Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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•S.y-'r-vjr.- y;r ■-.-. ■r.-. Rr. 49. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11 traten nämlich mehrere Juden auf, die ihren zu dieser Versammlung eines Missionsvereins zahlreich erschienenen sogenannten Glaubensgenossen gegenüber die Sache des Judentums vertraten. So Herr Lonis Grebenau, der als erster Redner nach dem Referate verschiedene Richtigstellungen vorzunehmen und auf verschiedene Lücken in dem Referate hinznweisen wußte, die es dem Juden .unmöglich machen, das Christentum als über dem Judentum stehend anzuerkennen, geschweige denn gar, zu diesem überzutreten. Und Herr Leopold f erlmutter, der an Hand der tausendjährigen eidensgeschichte der Juden zeigte, daß die dem Judentum innewohnende lebendige Kraft der Thora die Juden alle Verfolgungen und Anfeindungen zu tragen befähigt habe und daß es ein Verrat an dieser glorreichen Vergangenheit sei, wenn ein Jude diese Bande zerreiße. Gerade die Jugend, an sie wendete sich der .Redner, sei dazu berufen, die Fahne des Judentums, die leider von manchen Kreisen im Stiche gelassen werde, wieder mit der alten Begeisterung im Sinne der Väter zu erheben. Im Prinzip haben Juden in Missionsveranstaltungen nichts verloren; — da aber gerade solche Juden, die nur noch nominell mit dem Judentume verbunden sind und weder Synagoge.noch jüdische Vereine besuchen, gerne solche Versammlungen besuchen, so ist es gut, wenn diesen hier von jüdischer Seite gesagt wird, was das Judentum 'ist. T. Emden. Der »Montefiore"-Verein hielt am Sonntag, den 13. er., seine diesjährige Hauptversammlung ab. Der Verein tann auf eine erfolgreiche 3jährige Tätigkeit znrückblicken. Im Laufe dieses Jahres wurden 15 Vorträge aus der jüdischen Geschichte gehalten, auch hatte der Verein 3 größere Veranstaltungen. Die Bücher der Bibliothek wurden das ganze Jahr hindurch fleißig gelesen und ist eine Vergrößerung derselben vorgesehen. Die Mitgliederzahl ist bedeutend gestiegen. Die Wiederwahl des Vorstandes erfolgte einstimmig. Frankfurt a. M. »M o n t e f i o r e" - V e r e i n Die Vereinsleitung ersucht uns nochmals darauf hinzuweisen, daß die morgige Chanuka-Feier präzise 83/i Uhr beginnt. Die Festteilnehmer werden gebeten, ihre Plätze rechtzeitig einznnehmeu, da die Saaltüren während der einzelnen Vorträge behufs Vermeidung von Störungen geschlossen bleiben müssen. Frankfurt a. M. Einführung in die sozialeHilfsarbeit. — Unter diesem Gesamttitel veranstaltete der „Jüdische F r a u e n v e r - e i n" einen Zyklus von drei Vorträgen, in denen Herr M. A. Loeb die Zuhörerinnen in dieses weit verzweigte Gebiet einführte. Inder Einleitung .legte der Redner zunächst dar, auf welche Ursachen die Notwendigkeit einer ausgedehnten sozialen Fürsorge zurückzuführen ist. Das 19. Jahrhundert hat sein Gepräge erhalten durch die gewaltige Entwicklung der Technik auf allen Gebieten. Erst dieses Jahrhundert.hat die Dampfkraft, die Elektrizität in den Dienst der Industrie gestellt und damit ungeheure Umwälzungen auf allen Gebieten des Lebens hervorgerufcn. Die Verdrängung der Handarbeit durch die Maschinen, die Entwicklung der Großindustrie, das Aneinanderrücken der Menschen und Völker durch Aufhebung großer Entfernungen führte neben den vielen segensreichen Folgen auch zu einer Unstetigkeit des Besitzes, die man in früheren Jahrhunderten nicht kannte. Daneben brachte sie die Fabrikbetriebe in ungesunden Arbeitsräumen, die Zusammendrängung eines großen Teiles der Bevölkerung in den Städten mit ihrem Wohnungsclcnd, die Ausdehnung der