Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 50 (24.12.1908)
- Date
- 1908-12-24
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 50 „Wie alt bist Du?" „Ich weiß nicht. Hochwohlgeboren." „Wie lange bist Du hier?" „Ich weiß nicht. Hochwohlgeboren. Ich zähle nicht die Jahre. Es ist schon aber recht lange." „Was treibst Du hier?" Feitele errötet, senkt den Blick zum Boden und antwortet endlich halb unsicher: „Gar nichts — das heißt — ich „lerne". Hochwohlgeboren." Der Polizei-Vorsteher schmunzelte gütig und wendet sich zu der Deputation: „Na, so ein geriebener Gauner — aber er soll nur sehen, daß man uns nicht betrügen kann." Die drei Juden waren ganz erstaunt, als sie den frommen Feitele so ein reines Russisch sprechen hörten. Sie wußten gar nicht, was sie von Feitele halten sollten. Feitele schämte sich, denn er schaute immer auf die Erde und wagte es nicht, den Anwesenden ins Gesicht zu sehen. Der Polizei-Vorsteher fuhr im Siegcrtonc fort: „Wo warst Du, bevor Du hierher kamst? Feitele ward feuerrot, unruhig und begann am ganzen Körper zu zittern. Der Polizci-Vor steher wiederholte die Frage in strengerem Tone und fuchtelte, um Feitele zu zeigen, was chm bevorsteht, mit einer Nagaiki vor sich hin. Feitele zitterte, ward immer mehr schäm rot und verlegen. Endlich rückte er stotternd mit der Sprache heraus: „Ich war 25 Jahre im MWär, Hochwohlgeboren." Der Polizei-Vorsteher, die Polizisten und die drei Juden sprangen fast entsetzt auf, — die Juden zuckten zusammen und einer von chnen rief instinktiv mitleidsvoll aus: „A S o i? Der Polizei-Vorsteher erholte sich aber bald vo» seinem ersten schreckenden Staunen, schaute mit erzwungenem Argwohn Feitele an und fuhr mit dem Verhör fort: „Hast Du Papiere?" Ja, Hochwohlgeboren." Heber Fettete kam dann eine mcrkioürdige Ruhe, als hätte er sich selbst überwunden. Er griff mü großer Sicherhett in seine Busentaschc und holte ein ganzes Bündel zerfetzter Papiere heraus, die er rasch auf den Kanzleitisch legte. Der Polizcivorsteher griff mit sichtbarer Neu gierde,! zu dem Papierbündel, nahm ein sorgsam zusammengelegtes Papier "aus der Mitie hctvor. schlug es auf und las — zum Entsetzen der Anwesenden unwillkürlich laut seinen Inhalt vor. Darin hieß es: Regiment Ntr. Konunando Nr. Im Namen des Kaisers aller Russen. Wir, Vorsteher der Regimentskanzlci des Regiments Nr. bescheinigen hiermtt, daß Iwan Muska Abramilow, geboren? aus? russischorthodoxer Konfession, 25 Jahre in Treue und Hingabe als Gemeiner und später als Unteroffizier seinem Kaiser gedient, daß er sich während seiner 25jährigen Dienstzett kein einziges Mal etwas hat zu schulden kommen lassen, was chm hiermtt urkundlich bescheinigt wird. Der Oberst des Regiments . . . Für das Bezirkskommando . . . Der Polizist las 'dieses Schriftstück nicht ohne innere Bewegcheit, die Juden wurden kreidebleich Alle Anwesenden waren enttäuscht, sogar die Polizisten. 9dm versteht sich," fuhr Reb Schlome erregt fort, „Feüele war ein Nikolaus-Soldat, wie andere auch. In seiner Jugend haben ihn die Agenten gefangen — er war Waise —, und nachdem sic chn getauft hatten, steckten sie ihn unter die Soldaten — weit, weit in Schiricu oder in Astrachan. Aber Feitele war ein Zaddik, ein wirklicher Zaddik. Die ganzen 25 Jahre belebte ihn nur eine Hoffnung, — zum Glauben seiner Väter zu rückkehren zu können.' Diese Hoffnung gab chm Kraft und Mut, zu leiden, so viel zu leiden. Als sie chn zwölfjährig getauft hatten, wußte er noch nicht viel — er war ein Kind. Und als jüdisches Kind unter Christen gekommen, tief in Rußland, wo man keinen Juden sieht, hatte er Sehnsucht nach Juden, und er hoffte immer. . . Ja, er war ein Zaddik, ein wirllicher Zaddik. Aber ich will Euch von seinem unglücklichen Ende erzählen. . . . Der Polizei-Vorsteher fand sich bald wieder in seiner Tyrannen-Rolle und rief, als wäre nichts geschehen: „Du Schurke, Du Hund, Du Verräter — warte nur. Du bist als Mitglied der russischorthodoxen Kirche zu den Juden gegangen — Du Verräter, Du Judas, Du Elender. — Warte nur, tarnte- Und zu den Juden sich wendend, sagte er aufgeregt: „Er gehört uns. er ist unser, hier habt Ihr nichts zu suchen — er ist kein Jude — Ihr könnt gehen." Die Juden mußten natürlich fortgehen. Feitele war nun einmal ihnen. — Sie konnten ihm nicht helfet»-- Feitele Zaddik ist in Untersuchungshaft genommen worden, da — wie Ihr wißt — der Austritt aus der russisch-orthodoxen Arche mit chwerem Kerker bestraft wird. Jetzt hatte er gar einen, der sich seiner annehmen konnte. Er war Christ" und der Polizei auf Tod und Leben ausgeliefert. Feüele sah nicht mehr die Freiheit. Alt und gebrochen und körperlich geschwächt, erlebte er nicht mehr seine Verurteilung. Er hielt cs im euchten Kerker bei Kost aus Wasser und Brot nicht lange aus. An einem kalten, regnerischen Oktobermorgen ah man einen kleinen, ärmlichen Leichenwagen mit einem aus halb verfaulten Brettern gezimmerten Sarg durch die Stadt zum christlichen lichen Friedhof fahren, von einem abgerissenen Polizisten und einem großen Hund begleitet. „Feüele Zaddik" hat so auf dem christlichen Friedhof in dem Verbrccherwinkel seine letzte Ruhestätte gefunden." Die Juden schwiegen. Einige seufzten traurig:. 9cur Michel der Bäd^r rief bewegt: „Annex Feitele, nicht einmal in jüdischer Erde,, begraben, nicht einmal zu „Kewcr Jisroel" gekommen!" rieller Einschätzungen ttefer rangiert als der wirtschaftliche Boykott? Oder sind es etwa nur die Juden, denen die hiesigen Christlich-Sozialen die ganz besondere staatliche Schonung ja Fürsorge zu danken haben? Der Erlaß des Ministerpräsidenten weist an, in der exeniplarischen Bestrafung des Hetzens vor dem Rang und Namen nicht Halt zu machen. Vielleicht schafft die Zuschrift des Frh. v. Bienerth den hiesigen maßgebenden Faktoren — die Straucher'sche Interpellation vom 14. d. M. liefert genügend Material — die Erkenntnis von der Möglichkeit eines ähnlichen Erlasses für die Bukowina und zeittgt auch ein energischeres Auftreten den Hetzern in der Bukowina gegenüber, das vor „Namen und Rang" nicht stehen bleiben wird." Mts crUer Wett. Oesterreich-Ungar». Czernowitz. Der Miniiterpröfiden.t'hat an den Leiter des Justizministeriums einen .E r l a tz gerichtet, worin er diesen auffordert, gegen die in Böhmen und Mähren einreißende nationale Boykottbewcgung, als gegen die Bestimmungen des Straf- und Preßgesetzes zuwidcrlaufend, einzuschreiten. Der Ministerpräsident betont, daß der Staat nicht zugeben könne, daß durch die Wühlarbeit von Hetzern die Erwerbstätigkeit der friedlichen Bevölkerung gestört werden dürfe. Hierzu bemerkt die „Buk. Post": „Und in der Bukowina? Gehört diese noch zu den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern, oder ist die Bewegung, die Wiedmann und Adelsberger (ja selbst Steuerexekutoren) in ihrer Presse und Versammlungen inaugurieren, der Ausfluß von engclrciner Liebe und Zärtlichkeit zu ihren jüdischen Mitbürgern? Schon der Versuch eines nationalen wirtschasttichen Boykottes in Böhmen und Mähren bat die energische Aufmerksamkeit des Ministerpräsidenten erregt und wird zweifellos Maßregeln zeitigen, die diesem Unfug ein rasches und sicheres Ende bereiten. Wenn aber in den Organen der hiesigen Christlichsozialen zur Ausrottung der Inden gehetzt wird, wenn offenkundig und eindeutig in der Tendenz die kritiklose und instinktreiche Masse zum Vergreisen an Leben und Eigentum der Juden aufgesordert wurde, kurz der gesellschaftliche und wirtschaftlich »Boykott alles Jüdischen mit einer fanatisierenden Begeisterung gepredigt wird, so ist das wohl für die Regierung keine Ursache zuin Eingreifen? Bildet das keine genügende Veranlassung, nicht etwa für den Ministerpräsidenten einen ähnlichen Erlaß der Bukowinaer Juden wegen zu erlassen, aber doch inoffiziell wenigstens Staatsanwaltschaft und Polizeidircktion — wenn sie es schon nicht ans eigenem Anttiebe tun — energisch anzuwcisen, diesem skandalösen, knlturschändenden Treiben einer gewissenlosen Klique durch eine Aonsiskotion des Dolmetschers solcher Msichten da und dort ein Ende zu machen. Oder ist die Aneiferung zur Ausrottung der Juden mit „Stumpf und Stil" in einem öffentlich, in tausenden Exemplaren erscheinenden. Blatt in der.Skala ministe Ans der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Der Gruppenverbandstag der sü d