Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 48 Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ügion der Juden meist indifferent, während sie in allen Bevölkcrnngsschichten die anerzogene Abneigung offen oder versteckt an den Tag legen. Notwendig folgte aus der Emanzipation eine psychische Veränderung: die Assimilation. Eingedenk der Erfahrungen ihrer Väter im schwersten Kampfe ums Dasein, meinten die Juden, die eigene und der Kinder Zukunft auf eine feste Basis zu stellen, wenn sie ihre religiösen — bis zur Emanzipation nationalen — Sonderheiten aufgcben oder abschlcifen würden. Daher nahmen sie deutsche Gebete in ihren Gottesdienst auf, änderten mit Hilfe liberaler Rabbiner die überlieferten Gebete uird taten das alles von Korporatiorrs wegen, d. h. von den Gemcindevorstänben aus. Um diese Assimilationsbewcgung richtig zu würdigen, welche bekanntlich in chren Folgen zu den ' Vorschlägen führten, den Sabbat ans den Sonntag zu verlegen und die hebräische Sprache im Gottesdienste gänzlich durch die deutsche zu ersetzen, darf man die treibende Kraft wirtschaftlicher Erwägungen nicht verkennen. Diese Bewegung, die von den kämpfenden Parteien als rein iirtcllektuell oder rein religiös hingestellt wird, hat tatsächlich einen wirtschaftlichen Kern: dieLiberalen wünschten eine Verbesserung ihrer ökonomischen Lage und besonders öffentliche Anerkennung ihrer Leistungen, während bei den Orthodoxen die In ne Haltung der religiösen Tradition gegenüber der Stellung im Erwerbsleben im Vordergründe stand. Im Stadium des Vorkapitalismus näherten sich die Juden einer Wirtschastsgenossenschast. — Franz Oppenheimer bezeichnet die Ghettos als Kaufmannsgeiwsscnschaften; mü dem Einsetzen der Emanzipation wurde das gemeinsame Band zerrissen, und es trat die Konkurrenz in wirtschaftlicher Beziehung ein, um den innerhalb der Gemeinden tobenden religiösen Hader noch zu verstärken. Diese Konkurrenz mußte deshalb eintretcn, weil die Emanzipation — zumal sie auch, wie Sombart bekennt eine halbe war — keine neuen Berufe öffnete. Handel und sonstiges bisheriges Erwerbsleben brauchten nicht mehr im Geheimen und unter Verfolgungen, sondern durften frei und offen ausgeübt werden. Oder richtiger ausgedrückt, wo sie dem Wirtsvolke als Händler, Zwischenhändler und Gelehrte unentbehrlich waren, konnten sie dem Erwerb als gleichberechtigte Bürger nachgchen, während sie früher ein besonderes Privileg erlangen mußten. War cs verwunderlich, daß diese Berufe sich bald überfüllten und den freien Wettbewerb in scharfe Konkurrenz uinwandelten? Und diese wurde noch durch zwei andere wirtschaftliche Vorgänge verschlimmert: durch Kapitalskonzentration und Monopolbildung. Bald standen sich im Handel Großunternehmer und Kleinhändler, Warenhaus und Einzelladen gegenüber, währerrd gewisse Spezialgebiete des Handels Monopole, d. h. Alleinvertriebe ihrer Artikel zu erreichen suchteir. So zeigten besonders die kleinen jüdischen Gemeinden allmählich das Bild von wirtschaftlichen Existenzen, die von einander in Atome gerissen waren; Großbürgcr. und Kleinbürger deckten im allgemeinen die Parteien der Liberalen und Orthodoxen. . Beide waren, jedoch, abgesehen davon, daß sie für gewisse religiöse und namentlich philanthropische Angelegenheiten nach Kräften gemeinsam beisteuerten, in politischerBeziehung einig. Sie folgten den fteisinnigen Parteien, weil diese sowohl den Humanismus, als die Grundbedingungen des wirtschaftlichen Individualismus auf ihre Fahne geschrieben hatten, das sind nach S o m b a r t: die Frecheit des Erwerbes, der kontraltlichen Vereiirbarung, des Eigentums, der Vererbung und der Schutz der wohlerworbenen Rechte (Sombart, Der moderne Kapitalismus, II. 28/29). Außerdem traten die liberalen Parteien für die Bekämpfung des Antisemitismus ein, wenigstens geben sie es