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Neue jüdische Presse · 1908-12-31 · Heft 51 (31.12.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 51 (31.12.1908)
Date
1908-12-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I —---", Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ALomiemenlSpreiS pro Vierteljahr: In Frank» surt a. M. Mt. 1.— frei tnS HauS. Bet der Post abonniert im In» und Ausland Mt. 1.02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungar» Mt. 1^50, sonstige Sünder Mt. 2 — ' .1, ■ ■■ n- .. . ■ .. I > HledaLtto» «»v Sranktun a. nr.. vildelerstraße 4/6, «cke Lleichstrs-e Vek-f»« 1V 507. Aerau-geber: KalA Hei-s. InfertionSpreife: Die viergekpakteue Petrtzeile. .... 25 Pfg. Dte Aetlamezeile......... lüv " Platz» und Daten-Borfchrift ohne Badindlichkeit. Beilagen: Preis nach lleder eintunst. 6. Zalirgaug. Tonuersmg, de« 7. Veves 5609 <31. Dezember 1908). , Nr. 51. i Inhalt »,» Haupldlattr». Artikel: Die Jud^n in Schnitzlers neuestem Roman. — Brief aus Ungarn — AuS aller WelL — Personalien. — AuS der Leh>rr» Welt. — Feuilleton: Ene ve sunkrne Welt. - Wochen »Kalender. — Familiennachrichten. — BarmizwohS. Die Jude« i« Schnitzlers neuestem Roma». Bon Dr. Marek Scherlag»Wien. (Schluß). Den Gegensatz zu der emporgekommenen Familie Ehrenberg bildet die herabgekommene Famitie Glogovski. Der alte Glogovski hatte Pech, sein Geschäft ging zugrunde, aus dem Rathausviertel mußte er in die Leopoldstadt übersicdeln und Vermittler für alles werden. Daß er die meiste Zeit in den Kaffeehäusern' saß und den Schachspielern znsah, geschah nur, weil er bei diesem billigen Vergnügen den Niedergang seines Daseins vergessen konnte. Seinen Kindern gegenüber war er seit dem Ruin befangen und schüchtern. Die Frau Glogovski fügte sich leichter in die geänderten Verhältnisse, verfertigt Handarbeiten zum Verkauf oder sucht nach einer Wohnung . für ein illegitimes, allerdings befreundetes Paar: Georg v. Wergenthin und Anna Rosner. Die .Tochter Therese will Schauspielerin werden und gibt Unterricht in französischer Sprache. Da erweckt in ihr ein junger Russe Interesse für Politik. Sie schwört der Kunst ab, und gerät ins Fahrwasser der sozialdemokratischen Agitation. Als frische und verwegene Rednerin läßt sie sich in einer Versammlung zu einer angeblich verletzenden Aeußerung gegen eine hochstehende Persönlichkeit Hinreißen, wird angeklagt und erst frei« gesprochen, dann verurteilt und muß zwei Monate absitzen. Vergebens warnt der alte Ehrenberg die junge Sozialistin, die ihren Bruder Leo, der Zionist ist, bespöttelt, nicht restlos der Sozialdemokratie zu trauen. „Ich versichere Sie, Therese, es wird euch jüdischen Sozialdemokraten geradeso ergehen, wie es den jüdischen Liberalen und Deutschnationalen ergangen ist. . . . Wer hat .'die liberale Bewegung in Oesterreich geschaffen'? .Die Juden! Bon wem sind die Juden verraten und verlassen worden? Von den Liberale«. Wer hat die deutschnationale Bewegung in Oesterreich geschaffen? Die Juden. Von wem sind die Juden im Stich gelassen .... was sag ich, - im Stich gelassen .... bespuckt worden wie die Hunde? . ... Bon den Deutschen! Und geradeso . wichs. ihnen jetzt ergehen mit dem Sozialismus uiü» Kommunisnms." Ihr Bruder, der sich von großen Worten nicht imponieren ließ, weder von Versprechungen, die niemals einznlösen waren, noch von Drohungen, die-ins Leere gingen, sucht oft die Widcr- ' Sprüche .in ihren. Reden nachzuweisen. Er glaubt Wchtganz «n ihr; Mitgefühl für die Armen '■ ■■&&. Älenden. Ob et nicht recht hat? Brennt doch in ihr eine Sehnsucht nach glanzvollem Leben, ein unbändiger Hang nach Abenteuern. Kein Wunder, daß sie mit einem der verhaßten Besitzenden, mit dem schönen Kavalier Demeter Stanzides, auf einige Zeit eine „Hochzeitsreise" nach Italien macht. Soll das ihr Weg ins Freie sein? Einheitlicher, konsequenter ist ihr Bruder Leo, der Zionist, dessen Werdegang der Autor leider zu schildern unterläßt. Er deutet nur an, daß Leo, der anfangs nach keinem sicheren Ziel ging und unbewußt auf Wunder zu warten liebte, erst durch seine Erlebnisse auf dem Basler Zionistenkongreß zu einem überzeugten Zionisten wurde. Hier ward er sich bewußt, welchen Weg er einzuschlagen habe, um ins Freie zu gelangen. Der Dichter läßt ihn diese Erlebnisse seinen Freunden, dem Christen Georg v. Wergenthin und dem Juden Heinrich Bermann erzählen und den Eindruck schildern, den die Kongreßteilnehmer auf ihn genommen haben. „In diese Menschen, die er zum erstenmal in der Nähe gesehen, war die Sehnsucht nach Palästina nicht künstlich hineingetragen; in ihnen wirtte sie als ein echtes, nie