Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692610--04383-2699190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. MbonnementSpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— ftei inS HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 1. i KsdaLtto« rr«d chefchLftsftetts SrsnKfurt 2. m.» vilbelerstraße 0, Lcke Llerchstraße P-kef-« 10S07. Hepausg-Vevr Kaks . . , Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petttzelle. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschttst ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereirckunft. - 6. Jahrgang. Freitag, de« 17. Kislew 5669 (11. Dezember 1908). No. 48. Inhalt des Hauptblattes. . Artikel: Ueber die wirtschaftliche Stellung der deutschen Juden. — Der Judeneid in Rumänien. — AuL aller Welt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Ueber jüdische Geschichtschreibung. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten.— Wo chen-Kalend er. —Familien Nachrichten. Bärmizwohs. Ueber die wirtschaftliche Stellung der deutschen Jude«. Von Dr. med. Eisenstadt -Berlin. Wer sich mit der wirtschaftlichen Entwickelung beschäftigt, welche die Juden in Deutschland in der Gegenwart und schon im vorigen Jahrhundert erlangt haben, der muß zwecks eines .richtigen Verständnisses die Lage der Juden am Ende des 18. Jahrhunderts näher kennen. Vor allem muß er die objektive Beurteilung eines christlichen Nationalökonomen, nämlich Christian Wilhelm Dohms, kennen, dessen Buch über die bürgerliche Verbesserung der Juden (Berlin, Nicolai'sche Buchhandlung, 1783) noch heute aktuell ist: noch heute kann ohne- Zweifel gesagt iverden, daß Dohms Forderungen zur Lösung der Judenfrage unentbehrlich sind. Nach seiner Ausfassung steht eine immer zunehmende Bevölkerung im Einklänge mit dem Wohle der Gesellschaft. Während daher die Regierungen der europäischen Staaten im allgemeinen eine Bevölkcrungszunahme wünschen und durch Begünstigung der Eheschließungen, Einführung von Schutzzöllen und anderen Maßnahmen zu fördern suchen, sehe man eine Vermehrung der Juden, dieser „asiatischen Flüchtlinge", sehr ungern. Von Ackerbau und Handwerkergilden sind sie ausgeschlossen, meist nur auf kleinen Detailhandel oder Geldleihgeschäfte angewiesen, und dennoch — trotz des' Hasses aller Nationen — existieren sie. . Demgegenüber weist Dohm den Regierungen die Aufgabe zu, „die ausschließenden Grundsätze aller dieser verschiedenen Gesellschaften (Adel, Bürger, Bauer, Städter und Landmann, alle Konfessionen) so zu mildern, daß sie der großen Verbindung, die sie alle umsaßt, nicht nachteilig werden, daß jede dieser Trennungen nur den Wetteifer und die Tätigkeit wecken, nicht Abneigung und Entfer-. "nung hervorbringen und daß sie alle in der großen Harmonie des Staates sich auflösen". Die meiste Schuld an den ungeselligen Beziehungen zwischen Christen und Juden hätten die christlichen Regierungen. Unter den. ersten christlichen Kaisern waren sie mit den übrigen Bürgern gleichberechtigt, bald. aber trat, ihre soziale Ausstoßung ein, die Dohm in großen Zügen beschreibt. Der Vorschlag, den Dohm zur bürgerlichen Verbesserung der Juden macht, geht dahin, sie vor allem. als selbst arbeitende Bauern anzusiedeln und auch zum Handwerk zuzulassen. Er gibt eine interessante Klassenpsychologie der Bauern, Handwerker- und; Kaufleute und meint, könne nicht durch die /stillsitzende Arbeit eines öffentlichen Bedienten (Beamten), auch nicht durch den Ackerbau im großen, der zu viel Aehnlichkcit mit dem Handel hat, sondern in der Werkstätte und hinter dem Pfluge beseittgt werden. Vom moralischen Standpunkte hält er sie für Kolonisten besonders empfehlenswert: sie lieben ihre Häuslichkeit, Vergehungen gegen die Unkeuschheit sind bei ihnen weit seltener. Ist es nicht ganz selbstverständlich, daß D o h ui wegen dieses Vorschlages aufs heftigste angegriffen wurde? Auf die Regierungen hat diese seine Denkschrift nicht den geringsten Eindruck gemacht. So ging denn die ökonomische Entwicklung ohne die Kolonisation der Juden weiter. Hören wir, wie 120 Jahre nachher ebenfalls ein christlicher Nationalökonvm, Werner S o m b a r t, in seiner „Deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" (S. 128—135) urteilt: „Wenn man auch.in der Abschätzung des Einflusses der Juden auf die Gestaltung unseres Wirtschaftslebens nicht so weit zu gehen braucht, wie der größte Jude, den das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, Karl Marx, der schlechthin meint, daß „der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden sei", daß „das reale Wesen