Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 50 (24.12.1908)
- Date
- 1908-12-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. gutmütige Person, die Achseln zE, sagt er: „Das sind Sachen, die meine Frau nicht verficht — und meine Kinder noch weniger. . . . Aber wenn man so liest, was in der Welt vorgeht, man möcht' selber manchmal glauben, es gibt für uns keinen andern Ausweg." Dieser verklausulierte Auch-Zionist, der eigentlich keiner ist, ist der Vertreter jener im Aussterben befindlichen Spezies des kaum dem Ghetto entwachsenen Geldjuden, der noch gern ein Sammtköppchen trägt und Gott dankbar ist, daß er chm bei den Spekulationen oder sonstigen Geschäften sichtlich begünstigte, und fürwahr es verlohnt sich schon, einem so guten, braven Gott treu zu bleiben. Nicht immer wirken sie unsympathisch, diese alten Ehrenbergs.Das schien auch Schnitzler zu empfinden; er schildert zwar recht anschaulich, mit welchen Augen die nächste Umgebung den etwas selbstbewußten, kauderwelschenden Salomon Ehrenberg ansieht, aber er verkeiht ihm eine gewisse wehmutdurchsetzte Größe. In der Zeichnung dieser Gestalt zeigt sich die., ganze reife Charakterisisrungskunst Schnitzlers. Ein kleiner Zug genügt ihm, um uns in eine ganze Welt von Gefühlen und Anschauungen blicken zu lassen. Als ein Gast, der Schriftsteller Nürnberger, dem alten Ehrenberg eröffnet, daß er sich nie als Jude gefühlt habe, ruft er ihm erregt zu: „Wenn man Ihnen einmal den Zylinder einschlägt aus der Ringstraße, weil Sie, mit Verlaub, eine etwas jüdische Nase haben, werden Sie sich schon als Jude getroffen fühlen, verlassen Sie sich darauf." Nach seiner Heimkehr aus Palästina will er zuerst nicht recht« mit der Sprache heraus. Endlich gesteht er seine Enttäuschung und Verstimmung ein. Darauf bemerkt.derselbe Mrnberger: „Also, wir . haben begründete Hoffnung, Sie hier . zu behalten, selbst für den Fall, daß der Judenstaat im Laufe der nächsten Zeft gegründet werden sollte?" — Unwirsch erwidert Ehrenberg: ,Lab' ich Ihnen je gefagt, daß ich die Absicht habe, auszuwandern? Ich bin zu alt dazu." „Ach so," sagt Nürnberger, „ich wußte nicht, daß Sic sich die Gegend drüben nur Ihren Kindern zuliebe angesehen haben." Jetzt findet der alte Mann die beste Mfuhr für den konfessionslosen Plauderer: „Lieber Herr Nürnberger, ich werd' mich da nicht mü Ihnen streiten: der Zionismus ist auch wahrhaftig zu gut für ein Tischgespräch!" — Wieviele Bankjudcn in Wien mögen so groß und so richtig vom Zionismus denken? S. Ehrenberg ist, wie gesagt, eine Ausnahme. Was würde es aber dem Judentum nützen, wenn auc Bankiers so wären wie er? Krankt er doch an dem unheilvollen Fehler, seinen Kindern gegenüber hilflos, ja lächerlich, dazustehen. Nichts Jüdisches vernwchte er ihnen beizubringen, weder Verständnis für die llebcrlieferung des Volkes, noch Liebe zu diesem selbst. So kommt es, daß über seinen Sohn Oskar ein Freund sagen kaim: „Was übrigens Oskar anbelangt, so möchte er gewiß lieber katholisch sein. Aber das Vergnügen, beichten gehen zu dürfen, käme ihm vorläufig noch zu teuer zu stehen. Es wird wohl auch im Testament vorgesehen sein, daß er nicht überhüpst." Dieses Söhnchen verputzt das Geld mit diversen Dämchen, ist aber sonst ein fescher Kerl, Reserveoffizier bei den Dragonern sogar, nur ist ihm der Vater im Innern recht zuwider, wie das ganze Judentum. Er geht sogar so weit, daß er vor der Kirche den Hut lüstet, vielleicht, um sich vor den vorübergehenden Aristokraten als Katholik aüszugeben. Dabei wird er von seinem Vater überrascht, der von einer fassungslosen Wut ergriffen, ausholl und ihn auf offener Straße ohrfeigt. Ein zu knallgrelles Erziehungsmtttel und zu spät angewendet. Oskar, der Reserveleutnant, darf diese Schmach nicht überleben. Er greift zum Revolver, trifft sich aber schlecht. Nachdem er wieder¬ Frankfurtcr Israelitisches Famüiendlatt. hergestellt ist, gcht er auf Reisen. Das ist sein Weg ins Freie. Seine Schwester Else, ein melancholisches, lluges Wesen, heiratet einen anglisierten Juden, James Wyner, und bleibt im Lande. (Schluß folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die Generalversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, welche am 28. Dezember abends 8 Uhr in der Aula der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, Große Hamburgerstroße 27, abgehaltcn wird, hat folgende Tagesordnung: 1. Bericht; 2. Decharge; 3. Antrag des Ausschusses betr. Ergänzung der Satzungen. 