erloschenes und nun mit Notwendigkeit neu aufflammcndes Gefühl. Daran konnte keiner zweifeln, der, wie er» den heiligen Zorn in ihren Blicken hatte aujleuchten sehen, als ein Redner erklärte, daß man die Hoffnung auf Palästina vorläufig aufgeben und sich mit Ansiedlungen in Afrika begnügen müsse. Ja, alte Männer, nicht etwa ungebildete, nein. Gelehrte, weise Männer hatte er weinen gesehen, weil sie sürchten mußten, daß das Land ihrer Väter, das sie, auch bei Erfüllung der kühnsten zionistischen Plane, doch keineswegs mehr selbst hätten betreten können, sich vielleicht auch ihren Kindern und Kindeskindern niemals erschließen würde." Bei Leo Glogovski hat man die Empfindung, daß es ihm mit seinem Zionismus ernst ist» wiewohl ihn der Autor nicht als den tätig wirkenden Zionisten zeichnet. Während seine Schwester Versammlungen der Sozialisten besucht und Reden hält, trägt er Duelle aus. Soll das etwa die zionistische Arbeü sein? Schnitzler hat darin ein wenig übers Ziel geschossen, daß er Leo zwei Duelle mtt Christen bestehen läßt. Ein Mensch, dessen Seele sich nach Schönheit sehnt, dessen musikalisches Empfinden geradezu überströmt, kann gar nicht so rauflustig sein. Tiefer gräbt Schnitzler bei der Schilderung des sich loslösenden und doch zurückstrebenden Ghettojuden Heinrich Bermann. Diese Gestalt um» flittert der düstere Glanz des Tragischen. Sie ist auch die bestgelungene Gestalt des Romans. Das ist der ringende, unzufriedene, grübelnde, kranke Jude des Westens, her noch keinen Halt gefunden und auch, nicht so leicht box Weg ins Freie finden wird. Bermanns . Vater war Dorf-Advokat und Reichsratsabgeordneter, der den Träum von der Verbrüderung der Juden unt den Deutschen verwirklicht wähnte. Schon als Zwanzigjähriger hatte Heinrich seinem vertrauensseligen Vater sei» Schicksal vorausgesagt, genau so, wie es sich später erMlen sollte: „Nach einer kurzen Epoche der Beliebtheit und des Erfolges hatte das Auswachsen der antisemitischen Bewegung ihn auS der deutsch-liberalen Partei gedrängt, die meiste» Freunde hatten ihn verlassen und verraten, und ein Kouleurstudent» der die Tschechen und Jude» als die gefährlichsten Feinde deutscher Zucht und Sitte hinstellte, daheim seine Frau prügelte, und seinen Mägden nachstellte, war sein Nachfolg« geworden." .... Der einst gesuchte Advokat verlor auch seine Klienten und steuerte so dem Verfall zu. Heinrich mußte seine juristischen Studien aufgeben, um den Seinen durch journalistische Tagesarbeit zu Hilfe kommen. Seine Erfolge fanden in dem verdüsterten Hause der Heimat kein Echo mehr. Der Vater verfiel sin Wahnsinn, die Schwest», die sich in einen Provinz-Don-Juan verliebt« in Schwermut. . . . Und Heinrich saß in Wien und pflegte von den Seinen in einem Ton zu erzählen, der „wie aus Zärllichkett und Widerwillen, aus Gefühlen der Anhänglichkett und von Losgerissensein" gemischt war. ... Er lehnt sich dagegen auf, sich mtt irgend ein« Gemeinschaft zusammengehörig zu fühlen, läßt weder National» gesühl noch Religion gelten, so sagt er wenigstens. Etwas Reales bedeutet für ihn nur die Heimat, und aus seinem .Heimatsgefühl will et ein Heimatsrecht ableiten. Da man ihm dies bestrettet, empört « sich, vermag ab« d« Verfolgung und Beschnnpstlng d« Ueberzahl nichts and «es entgegenzusetzen, als eine Erbitterung, Ermattung und Verwirrung d« Gefühle. Witt» er daraus den Ausweg finden? Der Zionismus lockt ihn nicht. Als moralisches Prinzip und als WohlfahrtSaktion will « ihn gellen lassen, ab« die Idee d« Errichtung des Judenstaates «scheint ihm wie eine Auflehnung gegen den Geist der gv» schichtlichen Entwicklung. Freflich ist seine .Begründung dies« Behauptung nichts wenig« als stichhaltig. Er versucht zu leugnen, daß Palästina den Zionisten mehr als ein geographischer Begriff wäre. Hätte er sich wie Leo den VH. Zip» nistenkongreß angeschaut, so wäre « wohl and«er Meinung. Palästina ist den Zionisten ei» Heimalland, wohin sie ihr Heimweh ruft. . .; „Sie werden ab« doch nicht nach Palästina answandern, selbst wenn d« Judenstaat begründet würde," sagt er zu Leo. D« unt«bricht iha ziemlich flau: „O, das können Sie nicht wissen." „Ich weiß es ganz bestimmt," meint Heinrich, „dafür gesteh' ich Ihnen ja auch zu, daß ich mich trotz mein« vollkommenen Gleichgiltigkett gegen jegliche Religionsformen nie und nimm« werde taufen lassen, selbst, wenn es möglich.war«, durch solch einen Trug antisemitischer Beschränkt» hett für alle Zett zn entrinnen." „Ab«, wenn die Scheiterhaufen wich« angezüudet wechen?" fragt Leo. „Für diesen Fall," entgegnet Hchnrich,

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