Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Frankfurter JsraÄktWB FamilienblatL. Seite 5. „Laß' Dich bald taufen, Jude, damit ich Dich vor ein ehrlich Gottesgericht laden kann, dann soll meine Klinge Dir Deine Worte in Deinen lügnerischen Hals zurückstoßen." Dann kehrten sic in die Schenke zurück und wollten weitertrinken, aber Herr Byrkelin schüttelte unzufrieden seinen Kopf. „Es ist keine Heldentat gewesen, zu zehn Junker ein armselig Jüdchcn dnrchznwalken und vor die Tür zu werfen." „Oho Herr Magister, Ihr denkt wohl nicht daran, wie er den Junker Fridolin beschimpft hat." „Gewiß, aber bevor Ihr wie eine Mente über ihn herfielet, mußtet Ihr doch vorher fragen, was er gemeint hat. — Ihr habt doch als fröhliche Kumpane mit ihm getrunken." Die jungen Leute schämten sich. Fridolin Ovcrstolz aber rief: „Soll mich der Jude Lügner schelten dürfen? Wir hätten ihn an den Beinen anfhängc» und seiner Sippe den rote» Hahn auf's Dach setzen müssen! — Aber Herr Byrkelin hat das wahre gesprochen, der Jude ist vor seiner Berteidignng gerichtet worden. Wir wollen ihn nun laufen lassen." Jetzt kündigten sie dem Wirte an, daß die Zeche auf ihr Kerbholz und nicht ans das des Juden geschrieben werden solle. Worauf der alte Pütz mit saurem Lächeln murmelte, das letztere wäre ihm lieber gewesen, sich auch vornahm, der Sicherheit halber cS trotzdem auch dem Inden anziikreiden. 10. Kapitel. Joseph blieb eine kleine Weile betäubt auf dem menschenleeren Platz liegen, dann wollte er sich aufstützen und sich so erheben, fiel jedoch stöhnend zurück, denn es war ihm, als ob ihm glühende Spitzen in den Arm dränge». Mit Mühe gelang es ihm endlich, anfzustehen: der Arm hing ihm kraftlos herunter. ~ Unter den größte» schmerzen, die er am ganzen Körper hatte, kam er endlich nach Hause. Polternd und stöhnend stieg er langsam die Treppe hinan. Seine Mutter kam mit einem Licht und entsetzte sich über seinen Zustand. Sie rief jammernd: „Salomo», steh' ans, Joseph ist verunglückt." Im Nn war der Vater zur Stelle, und die Eltern brachten Joseph in's Schlafzimmer. - Es gelang ihnen jedoch nicht, ihn zu entkleiden, da er bei jeder Berührung vor Schmerzen schrie. Die Mutter flehte: „Salomonlieb, geh, hole den neuen Doktor." Salomo» brummte, folgte aber dem Rate seiner Frau und begab sich zum Ärzte Abraham Saloino. Der hatte erst kurze Zeit nach angestrengter Tagcsarbeit geruht, war aber sofort bereit, Hülse zu leisten. Während er sich ankleidete, erzählte ihm Saloutoit, wie sein Sohn nach Hanse gekommen, und sagte: „Doktor, tut bei uns mehr als bei Euren anderen Kranken, ich lohne, wie Ihr noch nie belohnt worden seid." Abraham sah durch diese prahlerische Verheißung sehr wohl die väterliche Angst durchschinimcru und antwortete deshalb milde: „Beruhigt Euch, es wird wohl nicht so schlimm sein." Der Arzt schnitt Joseph den Aermel los und hatte ihn mit geschickter Hand rasch entkleidet. Währenddem fragte er" den Aechzcndcn: „Was ist Euch geschehen?" „Es fielen mehrere über mich her, mißhandelten mich und warfen mich .eine Treppe herunter. Wollet nicht mehr wissen." Die Untersuchung ergab, daß der Körper des Armen mit zahllosen blauen Flecken und Beulen bedeckt und der rechte 'Arm gebrochen war. Die Eltern folgten mit Angst den Hantierungen des Arztes. Endlich hatte er seine Untersuchungen beendet und wandte sich an die Eltern. „Die Beulen Eures Sohnes mögt Ihr diese 'Nacht mit Wasser kühlen, diese und die blauen Flecke, die alle von Schlägen hcrrühren, verschwinden von selbst. 