8 3c erhält folgenden Zusatz: Der Vorstand ist berechtigt, Lehrern an Elementar- und Religionsschulen auf ihren Antrag den Jahresbeitrag auf 4,50 M. zu ermäßigen; 4. Wahlen; 5. Bortrag des Professors an der Universität zu Berlin, Dr. Nikolaus Müller: Ueber den ältesten jüdischen Friedhof im Abendland, die Katakombe vor der Porta Portese in Rom, auf Grund seiner Ausgrabungen und Forschungen. Karlsruhe i. B. Der durch seine Agitation in der Gebetbuchfrage in der gesamten badischen Judenheit populär gewordene VereinzurWahrungder Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden beruft auf den 10. Januar 3>/° Uhr in das hiesige Hotel Lion seine Generalversammlung ein. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag des Herrn Moritz A. Loeb-Frankfurt. Breslau. Die verstorbene Witwe des Bankiers Hille hat eine Million Mark für eine Alt ersv er s o r g u n g S st i f t u n g vermacht, deren Insassen mindestens zur Hälfte Juden sein müssen. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Allwöchentlich treten hier durchschnittlich 12 Juden zum Christentum über. In der . jüngsten Austrittsliste aus dem Judentums finden wir neben Dienstmädchen, Arbeitern. Schülern folgende Namen: Landesgerichtsrat Samuel Wallerstein, Arzt Dr. Eugen Marcovici, AdvokaturSkan« didat Dr. Marcetl Solal, Victor Porges Ritter von Portheim, Arzt Rudolf Blum, Kapellmeister Julius Katay, Pauline von Siipps,!. k. Hofschauspieler Alexander Epstein (Elmhorst). — Trotz des fortgesetzten großen Abfalls bekommen die sogenannten jüdischen Führer keine Einsicht. Wie«. Während ihm die 480000 Protestanten 700000 Kronen jährlich kosten, hat der Staat für die Kultusbedürfnisse der Juden, die li/t Million Seelen zählen, nicht mehr als 12000 Kronen übrig, — nämlich 10000 Kr. für die .Jsrael.^heolog. Lehranstalt" in Wien und 2000 Kronen für die „Privatanstalt zur Heranbildung der Lehrer für de» mosaischen Religionsunterricht" in Lemberg. Wien. Die zion. Abgeordneten Dr. Straucher und Genossen haben an die Regierung eine Interpellation wegen der „Judenpässe", die den nach Rußland reisenden Juden aufgezwungen werden, gerichtet. In dieser Interpellation heißt es: „Die Abfertigung der Inhaber von „Judenpässen" erfolgt an der Grenze erst nach der Abfertigung aller übrigen Reisenden. In einzelnen Städten, so in Kiew und Moskau, dürfen die Juden die besseren Hotels nicht bewohnen. Laut verläßlicher Mitteilungen von solchen Reisenden werden die Inhaber sogenannter „Judenpässe" allerhand Schikanen ausgesetzt, denen zumeist erst durch erhebliche Opfer abgeholfen werden kann. Dieses vertragswidrige und feindselige Vorgehen russischer Behörden und Amtsorgane gegenüber österreichischen Staatsangehörigen mosaischer Konfession, die nach Rußland reisen, wird von den russischen Konsulaten anderer Staaten, so England, Frankreich, Deutschland, Amerika nicht geübt, sondern eben nur von den russischen Konsulaten Oesterreichs gegenüber Juden der Bukowina und Galiziens. Grotzbritauuieu. London. In unserem Lande ist es Sitte, zu Gunsten wohltätiger Institutionen große Diners zu veranstalten, zu denen die angesehensten und wohlhabenden Inden der Gegend eingeladen werden und die gewöhnlich auch erscheinen. Das Couvert wird natürlich gut bezahlt, und außerdem bietet sich dabei noch manche Gelegenheit, von den Teilnehmern für den guten Zweck kleinere und größere Beträge zu erhalten. Ein solches Diner, das vor einigen Tagen zu Gunsten des Jüdischen Hospitals in London stättfand, ergab für dieses Hospital die Summe von 18000 Psnnb Sterling fit. ft ober rund eine Biertelmillion Mark! — Chanuk«- Preisfrage: