Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692610--04386-2699193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. 0 faiilMim, © Eine versunkene Welt. Roman von Jakob Levy. (Fortsetzung). Es waren modische Stutzer mit Spitzen und Bändern wld mit Schnabelschuhen. Sie hatten bis aus die Schulter fallende Haare und glatte Gesichter, denn zu damaliger Zeit trugen Bärte nur Juden und — Könige, wie aus Gemälden und Bildsäulen ersichtlich. Nur ein etwas älterer Mann, in schwarzem Doktorhabit und weißem Halsberg, eiu Gelehrter der Universität, saß dazwischen, wie eich schwarzer Rabe unter bunten Zeisigen. Die Unterhaltung war bereits lebhaft, da öffnete sich die Tür, — und Joseph Basel trat mit vertraulichem Lächeln ein. Einige jungen Leute riefen lärmend: „Heda, Joseph, komm' zu uns. Dein Platz ist bereit." Der Angerufene kam näher und setzte sich auf einen freien Stuhl. Die Nachbarn rückten unmerklich zur Seite. Joseph beachtete es scheinbar nicht. Der Doktor sah ihn fragend an. Da sagte ihm der Junker Engelbrecht, der neben ihm saß: ,Herr Doktor Byrkelin, das ist ein ganz besonderer und lieber Jude. Der ist in punkto seines Glaubens, wie wir alle sind und lacht über die dumme jüdische Religion. Er bezahlt die Ehre, mit uns zechen zu dürfen, mit Manchen Fäßlein Weines, auch leiht er uns Geld, so wir dieses benötigen, auf ganz mäßige Zinsen. Nehmt Ihr etwa Anstoß an des Juden Gesellschaft?" Doktor Byrkelin erwiderte: „Mir ist es gleich. Ich werachte keinen seines Glaubens willen," und mit etwas verächtlichem Lächeln fuhr er fort: „Und wenn er seine Religion verachtet, kann er ja ein guter, gläubiger Christ werden." Joseph, der dies gehört, sagte: „Ich wäre wohl nicht der erste Jude, der seinen Glaubensgenossen, die er zu hassen Grund hat, den Rücken kehrt." Unterdessen drang jeder mit anderen Wünschen auf ihn ein. „Joseph, ich muß zehn Ellen scharlach Tuch haben." „Joseph, ich brauche eine güldene Kette für meine Liebste." „Joseph, bestes Jüdchen, ich benötige zehn Mark Geld, mein Herr Vater ist zäh." Bis sich Joseph lachend die Ohren zuhielt. „Ihr edle Herren, von Geschäften lasset uns morgen reden, schenkt mir in unfern: armen Haus die Ehre. Hier wollen wir nur dem frohen-Trank huldigen. Aber erlaubt mir." Er winkte dem alten Pütz. Der wackelte heraus, und gleich holte eine derbe Magd flink die Krüge fort; nur der Doktor hielt seinen noch halbvollen Krug schützend unrspannt. Die jungen Leute riefen: ,He Brigitt, willst Du uns aufs Trockene setzen?" Sie lachte mit dem ganzen roten Gesicht: „Ich bringe besseres." Pütz kam zurück, in jeder Hand zwei weitbauchige Kannen. Die Magd folgte ihm mit den Bechern und als dritter im Bunde ein Junge mit einen: mächtigen Schinken. Das Halloh und der Jubel wurden betäubend. Joseph sagte: „Genießet erst einige Schnitte, Ihr Herren, das macht guten Durst." Der Junker vom Horn klopfte Joseph auf die Schulter. „Jüdlein, kommst Du denn in Abrahams Schoß, wenn Du vom Schwein genießest?" Joseph bat: .Herr, unterlaßt doch diese Fragen! Die Thcologia steht uns hier schlecht an!" „Ja, aber ich erstaune stets, daß Du noch ein Jude bist. Rette doch Deine Seele und lasse Dich taufen. Dann kannst Du Deinem Vater, der doch ein alter Höllenbratcn bleiben wird, noch Kunden zuführen, die von den Juden nichts wissen wollen. Diesseits verdienst Du dann noch mehr Geld, und jenseits kommst Du in den