w e std euts ch en Zionisten findet am Sonntag, den 27. Dezember um 2Ve Uhr in Mainz in dem oberen Saale des Ratskellers statt, wozu alle südwestdeutschen Zionisten eingeladen sind. Voraussichtlich wird sich eine große Anzahl von Zionisten dort einfinden. Um 5 Uhr hält Herr Julius Simon- Mannhcim in einer öffentlichen Versammlung in den gleichen Räumlichkeiten einen Bortrag über das Thema: „Die Entwicklung zum Z i o n i s m u s." Frankfurt a. M. Es war ein Wagnis — doch das Wagnis gelang. Trotz eines ernsten und ausgeprägt jüdischen Programmcs sah die Zion. Vereinigung bei ihrer Makkabäerfeier in dem Riesensaale des Kaufmännischen Vereines ein Publikum von über 1000 Köpfen bei sich. Aber auch das Publikum kam auf seine Rechnung. — Frisch und in allen Stimmen mit guten Kräften versehen, setzte der Neumann'sche Gesangverein ein.- Man merkte, daß der Verein seit seinem erstmaligen öffentlichen Auftreten vor zwei Monaten im „Montefiore-Verein" unter der Leitung seines tüchtigen Dirigenten Herrn Kantor N e u m a n n von der Hermesweg-Synagoge sleißig gearbeitet hat und ich inzwischen zu einem auf der Höhe seiner Aufgabe stehenden Gesangverein entwickelt hat. — Voll rischen Lebens war auch die Festrede. Herr Dr. med, Blöde, als glänzender Redner in der zion. Bewegung bekannt und hochangesehen, hielt sie für den erkrankten Herrn Iork-Steiner. Von Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg jns Freie" ausgehend, der sich durch eine exakte Wiedergabe aller Typen der Wiener jüdischen Gesellschaft auszeichnet und mit seinem Drang nach Klarheit und Wahrheit das mutige Bekenntnis eines tapferen Mannes ist, zeigte Redner, mit-chnäilch' sarkastischer Bemerkung seine Ausführungen ttefflich beleuchtend, worin" der Grund für unsere heutige große geistige jüdisch^ Not liegt. Wir Juden haben neben dem „Jczer hatauw" Und dem „Jezer Hora", oem guten und dem bösen Trieb, die gllen Menschen eigen sind, noch einen dritten Trieb, den Jezer-:„Hurrah"; d. h. wir sind als „Hurrah"-Patrioten stets schnell bereit, uns in politischen Dingen der Sache anderer anznnehmen (so war es „die nur aus Juden bestehende Freie Studentenschaft in Berlin allein, die durch ihren Vorsitzenden Löwenthal eine Protcstrede gegen die Vergewaltigung der Deutschen durch die Tschechen in Prag halten ließ, — und das zu einer Zeit, da in Wien die jüdischen Studenten von den deutschen blutig geschlagen wurde» und den jüd. Studenten die mindestens zur Hälfte von Juden unterhaltene Mensa äcademica lstudcnt. Freitisch) verweigert wird), aber unseren eigenen Zuständen stehen wir verständnislos gegenüber. In allen Lagern findet man diese Verleugnung des jüdischen Jchs, sogar in der Orthodoxie begegnet man solchen Leuten; so kann man finden, daß wenn jemand Samstags nicht zahlt, er alle möglichen Ausreden dafür sucht, mm nicht den wahren Grund zu sagen. Und dann haben wir die merkwürdige konservative Eigenschaft, wenn die Menschen und die Dinge sich längst geändert haben, sie noch in der längst gewesenen Beschaffenheit zu beleuchten; so in unsrer Stellung zur Nationalitätenftage und zu Palästina. Auch in unseren Tagen sind es — wie einst zur Makkabäerzcit — nur wenige, die sich den klaren Blick gewahrt haben und mit Verständnis und ausdauerndem Mut an der Zukunft des jüdischen Volkes arbeiten. Diesen ist besonders ein Zuströmen seitens unserer Jugend zu wünschen. Die Ausführbarkeit des zion. Gedankens ist jetzt bei .der Verjüngung der Türkei realisierbar, und die guten Erfolge der jüd. Kolonisation haben die Fabel von der Unfruchtbarkeit des BobenS Palästinas zerstört. Der Vortrag schloß unter sehr lebhaftem Beifall des Publikums, das auch die folgenden Darbietungen sämtlich sehr beifällig aufnahm. Zuerst einige Klaviervorttäge einer jungen vielversprechenden Künstlerin, Frl. I d a F e i n m a n n, dann Gesangsvorträge des Herrn und der Frau Gentner vom Opernhaus, dann eine Rezitation des Frl. Clara Lewisohn, die mit ihrem prächttgen Organe die Zionide von Jehuda Halevy. meisterhaft zum Vortrag brachte. Es trat nun eine halbstündige Pause ein. Nach der Pause sang Herr Gentner, und dann wurde» von dem Frl. Clara Levisoyn und den