'Aber der rechte Arm Ist gebrochen. Ich richte ihn ein und lege einen festen Verband an. Euer Sohn wird morgen im Bett bleiben, übermorgen komme ich, nach dem Verband zu sehen, und dann kann der so schwer Kranke" — sagte der Doktor lächelnd — „wieder ansgehen. Allerdings muß er die Binde einige Wochen lang tragen." Die Eltern, sowie Joseph trauten ihren Ohrrn nicht. Da lag ein Verunglückter mit tausend Wunden, wie die Mutter geglaubt, piit zerbrochenen Gliedern, und soll ohne Arzneien, ohne Schwitzen, ohne Betthüten geheilt werden. Und wie der Doktor gleichgültig vom Armbrnch redet, als ob kein kalter Brand, kein Steifbleiben des Armes existierte? Er macht einen Verband, und dann soll der Kranke spazieren gehe». Ein solcher 'Arzt ist entweder ein Wunder oder ein Marktschreier. Und der Arzt ließ sich zwei Brettchen geben und riß ein leinenes Tuch in schmale Streifen. Dann ließ er deii Kranken festhalten, richtete den Arm ein — was nicht ohne beträchtliches Jammern von Joseph vor sich ging — und im Nn war der Verband fertig. „So, am Verband darf nichts geändert werden, wenn auch der Arm schmerzt. Güte Nacht." Die Eltern begleiteten den Arzt bis an die Haustür. Salomo», dem dessen ruhiges, bestimmtes Wesen große Achtung einflößte, fragte in ungewöhnlich sanftmütigenc Ton: „Herr Doktor, ist es wirklich nicht gefährlich?" „Nein, ganz und gar nicht, beruhigt Euch nur. Die Beulen sind nicht der Rede wert, und der einfache Bruch des Armes ivird mit Gottes Hülfe gut heilen. Kühlt heute Nacht mit Wasser, aber sprecht nicht und laßt den Kranken ruhen. Also bis übermorgen." Er nickte freundlich und cntjernte sich mit raschem Schritte. Salomo» und seine Frau legten ihrem Sohne kalte Umschläge auf und fragten — der Anordnung des Arztes gemäß — den Kranken kein Wörtlein, der auch bald vor Erschöpfung einschlummerte. — Es ging wie ein Lauffeuer in den Gassen des Judenviertels um, daß Joseph Basel bis auf den Tod mißhandelt auf seinem Bette läge. Die Hausmagd, die das verschwolleire und blutrünstige Gesicht des Kranken gesehen hatte, erzählte cS am .Brunnen, und jetzt jagte eine abenteuerliche Vermutung die andere. Es war niemand mit Talomon Basel so befreundet, um ihn zn befragen, und dem Rabbiner sagte er, sein Sohn sei auf einem ilächtlichen Gange von Wegelagern überfallen worden. Und da Salomo» sichtlich vermied, auf Einzelheiten einzugehen, hatte man viel mehr Schadenfreude als Mitgefühl über den Unfall. Nach wenigen Tagen jedoch ging Joseph, den Arm in bcv Binde, wieder ans und erzählte den ihn neugierig Umdrängenden haarsträubende Einzelheiten von den Räubern, die ihn angefallen und ohne seine heldenmütige Gegenwehr ihn sicher ernrordet hätten. Er hatte mit seinem Vater reiflich überlegt, wie das verfehlte Geschäft einigermaßen zn retten sei. Der schlaue Salomo» meinte nach längerem Nachdenken: „Wir werden das Geld, das wir dem Erzbischof geliehen haben, wohl nicht verlieren, wenn uns das sichere Pfand auch verloren ist. Aber mit den Geschlechtern haben wir es durch Dein