Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ifaitup zu Et. 49 des fmafifarfet IsmeliWm lamitieufitatfes. Die nächstwöchentliche Nummer erscheint bereits Donnerstag früh. Inserate für die Nummer müssen bis Mittwoch Vormittag in unserem Besitze sein. Gestatten und Schatten. Von Maxime L c M aitre. Chaimki Hunds letzter Tag. Chaimki Hund, ein weit und breit bekannter Lump und gefürchteter Mensch, war der Sohn eines armen Thorarollenschreibcrs. Er hatte in seiner Jugend bessere Tage gesehen. Mit 16 Jahren schickte ihn sein Vater nach Amerika. Chaimki war, wie viele seiner Schicksalsgenossen, in keine Matrikel eingetragen und war Staat und Gemeinde offiziell eine unbekannte Existenz, obwohl ihn jeder in der Stadt kannte. Sein Vater, ein altmodischer Thorarollenschreibcr, fürchtete, der Sohn könnte für den Militärdienst eingezogcn werden, was in seinen Auge» eine Schmach ivar, und hatte deshalb der Behörde' seine Existenz verheimlicht, Aus diesem Grunde konnte Chaimki Hund keinen Reisepaß erhalten, und gleich vielen andern wagte er es, die Grenze heimlich zu schwärzen. Er wurde jedoch von dem Grenzsoldaten bemerkt, angeschossen und von den aus den Alarmruf herbeigesprnngenen Grcnzwächtcrn blutüberströmt auf der Erde liegend aufgefnnden. Er wurde nach dem nächsten Spital gebracht, Ivo ihm beide Beine amputiert werden mußten. Chaimkis Vater, der ans diese Weise um seinen „amerikanischen" Ernährer gekommen war, nahm sich die Sache so zu Herzen, daß er bald darauf starb, seinen ungeratenen Sohn einem ungewissen Schicksal überlassend. Seit dem Tode seines Vaters bettelt Chaimki. Auf seine jämnierlichen Holzkrücken gestützt, schleppt er sich den engen, ungepslastcrtcn Straßen entlang, bleibt vor jeder Türe stehen und streckt seine Hand nach eineni Almosen oder nach einem Stück Brot aus. Chaimki hat uie etwas gelernt, und in der Stadt hieß cs sogar, er könne nicht einmal „dawnen". Allein dieser Krüppel hatte ein paar wild blinzelnde, ausdrucksvolle Augen, ein intelligentes Gesicht und eine hohe „rabbiuische" Stirn. Wegen seiner Mundfertigkeit war er gefürchtet und gehaßt. Er sagte den Menschen die Wahrheit in der gröbsten Form ins Gesicht, und es machte ihm Spaß, die „Frommen" und die „Gerechten" einer Lüge oder einer gemeinen Handlung zu überführen. Er kannte alle Familien-Jntimitäten und wußte oft ein Almosen zu erpressen. Die Leute gaben ihm hin und wieder ein paar Groschen, eine alte Hose oder ein Stück Brot, nicht aus Erbarnren, sondern aus Angst vor seinem Mundwerk, das — wie die alten Weiber meinten — „Berge und Wände anscinanderbringen kann". Denn Chaimki roch nach erstickten Skandalen, nach Familien-Jntimitäten, er intriguicrte die Leute und konnte zuweilen wachen- und monatelang einem im Keime unterdrückten Skandal auf die Spur gehen, um — später ein Stück Brot oder eine alte Hose erpressen zu können. Bei diesem wenig sauberen Geschäft bekundete er die Ruhe eines Gelehrten und den Scharfsinn und die Kombinationskraft eines amerikanischen Detektives. Seine an den Tag gelegte Geistesarbeit und Intelligenz hätten ausgereicht, 'aus ihm einen bedeutenden. Gelehrten zu machen. Er hat oft den Großen und Reichen Unannehmlichkeiten bereitet — aber auch den kleineren Leuten in der Stadt riß er die Maske vom Gesicht. ... Er hatte eine unsägliche Freude, die Leute zu entlarven, sie zu ärgern, in die Verzweiflung zu treiben. Man nannte ihn deshalb Hund, weil er immer bellte und zu beißen wußte. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang hielt er sich im oder um den Hekdesch auf, und am Tage schleppte er sich von Haus zu Haus, bettelte, forschte die Kinder aus, roch nach Skandalgcschichten oder zankte mit den Leuten auf der Straße. Seine Bewegung war flink, wie die eines gehetzten Wildes, sein Blick eindringend, und sein ganzes Aussehen verriet eine verwahrloste Intelligenz. Seitdem er als „geheilt" aus dem Spital entlassen worden war, verließ er nicht inehr die Stadt. Im Laufe der Jahre zog er den Haß aller Menschen in der Stadt auf sich. Er war jedem unbequem, man hatte ihn satt, und niemand wollte von ihm etwas wissen. Ein Tier hätte mehr Mitleid erwecken können als dieser Lump mit dem verkrüppelten Körper, den man lange, lange Jahre auf den Krücken sich schleppen sah. Schließlich hatte Chaimki es so weit getrieben, daß der Haß der Leute gegen ihn in eine Verfolgung ausartetc. Und als er sich am Morgen nach Jom-Kippur in seine Krücken setzte und die erste Straße, die vom Hekdesch nach der Stadt führte, abzuklappern begann, — da riefen ihm Juden und alte Weiber zu: „Mach', daß Du fortkommst, Jntriguant, Lump! Mach', daß Du fortkommst!" Er antwortete mit ein paar bijsigen Bemerkungen, daß die Leute erröteten, fluchte, spuckte vor ihnen aus und schleppte sich auf seinen Krücken weiter. In der nächsten Straße empfing man ihn ebenso. So hatte er fast alle Straßen abgeklappert, ohne nur ein Stück Brot bekommen zu haben. Die Einen gaben ihm nichts mehr, weil sie auf ihn eine förmliche Wut hatten und sich an ihm rächen wollten, die anderen, meistens alte Weiber, hielten ihn für einen Schwindler, sic sagten: „Jetzt bettelt er schon seit Menschen Gedenken. Er gibt nie einen Groschen aus, und verkauft noch den Hirten fein Brot, also muß er gesammeltes Geld haben und braucht nicht zu betteln." Seit mehreren Tagen hatte er nichts mehr gegessen und in der ganzen Stadt nirgends etwas bekommen. Die Juden und die Weiber hatten sich vorgcuommen, sich von ihm nichts mehr erpressen zu lassen. Wenn er aber nicht mehr erpressen konnte, war er dem Hungertode ausgesetzt. Es blieb ihm nur noch ein Ausweg: den katholischen Pfarrer aufzusuchen. Er hatte schon oft von ihm etwas bekommen, ja sogar weiße Hemden. Aber der katholische Pfarrer wohnte außerhalb der Stadt neben dem christlichen Friedhof. Er mußte also noch einen Weg von 3 Kilometern machen. Er fühlte sich zwar sehr matt und gebrochen, aber dennoch entschloß er sich, den Gang zu machen. Draußen war es kalt und regnerisch. Der Himmel war dicht bewölkt, und eiskalte Nord- Winde peitschten die Lüfte und heulten durch die herbstlichen Fernen. Aber Chaimki Hund kroch auf seinen Krücken weiter. Sein Gesicht war verzerrt vor Schmerz und Zorn, in seinen Augen spiegelte sich die ganze verzweifelte Wut eines Schivachen, der seine Wut nicht ableiten kann, wieder. Unter Anstrengung all seiner Kraft schleppte er sich im Kot fort, bald dumpf verzweifelt vor sich hinstarrend, bald rachgierig und wild mit dem feuersprühenden Auge blinzelnd. Alle paar Minuten machte er Pause, und kaum sich erholt, setzte er sich wieder in Bewegung. Nach zwei Stunden erreichte er sein Ziel. Er betrat den Hof des' Pfarrers, wo ihn die Mägde und Dienstboten mit höhnischen Zurufen empfingen und ihn beschimpften. Als er unablässig nach dem Pfarrer fragend nicht sortgehen wollte, hetzten sie auf ihn den Hund und hatten ihren Spaß dabei, zuzusehen, wie der verkrüppelte, lahme Jude mit seinen Holzkrücken das Bellen und die Beißversuche des Hundes abwehrte. Eine geraume Zeit hatte er mit dem Hund zu schaffen. Aber er blieb trotz der Gefahr, gebissen zu werden, im Hof stehen, in der Hoffnung, durch das Bellen des Hundes den Pfarrer auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Er wartete, wartete; doch der