Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. Nr. 49. halb beruhigt; er griff wieder zu seinen Krücken, um sich durch das kotige Naß zu schleppen. Er erinnerte sich wieder, daß er seit zwei Tagen nichts gegessen hat. Obwohl er gar keinen Hunger mehr empfand, quälte ihn doch der Gedanke: was tun? Nach dem Hekdesch ziehen? Er dächte noch an die grausamen Schläge, die ihm Jankel Ganew gestern ausgeteilt, er fühlte noch die Wunden dieser Schläge. Vom Wegziehen in eine benachbarte Stadt wollte er nichts wissen. In chm lebte eine unbestimmte Angst vor dem Unbekannten. Dann dachte er noch an seine erste und letzte Reise . . . und meinte: „Wenn die Blankknöpfe mich jetzt erwischen, schießen sie mir noch die Hände weg." Bei diesen: Gedanken durchzuckte ein Beben seinen Körper, er zitterte vor bangem Schauer. „Ohne Hände . . . dann bin ich gewiß verloren." So schleppte er sich langsam, stumpfen Sinnes und gedankenlos dahin. Sein Haupt ruhte träg auf seinen Schultern und er war zu matt, um noch einen Gedanken zu fassen, seine Seele zu zerknirscht, um noch menschlich zu empfinden. Er dachte nur an jetzt und heute, nicht aber an den nächsten Tag. Er lebte unter den Menschen noch schlimmem: als ein ekelerregendes Tier. Memand liebte ihn, niemand wollte ihn kennen, er hatte weder Heim noch Verwandte. Wer ihn nicht haßte, hatte für chn, da man so viel Böses über ihn hörte, nur eine resignierte Gleichgültigkeit. Und nur zwei Fragen beschäftigten sein Gehirn: wie beschafft man Brot für heute? und wie ärgert man die Menschen? Me zweite Frage war noch wichtiger für chn als die erste. Ihn beherrschte ein furchtbares Rachegefühl. Warum, wieso, darüber hatte er 'sich selbst nie Rechenschaft abgegeben. Dieses Rachegefühl, das ausgereicht hätte, die ganze Stadt mit chren Bewohnern in einem Sumpf zu ertränken, wurde durch den bald wieder austretenden Hunger ausgeglichen und gedämpft. Da kam über chn eine dumpfe Traurigkeit, ein Stumpffinn, eine Gleichgültigkeit für und über alles — die Gleichgültigkeit eines Toten.... Sobald aber der Hunger nachließ, begann die Rachcbestie in chm wieder zu toben. ... Er suchte nach Plänen, er machte Entwürfe .... aber ausgehungert, wie er war, hatte auch die Kombinationskrast versagt. Da hackte chn eine Wut, eine Wut gegen sich selber, die chn verzerrte und das Blut in seinen Adern austrocknetc. Jetzt war er schon ganz ' gebrochen. Die Energie seines Geistes versagte, die Phantasie war erloschen. Jetzt kroch er nur noch instinktiv, mechanisch zum Hekdesch. . . . Im Hekdesch empfing chn Jankel Ganew mit einem Masel-Tow: „Komm, Chaimki, komm, auch Du sollst Dich heute freuen," rief er ihm zu. Chaimki, todmüd, abgespanM, matt und energielos, öffnete die Augen und sah — was er noch im Hekdesch nie gesehen: An zwei langen Tischen sitzen die Hekdeschleute bei Brot, Hering, Gurken und Schnaps und schmausen gemütlich. Er schaute weiter und bemerkte am Ende des Tisches Jankel den Ewigen mit seiner Familie und neben chm einen jungen Mann, der neben Jankel des Ewigen Tochter Zippeli Platz genommen hatte. Außer Jankel Ganew begrüßte chn keiner der Hekdeschleute. Nur Zippeli bemerkte chn, Zippeli, die an jenem Abend chre Verlobung mit dem Auserwählten chres .... Vaters, den er in die Lehre der Totengräberei genommen, chre Verlobung feierte. Sie sprach auch kein Wort, als sie chn erblickte, nur ihr Gesicht wechselte die Farbe.Chaimki Hund betrachtete sie einen Augenblick — verachtend —, fixierte höhnisch den Bräutigam, er fixierte chn recht scharf und lange, daß er errötete, — und seinen qualvollen Hunger vergessend, zog er sich still in einen Winkel zurück. Mit Ausnahme von Jankel Ganew waren alle froh, daß er sich geräuschlos und ohne einen Skandal zu machen, zurückgezogen hatte. Er verkroch sich zwischen den Bettelsäcken, blieb dort eine Zeit lang still. Dann grabelte und kratzte er — man sah nicht recht wo, jedoch niemand wollte in jenen Winkel schauen. Nach einer geraumen Weile kroch er aus seinem Versteck hervor, glotzte mit einem paar wilden, feucrsprühenden Augen Zippeli an. Die tzekdeschleute taten, als bemerkten sic ihn nicht. — Er blieb eilt paar Augenblicke so unter dem stummen Entsetzen aller Anwesenden dastehen und bcrließ dann stumm und geräuschlos den Hekdesch. Am Morgen fand man Chaimki am Zaune des Friedhofs tot auf.