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Neue jüdische Presse · 1908-12-11 · Heft 48 (11.12.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 48 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Seite 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die volle Wahrheit schwöre, — so sollen auf mir alle Bannflüche ruhen, die in der Bibel geschrieben sind! Amen! Ich soll, wie Korah mit seiner ganzen Rotte versenkt werden! Amen! Alle schlechten Träume sollen über niich kommen! Amen! Alle meine Anverwandten sollen ein Jahr nach niir trauern! Amen! Der Donner soll mich treffen und mein Name von den Juden ausgelöscht werden. Amen! Nach meinem Tode'soll die Erde mich nicht empfangen, und wie das Meer die Aegypter verschlungen hat, soll auch mich dieser Schwur vertilgen! Amen! Man soll mich nicht als Juden begraben! Amen! 20Te Leiden Hiobs sollen auf mich kommen! Amen! Wie Mirjam, die Schwester Moses, krätzig wurde, weil sie gemurrt hat, so soll auch ich krätzig werden, wenn ich falsch schwöre; ich soll von Sott mit zehn Plagen geschlagen werden, wie die Aegypter einst geschlagen wurden; ich soll ein Schuft sein und keinen Brocken Brot haben, wo immer ich sein werde! Amen! Ich soll betteln von Haus zu Haus und soll' mit einem schwarzen Siegel gcbrandmarkt werden! Amen! Wenn ich falsch schwöre, soll ich verflucht sein, wenn ich in ein Haus hineingehe und wenn ich aus dem Haus herausgche. Gott soll mir Not und Hunger schicken, Gott soll mich heiinsuchen niit allen schlechten Krankheiten, mit wilder Krätze und Beulen vom Kopf bis zu den Füßen; ich soll nie davon geheilt werden; ich soll verrückt und blind werden und soll bei Tag tute ein Blinder in der Nacht tasten; ich soll nie Glück haben, wo ich immer hingchen werde! Alles Unglück soll über mich kommen, und niemand soll mir helfen können: Ich soll den Messias nicht erleben! Amen! Amen! Amen! So, wie Gott wahr ist, so, wie die heilige Thora wahr ist, so schwöre ich, wahr geschworen zu haben! Amen! Amen! Amen!" Das ist die. fürchterliche Zeremonie des Judcneides in Rumänien. Wie willkürlich und ungesetzlich die Forderung dieses Eides ist, beweist u. a. auch die Tatsache, daß er nur, wenn es dem Richter gerade so paßte, einem Juden aufgedrängt wurde und daß er in vielen Provinzstädten schon lange nicht mehr bestand. In Focsani kämpfte vor einige» Jahren bereits Rabb. Dr. I. Nacht für die Abschaffung dieses Eidschwures, und in Galati sowie in Bukarest wird er bereits seit Jahren nicht mehr gefordert. Dagegen hatten in Braila und in Jassy die Juden einen harten Kampf zu bestehen, der durch das tapfere Auftreten des Rabb. Dr. Nieniirower und den Spruch des Kassationshofcs vom 24. November d. Js. hoffentlich definitiv abgeschafft ist. Ganz sicher ist das allerdings nicht, weil nach Artikel 24 des rumänischen Zivil-Gesetzbuches die Form des Eidschwures eines Nichtchristen dem Richter anheimgegeben ist. Der Richter hätte allerdings den Artikel 21 der Verfassung von der Gewissensfreiheit zu beachten; außerdem ist — wie der Kassationshof bereits im Jahre 1904 und in -dem Urteil vom 24. November d. Js. abermals anerkannt hat — mit der Abschaffung des Zivilgesetzbuches vom Jahre 1844 und dem Erlaß eines neuen bürgerlichen Gesetzbuches vom Jahre 1866 auch der Eidschwur mors inäsloo abaeabgeschafft. Der Sieg, den 'die rumänischen Juden durch den Rabbiner Dr. Nieniirower errungen haben, ist also solange kein ganz vollständiger, als nicht der Justizminister eine Verordnung erläßt, durch die ein für alle Mal den Richtern untersagt wird, den Eidschwur mors fnänioo zu fordern. „N. I. K." Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Die Repräsentanten der jüd. Gemeinde genehmigte die Annahme folgender Stiftungen: , 100 OM JL zur Unterstützung jüdischer Techniker, 80 OM JL für Studierende der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und ’ 70 000 JL zur freien Verfügung, in Sa. 2 500 OM JL als die der jüd: Gemeinde hinterlassene Hälfte des Vermögens des Rentiers Arnold Weiß — 10 000 JL von Johanna Stcinthal und Leopold Steinthal für zwei Betten im Hospital — 12 000 JL von Dr. ing. Georg I. Meyer und 12 000 JL von Frau Dr. Franka-Minden für die Altersversorgimgsanstalt — 6000 JL von Rentier Louis Simon für die Präparandcnanstalt — verschiedene Stiftungen für Graberhaltungszwecke. Berlin. 