Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Frankfurt Israelitisches FMnüieMstt. Seite 3. verbände zn'Berlin abgehalten werden soll. Der Gemeindetag wird sich besonders mit der Beratung des Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens und der Verbandstag mit der Nutzbarmachung der durch das Preuß. Schulnnterhaltungsgesetz vom 28. Juli 1906 den jüdischen Gemeinden zustehenden Ansprüchen auf kommunale und staatliche Beihilfen zu den Kosten des Religionsunterrichts, sowie mit der Schaffung einer Organisation zur Beschränkung der Wanderbettelei beschäftigen. Berlin. Unter zahlreicher Beteiligung fand hier die Generalversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums statt. An der Hand des gedruckt vorliegenden Jahresberichtes wies der Vorsitzende, Prof. M. Philippson, auf das Emporblühen der Gesellschaft hin, wie es sich in/ dem Anwachsen der Mitgliederzahl und in der Herausgabe verschiedener Werke — hie z.T. kostenlos an die Mitglieder verteilt wurden ^-kundgiebt; wir: nennen von diesen Werken an dieser Stelle nur den ersten Band des Maimonidesgedenkwerkes, das Beiträge aus der Feder der bedeutendsten jüdischen Gelehrten 5er Jetztzeit enthält, den ersten Band der Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter von dem Züricher Privatdozenten Georg Caro, sowie den ersten Band der Gesammelten Schriften des verewigten David Kaufmann. — Nach Erteilung der Decharge und der durch Zuruf erfolgten Wiederwahl des Ausschußes und der Revisoren nahm der Professor an der Universität Berlin, Herr Dr. Nicol aus Müller, das Wort einem fesselnden, durch' einen Situationsplan und xjne Reihe von Lichtbildern trefflich illustrierten Vortrage über die von ihm in langjähriger Arbeit erforschte jüdische Katakombe vor der Porta Portese in Rom, den ältesten jüdischen Friedhof im Abendland. Einleitungsweise sprach er der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums seinen Dank dafür aus, daß sie ihm einen Teil der notwendigen Mittel zur Bezahlung der mit den Ausgrabungen beschäftigten Arbeiter (Taglöhner) dargereicht hat. Im Jahre 1901 auf einer Reise begriffen, auf der er die letzten Vorarbeiten für sein 1881 in Angriff genommenes großes Werk über alle aus dem Altertum und frühen Mittelalter stammenden jüdischen Begräbnisstätten Italiens abschließen wollte, wurde der Vortragende in Rom vor die unerwartete neue Aufgabe gestellt, einen durch einen Erdrutsch zum Vorschein gekommenen jüdischen Friedhof 1904 und in den folgenden Jahren auszugraben und zu durchforschen. Zu den reichen Ergebnissen seiner unter großen Schwierigkeiten ausgeführten Arbeiten übergehend, schilderte der Vortragende die Lage und Architektur der Katakombe, die zwar der Italiener Bosio .schon 1602 gesehen, auf deren Studium er jedoch nur 2 Stunden verwendet hatte. Die Anlage steht mit ihrem architektonischen Reichtum unter allen Katakomben Roms, auch den christlichen, einzig da. Besitzt sie doch 4 verschiedene Arten von Grabräumen und 8 verschiedene Grabformen! Besonders wichtig sind die höhlenartigen Grabgemächer und die aufgemauerten Särge, weil sie in keiner anderen römischen Katakombe angetrosfen werden, sowie die sogenannten Formae und die Särge aus gebranntem Ton, die man in keiner gleichzeitigen römischen Katakombe findet. Im ersten bis vierten Jahrhundert n. Ehr. benutzt, somit alle bisher im Abendland bekannt gewordenen israelitischen Friedhöfe an Älter übertreffend, diente die Nekropole Angehörigen der römischen'Synagogengemeinden der Augustesier, Agrippesier, Bolumnesier, Kälkaresier, Hebräer und Vernaklesier als Begräbnisstätte. Nach der Architektur