-— Als die Hekdeschleute später ihre Bettelsäcke von der Wand nahmen, lasen sie zu ihrem Entsetzen auf dieser die mit Blut geschriebenen Worte: Zippeli! Rache! _ Chaimki Hund. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Im Bureau für den jüd. Nationalfonds, Grüneltr. 29, Part., gingen ein: Gesammelt am Stammtisch 10. 12. 1,10 Jk Gesammelt am Stammtisch 18. 12. 0,75 „ M. S. 2,— ,' Salomon Aumann 2,— " I- I- 1.46 „ Israel Pomper 0,76 „ 8,07 M Jerusalem. Die bebr. Monatsschrift „Hasch il o a ch" wird mit Anfang nächsten Jahres von Odessa nach hier verlegt; Dr. Klausner und der hebräische Dichter B i a l i k, die Redakteure der „Haschiloach", werden gleichfalls nach hier übersiedeln. — Der Bau einer Eisenbahnlinie Jaffa— ort Said seitens eines französisch-türkischen onsortiums steht in Aussicht. Die neue Linie würde etwa 300 Kilometer lang sein und Gaza und El-Arisch schneiden. — Die Eisenbahnlinie Haifa —Jerusalem soll schon in allernächster Zeit — als Zweigbahn der Hedschasbahn — ausgebaut werden. Personalien. Berli«. Anläßlich seines 70. Geburtstages erhielt Geh. Baurat Dr. Emil Rathenau, der Generaldirektor der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, vom Kaiser ein Glückwunsch telegramm. Staatssekretär Dernburg, . Bürgermeister Reicke usw. erschienen persönlich, während der Reichskanzler, die Staatssekretäre S y d o w und Krätke und Minister Breitenbach telegraphische Glückwünsche sandten. Rathenau war Gehilfe Edisons in Amerika gewesen und brachte die erste Glühbirne nach Deutschland. Auf einer von ihm vor etwa 25 Jahren in München veranstalteten, bis ins kleinste Maschinchen von ihm persönlich ausgebauten Ausstellung demonstrierte er der staunenden Bevölkerung die Verwendbarkeit der Elektrizität, besonders zu Beleuchtungszwecken. Dann gründete er die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (anfangs „Edison-Gesellschaft" genannt) und wußte die Finanzwelt für Förderung Der neuen Industrie zu gewinnen. Zahllose Maschinen hat Rathenau erfunden, selbst konstruiert, verbessert und populär gemacht. Es bedarf nur des.Wortes „Elektrizitäts-Industrie", um damit die in ihrer Universalität geradezu unglaublichen Leistungen dieses Mannes zu bezeichnen. Die A. E.-G. ist heute nächst Krupp das größte und angesehenste Unternehmen Deutschlands. Berli«. Amtsgerichtsrat P o l l a ck wurde zum Geheimen Justizrat ernannt. — Rechtsanwalt Abraham- Rixdorf erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Berlin. Max Heimann, Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied des Synagogenvereins Moabit und Hansa-Bezirk, ist plötzlich verschieden. Karlsruhe. Dr. Alfred Loewy (gev. 1873), außerordentlicher Professor an der Universität Freiburg, und Rechtsanwalt Dr. Theodor Kaufmann-Heidelberg (geb.' 1864) sind zu Mitgliedern des Großherzogl. Oberrats derJsraeliten ernannt worden. Dr. Loewy ist konservativ, Dr. Kaufmann radikal-liberal. Mit Dr. Kaufmann zähft der Oberrat zum ersten Male zehn Mitglieder; seine Ernennung wird allgemein als eine Gehässigkeit gegen die konservative Richtung, die bei den letzten Shnodalwahlen siegte und bisher noch nicht im Oberrate vertreten war, empfunden. Da Oberrat M. Stockheim-Mannheim aus Altersrücksichten zurücktreten will, so wird sich ja demnächst zeigen, ob der Oberrat nach den Grundsätzen der Autokratie -oder der Demokratie.geleitet wird. — / Zu Handelsrichtern und zu Handelsrichter-Vertretern wurden für 1909/11 ernannt: Louis Hirsch, Julius Darmstedter, Richard Lenel-Mannheim, Leopold Ettlinger, Bankier Fritz Homburg e r - Karlsruhe und Bankier Adolf Kahn- Pforzheim. — In Heppenheim a. d. Wiese feierten MoritzSalomonI. und Frau