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Neue jüdische Presse · 1908-12-24 · Heft 50 (24.12.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 50 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. LV. Seite S. Fran^urter JsraelitiWes Familienblatt. Paris. Von der Akad emie der Wissens ch a f t e n erhielten Mathematiker Jacques H a d a m a r d den Estradc-Deloros-Preis von 8000 Franken, Oberstleutnant B c r n a r d den Tchihatchcs- Preis von 3000 Fr., Astronom Charles N ü r d - mann den Wilde-Preis von 2000 Fr., Geometer Paul Helbronner den Binoux-Prejs von 1200 Franken und Statistiker R c n 6 Nisser den Montijou-Preis von 500 Fr. Eduard Brunswick- Lyon, Dr. M a u - rice Fracnkel -Paris, Elie Lang -Senlis, Moise Levy-Gray, Charles Wejll -Roubaix und Älphonse Weiller -Joinville wurden zu Offizieren der Akademie ernannt. . Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M., 20. Dezember. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interes sen d es or t h o d o xe n I u d e n t n m s" wird uns geschrieben: Die zweite Lesung des Lehrcrbesoldungs- Gesetzes in der Kommission hat einen überaus erfreulichen Erfolg zu Gunsten der jüdischen Lehrer insbesondere der Retigionslehrer gebracht. Es wurde innerhalb des unter Mitwirkung der Parteien geschlossenen Kompromisses bestimmt, daß den an den Privatschulen charitativen Charakters wirkenden Lehrern beim Uebertritt in den öffentlichen Bolksschuldienst die volle Dienstzeit unter Erlaß jeder Nachzahlung in die 'Alterszulagekasse angercchnet werden sollte. Die gleiche Vergünstigung genießen die an israelitischen Religio ns schulen wirkenden Lehrer beim Uebertritt in den öffentlichen Schuldienst. Auch diesen wird also die volle Dienstzeit angercchnet, ohne daß die als besonders drückend empfundene Nachzahlung in die Altcrszulagckasse geleistet zu werden braucht. Diese Beschlüsse werden in allen beteiligten Kreisen mit großer Befriedigung begrüßt werden, und es ist dringend zu wünichen, daß sie sowohl im Plenum des Abgeordnetenhauses als auch seiner Zeit im Herrenhause Bestätigung finden. Frankfurt a. M. Butanzen Bonn-Povpels. darf (7000 E., 50 jüd. E.) Kantor und Religionslehrer per sofort. 1200 Jk Gehalt, — Cochem a. Mosel (4000 E.» 120 jüd. E.) Retigionslehrer, Vorbeter und Schächter per sofort. 900 Jk Anfangsgehalt, freie Wohnung, bedeutendes Nebeneintommen. -• Coblenz. Schächter, Synagogendiener und Hilfsvorbeter. Nur Inländer. Berlin. S»muel Meseritz. Lehrer ander Jüd. Gemeinde-Mädchenschule, erhielt den Kronenorden 4. Klasse. Rordhausen. Rabbiner Dr. Schönberger ist — erst 50jährig — verschieden. ‘ Elbtug. Dem Berichte, den Lehrer Mannheim- Graudenz aus der Jahresversamnilung de- Vereins jüd. Retigionslehrer West - preußens gab, ist zu entnehmen, daß die Anregung zur Errichtung von Fortbildungskursen in jüd. Religionswissenschaften wegen ungenügender Beteiligung nicht zur Ausführung gebracht werden konnte und daß die Synagogcngemeinde Graudenz ihre 4 Beamten lebenslänglich mit Pensionsberechtigung angestellt hat. — Die Jahresversammlung beschloß, an sämtliche größere und mittlere Gemeinden mit der Bitte heranzutrctcn, dem Graudenzer Beispiele zu folgen; sie beschloß ferner die Erhöhung des Vereinsbeitrages von 2 auf 3 Jk und wählte eine Kommission, die gemeinsam mit dem Rabbinerverband einen Normallehrplan für den jüd. Religionsunterricht entwerfen soll. Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levy. (Fortsetzung). Joseph hatte dem Gedanken, Christ zu werden, entsagt. Die Drohung, die ihm Junker Overstolz nachgerufen, erfüllte den Feigen mit unbezwinglicher Furcht; wenn er nur an die Taufe dachte, glaubte er, das Schwert seines Gegners in der Kehle zu spüren. — , . Es war Roschhaschonoh, der erste Tag. Bär Kuchenheim saß mit seiner Familie an dem festlich geschmückten Tisch beim Mittagessen. Den Platz zu seiner Rechten hatte der Doktor Abraham inner Es war dies ein für alle Mal sein Tischplatz, wenn er zu einer Mahlzeit erschien. Dies jedoch wurde zur Seltenheit, da der junge Arzt seinem Berufe jede Bequemlichkeit, also auch die regelmäßige Speisezeit, opferte. Er nahm seine bescheidenen Mahlzeiten, die seine alte Haushälterin ihm immer bereit hielt, in seiner Wohnung und besuchte seine Verwandten, wie er eben Zeit hatte, wenn auch nur auf wenige Minuten. Mit der Tochter, der jungen Esther,' hatte er bis jetzt nur wenige Worte, gewechselt. Das junge Mädchen zog sich fcheu zurück, wenn sein wohlbekannter Schritt aus der Treppe erscholl. Der Vater nahm aber auch den Besucher ausschließlich in 'Anspruch. Er setzte sich dann bequem hin und begann: „Abraham, können denn die Juden bei Euch alle Geschäfte treiben?" oder sonst mit dergleichen Fragen. Dann antwortete Abraham und erzählte von seiner Heimat, dem herrlichen Granada, von seinen Verwandten, von der großen Synagoge und den vielen kleinen Bethäusern. Esther kam dann leise in's Zimmer und setzte sich im Hintergrund an's Fenster, wo sie nicht gesehen und nicht beachtet wurde. Sic sah eine ferne Wnnderwelt, die ihr der beredte Mund MrahamS in dem engen Stübchen vorzauberte. Vor ihr erhob sich die Prachtstraße des Alcazaba, an beiden Seiten des Darro, wo der maurische Adel seine Paläste besaß. Es strahlte im Frühlicht die Alhambra, dieser wunderbare Königspalast, den man kaum in einer Stunde umgehen kann und der außer der glänzenden Hofhaltung eine Leibwache von zehntausend Manu beherbergt, dessen Säle, Hallen und Höfe von Gold und Farben funkeln. Vor ihren entzückten 'Augen blühten Orangen, Zitronen, Mandeln, und das schneebedeckte Gebirge sendet Kühlung in Her Sonnenglut, die den feurigsten Wein zur Reife bringt. Und in diesem glücklichen Lande wohnen die Inden in Frieden mit ihren andersgläubigen Brüdern, den Mauren, zusammen, treue Söhne ihres Landes, ergeben ihrem König, denr sie im Heere als tapfere Krieger dienen. Und wenn dann der Redner schloß, versank die Wunderwelt, und Esther blickte zagend und träumend auf den fremden Vetter, der so ganz anders, als die jungen Männer, die sie kannte, und dessen Art ihr doch so vertraut war, als-seien sie zusammen groß geworden, als hätte er nur denr Worte verliehen, was sie immer in ihrer Seele geträumt. — Heute saßen sie so recht behaglich bei der Tafel, denn der Vetter hatte Zeit. Der Gottesdienst wurde eingehend besprochen und die Kunst des Chascns nach Gebühr gewürdigt. Der Gesang — nein, so lieblich kann es unmöglich anderswo sein. Der Tenor des Chasens und die kunstvolle Begleitung der Meschorerim! Die Awandoh in Mussav war einfach erhaben. Als der Chasen langsam und feierlich „Olenu" begann, ging ein Schauer, durch die versammelte Gemeinde — er bot dem Allerhöchsten die tiefste Ehrfurcht dar — wir neigen und werfen uns nieder vor seiner Majestät. Dann wurde das Schofarblasen belobt, kurz cs war so recht wie in früheren Zeiten, da die Menschen noch fromm waren/ Allerdings hatte Salomon Basel durch seine Großtuerei'die Gemeinde geärgert. Bei dem Versteigern der Mizwoth hatte er alle überboten und Gelilo.