Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 51 (31.12.1908)
- Date
- 1908-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „werde ich mich vollkommen nach Ihnen richten." Erst durch das Aeußerste getrieben, Nationaljudc zu weichen, scheint mir ein etwas zu kurzsichtiges Beginnen. Bedauerlicherweijc ist die Mchrheit der assimilierten Juden so kurzsichtig. Schnitzler führt uns einige Exemplare dieser Sorte vor und bewährt sich darin als Meister der Lharakterisierungskunst. Schnitzler bleibt auch da, wo er verachtet, liebenswürdig. Er ist aber auch gerecht, wie jeder wahre Künstler. Nichts Verlogenes ist in seinem Roman. Er zeigt die Minier sogenannte Gestlschast in ihrer Fäulnis und Ohnmacht wie kein Zweiter. Wenn er auch noch nicht ganz das Novellenartige seiner Schreibweise abstreifen konnte, wenn dieses Buch als Roman auch an manchem Kompositionsfehler leidet und nicht ganz auf der Höhe der Epik steht, so muß man es doch als bas gediegene Werk eines Dichters ansehen, der den Weg zur Wahrheit fand. Und in der Wahrheit ist immer auch die Freiheit. Brief aus Ungar«. Für das ungarische Judentum bedeutet die Schlußbilanz des ' verrauschenden Kalenderjahres ein trauriges Deprimonium. Auf allen Gebieten ist ein Stillstand zu verzeichnen; nur die schwarze Reaktion macht beängstigende Fortschritte. Der Guerillakrieg gegen uns soll sich im kommenden Jahr — das. ist jetzt schon absolute Gewißheit — zu einem Bernichtungskampf k la Russie auswachsen. Männer mit schimmerndem Namen und heiligem Einfluß haben auch bei uns ihre nicht zu unterschätzende Macht der Propagierung der christlich-sozialen Idee geliehen. Der Weizner Bischof, ein Graf Georg CsLky, läßt in seiner Diözöse von der Kanzel herab für die verrohten antisemitischen Preßorgane, die unverschämt und unverblümt den roten Pogrom predigen, agitieren. Das Judentumsteht an derJahreswende wie eine zitternde Flamme zwischen zwei Finsternissen! „Die Korrektur der ungarisch-statistischen Tabellen in puncto Judaice muß, wenn nicht anders, durch Messer und Dynamit durchgesetzt werden. Der ungarische Staat kann dieses gefährliche Element, darf diese Parasiten in seinem Organismus nicht dulden!" Das ist das Ceterumsenseo des „AlkotmLnhs", des Leibblattes der Volkspartei, die ihren Führer, Graf Zichy, als Minister um die Person des Königs in der Regierung sitze» hat. Verkündet wird obiger Satz vom Bürgerschulprofessor Görcsönyi, den sein Vorgesetzter, der Minister für Kultus und Unterricht, Graf Apponyi, in seinen Privatangelegenheiten nicht stören zu können vorgibt. Und das offizielle Judentum beider Konfessionen sieht noch immer nicht die Vernichtung bergenden Pulvermassen, die man bei diesem Dunkel ins Lager geschmuggelt. Es wird dort noch immer mit brennenden Lunten herumgefackelt. Als erste reife Frucht dieses vernichtenden Bruderzwistes wurde die Interpellation des Antisemiten Szmerescsänyi dem ungarischen Parlament präsentiert. Er zitiert ellenlange Auszüge aus den offiziellen Organen des magyarischen Israels, die den Zionismus im Namen des gefährdeten ungarischen Nationalstaates als Landesverrat brandmarken. Vergeblich versuchte der Redakteur des neologen Wochenblattes die durch seine zehnjährige Hetzkampagne heraufbeschworenen Poltergeister zu bannen. Die Gespenster, die er tief, er wurde sie nicht los. Auf seinem erbärmlichen Rückzug wurde chm von FreundeS-Seite ein Meuchelschlag versetzt, den er so bald nicht vergessen wird. Denn die neologen Israeliten des neunte« Distrikts, die mosaischen Unitarier, hatten, trotz seines Widerrufs, de« traurigen Mut, den Minister Apponyi, — der unbckingt angcbiedert werden mußte — in Frankfurter JsraÄitisches Famüienblatt. einer Begrüßungsdepesche auf das staatsgefährliche Treiben der bösen Zionisten aufmerksam zu machen, mit dcnensie, die echten Patrioten, nichts gemein hätten. Der traditionelle Präsident Franll tut natürlich mit. Sein Leibblatt; Magjor Zsidö — ein