vor, was sic allerdings nicht gehindert hat, öfters mit Antisemiten Wahlbündnisse zu schließen. Es sind zwei Arten von Antisemitismus wohl zu unterscheiden, der politische und wirtschaftliche. Der crstcrc hat in der Geschichte absolutistisch beherrschter Staaten bekanntlich immer eine Rolle gespielt,^ er diente dazu, die Erregung des Volkes gegen das herrschende Regime abzulenken. Diese Art Antisemitismus ist in den konstitutionell regierten Staaten der Gegenwart unmodcrn geworden. Der wirtschaftliche Antisemitismus dagegen, ganz richtig als Asemitismus bezeichnet, bezweckt die Expropriation und Verdrängung der Juden aus den Berufen, welche ihnen übrig gelassen sind. Ursprünglich war er eine bom alten Mittelstand ausgehende rückläufige Bewegung als Antwort auf seine Zurückdrängung durch die neue kapitalistische Produktion. Allmählich breitete er Ich als gesellschaftlicher Asemitismus in alle Gruppen des alten und neuen Mittelstandes ans. Er gab sich den herrschenden Parteien als eine Lösung der sozialen Frage aus: Die Berufe der Juden müßten ihren christlichen Mitbürgern als Monopole zufallen. Hiermit sind wir zu dem Punkte angelangt, der für die wirtschaftliche Stellung der deutschen Juden jetzt und noch inchr in der Zukunft eine besonders große Rolle spielt. Die politischen Parteien gruppieren sich immer mehr einerseits um Großkapital und Großgrundeigentum, um das Proletariat andererseits. Der neue Mittelstand hat sich noch nicht zu einer eigenen Partei ausgebildet; im Gegenteil stellt er eine vom Großkapital durchaus abhängige mehr oder weniger proletarische Schicht dar, welche aber infolge ihrer bürgerlichen Herkunft und ihres höheren geistigen Niveaus zum eigentlichen Proletariat im Gegensatz steht und von dieser Partei .nicht unterstützt wird. Wenn also der wirtschaftliche Antisemitisnms noch nicht gefährlich wird, und gegenüber dem Kampfe zwischen Besitzenden und Besitzlosen in den Hintergrund tritt,. so sind die Juden doch unmerklich in eine gefährliche Stellung zur sozialen Bewegung geraten. Anscheinend ist es so, wie Marx und Sombart gemeint haben, daß die deutschen Juden niit den Unternehmern identisiziert werden, können, zumal bei ihnen eigentliche Handarbeiter in ganz geringer Zahl vorhanden sind. Tatsächlich aber ist die Entwicklung weiter gegangen, und sic haben ein ständig wachsendes Proletariat geistiger Arbeiter aufzuweisen, dessen akademischer Teil in ununtcrbrochencni Zustrome von den Hochschulen kommt, dessen kaufmännischer Teil zwischeir den Puffern der Warenhäuservermehrung einerseits, der Konsumvereine andererseits nicht mehr zu einer selbstständigen wirtschaftlichen.Existenz gelangen kann. Das Vorhandensein dieses jüdischen Mittelstandes zeigt uns, wie ungünstig am Anfänge des XX. Jahrhunderts die Aussichten der Berufswahl unserer Kinder in den Berufen sind, welche wir ergriffen haben; in diesen Berufen bildet sich allmählich eine Macht sozialer Verbände ans, der sich das Individuum ohne weiteres fügen muß. Dazu kommt noch ein ungünstiges Moment, nänckich, daß die jüdischen Gemeinden nur Kultus-, nicht etwa Sozial- oder gar Wirtschaftsgemeinden find. Während dem genannten Mittelstände der Juden mit sozialer Gemeindepolitik gerade gedient wäre, wünscht die Geldaristokratie, welche überall an der Spitze der jüdischen Gemeinden steht, daß nur der Kultus, nur die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses die Aufgabe der Gemeiirden sei. Jene Geldaristokratie geht in ihren höchsten Vertretern dem Judentum in der zweiten oder spätestens dritten Generation verloren; der Geldadel verbrüdert sich mit dem Grundadel. Sombart sagt in seiner „Deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" (S. 546), nachdem er ausgeführt hat, wie die Bourgeoisie kein eignes Klassenbewußtsein und keinen Willen zur Macht