Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bl ^tanfifnvtet Sfrarlitifdirö Iwilirntilatt. I> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AvonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 1--... . KedaKtto» «nd HefchLftsst-ll-: Srsnkfurl s. m.. vilbelerstraße 4,6, Lcke Dleichstraße Telefon 10507. t- Herausgeber: Karg chei-s. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. _ 1 6. Jahrgang. Freitag, de« 24. Kislew 5669 (18. Dezember 1908). No. 49. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Das Licht Israels. — Maulwurfsarbeit. — Brief aus Mähren. — Jüdische Prosefloren. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Eine versunkeneWelt. — Wochen-Kalender. — Bunte Chronik. — Familiennachrichten. Das Licht Israels. (Eine C h a u u k a - B e t r a ch t u n g.) Von S a in. B e r l o w i tz. „. . . Da kam der achte Tag, au dein die ganze Reihe brennt. Eine große Helligkeit strömte von der Mcnora aus. Die Augen der Kinder glänzten. Unserem Manne aber wurde das Ganze zu einem Gleichnis für die Entflammung der Nation. Erst eine Kerze, da ist es iwch dunkel, und das einsame Licht sieht noch traurig aus. Dann findet es einen Gefährten, noch einen, noch mehr. Die Finsternis muß weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schließen sich die andern an, die das Recht, die Wahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schönheit lieben." Herzl: Die Mcnora. Nicht in der Vergangenheit, in der Zukunft liegt Israels Heil; denn nicht abwärts, sondern aufwärts soll der Weg Judas gehen. „Und cs wird sein ani Ende der Tage, da wird aufgerichtet sein der Berg Gottes an der Spitze der Berge." Wenn wir daher das lichtreiche Chanukafest feiern und der Heldentaten der Söhne Matithiahus gedenken, so sollen wir unseren Blick auf diese unsere glorreiche Vergangeicheit nicht richten, um mit unseren Makkabäerhelden einen unfruchtbaren Heroenkultus zu treiben, unserem Stolze zu schmeicheln und unsere Tatkraft zu dämmen. Wir müssen vielmehr bedenken, daß diese herrlichen Taten der Vorzeit — eben zu sehr in der Vorzeit liegen. Es genügt auch nicht, ein Nachkomme der Makkabäer zu sein; man müßte denn bestrebt sein, dieser edlen Abkunft sich auch würdig zu zeigen. Zu den alten Ruhmestaten müssen neue kommen, damit jene nicht veralten. Und schlagen wir die lehrreiche Geschichte unseres Volkes auf, so sollen wir es nicht tun, um sic abzublättern . . ., sondern um darin zu lernen, wie wir ihr neue Ruhmesblätter anfügen könnten. Nur insoweit sei unser Blick nach rückwärts gerichtet, als uns da unser Weg nach vorwärts vorgezeichnet ist. Denn in der Zukunft liegt das unserer großen Bergangenheit würdige Ziel unseres Volkes! Zwischen Vergangenheit und Zukunft aber, ach, liegt die Gegenwart, die Gegenwart in all ihrer Trostlosigkeit, mit all den schmachvollen Zeichen des Verfalls und des Abfalls! Unsere gewohnten Führer sind' blind, unsere bewährten Stützen sind hohl und morsch geworden, und unsere Jugend befindet sich auf feiger Flucht! Doch dieser Abfall einer Jugend, deren Herzen so gern für Menschlichkeit und Recht entflammen, er ist nicht die Schuld dieser Jugend, er ist vielniehr die schwere Schuld der Gesamtheit des jüdischen Volkes, das seiner Jugend keine Gelegenheit geben will, für es zu leben und, wenn nötig, auch zu sterben. — Die Jugend bedarf der Ideale nötiger als Brot; und nicht einmal das letztere haben wir ihr zu bieten! Jni ungestümen Drange sucht sie es dort, wo sie es finden zu können hofft. Der jüdische Geist, auch er ist noch nicht verrostet; auf allen Gebieten der Kunst und der Wissenschaft zeugt er von seiner ungebrochenen Kraft. Aber auch dieses Licht des Geistes leuchtet nicht uns, sondern andern. . . . Unsere Gelehrten hüten alle Gärten, nur den ihrigen nicht; ja, um ihre moralische Treulosigkeit zu beschönigen, erkühnen sie sich gar, dessen Existenz zu leugnen, wenn sie das auch nicht hindert, ans diesem nicht existierenden Kulturboden des jüdischen Volkes schöne Blumen und nahrhafte Früchte zu pflücken. . . . Die Gelehrten, die großen und kleinen, bedürfen