Pfarrer kam nicht. Als es ihm zu lange wurde und er wohl einsah, daß der Pfarrer nicht kommen werde, ergriff chn eine dumpfe Verzweiflung. Der Hunger quälte chn, er fror vor Kälte und er war ganz durchnäßt. Sein Herz schnürte sich vor lauter Beklemmung zusammen, seinem Blick war jedes Feuer entschwunden, in seinem Gesichte wechselten allerlei Farben, blau, gelb, grau, und es fehlte ihin die Kraft, aufrecht zu bleiben. Die Krücken entglitten seiner Hand, und er brach zusammen. Der Hund, als hätte er Erbarmen mit chm, hörte auf zu bellen, blieb noch eine kurze Zeit vor ihm stehen, beschnüffelte ihn und ging dann still-traurig fort. Die Dienstboten und Mägde auf dem Hos waren inzwischen auch fort. Chaimki Hund lag noch lange gedankenlos und stumpfsinnig auf der nassen Erde. Mittlerweile begann cs heftig zu regnen. Durch den Regen erwacht, raffte er sich wieder zusammen, und mechanisch, wie ein Tier, kroch er zu seinen Krücken, nahm sie unter die Arme und setzte sich in Bewegung. Er schleppte sich so, von Hunger gepeinigt, dahin. Er blieb nicht mehr sitzen, er empfand keine Müdigkeit mehr, denn sein Geist war fast erloschen, und er — mehr Tier als Mensch. Als er die bewohnte Straße wieder erreichte, hob er seinen Kopf in 'die Höhe, schaute zum Himmel empor und in seine Augen kam wieder Feuer. Er blinzelte wild und brummte in unbestimmten Lauten. Die Rachebestie war in chm wieder erwacht. Hier machte er Halt, um etwas auszuruhen. Er legte seine Krücken an die Seite, atmete tief und blieb in Gedanken versunken. Er dachte nach, was wohl jetzt zu machen sei. Er hatte keine Zuflucht und kein Unterkommen. Auch im Hekdesch war er unbeliebt und fand auch dort oft keinen Einlaß. Jankel der Ewige hatte eine instinktive, tiefe, unerklärliche Abneigung gegen chn, denn Chaimki erkundigte sich oft nach seiner Zippeli.... und einmal, es war in einer Dämmerung, überraschte . . . chn Jankel am Brunnen, wo er sich sehr lebhaft mit Zippeli unterhielt. Die anderen Hekdeschleute behandelten chn ebenfalls sehr unliebsam, denn auch chnen sagte er die Wahrheit ins Gesicht. Die Hckdeschmutter konnte ihn nicht ausstehen, sie lebte in beständiger Angst, er könne noch Caikelcn, chrer Adoptivtochter, ein Leid zufügen. Aus diesem Grunde mied er die Begegnung mit den Hekdeschlcuten und hielt sich mehr um den Hekdesch auf, unter der Brücke, hinter dem Zaun oder sonstwo. Und auch jetzt dachte er nicht daran, sich nach dem Hekdesch zu schleppen. Als er im Begriffe war, sich in Bewegung zu setzen, stieß gerade Chatzkel der Stadtparneß auf chn. Chatzkel hatte auf ihn eine Wut, die jedesmal beim Anblick des Krüppels in Helle Zornesflammen ausbrach. Kaum war Chaimki seiner ansichtig geworden, als sein Gesicht, das sonst blasse verhungerte Gesicht, feuerrot wurde. Der ganze Krüppelleib verwandelt sich in eine blutftaßgierige Bestie, — in Hyänenwut. Chatzkel, ein dickleibiger, behäbiger Mann, schrie ihn an: „Lump, Denunziant, warum machst Du nicht, daß Du fortkommst.. Sollen wir Dich ewig füttern? Du Verleumder, Du Jntriguant .. Du .... Du ..." Chaimki hätte sich am liebsten auf ihn geworfen und chn gerädert, ihn bei lebendigem Leibe zerbissen, —, und, da er es nicht konnte, und sonst kein Mittel wußte, wie sich an diesem Feinde zu rächen, auch nicht die vielen Flüche durch die Kehle bringen konnte, keuchte und würgte er nur wutschnaubend, und ehe es chm gelang, einen Fluch hervorzubringen, war Chatzkel fort. Da ward Chaimki Hund so rasend, daß er seinen Kopf an die Wand schlug. Draußen war es inzwischen etwas ruhiger geworden. Der Wind hatte sich gelegt und der Regen aufgehört. Auch Chaimki Hund hatte sich