Kinderarbeit, die Einführung gesundheitsschädlicher Betriebe usw. Dies alles untergräbt die Kraft weiter Schichten des Volkes. Hier hat die soziale Fürsorge einzusetzen, und sie unterscheidet sich eben darin von der reinen Wohltätigkeit früherer Zeiten, daß ihr Ziel nicht mehr das e i n z e l n e I n d i v i d u u m ist, sondern ganze Schichten und ferner dadurch, daß sie vor allem vorbeugend wirken möchte. Bon diesen Gesichtspunkten ausgehend, führte der Redner seine Zuhörerinnen durch das weite Gebiet der heutigen Wohlfahrtspflege Und zeigte, daß heute überall für jedes Alter, fast für jeden Stand Einrichtungen geschaffen sind, die jene Schäden, die aus der allgemeinen Entwicklung resultieren, zu beheben suchen. Er zeigte, wie zwar so manches erreicht ist, wie aber trotz der Hunderttausende edler Männer und Frauen, die sich in den Dienst des sozialen Gedankens gestellt haben, noch so vieles zu tun ist. Am Schlüsse ging der Redner aus die speziell jüdischen Verhältnisse ein, um zu beklagen, daß hier die Umwandlung der reinen Wohltätigkeit in soziale Fürsorge noch viel weiter zurück sei, als dies bei anderen Konfessionen der Fall ist. Er wies.darauf hin, daß die Heilighaltung des .Sabbat, die Landflucht, der Antisemitismus usw. der jüdischen Bevölkerung noch ganz besondere Schwierigkeiten bereiten. Schon aus diesem Grunde müssen die jüdischen Frauen — und natürlich auch die Männer — sich mit dem, was auf dem Gebiete der allgemeinen Fürsorge geleistet wird, vertraut machen und das bisher Versäumte möglichst bald nachzuholen suchen. Frankfurt a. M. Jüdischer, Frauenbund, OrtsgruPpeFranksurta. M. — In Frankfurt a. M. hat sich unter dem Vorsitz von Frau MarthaSchlesinger eine Ortsgruppe des jüd. Frauenbundes gebildet. Die neue Vereinigung hat außer der allgemeinen Propaganda für die Ideen des Bundes als Nächstliegende Arbeitsgebiete: die Bekämpfung deS^ Mädchenhandels und die Anregung für unentgeltlichen Arbeitsnachweis in einigen Nachbarstädten in Angriff genommen, lieber die Ergebnisse der Tätigkeit hoffen wir, unfern Lesern in einiger Zeit berichten zu können. Posen. Im Verein zur Förderung jüd. Interessen hielt am 7. ds. Mts. Rabbiner Dr. Felix Goldmann -Oppeln einen Vortrag, ln dem er sich über die Notwendigkeit der Reform des für die jüd. Gemeinden Preußens maßgebenden „Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847" verbreitete. Landtagsabgeordncter K i n d l e r wohnte der Versammlung bei, und die Herren G e l l e r t, Rechtsanwalt Köllen scher und Dr. Kassel sprachen in ider Diskussion. Bromberg. Am 8. Dezember fand eine Versammlung statt, in der der „Brüderverein", die „Chebra kadischa" und der „Bikur Cholim" s i ch zu einem Verein verschmolzen und unter dem Namen ^,Chebra kadischa" konstituierten. Der Vorstand des neuen Vereins besteht aus den Herren A. C o h n f e l d (1. Vorsitz.), Ad. Marcus (2. LZorsitz.), Ad. Fuß (Kassierer), Simon C a s p e r (Beerdig.-Vvrst.), Julius Feder (Krank.-Vorst.), Lehrer I. Herzberg (Schriftf.), Js. Barnaß, Sally Schendel und David S e g a l l. Czernowitz. Hier hat sich eine »Jüd. Volks¬ und Vors ch u ß ka s s c" gebildet. 50 000 Kronen sind bereits gezeichnet worden. Ans der Lehrerwett. Laupheim i. Württbg. Nach 40 jähriger segensreicher Lehrertätigkcit — 27 Jahre davon in unserer jüd. Gemeinde — hat uns Herr Max Hey mann verlassen, um ins Jenseits hinüberzugehen. Seine Beerdigung zeigte so recht, welche Liebe er sich in den Herzen der jüd. Gcmeindemitglieder und auch der' christlichen Bevölkerung erworben hatte. Wie«. Die österr. Taubstummcnlehierwelt hat einen schweren Verlust erlitten, indem der Direktor des „Allg. österr. Israel. Taubstummeninstituts" kaiserl. Rat M p r i j Brunner verschied. B., der ein Alter von 63 Jahren erreichte, wirkte 22 Jahre hindurch an der Anstalt. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Die hiesige Elisabethen sch ule, die zur Hälfte von Kindern jüdiscker Eltern besucht wird, veranstaltete am Mittwoch, den 16. Dezember, eine ,.W e i h ii a ch t s f e i e r" für ihre initerci! Klassen, 5u_ der alle Kinder, auch die jüdischen, aufgefordert waren, an dieser Feier aktiv und passiv teilzunehmen. Die jüdischen Kinder mußten demgemäß in Festkleidern erscheinen und — ebenfalls von der Schule dazu aufgefordert — christliche Weihnachtslieder deklamieren und Kirchenlieder singen. Ich zitiere einige Nummern aus dem Programm, damit man sehe, wie die paritätische Schule der jüdischen Erziehung ins Handwerk pfuscht — damit man sehe, daß sogar in nnscrm frommen Frankfurt die jüdische Erziehung der jüdischen Jugend verwahrlost wird. — — — Im Chor sangen die Kinder — also auch die jüdischen: „O du fröhliche^ o du selige, gnadenbringcnde Weihnachtszeit",, „Ihr Kinderlein kommet, kommet doch all". Einzelne jüdische Kinder haben noch obendrein Solo christliche Lieder deklamieren müssen. Oberlehrer Zassenhaus hielt an die Kinder eine Weihnachtsanfprache, und den jüdischen Kindern wurde damit von Amtswegen eine christliche Religionsstunde aufgezwungen. Dabei Ist zu bedenken, daß es sich um Kinder von 7—12 Jahren handelt, die noch sehr empfänglich sind. Ich frage also: wie kommt die Elisabethenschule dazu, jüdische Kinder zu einer christlichen Weihnachtsfeier „einzuladen"? Weder ein geschriebenes, noch ein ungeschriebenes Gesetz existiert, auf das sich die Direktion der Elisabethenschule berufen kann. Ein jüdischer Vater. Verehrliche Redaktion! Ich bitte ergebenst um Ausnahme folgender Zeilen: Vor etwa 14 Tagen hielt im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Rabbiner Dr. Lazarus-Frankfurt einen Bortrag über Flavius Josephus. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Pcovinzialrabbiner Dr. Sander benutzte das Schlußwort dazu, ein Loblied auf die getauften Juden zu singen, die auch, wenn sie äußerlich ihr Judentum von sich abgestreift hätten, im Herzen doch noch gute Juden sein könnten. Als Beispiel führte er neben Flavius Josephus und Heine den russischen Professor Chwolson an, der dem Judentum aus „unerklärlichen" Gründen den Rücken gekehrt habe, aber dennoch ein treuer Kämpfer für Juden und Judentum geblieben sei. — Herr Dr. Sander ist wohl der einzige Jude, dem die Gründe für die Taufe solcher Streber, deren wir ja auch in Deutschland mehr als genug haben, unerklärlich bezw. unbekannt sind. In welch hohem Ansehen muß bei Dr. Sander der Abgeordnete Mugdan stehen, der, ein getaufter Jude, im deutschen Reichstage für die Beförderung der Inden zu Reserveoffizieren eingetretcn. ist! Jedenfalls ist es leicht, sich den Beifall des Herrn Rabbiners zu erringen: Man läßt sich taufen und versicht nachher begeistert jüdische Interessen. cand. med. Semi Spiro, Gießen. Die nächsten Sonntag hier in München stattsindenden Ersatzwahlen zur israelitischen Knltusverwaltung haben ihre Strahlen, allerdings in sehr mattem Ton, vorausgeworfen. Letzten Freitag Abend fand eine Versammlung der hiesigen orthod. Vereinigung ,^hel Jakob" statt, über die nicht viel zu berichten gewesen wäre, wenn nicht auch da das Prinzip zu Tage getreten wäre, es ja unter keinen Umständen mit den Machthabern in der Verwaltung zu verderben. Es wird nämlich unter den Kandidaten der offiziellen Liste auch ein Jurist aufgeführt, der seinem Kinde