behandelte der Vortragende die von ihm zu Tage geförderten Fundgegenstände und unter ihnen besonders ausführlich die Epitaphien, von denen er rund 200 entdeckte. Er besprach ihre technische Herstellung und die auf ihnen eingemeißelten, aufgemalten und eingeritzten Gegenstände und Texte. Ms bildliche Darstellungen erwähnte er den siebenarmigen Leuchter, in den verschiedensten Formen, Lulab, Etrog, Gefäße, Hörner, Vögel, Thoraschrein, Schriftrolle usw. Die Inschriften sind in griechischer, lateinischer und hebräischer Sprache abgefaßt, am zahlreichsten sind die griechischen, am seltensten die hebräischen. Unter den Eigennahmen überwiegen die griechischen und lateinischen, die aus dem alten Testament bekannten hebräischen und aramäischen. Wie die ausgegrabenen Epitaphien viele neue jüdische Eigennamen kennen lehren, so bereichern sie auch in erheblicher Weise unsere Kenntnis von den römischen Synagogengemeinden und ihren Beamten. So bezeugen sie u. a. die noch nicht bekannte Synagoge der Vernaklesier und das ebenfalls noch unbekannte Amt des archon alti ordinis. Interessant sind auch die auf den Inschriften verwendeten Eulogien und Akklamationen. Jedoch besaßen 'die ältesten jüdischen Epitaphien nach den Untersuchungen des Vortragenden weder spezifisch jüdische Eulogien und Akklamationen, noch auch bildliche Aarstellungen. — Der Generalversammlung war am Vormittag eine Sitzung des Ausschusses vorangegangen. Der Ausschuß beschloß, das Fragment der Sifraausgabe des verstorbenen Lektor Friedmann- Wien mit einer kurzen Biographie des verdienstvollen Gelehrten zu veröffentlichen und genehmigte den endgültigen Plan für die Herausgabe der Germania Judaica, den die betreffende Kommission auf Grund ihrer letzten Beratungen vorlegte. In einer Resolution, die demnächst in dem Organ der Gesellschaft, der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, zur Veröffentlichung gelangen soll, nahm der Ausschuß sodann noch Stellung zu der Jacobschen Kritik des Lehrbuches „jüdische Religion" von Dr. Coblenz-Bielefeld. Wir bemerken noch, daß der Jahresbericht und die Satzungen, sowie auch Prospekte über die von der Gesellschaft herausgegebenen Schriften kostenlos von ihrem stellvertretenden Schriftführer, Herrn Dr. R. M. Nathan, Berlin di 24, Artilleriestr. 35 a zu beziehen sind. Berlin. Der Breslauer Pastor Dr. N i t s ch k e hatte öffentlich erklärt, bis nach 1870 hätte es in der preußischen Armee jüdische Militärärzte gegeben. Es seien aber so viele Durchstechereien beim Ausheben von Rekruten vorgekommen, daß die Heeresleitung sich genötigt sah, von der Mitwirkung jüdischer Militärärzte abzusehen. , Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" hat sich daraufhin an das Kriegsministerium mit der Bitte um Auskunft gewandt, ob in der Tat jüdische Militärärzte sich derartiger Vergehen schuldig gemacht hätten. Kriegsminister v. Einem erteilte hierauf nachstehenden Bescheid: „Auf Ihre Eingabe vom 19. November d, I. erwidere ich Ihnen ergebenst, daß Fälle, in denen sich jüdische Militärärzte Durchstechereien aus Anlaß der Rekrutierungsgeschäfte schuldig gemacht und Anlaß zu gerichtlichem Einschreiten gegeben hätten, mir aus meinem Geschäftsbereich nicht bekannt geworden sind." Oesterreich-Urtgarrr. Czernowitz. Unter dem Jubel der hiesigen Judenschaft ist am 27. Dezember das Jüdische Hans eingeweiht worden. Oberrabbiner Dr. Rosenfeld und Rabbiner Weiß hielten die Festreden. Der Beschluß, zur Errichtung eines jüd. Hauses wurde vor 5 Jahren einstimmig vom Kultusrat gefaßt; aber daß alle finanzielle Schwierigkeiten gelöst worden sind und ein solch' prächtiger Bau