Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 50 (24.12.1908)
- Date
- 1908-12-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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" " „ M Nr. 80 des fanfcfnrtet Ifmetitifdleii FamikenklMs. Gestatten und Schatten. Von Maxime Le M a!tre. Feitele Zaddiks Leben »nd Tod. Nach dem Abendgebet blieben noch die alten Juden in der Synagoge, um gemeinsani Midrasch zn lernen. Sie setzten sich an den langen Tisch, der vor dem großen Ziegelosen stand, jeder nahm seine Talgkerze in die Hand, die alten Leute setzten ihre Brille aus, dieser und jener hüstelte, schob sein Käppi an den Hinterkopf, und nach einigen wenigen Augenblicken fasten alle vor ihren großen Folianten. Allein die müden Juden, die den ganzen Tag auf dem Markte oder im Hanse schwer gearbeitet hatten, waren bei der einschläfernden Wärme auf der langen Ofenbank nicht recht zum Lernen aufgelegt. Sie blätterten etwas träg ihre Folianten; die Alten, halb verschlafen, schmatzten vor Wohlgefühl und brummten so gleichgültig vor sich -hin; andere wieder Plauderten mit einander, erzählten sich gegenseitig dieses und jenes vom Hause, von der Gemeinde, vom Markte und von der Synagoge. Die Müden und Schläfrigen wurden bald neugierig und lauschten den Gesprächen und Geschichten ihrer „Mitlerner". Jeder gab etwas von seinen Erfahrungen und Erinnerungen zum besten. Jeder erzählte in ernstem Ton, und' keiner vergaß, die Moral von der Geschichte, nachdem er die Geschichte selbst erzählt, zu ziehe». Mau sprach viel von Menschenglück, von Menschenschicksal, von den Verschiedenheiten des Schicksals — man führte Beispiele an, jeder aus der reichen Schatzkammer seiner Erinnerung und Erfahrungen, aber im ernsten, würdevollen Ton. Dann kam auf die Besucher dieser Synagoge die Rede. Die uralte Synagoge hatte natürlich eine wechselvollc Geschichte. Reb Schlome, der bis jetzt ruhig und mit Interesse nur zugehört, begann, sobald man von der Synagoge zu reden anfing, sich am Gespräche zu beteiligen. Bald nachdem sein Vorredner mit seiner Erzählung zu Ende >var, fing er etwas leise und schüchtern an: „Juden, was wißt Ihr, welche Menschen schon in dieser Synagoge gelebt und gebetet und gelernt haben?" Ein Greis siel ihm ins Wort und lächelte: „In der Synagoge betet und lernt man, — aber in der Synagoge lebt man nicht." Da antwortete Reb Schlome etivas gereizt: „Doch gewiß lebt mair in der Synagoge — gewiß, gciviß — laßt mich doch erzählen!" „Juden, hat jemand von Euch Feitele Zaddik gekannt?" Alle schwiegen. Darauf weiter Reb Schlome: „Feitele Zaddik hat in dieser Synagoge gelebt. — Wißt Ihr nicht, wer Feitele Zaddik war? — Ich will's Euch erzählen." Reb Schlome griff zu seiner Tabaksdose, schob eine tüchtige Prise in die Rase, und nachdem er sich so erfrischt hatte, fing er an zu erzählen: „Feitele Zaddik, ein kleiner, rundlicher Jude uird starker Siebziger, war weit und breit als Sonderling bekannt. Er hatte keine Beschäftigung. Tag und Nacht saß er auf der langen Ofenbank in diesem Bethause und blätterte stumm einen Midraschfolianten, der vor ihm auf einem wackligen Ständer lag. Niemand kannte ihn. Er hatte kein Heim, kein Hans, keine Familie und keine Verwandten in der Stadt. Man sah ihn selten auf der Straße, noch seltener hörte man ihn sprechen, höchstens, daß er einmal Abreinele Zwiebel, den alten, griesgrämigen Synagogendiener, um eine Talgkerze bat. Die alten Juden und die Großmütter sahen in ihm einen Heiligen, einen Zaddik, und bezeugten ihm stumm und still ihre Ehrfurcht. Die jungen Leute meinten, Feitele sei ein überspannter Mensch oder ein Büßer, der viel zu bereuen hat, und wollten nicht recht an seine Heiligkeit und Makellosigkeit