die Karriere nicht a b s ch n c i d e n ließ, und dieser Kandidat fand Gunst und Gnade in den Augen orthod. Kreise. Es wurde hierfür von einem Herrn — auch Jurist — folgende Gründe ins Feld geführt: Der Betreffende sei moralisch ein sehr feiner Mann, sogar der Sohn eines gewesenen Lehrers und — jetzt kommt der Haupttrumpf — ginge sogar häufig am Samstag in die Synagoge. Dieser Redner wurde von seinem nüchstsolgenden Redner, gleichfalls Jurist und Kandidat der orthod. Vereinigung, sekundiert. Gerade die Gründe, die hier angeführt werden, sollten eine orthodoxe Vereinigung bestimmen, die Kandidatur eines solchen Mannes abzulehnen. Daß der betreffende Herr moralisch cinwandsfrei ist, wird nicht bestritten, ist aber allein noch kein Befähigungsgrund für das Amt in einer ausschließlich - für die religiösen Interessen bestimmten Verwaltung. Und daß der Betreffende der Sohn eines jüdischen Lehrers ist und trotzdem sich gegen eines unserer Hauptgebote vergangen, spricht doch gewiß eher gegen als für seine Kandidatur. Und der häufige Besuch der Synagoge steht gar in vollem Kontraste zur obigen Tatsache! Ein weiterer Redner, der meinte, daß die Kandidatur deshalb nicht abzulehneu sei. weil die Majorität in der Verwaltung dafür sei, ist auch lischt auf der richtigen Fährte. Ich bin bis jetzt immer der Ansicht und der Ueberzeugung gewesen, daß bei einer Wahl das Votum der Wähler und nicht dasjenige einzelner Personen den Ausschlag gibt. Es kann nicht genug gerügt werden, daß bei Kultuswahlen hier große Interessenlos igkeit und Gleichgültigkeit herrscht, während bei politischen Wahlen alles auf den Beinen ist. Diesem Uebel wäre leicht dadurch zu steuern, daß das Interesse bei den Gcmeindemitgliedern geweckt werden müßte, indem wie bei politischen Wahlen auch bei Knltuswahlen allgemeine Versammlungen einberufen werden müßten, wobei die Wähler über die Persönlichkeit der einzelnen Kandidaten aufgeklärt werden könnten. Ich glaube auch, mit Sicherheit annehmen zu können, daß eine Kandidatur wie die in Frage stehende, bei öffentlicher Besprechung nicht den Beifall der Wähler finden dürfte. Wenn auch die Majorität in hiesiger Gemeinde liberal gesinnt ist, so weiß sie doch, daß ein Mann, der sich über ein erstes und strenges Gebot unserer heiligen Religion hinweg setzt, keine Person ist, die in eine jüdische Verwaltung gehört. Der hiesigen orthodoxen Vereinigung könnte mau zurufcn: Etwas mehr Mut, Opferfreudigkeit, Harmonie von innen und außen und Vertrauen auf den gesunden Sinn der hiesigen jüdischen Kreise! Denn nur dann können ihre gerechten Forderungen, entweder in Gemeinschaft mit der liberalen Borstandschaft oder gestützt auf eigene Kraft, zur Ausführung gelangen. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht einen unliebsamen Vorgang bei obenerwähnter Versammlung mit Stillschweigen übergehen. Bon 2 Herren wurden dem mit Energie und Sachkenntnis arbeitenden Vorsitzenden der hiesigen orthodoxen Vereinigung, der Vorwurf gemacht, daß er zu sehr, durch seine Artikel-Serien und öffentlichen Behandlung der hier zu Tage getretenen Gegensätze, zur Verschärfung der letzteren beigetraaen hat. Einen ungerechtfertigteren Vorwurf könnte ich mir gar nicht denken. Nachdem es sich hier um Fragen handelt, die wohl zunächst nur intern behandelt wurden und erst als deren Lösung auf diesem Wege nicht zu machen war, die Oefsentlichkeit beschäftigen mußten, da ist ein derartiger Vorwurf mit noch einem größeren zu beantworten. Daß wir in Bayern ganz veraltete Bestimmungen haben, die Minoritäten die Hände binden und deren Revision sogar im Landtag und Regierungskreisen an-