unnütziges Reden wohl verdorben, «ic werden jetzt mit Joseph Ahrweiler und Bär Kuchenheim handeln. Joseph Ahrweiler arbeitet mit mir; wenn sich Bär mit uns verbinden würde, hätten wir die Vornehmen alle wieder." Und jetzt erteilte er seine,» aufmerksam zuhörenden Sohne Ratschläge. (Fortsetzung folgt.) Maiser Frledricli Quelle - Offenbach s. Ä. - Gegen Gicht and BhenmatiBmns bewährt. Wohack Inhaber: JS£ EtllcLZ2. Porten, Juwelen, Ooldwaren. ■- — Auf Wunsch Auswahlsandongen. - ■ -■ >■ — Woche*-Kale«der. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 19. Dezember (— 25 Kislow). Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. Dt. 5 Uhr 15 Min in Berlin 4 Uhr 40 Min. Wochenabschnitt: Wajeischew. — Jakob hatte Josef einen bunten Rock machen lassen. Dies erregte Brnderhaß, der sich noch mehr durch Josefs Träume steigerte: Die Garben der Brüder bückten sich vor Josefs Garben, Sonne, Mond und Sterne beugten sich vor ihm. Das legten die Brüder als Stolz und Hochmut ans. "Jakob sendet Josef aufs Feld, um sich nach de» Brüdern umzusehen. Diese wollen Josef nmbringen, verkaufen ihn aber schließlich an eine nach Egypten ziehende Karawane und senden dem Vater den in Blut getauchten Rock Josefs. — Josef wird Diener bei dem Hofbeamten Potiphar, der ihn kiebgewinnt und ihm sein ganzes Haus anvertraut. Die Herrin aber will lüstern Josef zur Sünde verführen, und da er widersteht, zeiht sie ihn der Verführung. Durch diese Verleumdung kommt Josef unschuldig ins Gefängnis. Doch auch dort ist Gott mit ihm. Er wird Aufseher über alle Gefangenen. Im Gefängnisse .weilen auch der Oberschenk und Oberbäcker des Königs wegen Vergehens im Amte. Sie -haben aufregende Träume. Josef deutet sie. Die Deutung wird Wahrheit. Der Schenk wird wieder in sein Amt eingesetzt, der Mundbäcker aufgehängt. Der undankbare Mundschenk vergißt in seinem Glücke, den unschuldigen Josef der königlichen Gnade zu empfehlen. An diesem Samstag .ist der erste Schabbos- Chanuka. (Freitag Abend beginnt das „Weihefest" und endet mit nächstem Schabbos als zweiten Schabbos-Chanuka.) Einschaltung von Jauzer. Ganz Hallet. 3 Seforim au-heben. , Rausch^Lhaudesch sinsegnen (dieser fällt auf Donnerstag.und Freitag). A. Geschichte. Die Geschichte des Festes spielt ungefähr 200 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, die Zeit der eigentlichen Kämpfe von 167—64. — Es stand damals der 2. Tempel. Die Juden waren mit den schöngeistigen Griechen in Berührung gekommen. Geblendet durch deren schöne Künste und Wissenschaften wurden sie Assimilatiousjuden in des Wortes vollster Bedeutung. Sie schämten sich, Juden zu sein, verleugneten ihr Volkstum und ihre Religion, verspotteten beides, drängten sich den Syrern auf und veranlaßten deren König Antiochns Epiphanes, gegen die frommen Juden vorzugehen. So wurden Sabbat-, Fest- und Neumondfeier, Miloh, Speisegesetze, Thorastudium usw. untersagt, Gottes Heiligtum durch Schweinefleisch entweiht. Biele starben den Märtyrertod, andere flohen. — Da sandte Gott durch die fromme Priesterfamilie der Makkabäer Hilfe und Rettung. Mattisjahn und seine 5 Söhne sammelten um sich alle wahren Juden, kämpften siegreich gegen große Uebermacht und zogen zuletzt nach Jerusalem, den Tempel neu zic weihen. Er wurde gereinigt und der