Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 50 (24.12.1908)
- Date
- 1908-12-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ ä ♦ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Viertelsahr: In Frank» furt a. M. ML 1.— frei inS Haus. Bet der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen Deutschland - und Oesterreich-Ungarn M. 1,50, sonstige Länder M. 2.— K-daKttoir «ud Hefchäftsstette: Srankfurt s. M.. vildelerstraße 4/6, <&de Lleichstraße Telefon 10507. JnsertionSPreise: Die viergespaltene Petitzeile . .... 25 Pfg. Die RellamezeUe . .100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne BervindlichkeiL Beilagen: PretS nach Uebereinkunft. s. Jahrgang. Donnerstag, de» 30. Kislew 5669 (24. Dezember 1908).Nr. 50. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Professoren — Brief aus der Schweiz. — Die Inden in Schnitzlers neuestem Roman.'— A>is all er We lt. — Personalien. — Aus der Lehrer weit. — Feuilleton: Eine versunkene Welt — Wochen-Kalender. — F a m i l i e n n a ch r i ch t e n. — B a r m i zw o h s- ' Indische Profefforen. Erklärung. Nachdem, es Herr Dr. I. V. W i d »i a » » , literarischer Redakteur des Berner Bund, entgegen aller journalistischci, Gepflogenheit fertig gebracht hat, meine Ausführungen über dieses Thema in Nr. 47 des Frankfurter Israelitischen F-amilicnblattes zu ■einem erneuten antisemitischen Angriff gegen Herr» Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern auSzünützen, lehne ich es ab,' mich mit dem Verfasser des Artikels im - Berner Bund „Stein und Israel", der mit I. V. W. (I. V. Widinann! gezeichnet ist, in eine weitere Diskussion einzulassen. Ich begnüge mich daher, daraus hinzuweisen, daß Herr Dr. I. B. Widmann die Publikation jener von mir aus denr „Bund" zitierten antisemitischen Verse, die der Staatsbürgerzeitungalle Ehre gemacht hätten, nur als eine» u n a r t i g e n S p a ß b e z e i ch » e t. Ich lasse mich mit Herrn Dr. Widmann auch schon deshalb in keine Diskussion ein,- weil er in Bezug aus Juden und Judentum eine doppelte Buchführung führt. I» Bern antisemitelt er, was er kann; vor seinen jüdischen Freunden in Deutschland aber will er als ein P h i l o s e m i t dastehen. Schon der Titel seines letzten Anti-Stein - Artikels ist" für seine wahre Gesinnung bezeichnend: „Prof. Stein und Israel". Ich will keinem Antisemiten seine ileberzeugung und Gesinnung rauben: aber, was ich auch von jede in unserer Feinde verlangen kann, ist — nicht feige sein, sondern offen seine Meinung vertreten! Herr Dr. Widmann spricht in seiner Zeitung von der -„jüdischen Kritik" mit derselben Verachtung wie Bartels auch, — anscheinend, weil die Berliner Kritiker. darunter auch der Jude Alfred Kerr, sein Stück „Jenseits von Gut und Bös" nicht nach seinem Wunsche besprochen hat. Ich meine daher: Ein Mann pon solcher ausgesprochenen judenfeindlichcn Gesinnung soll mindestens den Mut haben, auch seinen ■jüdischen Freunden gegenüber seine Meinung zu sage» und nicht in Bern antiscmiteln und in Deutschland als der Philoscmit gelte» wollen. Die Juden (Widmann sagt mit Verachtung „Israel") werden jetzt wissen, was für einen „Freund" .sie in Herrn Dr. Widmann haben. Vor solchen Freunden schütze uns Gott. Max i m e L e M a i t r e. Unter den inzwischen eingetretenen Umständen lehnen wir es ab, den von uns in der vorwöchentlichen fürdie vorliegende Nummer zum Abdruck avisierten Brief des Herrn Dr. Widmann zu veröffentlichen, Herr Dr. Widmann hätte mindestens das Erscheinen seines Briefes in unserer Zeitung abwarten müssen, ehe er sich in seiner Zeitung mit der Angelegenheit beschäftigen durfte, — und nun hat - Herr. Dr.' Widmann nicht allein gegen diese selbstverständliche Pflicht verstoßen, sondern auch noch die Gelegenheit zu einem neuen antisemitischen Vorstoß gegen Herrn Professor Stein, dessen wissenschaftlichen Leistungen und Verdienste übrigens von Männern wie Herbert Spencer und Eduard v. Hartmann geschätzt und gewürdigt wurden.