Helene geb. Klein die goldene Hochzeit. — Gerichtsassessor Dr. Franz Heinsheimer wurde zum Amtsrichter in Pforzheim ernannt. Schweinfurt, 14. Dez. Bei der gestrigen Wahl der israel. Kultusgemeinde wurden zu Ausschußmitgliedern gewählt: Dr. Hammel, Jul. Lehmann, Ludw. Mohr, Jakob Ullmann und als Ersatzleute: Phil. Hars, Isidor Mohrenwitz und Sigm. Heusinger. Hamburg. Im Alter von 54 Jahren verschied der sich allgemeiner Beliebtheit erfreuende Rechtsanwalt Dr. Martin Blumenfeld, Vorstandsmitglied des Heine-Krankenhauses und des Israel. Schwesternheims. Flatow» Wpr. Stadtverordneten-Vorsteher Justizrat Dr. Pink hat den Roten Adlerorden 4. Klasse erhalten. Wien. Hier verschied 57 jährig Dampimühlenbesitzer Artur Szancer, ehemaliger Eisenbahn- und Handelskammerrat, Zensor der Oesterr.-Ungar. Bank, Gemeinde-Kultusrat in Tarnow. — Am 31. Oktober war der 100jährige Geburtstag Karl Hugo's — sein eigentlicher Name war Karl Hugo Bernstein —, des Begründers des modernen ungarischen Dramas. Am 15. März 1847 wurde sein „Brutus und Lukretia" und am 27. September des gleichen Jahres sein Bankier und Baron" zum ersten Male im Budapester Nationaltheater aufgeführt, besonders das letztere erzielte einen ganz ungewöhnlich großen Erfolg. Nach vielen Enttäuschungen starb Karl Hugo 1877 als Irrsinniger. Bellatincz (Ungarn). Hier verschied im Alter von 105 Jahren Frau Marie Kluger. Lublv (Ungarn). Hier wurde der Advokat und Vorsteher der jüd. Gemeinde Dr. Bola Klein zum Bürgermeister gewählt. Paris. Der Nobel-Preis für Physik ist Professor Gabriel Lippmann, dem Erfinder der Farben-Photographie, der erst jüngst von der Cambridge-Universität durch Ernennung zum Doktor honoris causa ausgezeichnet wurde, verliehen worden. London. In Adelaide verschied im Alter von 55 Jahren Baiben Louis Salomon, der 1899 für eine kurze Zeit Premier- und Finanzminister von Süd-Australien war. — Henry Isaac Barnato, Mitbegründer der Diamantenfirma Barnato Brothers, verschied im Alter von 59 Jahren. Konftantinopel. Im Parlament werden vier Juden sitzen: Rechtsanw. E. E. Carasso- Salonichi, Rechtsanw. N. E. Mazliah-Smyrna, Rechtsanw. V, E. F a r a g g i - Konstantinopel und D. S ass o n-Bagdad. New-Uork. In Cincinnati wurde Dr. Boris D. Bogen, Inspektor der dortigen Vereinigten jüd. Wohltätigkeitsgesellschasten, von einem Manne namens Glaßberg tätlich angegriffen und im Gesichte verletzt. Glaßberg war schon des öfteren unterstützt worden, und es wurde nun von ihm verlangt, für Frau und Kinder zu sorgen. — In New Orleans starb . achtzigjährig Joseph Magnes, ein Mann, der sich stets lebhaft an wohltätigen und kommunalen Angelegenheiten beteiligt hat. New-Uork. Bei den lebten Wahlen sind auch zahlreiche Juden in die verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften oder zu hohen Staatsposten gewählt worden. So wurden im Staate Newyork gewählt Samuel S. Koenig zum Staatssekretär, Jrwing Lehmann zum Richter des obersten Gerichtshofes, Richter Henry M. Goldfogle zum Kongreßmitgliede, ferner Aron S. Levy, Adolf Stern, Mark Goldberg, Harold Spielberg, Morris Graubard, Jrwing I. Joseph, Jacob Levy, Chaskel Stein und Samuel Marks zu Mitgliedern der Assembly des Staates Newyork. Aber auch in den anderen Staaten der nordamerikanischen Republik sind Juden in den Kongreß und die anderen Körperschaften entsendet worden; so in San.Franziska, wo .Julius Kahn jetzt zum dritten Male zum Kongreßmitglied gewählt wurde. Interessant ist die Wahl inRhode- I s l a n d, wo der kaum 35 Jahre alte Jude Harry C u t l e r als erster Jude in das Repräsentantenhaus des Staates als Delegierter einzieht. Aus de« Bereiuerr. Frankfurt a. M. Zu einem Kiddusch- H a s ch e m gestaltete sich eine vom „Westdeutschen Verein für Israel" in das Hotel Drexel einberufene öffentliche Versammlung, in der Herr Pfarrer Klose vor einem großen Publikum die Frage zu beantworten suchte, ob „das Christentum oder das Judentum die Wahrheit sei" und selbstredend dem Christentum den Vorzug gab. In der Diskussion