des Juden sich in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht", daß mit anderen, Worten moderne, .kapitalistische und jüdische Wirtschaft identtsche Begriffe seien, so wird man doch zugeben müssen, daß unser Wittschaftsleben, wie es sich im 19. Jahrhundert gestaltet hat, ganz undenkbar wäre ohne die Mitwirkung der Juden." Sombart führt aus, wie drei Seiten des jüdischen Nationalcharakters hier bedeutsam seien, das Vorwalten des Willens, der Eigennutz und die Abstraktheit der Geistesbeschaffenheit. Wenn man iiT jüdischen Kreisen noch heute eine starke Ueberwettung des Geldes und des Besitzes findtt, so kommt dattn nach Marx das Bekenntnis zu dem der jüdischen Art adäauaten weltlichem Gott zum prägnanten Ausdruck; indessen haben — sagt Sombart — auch andere Umstände, die historische, zwangsweise Beschränkung auf den Geldhandel, die Zurücksetzung in rechtlicher Beziehung, die Ausschließung von Aemtern und Würden und vom Grundbesitz, diese Ueberbewertung des Geldes gefördert Das Geld ersetzt ihnen, .was sie durch Machtspruch der Gesetzgebung entbehren mußten: Geltung und Ansehen. Das Endergebnis ist nach Sombatt zweifacher Art: „Die Juden sind hauptsächlich in den Berufen vertreten, in denen das reine, qualitätslose, abstrakte.Geldverhältnis am ausschließlichsten herrscht: das sind der Geld- und nach ihm der Warenhandel, und zwar in diesem wiederum der Zwischen- oder der Detailhandel, während in der Produktionssphäre, zumal in der Landwirtschaft,, längst, die Beteiligung: der Juden nicht in gleichem Maße stattfirüiet." Andrerseits: „Je mehr sich jüdisches Wesen durchsetzt, desto ausschließlicher kommt die 'kapitalistische Organisation zur Anwendung. Die Mission der Juden besteht dattn, die heute noch konservierten Reste vorkapitalistischer Organisationen aus der Welt zu schaffen." In Deutschland kommen (1903!) auf 10000 Einwohner 111 jüdischer Konfession. Derselbe Prozentsatz besteht auch in den Bereinigten Staaten Amettkas. Also, schließt Sombatt, steht Deutschland besser dran, wie Skandinavien, Italien, Spanien, Frankreich, woselbst zu wenig Juden sind, während umgekehrt Länder, in denen zu viel Juden wohnen, z. B. Rumänien (450 Juden auf 10000 Einwohner) in ihrer wittschastlichen Entwicklung aufgehalten werden. Für Deutschlands Juden und Wittschastsleben kommt noch die halb durchgefühtte Gleichberechtigung in Betracht. Weil chnen Armee und Verwaltung ganz verschlossen und noch andere Berufe schwer zugänglich sind, werden viele gerade der iittelligeittesten Juden im Wirtschaftsleben festgehalten; die wenigen Juden Frankreichs sind im Staatsdienst, Armee und Zivilverwaltung größtenteils aufgegangen. Ich habe die Auffassung eines bedeutenden Lehrers der Volkswirtschaft ausführlich dargelegt, um zu zeigen, wie am Ende des 19. Jahrhundetts aus der Not, die Dohm geschildert hat, eine Tugend geworden ist. Anscheinend widerspttcht die historische Entwicklung der Meinung vonl Nutzen jüdischer Kolonisatton und gibt vielmehr der Emanzipatton der Juden einen höheren Wert. Ob diese Theotte von den Beziehungen der Juden zur Entfaltung der großkapitalistischen Wirtschaft richtig ist, müßte erst durch eine genaue Wirtschaftsgeschichte und -stattstik erwiesen werden. Ganz in Sombarts Sinne ist das Resultat der „Studien zur Wirtschastsstellung der Juden" von Dr. P i n k u s (Berlin, Louis Lamm, 1905) ausgefallen. Es sind aber noch wtttere Arbeiten auf diesem Gebiete notwendig, vor allem ist zu untersuchen, welche Rolle die Emanzipation, die gesetzliche Gleichberechttgung hier spielt, da bekanntlich in Rußland an der Entfaltung der dottigen kapitalistischen Wirtschaft auch ohne Emanzipation ein Teil der Juden stark beteiligt ist. Es sind m. E. zwei Fragen zu beantwotten: 1. Inwiefern hat die Emanzipatton zur aufstttgenden wittschastlichen Entwicklung der Juden selbst und der Volkswirtschaft bcigetragen? 2. Welche psychischen Veränderungen hat die Emanzipatton an den Juden hervorgerufen? Ich will im folgenden versuchen, diese beiden Fragen, die m. E. eng zusammengehören, zu beantworten. Die Emanzipation ist der Endpunkt einer liberalen Bewegung zwec8 völliger Gleichstellung der Konfessionen vor dem Gesetz. Seit dieser Gleichberechttgung bietet sich in Deutschland und ebenso in allen Ländern, wo sie eingeftlhtt ist, ein doppeltes Schauspiel: Die Juden weisen ihre Stammesgenossenschast weit von sich und erklären sich als Deutsche, welche nur durch ein religiöses Band zusammengehalten sind, die Deutschen anderersttts verhalten sich gegen die Red'er noch zu kaufmännische Geist der Juden