Himmel." Mittlerweile sagte der Doktor Byrkelin seinem Nachbarn: „Ich wundere mich doch, daß Ihr den Juden, der mir ein schlechtes Subjekt zu sein scheint, in Eurer Gesellschaft duldet. Die Herren dürsten doch soviele Schillinge besitzen, wie sie zun: Zechen benötigen." Junker Engelbrecht lachte. „Für den Wein, wie ihn der Jude spendet, fehlen uns wohl die Schillinge. Aber er ist klug und nicht sonder Witz, weiß auch immer Neuigkeiten, sodaß wir Vorteil von seiner Gesellschaft haben. Und den Spott, den wir mit ihm treiben, muß er ertragen." ' .Welchen Nutzen hat er denn von Euch, daß er den Schimpf erduldet?" „Ei, er hat die Ehre, bei uns sitzen und mit uns zechen zu dürfen. Dann machen wir gerne Handel mit ihm und geben ihm Antwort auf seine Fragen, die ein anderer Jude uns nicht stellen dürfte." Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Der Doktor lächelte. „Mich dünkt, der Jude macht sich für seinen Wein reichlich bezahlt, aber ich verarge ihm dieses nicht. Klugheit ist die einzige Waffe seines Volkes." Der würzige Dust des Johannisbergers erfüllte nicht nur das Zimmer, sondern nach und nach auch die Köpfe der zechenden jungen Leute; nur der Doktor blieb bei seinem halben Krüglein, das er noch nicht geleert hatte, klar. Joseph wurde von allen Seiten gehänselt,; unddie Junker verübelten ihm eine derbe,. schlagfertige Antwort durchaus nicht. , „Joseph, es kann Dir alles-nichts helfen, Dü mußt Dich taufen lassen. -Wenn die Juden zum Teufel gejagt werden, wollen wir Dich behalten." Tolles^Gelächtcr belohnte ben Junker vom Horn. "^'.'Der^ülgegrisfene sagte ernst: „Ihr Herren solltet doch nicht'über-.Eüer Heiligstes, über die Taufe spotten,^ .Wenn;.ich^. aus Ueberzeugung Eure Religion, welche die Nächstenliebe lehrt, die von den Christen immer so treulich geübt wird, annehme, werde ich ein Christ wie Ihr und kann Euch alsdann doch mit Geld und mit alledem nicht mehr dienen, was Ihr von den Juden begehrt." * Der Junker vom Horn, dem der Spott in der Antwort Josephs entgangen war, erwiderte: „Oho, wenn Du ein richtiger und frommer Christ geworden bist, wirst Du uns Geld ohne Wncherzinsen leihen, nur um Gottcswillen." Alle lachten. ,Herr -.Engelbrecht aber ries: „Kann denn ein Jude ein guter und frommer Christ werden? Herr ^Doktor Byrkelin, ich bitte Euch, gebt Ihr uns Antwort daraus." ' Der Doktor sah sich im Kreise um, dann aber meinte er: „Ich glaube, den Herren wird jetzt eine Erzählung, die ich Ihnen als Antwort geben könnte, nicht sonderlich gelegen sein." Die jungen Leute, die den aus einem vornehmen Geschlecht stammenden Doktor sehr achteten, riesen: „Gewiß, wir bitten Euch darum." Sie sahen ihn erwartungsvoll an, und es wnrdc ruhig im Zimnrer. Der Doktor Byrkelin strich mit seiner schlanken Hand.über das Kinn; dann begann er: „Ihr edle Herren. Vor Jahren lebte in unserer .lieben Vaterstadt ein Jude, der bei seinen Glaubensgenossen, aber auch bei Christen in hohem Ansehen istand und, wie unser Gast, auch bei den Vornehmen -.verkehrte. Zur -Freude der froinmen Kölner, vielleicht auch unter dein Zwange der damaligen Verhältnisse ließ er ,sich taufen, Patrizier drängteir sich als Paten hinzu und erwiesen sich ihm gefällig und freundlich. Der sehr gelehrte Jüngling, der jetzt Everardus hieß, wurde Priester, und der hohe Klerus überwies ».ihm ein einträgliches Kanonikat im Stifte St. Klndreas nebst der damit verbundenen