- ergriffen. Redaktion des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Brief aus der Schweiz. Außerhalb der Eidgeiwfsenschaft wird wenig von deren Bewohnern in der Oeffentlichkeit gesprochen oder geschrieben. Wären nicht die in keinem Staatswesen fehlenden wirtschaftlichen Kämpfe, unsere kleine Schweiz gliche beinahe einer musterhaft geleiteten Pension ohne Unterschied des Standes und Charakters, Aber eben die Jagd nach dem Erwerb verschuldet, daß Mich in unserer Demokratie, welche offiziell von Geburts- und Standesprivilegien, Preß- und Bereinsreglemenliernngen, Sprachen- und Rassenstreitigkeiten nichts weiß, Gegensätze bestehen, die allmählich Beunruhigung selbst bei den phlegmatisch veranlagten Söhnen Tell's erregen. Und wir Schweizer Juden haben, >vie selbstverständlich, erst recht Veranlassung, nicht sorglos zu sein. Bis vor wenigen Jahren gab es in der Schweiz nicht die Spur eines die Oesfentlichkcit interessierenden "Antisemitismus. Allerdings hatte das Schächtverbot von 1894 die in unserer Republik schlummernden judenseindlichen Jnstintte offenbart; aber durch die folgenden zehn Jahre schlief der Haß, wenigstens in der Oesfentlichkeir. Erst als vor vier Jahren hunderte vor den russischen Henkern und Schindern flüchtende Judenfamilicn nach der Schweiz sich wendeten und daselbst in den größeren Städten ihre Zelte errichteten, ließen sich in größeren schweizerischen Zeitungen Unkenrufe vernehmen, die täuschend denjenigen ähnelten, die man im deutschen Reich seit Stöcker zu hören gewohnt mar. In dem für allgentenr ruhig und neutral sich verhaltenden Basel tauchte plötzlich im Mai 1905 ein splendid ausgestattetes Wochenblatt „Der Samstag" auf, das angeblich baslerisch künstlerischen, heimatlichen Interessen dienen sollte, im Grunde aber, wie sich sehr bald herausstclttc, Inden- Hetze unter dünnem Firniß kultivierte. Der hohe Abonnementsprcis, die exklusive Tendenz und, wie gesagt, der schrille antiseiiiitijche Tun bewirkten indes, daß das große Publikum und auch die besseren Kreise von diesem Blatt nichts wissen wollten — und nach mehreren Versuchen, sich über Wasser zu halten, entschlummerte es wieder sanft. Aber vor zehn Monaten ist es wieder erwacht. Die Nummer kostet 30 Rappen, also für das Volk keine Kost; dafür lesen es die oberen Kreise, zwar nicht durchgängig; aber Tatsache ist, daß das Blättchen sich gut, rentiert und in Antisemitismus einen Rekord mit jeder neuen Nummer schafft. Langsam, aber sicher, saßt es in besseren bürgerlichen Kreisen Fuß, und es streckt seine Fühler nach Zürich, Bern, St; Gallen und anderen Städten aus. Im Stillen haben sich bereits kapitalkräftige Personen hinter jenes Blatt gestellt, und der Plan, welcher vor etwas länger als einem Jahr, allerdings zu srüh und überhastet, „aufblühte", nämlich: „ein antisemitisches Tageblatt für die Schweiz herauszugeben", wird im neuen Icchr, nachdem der „Prvbepfeil" in Gestalt des „Samstag" sein Ziel erreichte, mit besserer Aussicht auf Erfolg ins Werk gesetzt werden. Was aber geschieht in unserem Lager, ich meine in den heute noch kräftigen, starken, jüdischen Gemeinden Basel, Zürich, Bern, '3t:. Gallen» um der die Schlveizer Juden bedrohenden Gefahr mit Erfolg, d. h. rechtzeitig, zu begegnen'? Hierüber ein zweiter Brief. I. M. (Basel). Die Jude« i« Schnitzlers neuestem Roma». Von Dr. Marek Scherlag-Wien. Es gab eine Zeit, wo das Judemün: für den Westjuden lediglich ein Begriff war, abstrakt und fremd. Da kam der Zionismus und lehrte auch den Westjuden, sein Volkstum als etwas Reales empfinden, als eine Gemeinschaft, die lebt und leidet. Er besann sich auf sich^ selbst und verbarg seine "Abstammung nicht mehr. Zum erstenmal begann auch dem feinfühlenden Arier die Bezeichnung Jude in einer ganz neuen, gleichsam düsteren Beleuchtung aufzugehen. „Eine Ahnung von dieses Volkes geheimnisvollem LoS dämmerte in ihm aus, das sich irgendwie in jedem aussprach, der ihm entsprossen war; nicht minder in jenen, die diesem Ursprung zu entfliehen trachteten wie einer Schmach, einem Leid oder einem Märchen, das sie nichts kümmerte — als in jenen, die mit Hartnäckigkeit ans ihn zurückwiesen, wie auf ein Schicksal, eine Ehre oder eine Tatsache der Geschichte, die unverrückbar sestständ." Diese Worte, die Arthur Schnitzler auf den Helden seines im Verlag S. ■ Fischer, Berlin, jüngst erschienenen Romans „Der Weg ins Freie" bezieht, werfen ein trefsenves Streiflicht aus das heutige Judentum. Schnitzler begnügt sich aber nicht mit diesem Streiflicht, er versucht vielmehr, ein ausgesührtes Bild zu geben, zumal der jüdischen Gesellschaft in Wien. So sehen wir da vor allem den Bankjuden S. Ehreirberg, der — eine "Ausnahme — zu den Gesellschaften, die seine Gattin gibt, am liebsten nn Kaftan erscheinen würde und seine Absicht, eine Vergnügungsreise nach Palästina zu machen» folgenderniaßen erklärt: „Vielleicht ist es nur» weil man älter wird, vielleicht, weil man so viel vom Zionismus liest und dergleichen, aber ich kann mir nicht helfen, ich möcht' Jerusalem gesehen habe, eh' ich sterbe." Und da Madame Ehrenberg, sonst eine verständige, geistreiche und