— .man denke! — dem Schneider Gumpel geben lassen, obschpn doch altere, würdigere Männer damit zn ehren wären. Abraham begütigte mit humoristischem Lächeln den darob erzürnten Bär: „Lasse doch jeden so nach Herzenslust überbieten, den Nutzen haben die armen Leute." Esther unterstützte hie Mutter gewandt in der Erfüllung der Hausfrauenpflichten, und der Blick des jungen Arztes folgte mit Wohlgefallen der schlanken Gestalt des Mädchens. Zum Nachtisch brachte sie eine Schale mit Mandeln und sagte, diese dem Gaste reichend: „Ein Gruß aus dem schönen Hispanien." Er blickte überrascht in das sich mit einer Flammcnröte. bedeckende Gesichtchen Esthers und antwortete: „Schöne Base, Ihr selbst gleicht, braun und schlank, wie Ihr seid, einer Tochter Spaniens." Sie lächelte und deutete auf ihr krauses Haar, das sich in Locken unter dem Sammetmützchcn hcrvorstahl. „Wohl eher einer wilden Zigennerin, von der Ihr uns erzähltet." Dann aber, erschrocken über ihre Kühnheit, eilte sie aus dem Zimmer. Abraham jedoch sagte lächelnd zu Bär: „Oheim, ich glaube, heute zum ersten Male die Stimme Deiner Tochter gehört zu haben; — weshalb ist sie eigentlich sonst immer so scheu und wortkarg?" Bär brummte: „Sie kann reden, treibt sie doch mich bisweilen ' in die Enge. Vergangene Woche spielte ich Schach mit ihr und bewies ihr sonnenklar, wie ein Zug geinacht werden muß. Sic jedoch, ganz entgegen dem Gambit, zieht anders, mich ganz überraschend, ganz außerhalb der Regel und setzte mich matt. Daraus sagte sie ganz trocken: So Vater, jetzt sieht das Gambit, daß man auch gegen seine Regel Matt bieten kann." Abraham fragte erstaunt: „Das junge Mädchen spielt Schach und vermag Dir, dem Meister, eine Partie abzugewinnen? Es ist mir doch nur einmal gelungen. Dich zu besiegen." „Nun ja. Du spielst schlecht, ich spiele etwas besser," sagte Bär, der den Doktor, einen tüchtigen Schachspieler, stets besiegte, bescheiden. Der Doktor konnte seinen Gedanken nicht weiter nachhängen, auch mußten Bär und seine Frau die besonders nach einem festlichen Mittagsmahl so köstliche Mittagsruhe entbehren, denn jetzt erschienen die Besucher, die dem angesehenen und. reichen Manne Glück wünschen wollten. Jede Begrüßung begann mit den Worten „L'schonoh tauwoh". Dieser Wunsch hatte in der Zeit, da über Nacht das größte Unglück über den Einzelnen und über die Gemeinde Hereinbrechen konnte, besondere Innigkeit. Der kleine Isidor Gutmann und seine dicke große Fran waren die Ersten. Isidor trug auf dem schwarzen Mäntelchen eine breite weiße Halskrause, auf der das ängstliche Köpfchen wie auf einem Teller angerichtet stand; seine Frau dagegen strahlte in einer Haube mit breiten Bändern und einem seidenen .Kleid in allen Farben des .Regenbogens. Sie rauschte auf Bär's Gemahlin zu und reichte ihr die Hand, in ihrer unverfälschten heimischen Frankfurter Mundart rufend: „Alles Gude, was Ihr Eich wünscht!" Taub, wie sie war, wartete sie nicht auf Antwort, sondern fuhr fort: „Un der Tochter, der Estherche, einen Breiticham!" 