Wohnung .neben St. Paulus. Sein Leben als Priester war tadellos, er lebte still und einsam, streng der Erfüllung seiner Pflichten Mnd der Stunden der Andacht. Seine einzige Belustigung waren ein Hund und eine Katze, die er getrennt in besonderen Höfen eingesperrt -gut fütterte und pflegte, aber niemals frei.herumlaufen ließ. Nach Wielen Jahren wurde er krank, sein Zustand ward Mit jedem Tag bedenklicher, und endlich war er <dem Tode nahe. Da.dachte jeder, er würde zu den Heilnritteln der katholischen Kirche seine Zuflucht nehmen und sich Mit den Sterbesakramenten versehen lassen. Aber wie staunten alle, als er nicht nur hartnäckig >den Beistand der Kirche verschmähte, sondern sogar wallen Priestern bei: Zutritt zu sich strenge verbieten «ließ. Seine Freunde, welche die plötzliche Sinnesänderung des Priesters bestürzte und denen sein Seelenheil -am Herzen lag, waren untröstlich und bemühten <sich, den Verirrte» wieder aus die rechte Bahn >zu lenken, aber alles war vergebens, er verharrte Hei seinem Entschluß. Bekümmert,unrstanden sie sein Lager und konnten jsich der Tränen nicht erwehren. Er»aber sprach mit leiser Stimme, doch mit Nachdruck und großer Fassung: „Verwundert Euch nicht, / Ihr Leichtgläubige, die Ihr das Lager des Sterbenden .-umsteht, die Ihr zu erraten glaubt, was.des Herzens geheimste Falten birgt. Ich habe Eure sNeligion niemals als die meinige betrachtet. In.Eurem Glauben blüht nur keine Seligkeit und ich war weit entfernt, sie darin zu suchen. Doch wozu die vielen Worte, ein Beispiel soll Euch belehren, das .aus der Natur genommen, die nur Wahres kennt." Hierauf befahl er einem Knaben, sich in den Hostaum izu begeben und den von ihm wohlverwahrten wund heraufzuholen, einem andern trug er auf, o:e Katze aus ihrem Versteck bervorzuziehen und »sie sorgsam aus dem Arm in die Stube zu bringen. , Nachdem »dies geschehen, ließ er noch einen Hasen und eine Maus, die er gleichfalls eine geraume Zeit - gut genährt hatte, zum Vorschein bringen. Aber Zaum fühlte der Hund sich ftei und erblickte den Hasen, so stürzte er, seiner Natur getreu, sich auf diesen und jagte ihn, bis er ihn erfaßt chatte. Mit Begierde haschte die . Katze ihrerseits nach der Maus, tötete und verschlang sie. Nr 48. Mit gespannter Aufmerksamkeit blickten die Anwesenden -auf das seltsame Schauspiel. Eine feierliche .Stille herrschte, die der Kanonikus mit den Worten unterbrach: „Habt Ihr nun gesehen, -wie wunderbar die Natur in diesen unvernünftigen Tieren sich bewährt? Keines hat das andere in seinem Leben je gesehen, alle vier waren sie.von dem Tage au, da sie das Licht der Welt erblickten, -getrennt und jedes für sich eingeschlossen und dennoch haben weder der Hund, noch die Katze ».ihre Natur verleugnet, sind ihr vielmehr ganz treu geblieben. ' - So verhält es sich auch mit dem wahren Juden, mag er auch in den Fesseln der Zw.angstaufe eingeschlossen »sein, er bleibt dennoch seiner jüdischen Religion im Herzen treu, er fällt in seinem Innern von seiner väterlicheil Religioi: nicht ab. Und ebenso wenig es möglich ist, daß der Hase den Hund jage oder die Maus die Katze verfolge, so wenig wird es den Christen gelingen, bei: wahren Juden zum Bekenntnis eines anderen Glaubens zu vermögen." Kurz darauf starb er, und alle Anwesende verließen sein Haus mit Entsetzen." (Fortsetzung folgt.) Heber Mische Geschichtschreibung. Zu den Aüssührungen des Herrn Maxime