Wie lange dauert es in Berlin (ober anderswo außerhalb Englands und Amerikas),' bis für einen ähnlichen Zweck eine annähernd gleiche Summe erzielt wird? Wie viele „Aufrufe" wm „Spendenlisten" müssen erst gedruckt werden??:. . . Rntzlaud. Petersburg. Der Urheber der in den letzten Tagen viel besprochenen Duma-Interpellation «b« das Wohnrecht der Juden, die in einer der letzten Sitzungen eingebracht wurde, war der Bauern-Abgeordnete Andrejts ch u k aus dem Gouvernement Wolhynien. Um sich über die Stimmung der Duma zu vergewissern, ließ er einen Aufruf zirkulieren, in welche« er ausführt, die Interpellation sei nicht aus nationalem Haß zustandegekommen, sondern habe rejn ökonomische Ursachen. Andrejtschuk kam nun mit setneot Aufruf auch zu einem andren Bauern-Abgeordnete« namens Kropotow aus dem Gouvernement Wjatka (Nordost-Rußland). Zwischen den beide« entspann sich folgendes Gespräch: „Um was handelt es sich bei der Jnterpellatkon?" fragte Kropotow. „Die Juden sollen sich nicht außerhalb dos Ansiedlungsrahons niederlassen dürfen." „Woher seit Ihr denn?" „Aus dem .Gouvernement Wolhtmieu." „In Eurer Gegend dürfen doch aber jetzt schon die Juden wohnen?" - „Jawohl." „Nun allo, warum beunruhigt Ihr Euch?" fragte Kropotow weiter. „Wenn die Juden von Euch Weggehen und zu uns kommen, so müßtet Ihr doch Gott danken, wen» Ihr sie los werdet! Laßt sie also gehen und freut Euch! Ihr schreit immerfort, daß die Juden schlecht sind» und jetzt kommt Ihr zu uns und bittet uns, man solle sie ja bei Euch lassen. Tragt Ihr vielleicht Sorge um unser Wohl? Dann seid nur unbekümmert, denn wir haben unsere eigenen „orthodoxen" Sorgen, die vielleicht dies schlimmer sind als Eure „jüdischen". Darauf blieb das Wolhymsche Bäuerlein dje Antwort schuldig. Helsiugfors. Mitten im rauben Winter sind jetzt 30 arme jüdische Familien, aus Finnland auSgewiesen worden, ein Schicksal, das jeden Tag zahlreiche weitere jüdische Familien treffen kann. Darf doch gesetzuch ein Jude nur in den finnischen Städten HelsingforS, Mo und Wiborg wohnen, und auch dieses Wohnrecht ist mit unglaublich entwürdigenden Bestimmungen verbunden. Obwohl die meisten Juden im Land« geboren sind, muß dessenungeachtet ein jeder von ihnen alle 6 Monate einen Aufenthaltsscheiu erhalten, in dem angegeben wird, daß er nur mit Zigaretten, alten Kleidern und dergleichen Handel» darf. Heiratet ein Jude, so soll er nach dem Gesetze aus dem Lande gewiesen werden. Personalien. Berlin. Im Alter von 7S Jahren verschieb Frau Geh. Kommerzienrat Alwine Lachmanp geb. Kalmus, Mutter des Justizrats E. Lachmau»- des Vorsitzenden des Verbandes der Deutschen Juden- und Schwiegermutter des Professors Dr. Felix Liebermann. Berlin. Professor Dr. Lazarus, dirigierender Arzt des Marienkrankenhauses, erhielt das K o « t «t* kreuz des russischen StanislauS-Or» dens mit dem Stern. Mainz. Bei der B o r it a n b s w a h l der israelit. Gemeinde wurde Herr S. Cahft wicdergewählt, Herr Justizrat Dr. Loeb — bekannt durch seine Rede auf dem letzten deutsche« Judentag in Frankfurt a. M. — und Herr Loewensberg neu gewählt. E. G. Kalk bei Köln. Herrn. Cahn, BorstandSmitglied der israel. Gemeinde, wurde zum Stadtverordneten gewählt. Bkaunschweig. Dr Schäfer, seit 35 Jahre« Oberlehrer an der Jacobson-Schule in Seesen, erhielt den Titel Professor, Landtagsabgeordneter Stadtrat Emil Glaser-Blankenburg das Ritterkreuz 2. Klasse des Orden Heinrich des Löwen. Berwangen. Fanni Ries geb. Fröhlich, Witwe des Lehrers Samuel Ries, feierte in widerlicher und geistiger Rüstigkeit ihren 92. Geburtstag. Posen. Kgl Auktions-Kommiffarius Ludwig Mannheimer ist im Wter von 76 Jahren verschieden. Er gehörte seit 32 Jahren der Stadtverordnetenversammlung an und war Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Handwerks unter den Inden in Posen. — In Exin wurde Kaufmann Jakob Leiser-, der Vorsteher der jüd. Gemeinde, zum Stadtverordneten gewählt. Ratibor. Am 19. d. Mts. verschied Herr H e lmann Wachsner, seit einer Reihe von Jahren Vorstandsmitglied der jüd. Gemeinde.