glauben. Indes seine völlige Absonderung von der Welt und vom Leben flößte auch ihnen eine gewisse Achtung vor ihm ein. Tie Achtung bestand darin, daß sie ihn nicht bespöttelten und ihn gehen ließen. So konnte Feitele Zaddik Tag und Nacht über seinen Folianten brüten, ungehindert seine langen Gebete verrichten und ungehindert auf der langen Bank am Ofen schlafen. Kein Mensch sprach mit ihm, er pflegte auch keinen anzusprechen, und cs kam oft vor, daß er Wochen- und monatelang in der Klause blieb, ohne einen Menschen gegrüßt, gesprochen zu haben oder angcredet worden zn sein. Auch die übermütigen Buben, die jeden Freitag in die Klause gekommen waren, um im Auftrag ihrer Väter die Hängeleuchtcr zu putzen und den Boden zu fegen, in Wirklichkeit aber in der Klause tobten und allerlei Bubenstreiche ausführten — wie zum Beispiel eine Rattenjagd in der Klause veranstalten, und mit dem Petroleum der Lampen die Mäuse verbrennen oder Talgkerzen aus Abreinele Ziviebcls Schublade stehlen und sie dann am heißen Zicgelofen schmelzen — auch diese übermütigen Buben vergriffen sich nie an Feitele, sondern wichen ihm immer verschämt aus. Er schrie sie nie an, wenn sie Lärm machten, sondern blieb ruhig und still vor seinem Ständer, als wenn er allein in der Klause iväre. Cluster langgezogencn Amenrufcn nach jedem Gebet hatte man nie einen Laut von ihni gehört. Bekannt war nur sein Gang vom Ständer am Ofen zum Almemortisch. In der Schublade des Almemortisches fand er Talgkcrzen, die er für sein „Abcndlernen" brauchte. Nur er durfte sich dem Almemortische nähern und Talgkerzen aus der Schublade holen. Tat es ein Anderer, so mußte er sich auf eine ziemlich laute Auseinandersetzung init dem Klausdiener, den: alten Abreinele Zwiebel, gefaßt machen. In der Stadt sprach man nur selten von ihm, sei es, weil man seine Herkunft nicht kannte, oder aus irgend einem anderen Grunde. Man hatte vor ihm eine gewisse Scheu. Wie ernährt sich Feitele, wo ißt er, wie lebt er? Kein Mensch wußte es, es interessierte auch keinen. Feitele Zaddik war immer allein, mutterseelen allein — auch wenn viele Menschen in seiner Nähe sich bewegten. So lebte er lange, lange Jahre, jedem ein Rätsel, was keiner lösen wollte. Nun ereignete es sich einmal, daß die 'Arbeiter in der Borstenfabrik ihre Arbeit verließen und nicht mehr in die Fabrik gehen wollten. Auf deni Markte und in der Synagoge erzählten die Juden, vor einigen Tagen seien zwei junge Menschen, die nur russisch sprechen, in die Stadt gekommen. Mit der Ankunft dieser zwei russisch sprechenden Menschen, die so jüdisch anssahen, mußte es ein Bewenden haben, denn gleich darauf kam eine Unruhe in die Reihen der Arbeiter. Mehr wußte man nicht. Die Fabrikherren waren über ihre Arbeiter, — sonst ehrliche Juden — ganz verwundert und wußten gar nicht, was sie tun sollten. An einem Morgen kamen die Arbeiter in die Bcthäuscr, störten den Gottesdienst und schrieen: „Wir wollen nicht mehr für 2 Rubel die Woche 18 Stunden im Tage arbeiten! Wir wollen nicht mehr — wir »vollen nicht mehr! Entweder »vir bekommen 3 Rribel die Woche und arbeiteir nur 16 Stunden im Tag, oder »vir teilen mit deni Geld! Ein Beutel, ein -Beutel! . . . lind »sollt Ihr auck' mit dem Gelde nicht teilen, dann arbeiten »vir überhaupt nicht!" So schrieen und lärmten sie: „Entweder 3 Rubel die Woche uird nur 16 Stunden 'Arbeit oder mit deni Gelde teilen oder wir arbeiten überhaupt nicht!" Während die Arbeiter so schrieen und lärmte», drang — man weiß nicht »vie — Polizei in die Bethäuser ein. Auch in die Schneidcrklausc, >vo die Arbeiter ebenfalls tobten, kam Polizei. Die Juden und die Weiber erschrocken und liefen die Fenster hinaus. Die Arbeiter flüchteten