goldne Leuchter neu angezündet. Nur ein kleines Krüglein heiligen Oels war vorhanden, auf einen Tag hinreichend. Durch Gottes Fügung speiste es den Leuchter 8 Tage, bis neues Oel bereitet war. Daher der Weisen Anordnung, Chanukalichter anzuzünden. B. Zeremonien. Man zündet allabendlich Lichter an, Oel- oder Kerzenlicht, und zwar frühestens beim Nachtwerden. Doch kanns die oanzc Nacht noch geschehen, in später Stunde ohne Brocho. Am ersten Abend ein Licht und so fort bis zur Zahl 8. Am ersten.Abend drei Brochaus: Lehadlik Rer, Schcoso niffini^ Schehechijonn. 'An den anderen Abenden kein Schehechijonu. Man stelle das Licht ans Fenster. Es muß mindestens V» Stunde brennen, Rachschütten nicht erlaubt. Die Brocho nmnittelbar vor dem Anzünden sprechen. Auch in Synagoge anzünden. Dennoch bleibt das häusliche Anzünden Pflicht. Man zündet am ersten Albend das rechts am Leuchter befindliche Licht, dann stets das neue linke zuerst an, nach rechts schreitend. Nichts dabei lesen oder arbeiten. — Am Freitag Abend erst Chanukadann Sabbatlicht. Sabbatausgang erst Hawdoloh. Das übrigbleibende Oel nebst Dochten nach -Chanuka verbrennen. 6. Gebete. „Al-Hanissim" im Tischgebet und Schmono-Esrei. Ganz Hallet nach Schachris-Schmono-Esrei. Inhalt von Al-hanissim: im ersten Teil die Leiden, Kämpfe und Siege Israels, im zweiten Teil die Tempel- Wiederweihe und das Oel-Wnnder. — Thora-Borlcsung: Im 4. Bch M. von der Einweihung der Stiftshütte, entsprechend der Tempelweihe. — Moaus-Znr ist beliebtes Festlied. 5 Strophen, Verfasser unbekannt. Etwa 600 Jahre alt. Akrostichon: Mordochai. Spricht außer von Chanuka auch von der Knechtschaft in Egypten, der babylonischen Gefangenschaft, dem Aufbau des 2. Tempels, der Purimgeschichtc. — Chanukapsalm: Ps. 30. — Kein Tachanun, kein Zidkoscho Zedek zn Mincho, kein Zidduk-Haddin bei Beerdigung. — Offetibaeber Druckluft -- Anlage Telefon 123. Offeilbacil a. M. Telefon 123. Unübertroffene bewahrtest« Topplchralnlpnng. Bunte Chronik. D ie „Immunität" der I nde n ge gen Krankheiten. Auf dem internationalen Tuberkulose-Kongreß in Washington hat kürzlich Dr. M au r i re Fishb c r g (Rewyork) einen höchst interessanten Vortrag über die „Tuberkulose bei den I n d e n" gehalten. Er weist auf die erstaunliche Tatsache hi», daß trotz schlechtester Wohn-, A r b e i t s - und L e b e ic s b e d i n g u n g e n, die bekanntlich unter den ärmeren Klassen der Juden vorherrschen, statt einer größeren eine viel geringere Sterblichkeit der Juden an Tuberkulose nachzuweisen ist. Es sterben jährlich an Tuberkulose pro 10 000 Seelen: In Berlin Juden 9.81 Christen 21,66 Wien 17,9 36,7 „ Budapest 21,93 46,01 Krakau 20,49 66,41 „ Lemberg 30,64 63,51 Rumänien 25,6 38,7 London 13,3 17,9 „ New - Dort 17,24 23,94 Im Gegensatz zu andcreit Forschern, die den jüdischen Speisegesctzen einen wesentlichen Anteil an dieser verhältnismäßigen Immunität der Juden beimessen, behauptet ' Fis Hb erg, daß unter den Juden Westeuropas, die meist die Tpeisegesetze nicht oder doch in geringerem Maße beobachten, diese Sterblichkeit eine noch kleinere ist, als unter ihren ökonomisch schlechter gestellten, dabei aber orthodoxen Volksgenossen. Nach Fishberg ist die Hauptursache der geringeren Sterblichkeit der Juden darin zu suchen, daß sie