periodischer Druckfehler — wird nicht müde, den jüdischen Nationalismus im Namen des Chauvinismus, der bei chm im Schatten des Schulchan Aruch gedecht, zu be—geifern. Daß Fanatiker von der Marke Lebich Rubinstanys nicht beim Worte stehen bleiben, ist selbstverständlich. Letzterer läßt in Pozseny keinen Zionisten als Minjan-Ergänzer gelten: Er ist einfach unzurechnungsfähig. Es klingt fast wie ein Wunder, daß bei einer solch herrschenden Begriffsverwirrung der christliche Bezirksrichter Dr. RezsS Kiß aus Magybänya den Weg zu uns gefunden hat. Sein Buch „Geschichten aus der Tiefe" ist ein Dithyrambus auf das Judentum und die jüdischnationale Idee. Ganz anders bei unseren neologen Brüdern, bei denen der assimilatorische Taumel Orgie» feiert. Es ist Weihnachtszeit. Im Schatten eines Christbaumes verkriecht sichs großartig. Da läßt der bedachte Arier mcht merken, daß er hinter der glitzernden Namenstünche den Semiten vermutet. Anstatt den Stempel des Makkabäcrgeistes in die Seele unserer Jugend zu brennen, wird der letzte Funke, der in ihnen ' glimmt, erbarmungslos zertreten, verlöscht. Man arrangiert Weihnachts-Bazare und KoiÄcsonyfeste und will beweisen, daß wir Juden bessere — Christkinder sind. Auf dem Festprogramm der jüdischen Frauen Budapests ist Chanuka ausgemcrzt; Karäcsony (Weihnacht) ist dort Trumpf. Zioni. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Für den satzungSgemäß ausscheidenden Juvizr.t Dr. Blau wuide P,oiessor Dr. A p o l a n t in den Vorstand der israel. Gemeinde gewählt. — Diese Borstandswahl bat in zahlreichen Kreisen Unwillen hervorgerufen. Professor Aro.arit, ein Vertreter der allerrodtlalstrn Richtung, wohnt erst feit wenigen Jahren m Frankfurt, und man häue erwartet, daß der auSscheidende Vorsitzende des Ausschusses, Banlicr Benni Oppenheimer, der mit den Frankfurter Verhältnissen von jeher auis bette vertraut ist. in den Vorstand gewählt würde. Allein berechtigte Wünsche finden bei einem sich seidst wählenden Bo, stand, der auf die Gemeindeniirglieder keine Rücksicht zu nehmen braucht, keinen Anklang. — Wie wenig übrigens seitens der Letrurg Rücksicht auf die Oeffentttchkeil genommen wird. zeg. daß die s.Zt zugenandenen öffent.ichen «uSschußsteungen schon seit längerer Zeit wieder e.ngeschlafen sind. Frankfurt a. M. In Men Teilen wohlgelungen war die Chanukafeier der israel. Volksschule. Nachdem die Chanuka-Lichler entzündet waren und die Moaus-Zur-Hymne des jugendliche» Chors verklungen war, ging es zu einem Imbiß, den ein immer zu freudigem Spenden bereites Ehepaar den 350 Schulkindern gcbvte» hatte. Sodann begann nach einer Ouvertüre und einem Prolog das Festspiel. Vier kleine Zöglinge begrüßten die Gäste in hübschen Versen. „Vor der Menora" sehen wir dann eine muntere Kinderschar, die erst sich am Spiel ergötzt und dann einem eintretenden Knaben die Bedeutung des ChanükasesteS erklärt. In einen« zweiten Stücke einer als Schulfpieldichterin bekannten hiesigen jungen Dame stritten sich in Wort und Lied die einzelne» Unterrichtsfächer, charakterisiert durch die enisprcchenden Gegenstände des Schulzimmers, über ihren Wert. Beide Stücke wurden mit munteren Reizen geschlossen, die Zeugnis davon ablegen, daß in der israelitischen Volksschule die turnerische Ausbildung nicht vernachlässigt wird. Besonders froh überrascht aber waren wir, nicht nur über das Spiel einzelner der Mitwirkenden, das auch höheren Anforderungen entsprochen haben dürfte, sonderir auch über den guten, verständnisvollen Vortrag und die reine, gute Aussprache. Anerkennung verdienen auch diejenigen Damen und Herren des Lehrkollegiums, die sich um die Aufführung bemüht hatten, ebenso Frl. Mathilde Oppenheimer für ihre Liedervorträge und Frl. Jülich und Frl. Simon für die Klavierbegleitung. Rr. *1 Berlin. Am 20. Dezember fand unter dem Bor sitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. > Der Vorsitzende gab Auskunft über die Schrttte, die im Interesse der