1906 wurden im Deutschen Reiche 4080 jüdische und 855 jüdisch-christliche Ehen ‘ geschlossen. Die Eheschließungen zwischen Juden und Christen sind also wieder gestiegen: ihre Zahlen in den vorhergehenden Jahren waren: 819, 748, 668, 626 und 658. Darmstadt. Der vor e.niger Zeit hier verstorbene Rentner Naß hat der israelitischen Synagogen-Gemeinde 70 000 JL vermacht, jpic Gemeinde hat nun das Steinstraße 28 belegene Hans käuflich erworben und wird hier ein Altersheim errichten. Köln a. Rh. Im Hause Peterstraße 3 ist eine jüdische Lesehalle eröffnet worden. Die Initiative zu der Gründung dieser Institution ging von der „Zion. Vereinigung" aus. Es sollen in der Lesehalle einmal wöchentlich Vorträge über hygienische, wissenschaftliche und sonstige Themen stattfinden, die, fern von jeder Politik, nur der geistigen Erholung und Bildung dienen. Der Eintritt in die Lesehalle kostet für Nichtmitglieder 5 Psg Magdeburg. Ein harter Schlag hat die zahlreichen hier ansässigen galizischen Juden getroffen. Zum größten Teil verdienen sie mühsam durch Hausieren in der Stadt ihr Brot. Mit einem schweren Kasten aus dem Rücken gehen sie Trepp auf. Trepp ab oder auch von Restaurant zn Restaurant, um einen dürftigen Unterhalt zu gewinnen. Nicht der Mühe und der schlechten Witze oder der barschen Abweisung, die der Jude hören muß, achtend, waren sie zufrieden, wenn sie nur einigermaßen sich ernähren konnten. Jetzt hat man ihnen diese einzige Nahrungsquelle genommen. Vor etwa 2—3 Monaten erschien eine Bekanntmachung, daß Ausländer, die in hiesiger Stadt hausieren gehen wollen, einen Wandergewerbeschein haben müßten. Als sie nun darum einkamen, wurde fast allen von ihnen dieser Schein verweigert, und zwar mit der Begründung, cs liege „kein Bedürfnis zur Zulassung dieses Gewerbebetriebes jm diesseitigen Regierungsbezirke" vor. Manche der Leute sind schon mehr als 10 Jahre hier ansässig; sie sind nun zum größten Teil gezwungen, sich nach einer neuen Stiesheimat umzusehen. Das Vorgehen der Behörde ist nicht verständlich: Erst einen Wandcrgewerbeschein verlangen — und dann keinen Wandcrgewerbeschein anshändigen! . . . Warum hat man diese Ausrede gebraucht und den Leuten nicht gleich gesagt, daß man sie cristenzlos machen und damit zum Weiterziehen zwingen will? Breslau. Am 1. Avril wird h'cr ein Israel. E r z i e h u n g s h a u s von dem „Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israel. Kinder" eröffnet werden. Königsberg. In der hiesigen Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland ist eine Krise ausgebrochen. — Dr. K a r p e l c s - Wien hatte einen Bortrag gehalten. In diesem Bortrage verlangte er, daß man alles das aus der Lehre des Judentums ausmerze, was sich nicht mit den heutigen Anschauungen.der Wissenschaft vereinbaren lasse. So sei das Gebet ansznschalten, daß Gott die Toten belebe. Was dann vom Judentrnn übrig bleibe, sei die geläuterte Weltanschauung, der Gottcsglaube, die Achtung vor dem Recht und der Wahrheit, der Glaube an die Lukunst des Menschen und die Ueberzeugung, daß bas Judentum auserseheu sei, seine Mission zu erfüllen. Eine Diskussion wurde trotz des diesbezüglichen Wunsches zahlreicher Teilnehmer nicht g e st a t t e t. Die Folge war, daß u. a. von dem Obersekretär der Synagogcngemeinde M. Klein eine ösfentliche Erklärung in den Tageszeitungen erlassen wurde, in der cs heißt: „Seit länger als 50 Jahren ans dem Boden des liberalen Judentums stehend, als Schüler von Mraham Geiger, lege ich hierdurch entschieden Verwahrung gegen die von Herrn Dr. Karpeles in der gestrigen öffentlichen Versammlung gemachten Ausführungen ein." Oesterreich-Ungar». Czernowitz. Anläßlich des Regierungsjubiläums sind in der Bukowina folgende Stiftungen von jüdischer Seite gemacht worden. Dr. Hermann Fischer Edler von Mosara: ein der Stadt Czernowitz gewidmetes Kinderspital (Stiftungskapital 500 0M Kr.) Israel. Kultusgcmeindc Czernowitz: „Kaiser Franz Josef-Jubiläums-AltcrS- und Jnvalidcu-Versorgung für Israeliten in Czernowitz"; sechs neue „Kaiser Franz Josej-Jubiläums-Waisenhaus-Stiftplätze" im hierortigen k. k. Kaiser Franz-Joscf-Jnbiläums-Waisenhause für Israeliten. Israel. Kultusgemeinde in Kimpolung: Kaiser Franz Josef I.