'Alle lachten und sahen sie vergnügt an, denn durch ihre Magd hatten die Knaben Bär's folgende kleine Episode erfahren und drastisch wiedererzählt: Am Festabend nach dem Gcttesdienst besuchten zwei junge Leute ihre Ivohlhabcnde kinderlose Tante und trafen sie allein, ihr Mann war eben aüsgegangen. Die gottlosen Burschen gaben der tauben Frau die Hand .und sagten, ihr die Hand herzlich schüttelnd: '„Dom, Zefardeia, Kinim, und so fort bis zum Schluß. Die gerührte Tante, die kein Wort verstand, gab jedem der Schelme einen Kuß und erwiderte: ,I)as Ihr mir wünscht» soll Euch Gott zehnfach beschceren." Worüber die Jungen sehr verblüffte Gesichter gemacht. 'Aber ein Besuch trat ein, den Niemand erwartet hatte — Joseph Basel. Den Arm hatte er noch .in der Binde. Er ging ohne Verlegenheit auf den Hausherrn zu und wünschte in wohlgesetzten Worten ihm, seiner Gemahlin und Esther Glück, jedem herzlich die Hand schüttelnd. Dann wandte er sich zum Arzt, der eben im Begriff war, aufzubrechen. „Doktor, wollt Ihr gehen, da ich komme?" „Meine Kranken warten." Joseph setzte sich, als ob er immer im Hause verkehrt Hab, zu Bär und sagte ihm leise: „Reb Bär, die Zeiten werden schlimmer, wir Juden müssen zusammenstehen. Jst's Euch angenehm, wenn ich Euch in Freundschaft besuche?" Bär antwortete gemessen: ,Menn Ihr ein ordentlicher Jude, der treu zur Gemeinde hält, sein wollt, soll mir Euer Besuch lieb sein." Joseph faßte seine Hand. „Ihr wißt, daß jeder Jugendtorheiten macht, ich habe mir die Hörner abgestoßen." :. Darauf wandte er sich an Esther. „Estherchen, wir sind' doch früher zusammen in die Schule gegangen, und jetzt habe ich Dich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesprochen." „Das .ist ja selbstverständlich. Du kommst in die Welt und hast nur vornehme Bekanntschaft, und wir Judenmädchen finden unsere Welt in der Häuslichkeit." „Ich nehme .Deinen Spott .für Ernst. Es ist wahr, ich habe vornehme Freundschaft, aber da ich älter werde, finde ich doch, daß dies Leben mich nicht befriedigt. Meine Eltern wünschen, daß ich nicht nur ausschließlich mit den Junkern verkehre, daß ich mich mehr meinen Glaubensgenossen widme, — und das ist jetzt auch mein Wunsch. Und ich will dabei den Anfang machen mit dem gastlichen Hause Bär's" — sagte er lächelnd — „ist auch Dir mein Besuch genehm?" Sic stand auf. „Jeder, der im Hause meiner Eltern verkehrt, ist mir genehm." „Ich komme aber auch, um mich mit Dir zu unterhalten." Sie sagte lächelnd, aber in festem Tone: „Das wird wohl nur selten gescheyen können. Mir geziemt nicht, in Gesellschaft der Männer zu weilen, habe auch keine Zeit dazu. Wenn des Tages Arbeit beendet ist, sitze ich vielleicht mit einer Freundin und meiner Mutter beim Spinnrad oder bin mit der Nadel beschäftigt." - Sie wandte sich zu Onkel und Tante Ems, die eben eingetreten waren. Moses Ems betrachtete wohlgefällig die schlanke Nichte und erwiderte ihren Glückwunsch mit: .^Dieses Jahr unter der Chuppe!" Sie wurde rot und fragte nach Mendel. „Ja, der hat geschrieben, daß er gut angekommen ist. Wen», alles gesund bleibt, soll Lag- Beomer die Hochzeit sein." In der allgemeinen Freude erhob sich Joseph Basel, der ziemlich unbeachtet geblieben war, und nahm Abschied. Bär und seine Frau bestellten einen Gruß an seine Eltern, und so trennte man sich unter leidlicher gegenseitiger Zufriedenheit. (Fortsetzung folgt.) Ilisir. Anskfinfte! ttroMM Deuicllv-Zontral« II! aber Vermögens-, mumiiena. Qeach&ftsverhiUtntosft» Beobachtungen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt» Salzliaus 6, I. Telephon 4358.

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