rumänischen Jude» tm Hinblick auf eine evcntl. Konferenz der Signatarmächte des Berliner Vertrages unternommen wurden. Der Ausschuß billigte einstimmig die bisherigen Maßnahmen nach dieser Richtung. Dann machte Herr Dr. Nathan Mitteilungen über das Technikunr in Haifa, für welches das Terrain bereits abgegrenzt ist und die Bauvorbereitungen schon getroffen sind. Mit großer Befriedigung nahm der Ausschuß Kenntnis von dem Fortschreiten des außerordentlich bedeutsamen Werkes für den Orient, dessen wirtschaftliches Aufblühen von der Einführung der technischen Fortschritte und der Erschließung neuer Verkehrsmittel abhängig ist. Neben diesem groß angelegten Projekt soll nach den Beschlüssen des Ausschusses das sonstige Schulwerk des Hilfsdereins durch Bereitstellung ausreichender Mittel in zweckentsprechender Weise weiter ausgebaut werden. Für die bestehenden Schulen des Hilfsvereins in der Türkei wurden erhebliche Bewilligungen vollzogen. Einen ferneren wichtigen Gegenstand der Beratungen bildete das Htlsswerk in Galizien; es wurde beschlossen, die in Oesterreich auf diesem Gebiete iw die Wege geleiteten verschiedenen Hilfsaktionen wie bisher mit Geldmitteln zu unterstütze». Zum Schlüsse wurde über die Tätigkeit des Hilfsvereins auf dem Gebiete des AuSwanderungswesens berichtet, und es wurden die Modalitäten festgesetzt, nach denen die Arbeit für die jüdische Auswanderung fortzusetzen ist. Berlin. Nach langer Debatte nahm di Repräsentantenversammlung den Antrag des Justizräts Dr. Beit Simon, künftighin für den Synagogendienst in erster Reihe jüdische Organisten und Harmontumbegleiter anzustellen und für die Heranbildung solcher Sorge zu tragen, an. Dagegen stimmten nur 5 Herren. Damit wird nun von der Gemeinde auS offiziell der Sabbat entweiht. Es ist tnü nur eine Konsequenz der von denselben Herren angenommenen Handwerkerstiftung, die verlangt, daß die Stipendiaten sich verpflichten, den Sabbatzuentweihen. Bezeichnend für die Anschauungen unserer jüd. Gemeindevertreter war die Debatte. Bon den Gutachten der Gemeinderabbiner hatten sich 4 für und 5 gegen den Antrag ausgesprochen; daraufhin erwiderte dex Antragsteller: „Wir sind nicht verpflichtet, uns an das Gutachten der Rabbiner zu halten." Dr. Minden meinte: „Die Kunst ist keine Lastarbett. Wenn das Orgelspielen eine unerlaubte Anstrengung ist, so müssen dies auch die Predigt und das Vorbeten sein." München. 8-tzte Wach« fand der erste Atzend der aus Veranlassung der Münchener Loge (U. B. B. B.s errichteten " Toynbee Hall statt. Nach einem Bortrag des Herrn Rabb. De. Werner wechselten musikal. und deklamatorische Vorträge, welche allgemeinen Beifall fanden, ab. Auch leibliche Genüsse wurden geboten. Köln a. Rb. Der birst'en ortd-doren Israel. Religionsgesellschaft „Ab daß Jeschur un" wurden von Sr. Majestät dem König von Preußen alle Rechte einer selbständigen Synagogengemeinde verliehen. Oesterreich-Ungar«. Wie». Angesehme jüdische Bürger sind zur Gründung eines jüd. Studentenheims zusammengetreten, da, wie bereits berichtet, bfe Mensa acabemica Juden ausschließt. FloriSdork. Die Bezirksvertretung faßt« den Beschluß, Juden und Tschechen nicht in städtische Dienstezunehmen. Das ist der Dank der Deutschen gegen ihre «- gebensten Wähler, die Juden. Budapest. Der jüdische Frauenveret» hat sich eine unglaubliche Handlungsweise zu Schulden kommen lassen: er beraumte nämlich seinen Thee-Abend, verbunden mit Konzert und Wohltätigkeitsverkäufe, auf Freitag. Abend (1..Januar) an. , Wie die „Allg. JÜd. Rundschau", die eine» geharnischten Protest erläßt, mitteilt, hat dieser Verein am SamStag fein Büro geöffnet und am Sonntag geschlossen.. fhtlftariett. Phtlipvopel. Gftanu tafelet tu Auf Veranlassung Großrabbiners Dr. Ehrenpreis wurde, wie in allen bulgarischen Gemeinden, auch hier t» der Synagoge ,Hion". eine Feier zu Ehre» d» ChanükasesteS abgehalten', zu der ein zahlreiche» Publikum erschienen war. Die Feier bestand aus