Le Maitre in No. 45 wird uns geschrieben: Es ist zweifellos richtig, daß die Eigenart der jüdischen Geschichte, die sich mit keiner anderen vergleichen läßt, an den Historiker ganz besondere Anforderungen stellt. Wenn man aber diese Anforderungen hervorheben will, dann darf man sich meines Erachtens nicht darauf beschränken, die Notwendigkeit der Kentnis der Rechts-, Wirtschafts- und Sitten- «e zu betonen. Es gibt ein Moment, das für ischen Historiker noch viel wichtiger ist, und das ist seine Stellung zur religiösen Entwicklung Israels, zur Thora. Denn von dieser Stellung hängt die Frage ab, ob jemand gewisse Perioden der jüd. Geschichte mit Liebe erfassen, ob er sich für die hervorragenden Persönlichkeiten dieser Perioden b egeistern kann. Begeisterungsfähigkeit aber ist eines der ersten Erfordernisse für den Historiker. In der Stellung Grätz zur Thora und besonders zum Talmud liegt z. B. der Schlüssel dafür, daß manche Partien seiner Geschichte, wie die Periode der Amoraim oder die Charakterisiemng der großen Vertreter des Talmudstudiums in Polen völlig mißlungen sind, wahrend die Schilderung der spanischen Blüteperiode eine viel höhere Stufe einnimmt. Wer die Bedeutung des Talmudstudiums für das Judentum nicht versteht oder wer gar, wie manche Historiker, den Talmud mit Geringschätzung, ja mit Haß betrachtet, dem muß der tiefere Einblick in den Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte verschlossen bleiben. Merkwürdig ist, daß Herr Maxime Le Maitre unter allen Arbeiten über jüdische Geschichte gerade Schürers (so soll es wohl heißen) »Geschichte des jüdischen Volkes zur Zeit Christi" als die beste preist. Er sagt seivst, daß ein Nichtjude nicht jüdische Nationalgeschichte schreiben kann, und er rühmt einen Historiker, die »Wunde des jüdischen Volkes nachzutühlen", der sogar die jüdischen Geschichtsquellen mißachtet oder ignoriert! Und diese jüdischen Quelle» sind doch gerade für die Beurteilung jener Zeit von der höchsten Bedeutung. Es wäre in der Tat nützlich, wenn unsere Gelehrten sich mehr der Erforschung der jüdischen Geschichte widmen würden; denn die tiefere Erkenntnis der Vergangenheit würde uns auch vor manchen Jrrtümern und Einseitigkeiten in der Erfassung der Gegenwartsaufgaben bewahren. Dr. I. U. Der Verfasser der obigen Zuschrift weist mit Recht auf ein -Moment in der jüdischen Geschichtschreibung hin, das ich nur deswegen zu betonen unterlassen habe, weil' ich es für überflüssig hielt, eine solche Selbstverständlichkeit noch einmal hervorzuheben. Was Herr Dr. I. U. an Grätz rügt, ist vollständig berechtigt. Ohne Liebe 'für das gesamte jüdische Schrifttum ist jüdische Geschichtschreibung unmöglich. , Ich halte einen Protestanten, sofern er kein Antisemit und kein eingefleischter Bibelkritikaster ist, für fähig, dieses oder jenes Kapitel aus der jüdischen Geschichte zu schreiben, nicht aber eine ganze jüdische Nationalgeschichte, weil' sie unmöglich zu jener philosophischen Stilisierung des Materials im jüdischen Sinne führen kann. Aus dieser Auffassung heraus habe ich auch Schürers Werk beurteilt. Maxime Le Maitre. Aus -er Geschäftswelt. Herr Hiestaurateur Deutsch, Wiesbaden, Nerostraße .23, sieht sich veranlaßt, seine Lokalitäten bedeutend zu vergrößern und verlegt deshalb ab 1. Januar sein Restaurant nach Taunusst r a ß e 43. Gleichzeitig hat Herr Deutsch elegante Zimmer zum Logieren eingerichtet.