hat, sondern als das höchste Ziel verfolgt, Junker zu werden: „Wie schnell der Prozeß der Verschmelzung zwischen dem jungen Geldadel und dem alten Grundadel vor sich geht, sei an zwei .Beispielen gezeigt, deren.eines eine preußische, das andere eine bayerische Familie betrifft. Den Kölner Bankier Simon Oppeicheim, preußischen Geheimen Kommerzienrat, baronisicrte Oesterreich 1867, und Preußen erkannte die Erhöhung ein Jahr später an. Dieses ersten Freiherrn von Oppenheim Enkelinnen — Töchter seiner beiden ältesten Söhne — haben sämtlich in altadeligc Familien geheiratet; sie heißen Baronin Plancy, Gräfin Bredow, Frau von Frankenberg, 'Freifrau von Hammerstein, Gräfin Arco, Gräfin Matuschka, Gräfin Pocci, und von ihren Brüdern ist der eine mit einer russischen Gräfin, der andere mit einer Freiin aus altem bayerischem Rittcrgeschlechte vermählt. In Bayern verlieh König Max Josef I. seinem Hofbankier Aaron Elias Scligmann den freiherrlichen Namen „von Eichthal". Dessen Nachkommen, von einem nach Paris gelangten Zweige abgesehen, — sind vollständig, im alteingesessenen Adel Bayerns aufgegangen. Sie sind Kammer- Herren, Gutsbesitzer, Offiziere und den Grafen Khuen, Otting, Armansperg, Bossi, den Freiherren von Rummel, Podewils, Seckendorf, Godin, Moreau, Jmhof, Gumppenberg durch Heiraten eng verbunden." Ich komme also zu dem Schluß, daß der glänzende Aufstieg der Juden im 19. Jahrhundert für das Judentum keine glänzende Errungenschaft darstellt und daß die Forderung nach einer neuen Wirtschaftseinheit jetzt noch dringlicher als zu Dohms Zeiten ist. Der Judeneid in Rumänien. Im Ausland hat man vielfach nicht recht verstanden, waruni die rumänischen Juden der Abschaffung des sogenannten Eidschwures „mors juäaioo", des Judeneides, eine so große Bedeutung beilegten. Man hielt vielfach diesen Eidschwur sür eine einfache konfessionelle Eidesformel, die zwar in einen modernen Staat nicht hineingehöre, mit der man sich aber schließlich abfinden könne. Diese Ansicht beruht aber auf einer mangelhaften Kenntnis der Prozedur des Judeneides. Dieser Eidschwur, der von einem jüdischen Renegaten verfaßt und im Jahre 1844 vom Voiwoden Caragea durch eine Verordnung in Kraft gesetzt wurde, darf nur an einem Montag oder einem Donnerstag vorgenonimen werden. Derjenige, der ihn zu leisten hat, muß vom Rabbiner und vom Richter frühmorgens aus dem Bett geholt werden, da streng darauf geachtet werden muß, daß der Eidleistende vor der Zeremonie weder ißt noch trinkt; andernfalls wird der Schwur für nichtig erklärt. Alsdann wird er, immer vom Rabbiner und vom Richter begleitet, zum Ritualbade (Mikwah) geführt, wo ihn zwci Diener mit scharfen Messern empfangen und ihm die Nägel abschneiden. Nach dem Bade muß er sich frische Wäsche anziehen, und dann begibt er sich mit dem ganzen Gefolge in die Synagoge. Dort muß der zu Vereidigende sich die Schuhe ausziehen, das Totenhemd anlegen und mit dem Tallis angetan, vor offener Bundeslade und vor der an der Stelle der zehn Gebote aufgerollten Thora die Eidesformel dem Synagogendiener nachsagen. Vorher hat er noch folgende Worte zu sprechen: „Wie furchtbar dieser Platz ist, so ist es doch Gottes Haus, und das ist das Himmelstor für unsere Gebete. Mit dem Wissen des Allerhöchsten und unseres furchtbaren Richters bin ich hierher gekommen, um im heiligen Bethausc zu schwören. Ich schwöre bei dem lebendigen Gotte, der Himmel und Erde geschaffen, beim Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, so wahr, wie Gott und die Synagoge da sind, wie die heilige Thora wahr ist, so schwöre ich wahr." Dann folgt der Schwur: „Wenn ich falsch schwöre oder wenn ich einen anderen Gedanken habe oder wenn ich nicht mit der ganzen Seele und ganzem Herzen schwöre oder wenn ich einen schlechten Gedanken gegen den Appellanten hege und wenn ich nicht