Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 49. erkannt wurde, braucht das Licht der Oeffentlichleit. gewiß nicht zu scheuen. Es muß vielmehr grade hervorgehoben werden, daß es der Vorsitzende der hiesigen orthodoxen Vereinigung war, der voll und ganz sich in den Dienst der gerechten Sache stellte, wofür ihm nicht genug gedankt werden kann, und geht der Wunsch vieler Gleichgesinnten mit mir dahin, daß dieser Mann sich nicht irre machen lassen möge und ferner in seitherigem Sinne weiter wirken möge. München, 15. Dezember. Zc. I). ® lenüTefon. © Chanuka. Acht Wende brennen die Chanukalichter! Sie leuchten mit ihren kleinen Flammen ins Herz der jüdischen Kinder. Mit dem Entzünden der Lichtlein beginnt jeden Menü eine Feierstunde, vergessen sind der Schule Sorgen, der Ausgaben Schwierigkeiten, im Kreise sitzen die Kinder um den Tisch herum, spielen, lachen und freuen sich von Herzen, daß so mitten in reger Arbeitszeit das Chanukafest ihnen diese Stunden bereitet. — Es ist nicht meine Wsicht, die Freude zu schmälern, wenn ich Euch Kinder bitte, laßt einen Mend das Spiel und laßt Euch von Eurem Mütterlein diese kleine kurze Geschichte vorlescn. Sie sängt an wie alle andern Geschichten mit dem: es war einmal. Also: Es war einmal ein kleiner Judenknabe, der kam in einer dürftigen aber reinlichen Wohnung zur Welt. Er wuchs heran und wurde ein vergnügtes Kind, ihn drückte seine Armut nicht, denn er hatte ein Mütterlein, das ihn sehr lieb hatte. An einem schönen, jungen Frühlingstag kam er zur Schule, — ach — das war so ganz anders, als er es sich gedacht hatte. Da war zuerst der weite, mühsaine Weg, dazu wurde ihin das Tragen der Bücher so schwer. So müde kam er zur Schule, daß er in der ersten Stunde kaum wach blieb. Der Lehrer war aber besonders lieb zu ihm, und das Lernen machte ihm auch soviel Freude, daß er in den übrigen Stunden immer vergaß, daß der Heimweg ihm wieder viel Beschwerden machen, würde. Ein Jahr später, da lag er im Krankenhaus und spielte in seinem Bettchen mit lauter kleinen Hölzern, er baute Schulbänke davon .und legte Papierstreifen darauf. Das waren die Buben und er selbst war der Lehrer. Sein ganzes Denken war die Schule, er klagte nie über seine Schmerzen, weinte auch nicht, wenn die Mutter fort mußte, weil sie selbst immer so traurig war, aber — daß er nicht weiter lernte —, das war sein Herzenskummer. Da kam ein blinder Ausländer ins Krankenhaus, der kannte nur seine Landessprache, die niemand verstand und hebräisch. Der wurde nun Freund und Lehrer unseres Kleinen, mit unendlicher Geduld versuchten sie sich gegenseitig verständlich zu machen. Der beiderseitige Wille lernen zu wollen, siegte. Es war ein ergreifender Anblick, die beiden arbeiten zu sehen, der Kleine las vor und der Blinde verstand es bald so gut, daß er den Knaben auf Fehler aufmerksam machte und es ihm hebräisch übersetzte. So kamen beide vorwärts. - Zwei Jahre haben sie zusammen gelebt, ihre Herzen hingen aneinander, da wurde der Knabe so krank, daß er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Das Channkafest stand vor der Tür, jeder wollte dem Kinde noch eine Freude inachen und hatte etwas hingeschickt. Als die Schatten der ersten Chanukanacht sich auf die Stadt niedersenkte», da ging her Blinde zu den: Kinde und zündete mit tastenden, unsicheren Händen in seinem Zimmer das Lichtlein an. Der Knabe richtete sich auf und bat seinen Freund, das bekannte Lied zu singen. Als es zu Ende war, rief der Knabe aus: „Ein Juda Makkabi hat der liebe Gott mich nicht wollen werden lassen, aber daß ich mich heute poch einmal an seinem Blut Hab' freuen dürfen, dafür will ich ihm von Herzen dankbar sein." Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ehe das Licht ausgebrannt war, war der Knabe entschlummert. — Nun seht Ihr Kinder mich wohl vorwurfsvoll an und fragt: warum erzählst Du uns heute solch' traurige Geschichte. Nein, liebe Kinder, sie ist nicht traurig, unser kleiner Freund ist ja mit dem hellleuchtenden Licht im Herzen heimgcgaugen. Und Euch wollt' er die Lehre geben, daß Ihr, die Ihr einen gesunden, kräftigen Körper habt, berufen seid, ein Judenvolk zu werden, dem Juda Makkabi würdig. (H. L.) Bunte Chronik. Aus den Briefen Nietzsches. Die Neue Rundschau (Verlag S. Fischer, Berlin) veröffentlicht in ihrem Novemberhest eine Reihe von Briefen, die Friedrich Nietzsche (vom Herbst 1887 bis zum Frühjahr 1888 an seine Mutter und - seine Schwester gerichtet hat. Die letztere weilte damals mit ihrem Gatten, dem Antisemitenführer Dr. Bernhard Förster, in der von diesem gegründeten Kolonie in Paraguay, und der Philosoph gedenkt ihrer und ihrer Tätigkeit in seinen Briefen mit herzlich anteilnehmendem Interesse, wobei seine Antipathie gegen die Tendenzen des Schwagers jedoch zu lebhaftem Ausdruck kommen. So schreibt er ihr am 26. Dezember 1887: „Eine der größten Dummheiten hast Du mein armes Lama gemacht — für Dich und für mich!! Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein aus, die mich immer von neuem mit Groll oder Melancholie erfüllt. Du sagst zwar. Du habest den Kolonisator Förster und nicht den Antisemiten geheiratet, und dies ist auch richtig; aber in den Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchcf bleiben. Also um des Himmels willen kein.„Friedrichsland" oder „Fricdrichshof". Ich habe Dich doch ausdrücklich um den Namen „Lamaland" gebeten. Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrenschuld für mich, nach Seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend, wie ich es in meinen Schriften tue. Man hat mich in den letzten Jahren mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht; mein Widerwille vor dieser Partei (die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner 'bringen immer wieder die Anhänger dieseviunangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören. Wie sehr mir das 'schadet und geschadet hat, kannst Du Dir kaum vorstellen. Die gesamte deutsche - Presse schweigt! meine Schriften tot — seitdem! sagt Overbeck! Es erweckt vor allein Mißtrauen gegen meinen Eharakter, wie als ob ich öffentlich etwas ablehne, - was ich im Geheimen begünstige, — und daß ich nichts dagegen zu tun vermag, daß in jedem antisemitischen Korrcspondenzblatt der Name „Zarathustra", gebraucht wird, hat mich schon mehrere Male beinahe krank gemacht. — Verzeihung! Es ist unrecht. Dir das zu sagen und unbillig, das arme Lama für die Gesinnungen dieser Partei verantwortlich zu machen. Aber ich bin nicht immer „billig" gesinnt. Malvida (v. Meysenburg) schrieb mir einmal, daß ich gegen Zwei ungerecht wäre: gegen Wagner und gegen Dich meine Schwester. Warum wohl?'Vielleicht weil ich Euch Beide am meisten geliebt habe und den Groll nicht überwinden kann, daß Ihr mich verlassen habt? — Deshalb lies aus all meinen schlimmen Gedanken und scharfen Worten den Schmerz heraus, daß ich Dich verloren habe und daß Dein Name mit einer Partei 'in Verbindung gebracht wird, mit der Dich kein! einziger gemeinschaftlicher Gedanke verbindet, mit ^welcher Du nichts zu tun hast." Ein jüdischer Erfinder des Luftschiffes. Anläßlich der großen Erfolge, die die Brüder Wright mit ihrer Flugmaschine erzielt haben, erinnert die Zeitschrift „American H e b r e w" an einen jüdischen Flugtechniker, dessen Pläne die Arbeiten der Brüder Wright, wie diese selbst zugeben, stark beeinflußt haben. Es ist dies Otto L i l Lenthal, der bei einem seiner Experimente den Tod gefunden hat. Dieser widmete sich, gemeinschaftlich mit seinem Bruder Georg dem Studium des Flugproblems. Sie beschlossen im Jahre 1880, ihre Pläne praktisch zu erproben. Sie verfertigten ein Paar Schwaigen, vermittelst deren es ihnen gelang, eine Zeitlang sich in der Luft schivebend zu erhalten. Sie konstruierten hierauf einen Flugapparat, ans dem Otto Lilienthal von einem 12 Fuß hohen Turnie einige hundert Meter dahiuglitt. Im Jahre 1896 fand er bei einer Fahrt durch die Luft den Tod. — Sein Bruder scheint die Versuche nicht fortgesetzt zu haben. — Otto Lilienthal hat jedenfalls durch seinen Wagemut den Beweis erbracht, daß ein Mensch sich eine Zcitlang in einer Maschine, die schwerer ist als die Luft, sehr wohl zu halten vermag. Er kann ruhig der „Vater der Flugtechnik" genannt werden. Kunst uud Literatur. Die Weisheit Israels in Spruch, Sage und Dichtung, von Prof. H. Meinhold-Bonn. 1908, Verlag von Quelle n. Meyer