einer Betätigungsmöglichkeit, eines Wirkungskreises, und wir können ihnen nichts bieten. Auch unsere Wissenschaft befindet sich darum in abhängiger, erniedrigender Gefangenschaft, ob bewußt, oder auch unbewußt. Die Schuld in erster Reihe tragen auch hier unsere blinden Führer und morschen Stützen, die im Gefühle ihrer eigenen Nichtigkeit jede jüdische Hoffnung zu vernichten wissen. Angesichts einer solchen Gegenwart ist es wahrlich nicht leicht, an die Vergangenheit zu glauben und an der Zukunft nicht zu vcrzweiften! In dieser Trostlosigkeit, da es den Anschein gewinnt, als ob die kleinen Lichtlein, die wir angezündet, nicht mehr das tiefe Dunkel der Nacht unserer Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen vermöchten und ihr sanftes Leuchten von der Finsternis verschlungen werden soll, laßt uns den Blick auf die Lichtgestalten der Makkabäer richten! Auch zu ihrer Zeit stieg der sonnige Tag erst aus finsterer Nacht empor. Auch damals schien es, als ob jeder Hoffnungsschimmer geschwunden sei; denn auch damals führten die Führer das Volk in die Irre. Auch damals sprachen die äußeren und inneren Feinde Jakobs: „Kommt, lasset uns es vertilgen als Volk, und des Namens Israel soll nicht mehr gedacht werden!" Klein und unansehnlich war auch in den Tagen der Makkabäer im Anfänge die Zahl derer, die sich um die Helden scharten, um mit nie versiegender Begeisterung und Ausdauer, mit kühner Todesverachtung und nie versagender Opferwilligkeit ihrem Volke eine Zukunft zu erkämpfen. Und erst als diese Auserlesenen ihre ersten Siege über einen übermächtigen Feind errungen hatten, kamen die andern, bis dann die ganze Nation entflammt und mitgerissen ward. Der Ruhm des Sieges bleibt daher immerdar an den Mannhaften dieser kleinen, auserlesenen und ausdauernden Schar! Als nun das Heiligtum Israels, das Symbol seiner Einheit, wieder aufgerichtct werden sollte in seiner Erhabenheü und Reinheit, da fand sich für das neu anzuzündende Licht der Ewigkeit (Ner-Tamid) nur ein einziges kleines Krüglein Oel, das noch in jüdischer Reinheit vor Gott erstrahlen konnte. . . . Zitternd und zagend umstanden es die Treuen. Wie lange wohl wird dieses Krüglein iwch reichen? Nur für den Eintag, schien es, sollte iwch das Licht Israels leuchten, dann mußte es erlöschen. — Und es geschah ein Wunder! Doch dieses Wunder war nicht, daß ans dem kleinen Krüglcin viele große Krüge sich ergossen, sondern das wenige Oel, das die Reinheit bewahrt hatte, war — wie alles Echte und Reine — von langer Dauer. . . . Gegen alles Erwarten leuchtete es und brannte, brannte und leuchtete statt des einen Tages deren mehrere, bis es jüdischer Tatkraft gelang, aus den Oelbergen Judas neue Lichtquellen zu eröffnen und in den Dienst ihres Gottes und Volkes zu stellen, sodaß es keiner weiteren Wunder mehr bedurfte. Das Licht Israels, es mag noch so sehr dem Erlöschen nahe scheinen, noch so stark von Finsternis umgeben sein, cs wird dennoch niemals zu leuchten aufhören: es ist von langer Dmier, wie alles Echte und Reine . . . .! Darum verzaget nicht Ihr, die Ihr Euch bemüht, die Fahne Judas, die im 'Staube liegt, zu erheben und in ihrer Reinheit hochzuhalten! Der Sieg muß schließlich doch Euch gehören! Nur fei Euere Begeistrung nicht ein leicht aufloderndes, aber auch leicht erlöschendes Feuer: wie alles Heilige und Reine sei sie von ewiger Dauer! Denn vergebens jubeln und jauchzen die Feinde Judas von innen und außen: ein Windhauch noch und Israels Licht ist erloschen! Dies Lichtlein, das sie verachten und dessen Erlöschen sie erleben zu können glauben, wird so lange bescheidentlich leuchten und brennen, brennen und leuchten, bis es jüdischer Tatkraft gelingt, von den Bergen Judas aus es zu einer mächtigen Lohe und zu einer gewaltigen Feuersäule zu gestalten, vor deren Leuchten die Finsternis von der Erde und das Dunkel von den Nationen schwinden werden." „Die Finsternis muß weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schließen sich die andern an, die das Recht, dieWahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schönheit lieben."