-Jubiläunis-Stistung zur Heirats-Ausstattung armer israelitischer Mädchen. ~ Israel. Kultusgemeinde in Sereth: Kaiser Franz Josef-Siecheuhaus. Kalman Hecht, Bankier in «ereth: Kaiser Franz Josef-Jubiläuins-Talmudschule. Israel. Kultusgemeinde in Radautz: Beschluß, alljährlich am 2. Dezember 200 Kr. zue Bekleidung armer jüdischer Kinder zu spenden. — Interessant ist der Beschluß der Stadtgcmcinde Gurahumora, je ein Drittel einer Jubiläums-Stipeudienstiftung Mittelschülern deutscher, rumänischer und jüdischer N a t i o n a l i t ä t zu vergeben. Budapest. Die Spende eines Mitgliedes des ungarischen H o ch a d e l s verdient, verzeichnet zu werden: Graf Dionys Andrassy überwies nämlich dem israel. Fraucnvereiu in L-atoralja-Ujhely 3000 Ktonen als Beitrag zu der Errichtlcug eines j ü d i s ch e n A r m e n h a u s e s. Leipnik (Mähren). Anläßlich des 80 jährigen RegieruugSjubiläums des Kaisers hat Fabrikant Bernhard Z e r k a w i tz eine generöse Stiftung gemacht, indem er das Erträgnis seines stattlichen Hauses der israel. Gemeinde für eine Waisen- und Armenstiftung widmete. Rußland. Petersburg. Bei der von der Reichsduma beabsichtigten Einführung der st ä d t i s ch e n u n d l ä n dlich e n S clb stverw altun g in Polen werden alleni Anscheine nach die Juden a u s g e s ch l o s s c n werde n. Die Oktrobisten haben sich nämlich mit der polnischen Fraktion „Kolo Polski" geeinigt, und die Polen wollen den Juden, da sic bei den Wahlen häufig von ausschlaggebender Bedeutung sind — sie machen fast löo/o der Gesamtbevölkerung aus —, ihre politischen Rechte entziehen. Für die „Polen mosaischer Konfession" wird das jedenfalls eine heilsame Lehre sein, was sie von den Polen zu erwarten haben, llnd wenn diese Leute sich nicht schon allzu oft als unbelehrbar erwiesen hätten, so könnte dieser neueste gegen die Juden geführte Schlag wenigstens eine gute Wirkung haben. Jckaterinoslaw. Die Gouvernementsverwaltung hat sich dafür entschieden, die jüdische» landwirtschaftlichen Kolonien zu vernichten. Deswegen kommandierte sic vorerst den Verwaltnngsrat Grigorosulo dorthin. Aus seinen Bericht angeblich sich stützend, hat nun die Verwaltung beschlossen: „Zur Kenntnis der Landabteilung des Ministeriums des Innern zu bringen, daß die landwirtschaftliche Entwickelung und der materielle Wohlstand der jüdischen Kolonien trotz der langjährigen Bemühungen und materielleic Opfer der Regierung nur sehr langsam und wenig gedeihe», und cs bestehe keine Hoffnung, daß sich die Lage in naher Zukunft bessern könnte." Nun stellt sich aber heraus, daß der Bericht zu den erwähnten Schlußfolgerungen nicht den geringsten Anlaß gibt. Auf die Frage, ob die Kolonisten ihre Aecker vernachlässigen, bezw. sie nicht mehr bebauen, antwortet Grigorosulo mit einem klaren „Nein", es seien zwar manche Kolonisten nicht anwesend, aber 302 Wirte treiben persönlich Ackerbau, 279 Wirte bebaue» ihre Aecker persönlich unter Hinzuziehung von Lohnarbeitern, und nur 88 Kolonisteic hätten .ihre Parzellen verpachtet, obwohl sie in den Kolonien wohnen geblieben seien. Auch über die Qualität der Wirtschaft spricht sich der Berichterstatter nicht verneinend aus. So gibt es laut Grigorosula in den Kolonien viele wohleingerichtete Wirtschaften mit vollständigem landwirtschaftlichem Inventar, so daß allein in 17 Kolonien 3244 Pferde, 5087 Kühe usw. vorhanden seien. „Rufs. Korresp." Amerika. Rew-Nork. In 23 i ll iams b erg wurde die Synagoge durch Feuer vollständig zerst ö r t; die Feuerwehrleute bemühten sich vergeblich, die Orgel, die mehr als 40 000 JL kostete, zu retten. Die „E r st e freie baptistische Kirchengemeinde" hat der jüd. Gemeinde bis zunc Wiederaufbau der Synagoge ihre Kirche zur Verfügung gestellt. — In Brooklyn soll ein e r st k l a s s i g e s Jargontheater mit einen! Kostenaufwand von 300 000 Dollars errichtet werden. — Dr. D. Jochelmann, der Leiter der Zentral-Einwanderungs-Büro der „Jto" in Rußland, besuchte die jüdischen Kolonien in Woodbine und South Jersey.

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