in Leipzig; geb. 4,80 Das über 300 Seiten starke Buch .zerfällt in zwei Teile. Der erste Teil: „Die Weisheit-Literatur Israels" behandelt die Zeit der Entstehung der verschiedenen Schriften, die der biblischen oder nachbiblischen jüdischen Weisheitliteratur angehören, die verschiedenen Formen, die diese Literatur angenommen hat, den Charakter, den diese Weisheitliteratur trägt, die Weltanschauung und Gottesidee, die sich in ihr abspiegeln. Dieses reiche Produkt der jüdischen Volksseele, dessen Anfang schon mit dem ersten Stadium des jüdischen Volkslebens beginnt, enthält in sich alles, was den jüdischen Geist und das jüdische Gemüt berührte und beschäftigte, alle Fragen des Verhältnisses zu Gott, zum eigenen Ich, zur Familie und Hingebung wie zur weiteren Menschheit. Alles, was den Juden als glaubenden GotteSbekenner, als denkenden und fühlenden Menschen, als sittlich-moralisches, nach Vollkommenheit strebendes höheres Wesen bewegt und ihm zur Richtschnur in seinem Lebenswandel dienen sollte, das ist in den „Sprüchen Salomos", „Hiob", „Prediger Salomos", „Josua beu Sirach" re. in den trefsendsten Aussprüchen, weishcitsvollen Sentenzen uud philosophisch-psychologischen Reflexionen zum klaren Ausdruck gekommen. Es ist kein Wunder, wenn vieles von diesem geistigen Schatze des jüdischen Volkes, wie ja von der Bibel überhaupt, zum Gemeingut der allgemeinen Menschheit geworden ist, so daß die letztere vielfach, bewußt oder unbewußt, den Ursprung des Uebernommenen verkennt. Aus diesem reichen Schatze von Aussprüchen, Sentenzen und Weishcitsrcgeln, Gleichnissen, Fabeln und Parabeln, die in der biblischen und-direkt nachbiblischen Literatur vereinzelt und in ganzen Sammlungen, enthalten sind, will der Verfasser den Charakter der jüdischen Weisheit und somit den Charakter des jüdischen Volkes herausfindcn. Er kommt aber merkwürdigerweise zum unbegründeten, mit seinen vorangehenden Ausführungen in Widerspruch stehenden Schluß, der Grunbzug der jüdischen Weisheit sei ein egoistischer. — Im zweiten Teil: „Entstehung und Entwickelung der Weisheit Israels" verfolgt der Verfasser die lauge Entwickelung der jüdischen Weisheit von ihrem ersten vorprophetischen Anfängen bis zu den letzten Nachwüchsen der Bibel, wie sie sich zusammen mit der geschichtlichen und kulturellen Entwickelung des jüdischen Volkes herausgebildet hat.. Der Begriff der „Weisheit", der ursprünglich im Volke eine ganz primitive Fassung gehabt hatte, habe allmählich verschiedene Formen angenommen, sei besonders durch ' die Propheten geläutert und geklärt worden, bis er schließlich in die „Weisheit" des nachexilischen Judentums, der jüdischen Theologie ausartete. Die verschiedenen Phasen der geistigen Entwicklung des jüdischen Volkes haben demnach auf dessen Weisheit ihren jeweiligen Stempel aufgedrückt. Wie die meisten bibellritischen Arbeite», die von christlichen Theologen geschrieben worden sind, läßt auch dies Buch, das einen interessante» Beitrag zu einem großen Teil unserer Literatur liefert, das Bestreben hier und da dnrchschimmcrn, das Christcntunc aus Kosten des talmudischen Judentums, wie die ,christlicheu Theologen den weiteren Ausbau des jüdischen Geistes mit Vorliebe nennen, zu verherrlichen. Israeliten tum und Judentum ein altes Liedchen! Es ist eben schwer, ein leicht, wenn auch unberechtigt angceignetes Erbe wieder hcrauszugeben. L. S. Liturgische Gesänge für Synagoge, S ch u l e u n d Hans von I. Tenncnbaum. 1. Abteilung: Freitagabend und Sabbat. 60 Pfg. Stuttgart, I. B. Metzlersche Buchhandlung. „Um .auch kleinen Gemeinden ohne große Auschaffungskosten und ohne Ansprüche an einen vollbesetzten Chor die Aufführung beliebter Synagogengcsänge zu ermöglichen", hat der Verfasser die vorliegende Sammlung herausgegeben und damit einem tatsächlichen ,Bedürfnisse Genüge geleistet. Das Büchlein enthält neben ein-, zwei- und dreistimmigen .Gesängen von Lewandowski, Rubin, Faißt, Percles, Arensen, Rosenhaupt, aus den Choralgesängcn .für den israelitischen Gottesdienst in Württemberg, auch Kompositionen des Herausgebers selbst. Für die weitern Veröffentlichungen möchten wir einen etwas größeren Druck und ein Inhaltsverzeichnis .empfehlen.