entstand, ist der Energie unseres Kultusvorstehers, Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher, zu verdanken. Die „Buk. Post" schreibt anläßlich der Einweihung: „Das Jüdische Haus" soll ein Sammelpunkt, ein Konzentrationspunkt aller derer sein, die jüdisch fühlen. Welche Voraussetzungen mußten also geschaffen werden, che der Gedanke an die Gründung eines jüdischen Heimes gefaßt werden konnte. Jüdischer Emanzipation widerstrebten nicht nur äußere Feinde — wie der Entwicklung jeder anderen Nation — den Bestrebungen nationaler Juden traten noch Juden selbst entgegen und sie sind wohl das schwerste retardierende Moment in der nationalen Entwicklung der Juden. Darum ist das „Jüdische Haus" ein Wahrzeichen des Sieges der nationalen Idee über die vielen Widersacher, ein zwingendes Dokument für den Siegeslauf des modernen jüdischen Gedankens, der in Czernowitz zum erstenmal in Oesterreich dank der Unermüdlichkeit und zielbewußteu Führung Dr. Strauchers so beglückenden Ausdruck gefunden." Rußland. Petersburg. Auf dem hier tagenden Kongreß russischer Frauen wurde folgende Resolution angenommen: „Da die Lage der jüdischen Frauen Mit der allgemeinen Lage des jüdischen Volkes verbunden ist, kann sie nur im Zusammenhang mit der Gleichberechtigung aller Juden eine Besserung erfahren. Da ferner die Juden die am meisten unterdrückte Nation in Rußland sind, die sogar das Minimum bürgerlicher Rechte, das alle anderen habe», entbehren, spricht sich der Frauen-Kongreß für die Abschaffung jeglicher Beschränkungen, die auf den Juden lasten, aus." Warschau. Die hier im 48. Jahrgang erscheinende jüd. Wochenschrift „Jzraelita", das Organ der polnisch-jüdischen Assimilantcn, hat ihr Erscheinen eingestellt. — In Petersburg beginnt eine neue jüd. Monatsschrift „Jewrcskij Mir" (Jüdische Welt) zu erscheinen. Die neue Zeitschrift ist zu begrüßen, da die russisch - jüd. Literatur seit dem Eingehen der „Jewreskaja Shisn", und des ,-Woschod" ein gutes Journal entbehrt. Helsingfors. Aus Anlaß der jüngiien hiesigen Judenausweisungen sei einmal festgestellt, wieso in Finnland barbarischere I udeugesetze als in irgend einem Staate der Welt — Rußland, Rumänien und selbst Marokko nicht ausgenommen — herrschen. Finnland hat sein prinzipielles Verhalten gegenüber den Inden als Erbstück von Schweden überkommen, und zwar von jenem Schweden, das zu Ende des 18. Jahrhunderts noch wesentliche Einrichtungen des Mittelalters kannte. Als nämlich Finnland unter die Romanows kam, bestand aus dem Jahre 1782 in ganz Schweden gut Einschluß Finnlands für die Juden das Recht, nur in den Städten Stockholm, Göteborg und Nonköping ihr Domizil aufzuschlagen. In Finnland durste also überhaupt kein Jude wohnen, und dieses Gesetz ist formell noch heute in Geltung, obgleich Finnland bereits seit hundert Jahren mit Rußland politisch vereinigt ist. Erst mit dem russischen Militär wurden Juden nach Finnland verpflanzt. Por etwa einem halben Jahrhundert kam nämlich ins Land jene Klasse jüdischer Unglücklichen, die nach dem Nikolausschen System als Kinder zum Militärdienst ausgehoben worden waren, um dann als Erwachsene eine 20—25 .jährige, äußerst grausame Dienstzeit durchzumachen. Diese ausgedienten Soldaten nebst ihren Angehörigen erhielten durch Verordnung der russischen Regierung in Finnland das Aufenthaltsrecht und zogen allmählich weitere Gruppen von Volksgenossen an. Die rechtlose Lage der Ansiedler veranlaßte den nachmaligen Senator Michelin, im Jahre 1872 eine Petition zu ihren Gunsten im Ständelandtage einzubringen. Seitdem hat sich fast jeder Landtag mit der Frage befaßt; hatten früher Judenfreunde