmungen oder Acnderungen in Bezug ans die Geineindeverwaktung und diese berührende Angelegenheiten, wie schon seit Wochen in verschiedenen jüdische» Zeitungen die Sitzungsberichte der Berliner und der Breslauer Kultnsvcrwaltung erschienen. Hochachtungsvollst München, 11. Januar. X. 9). kajuser fr'rletirlcJfc Quelle — »» Offenbach a. M.- Gegen Gicbt nnd Bbenmatifimns bewShrt. Mundwasser: Der Menschheit Wohltäter. Retorte-Flasche MU.1.25 Überall erhältlich! Wohack BaUlolier,« Inhaber: ML. "WallaVL. Perlen, Juwelen, Oolttwaren, ■ ■ . : Auf Wunsch Auswahlsendungen. — — ■- AZocheu-ttaleuder. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 16. Januar f— 23. Vowos): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 26 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. in Berlin 5 Uhr 16 Mn. Wochenabschnitt Schernaus. — Zum ersten Male hören wir von dem „Volke" Israel. Jakobs Nachkommen hatten sich in Egypten stark vermehrt, sic waren ein Volk geworden. Ein neuer Pharao (König) sucht sie zu knechten, und will sie vermindern: sie verniehren sich aber dennoch stark. Da ergeht der Befehl, alle Männlichen bei der Geburt zu töten oder sic in den Fluß zu werfen. — Moses wird im Stamm Lcvi geboren. Seine Mutter setzt ihn in einem Binsenkörbchen aus. Die Königstochter findet das Kind beim Baden und nimmt cs an sich. Sie läßt cs der eigenen Mutter zur Pflege übergeben. An Pharaos Hof wird Moses erzogen. Er besucht aber oft seine geknechteten Brüder. In gerechtem Zorn erschlägt Moses einen Egypter, der einen Israeliten mißhandelte, und muß fliehen. Er weilt in Midjan, hütet bei Jitro die Schafe und bekommt Zippora, eine von Jitros Töchtern, zur Frau. Sie gebärt ihn: 2 Söhne. — Am Berge Horeb offenbart sich Gott Moses zum ersten Male in einem brennenden Dornbusch. Moses soll nach Egypten zurück und das Volk herausführen. Dazu hält er sich für zu schwach. Viermal weigert sich Moses. Gott verspricht ihm schließlich die Unterstützung durch Ahron, seinen Bruder, da Moses eine „schwere Zunge" hat. Auch drei Wundcrzeichen soll er vor dem Volke verrichten zum Beweis seiner göttlichen Sendung. Moses zieht noch Egypten. Unterwegs trifft er seinen Bruder Ahron. Beide reden zum Volke, verrichten die Wunderzeichen und gehen zu Pharao und bitten um Bcfteiung des Volkes. Es erfolgt noch härterer Druck. Sie erhalten auch

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