ebenfalls. Bald war die ganze Klause »nenschenleer. Drin blieb »cur Feitele Zaddik — den der ganze Lärm nicht im geringsten kümmerte — und zwei Polizisten. Die Polizisten, erbost und zornig ob der Flucht der Arbeiter uird aller Juden» erblickten Feitele Zaddik am Ofen, der, als wäre nichts geschehen, über seinen Folianten brütete, und warfen sich zornentslammt mit geballten Fäusten auf ihn: „Ah, Du Hurrd, Du Mörder, Du Sozialist, Du Anarchist! — —" schrieen sie ihn an und schlugen ihn mit ihren Fäusten, was sie konnten. Der langhaarige Polizist versetzte ihm mit seinem schtvercn Schaftstiefel Stöße in den Unterleib, zerrte ihn auf den Boden und rief wutentbrannt: „Du Anarchist, Du Mörder — Du — Du-! Nur 16 Stunden arbeiten und noch 3 Rubel dazu — ah Du Mörder, Du Anarchist, Du Sozialist .... Warte nur! . . ." Beide Polizisten schlugen Feitele Zaddik mit ihren Fäusten, mit den Füßen, spuckten ihm in's Gesicht, beschimpften ihn, nannten ihn Mörder, und als sie nicht mehr konnten, zerrten sie ihn aus der Klause und schleppten chn fort. Feitele Zaddik hatte bies aber hingenommen, ohne einen Laut von sich zu lassen. Keine Träne kam ihm in die Augen, kein Schrei entfuhr seinem Munde. Er ließ sich mörderisch mißhandeln, prügeln, beschiinpfen, in's Gesicht spucken, auf den Boden zerren, zur Wache schleppen und sagte kein Wort, er Protestierte nicht, er wehrte sich nicht einmal. Als die Schläge ihm gar weh taten, seufzte er dumpf und blieb wieder stumm. Als die Leute zum Abendgebet in die Klause kancen, ivaren sie ganz erstaunt, Feitele Zaddik nicht anzutrefseir. Sie näherten sich dem Ständer, vor dem Feitele saß, und fanden noch auf ihin einen weit geöffneten Midraschfolianten, der ganz verkehrt da lag, sodaß man sich an die andere Seite des Stäilders hätte stellen müssen, wenn inan aus ihm lesen »sollte. Die Leute beachteteir dies kaum und frugen »mr verwundert, »vo »vohl Feitele Zaddik geblieben sein mochte. Aber noch während des Abendgebetes wurde es ruchbar, daß die Polizisten Feitele auf die Polizei geschleppt. Als man sich dieser Tatsache vergewissert hatte, entstand eine Unruhe in der Klause. Jeder fühlte sich ergriffen, man empfand eine Art Reue, Gewissensbisse, und irgend ein unruhiges, quälendes Gefühl stellte sich bei jedem ein. Das öffentliche Genüssen war erwacht. In der Stadt verbreitete sich rasch die Kunde von Feiteles Verhaftung. Noch am selben Abend traten die Gemeinde-Aeltesten aller Bethäuser zu einer Beratung zusammen, und man beschloß — da cs schon an diesem Wend zu spät »var —, morgen in aller Frühe eine dreigliedrige Deputation an den Polizeivorsteher zu schicken, um Fcitele's Befreiung durchzusetzen. Am Morgen begaben sich drei der angesehensten Gemeindeparnessim zum Polizei-Vorsteher. Er hieß sie sofort eintreten. Sie trafen ihn in seiner Kanzlei. Bor ihm saß Feitele Zaddik, mit bluttriefenden Wunden auf der Stirn und auf den Wangen. Er war gerade einem strengen Verhör unterzogen worden. Zu seinen beiden Seiten stairden zwei Polizisten, die Wache hielten und Zeugnis ablegten. Der Polizei-Vorsteher verstand sofort den Ztveck ihres Kommens, empfing sie. freundlich, drückte ihnen die Hand, in der nach jedem Drucke etwas zurückblieb —, wies ihnen Stühle an, und hieß sie in seiner uird Feiteles Nähe sitzen. Der Polizci-Borstheer wollte ihnen offenbar demonstrativ zeigen, welchen Schurken sie vor sich haben, und begann daher von neuem mit dem Verhör, damit sie sich überzeugten. Der Polizei-Vorsteher, ein ergrauter Beamter init einer roten Nase und heiserer Sttmme, beginnt mit den Fragen: „Woher bist Du?" Feitele antwortet in einem reinen Russisch iliid mit großrussischem Akzent: „Ich weiß nicht, Hochwohlgeboren." 4785