die Angelegenheit zur Sprache gebracht, so kamen später reaktionäre Judenfeinde, die darauf drängten» die Juden ganz und gar aus dem Lande zu vertreiben. In einem Landtag wurde sogar der bizarre Antrag, alle Juden auszuweisen, "aber durch die Summe von 500 M zu entschädigen, ernstlich diskutiert. Infolge dieser Treibereien drang schließlich in einem Landtage das finstere Gesetz durch, wonach jeder Jude, wenn er sich verheiratet, aus dem Lande zu weisen ist. Im Jahre 1889 ordnete sodann der Senat durch administrative Verfügung die Rechte der Juden dahin, daß ihnen das Wohnen nur in drei Städten erlaubt wurde. Mit dem ersten Landtag, der nach der neuen Wahlordnung zustande kam, tauchte eine entgegengesetzte Lösung des Problems auf. Die starke sozialdemokratische Partei, die zwei Fünftel lies Parlaments einnahm, brachte den Antrag auf Gewährung der Gleichberechtigung au die in Finnland wohnhaften Juden ein. Der Landtag verfiel jedoch noch vor der Erörterung dieses Antrages der Auflösung. Auch dem neugewählten Parlament unterbreiteten die Sozialdemokraten eine ähnliche Petition und fanden dafür die Unterstützung der schwedischen Parteien sowie eines Teiles der Jungfinnen, und eine Kommission erhielt vom Landtag den Auftrag, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten. Da setzte eine heftige antisemitische Agitation ein, die das ganze in Westeuropa angestapelte Rüstzeug der Judenhetzpropaganda ins Feld rückte und auf den Landtag einen Druck zu Ungunsten der Juden auszuüben sich bemühte. Vertreter kaufmännischer und Gewerbekorporationen verlangten vom Senat und vom Landtag eine Heranziehung von Spezialvertretern ihrer Stände bei der Erörterung der Judenfrage und ein spezielles Studium der Wirkungen der Judenemanzipation in den anderen Ländern, -he die Judenfrage gelöst werden würde. Diese Hetzer machten dabei gar kein Hehl daraus, daß es ihnen nur darauf ankäme, die ganze Angelegenheit zn verschleppen, bis möglicherweise ein andersgestalteter Landtag gewählt werden würde. Unterdes aber hat der Senat bereits einen neuen judenfeindlichen Schritt getan, indem er vor kurzem in ein die Religionsfreiheit betreffendes Gesetzesprojekt einen Paragraphen einfügte, daß Juden keine finnischen Bürger werden dürfen. „Ruß. Korrsp." Belgien. Antwerpen. Am letzten Tage des Chanukafestes fand hier die Einweihung'des neuerbauten Schulgebäudes der jüd. Realschule statt, deren Verlauf in Ihren Blättern der breiten jüdischen Oeffentlichkeit bekannt gegeben zu werben verdient. Von einigen Privatleuten mit Herrn Sally Wolfs, einem ehemaligen Schüler der Frankfurter Israel. Realschule, an der Spitze, wurde die Realschule vor 4 Jahren begründet. Die Initiatoren der Anstalt sahen mit Recht in diesem Unternehmen einen hochwichtigen, unentbehrlichen Faktor für den Fortbestand des jüdischen, gesetzestreuen Lebens in Antwerpen. In dieser Stadt, in der seit den letzten 15 Jahren eine große Masse östlicher Juden sich angesiedelt hatte, machte sich der völlige Mangel gut organisierter, jüdischer Institutionen, insbesondere einer jüdischen Lehranstalt, zum Nachteile des jüd. Lebens erheblich fühlbar. Diesem Uebel sollte durch die Gründung der Realschule abgeholfen werden, und das vorhandene Bedürfnis der Schule erwies sich bald in der fortwährend steigenden Schülerzahl, welche bald den Neubau d-S Scknlqebäudes als eine unerläüliche Notwendigkeit erscheinen ließ. Dank dem unermüdlichen Eifer des Herrn W o l f f, der alle Hemmnisse und Schwierigkeiten mit dem Einsätze seiner ganzen Person aus dem Wege zu räumen verstand, gelang es, ein geräumiges, den Anforderungen der Hygiene U