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Neue jüdische Presse · 1908-12-04 · Heft 47 (4.12.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 47 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 47 Frankfurter JsraelitWS Familienblatt. des „Vereins für Schulgesundheitspflege", die es bisher ängstlich vermieden haben, auf die in der Presse erhobenen Angriffe auch nur mit einer Silbe zu antworten, bei der beschämenden Affäre eine nicht gerade rühmliche Rolle gespielt haben. Mannheim. Für die vevo, siedende Shnagogenratswahl - haben die Liberalen, Orthodoxen und Zionisten ein Kompromiß geschlossen und sich bei einem neu zu wählenden Kandidaten auf eine Persönlichkeit ge» einigt, die auf konservativem Boden steht. Hannover. Die Sitzung des Kuratoriums der „Israel. Erziehungsanstalt Ahlem" tagte diesmal in Berlin. Eine ungewöhnlich lebhafte Beteiligung aus nah und fern war die Folge. Der Vorstand konnte feststellen, daß die Gründung Ahlems .durch Konsul Simon durch das bislang Erreichte gerechtfertigt ist, daß die in Ahlem ausgebildeten Gärtner ohne Schwierigkeit Stellung gefunden haben, und daß eine erhebliche Zahl dieser jungen Leute sich sogar schon in selbständigen oder wenigstens leitenden Stellungen befindet. Ueberdies wird durch eine von der Anstalt in allen Einzelheiten und mit größter Objektivität geführte Statistik nachgewiesen, daß aus der Schüler-Abteilung annähernd 70 Prozent Gärtner- und Handwerker- Lehrlinge hervorgegangcn sind. — Unter Leitung des Vorsitzenden des Berliner Lokal - Komitees, Herrn Louis Rosenbaum, fand dann abends im großen Logensaale, Wilhelmstraße, eine Versammlung statt, in der das Hauptinteresse ein Vortrag des Vorstandsmitgliedes Herrn Zuckermann -Hannover bildete. Der Redner schilderte die Erziehungsmethoden, wie sie in Ahlem betätigt werden, und deren Erfolge. — An den Vortrag schloß sich eine äußerst angeregte Besprechung. Herr v. Ger lach beleuchtete die Wirksamkeit der Anstalt Ahlem hauptsächlich vom politischen Standpunkte aus. Er ist der Meinung, daß die stärkere Beteiligung der Juden an der Bearbeitung des Bodens von höchster Wichtigkeit sei. — Herr Dr. Heymann würdigte die Ziele der Anstalt in Bezug auf die Erhaltung der jüdischen Volksmasse und die Heranbildung qualifizierten Menschenmaterials als Pioniere für jüdische Kolonisationsbestrebungen. — An der weiteren Diskussion beteiligten sich u. a. Herr R o s e n o w aus der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde und Herr Redakteur Eurt Bürger, der den Nachweis führte, daß es eine ganze Anzahl von jüdischen Landwirten in Deutschland gibt, deren hervorragende Befähigung für die Landwirtschaft selbst von ihren politischen Gegnern anerkannt wird. — Es wurde dann noch der Prospekt einer neuen Abteilung der Anstalt „Haushaltungsschule für jüdische junge Mädchen aus bürgerlichen Kreisen" verteilt, der bei den zahlreich anwesenden Damen ein lebhaftes Interesse erregte. In das Kuratorium neu gewählt tmirden die Herren: Rechtsanwalt Dr. Bärwald-Frankfurt a. M., Siegfried Brünn-Berlin, Dr. med. Hirsch-Hannover, Syndikus Dr. Katz-Hannover. Oesterreich-Ungar». Wien. Am 2. Dezember waren es 60 Jahre, daß Kaiser Franz Josef die Regierung für seinen regierungsmüden Bruder Ferdinand übernahm. Zur Feier dieses Ehrentages sind die Juden Oesterreich-Ungarns mit der anderen Bevölkerung des Reiches in dem Gefühle der Liebe für den greisen Kaiser vereinigt, und in Hunderten von Synagogen haben sie zu Gott gefleht, daß er ihnen diesen Herrscher noch lange erhalte. Bei dieser Gelegenheit möge an die erste Reichsversammlung, die vor 60 Jahren zusammentrat, erinnert sein. In diesem Parlament saßen 5 jüdische Abgeordnete: Dr. Adolf Fischhof, Dr. Josef Goldmarck, der Bruder des Komponisten, Großhändler Abraham Halpern, der Wiener Prediger Isaak Noa Mannheimer und Rabbiner Baer Weisels. Auf diesem Reichstage wurde unter Zustimmung der Mitglieder auch von der Judenemanzipation gesprochen, es kam aber zu keinen gesetzlichen Beschlüssen, da der Reichstag bereits am 7. März 1849 aufgelöst würde. Czernowitz. An dem Obergymnasium zu Suczaw a ist ein Lehrer namens Coppelion, der Antisemit ist. Kürzlich leistetesichdieserLehrerdas Unglaubliche, nach einem Vortrage über den schädlichen Einfluß der jüdischen auf die christlichen Kinder, die jüdischen Kinder von den christlichen gesondert zu setzen. Rutzlanö. Radomisel. Kiew ist durch einen furchtbaren Raubmord in Aufregung versetzt worden. Da ich grade in Kiew weilte, so vermag ich ein getreues Bild der scheußlichen Tat zu geben. Podol ist eine lange Straße, die von der größten Straße Kiews „Kreczatik" bergab führt. Hier befindet sich der berühmte Kiewer Trödelmarkt und alle größeren Geschäfte der Manufaktur- und Spezereibranche. Das größte Spezereigeschäft ist das von Samuel Hornstein. In diesem Geschäfte erschienen um 5 Uhr abends, als keine Käufer mehr im Laden waren, plötzlich 3 Männer; einer saßte Posto am Eingänge und die anderen gingen direkt auf die Frau des Herrn Hornstein zu, die an der Kasse saß und verlangten „Dengi (Geld)". — Die Frau fing zu schreien an, und es kamen auf ihr Geschrei Herr Hornstein und der Buchhalter Beisel herbeigeeilt. Die Räuber warteten nicht lange, feuerten sofort auf die Frau, die gleich tot zu Boden fiel, dann auf den Buchhalter Beisel, der ebenfalls bald sich in seinem Blute wälzte, dann fiel ein Schuß auf Herrn Hornstein, den sie lebensgefährlich vertvundeten, schließlich auf einen fremden Bonbonssabrikanten Horowitz, der schleunigst sich davon machte und erst, zn Hause angelangt, bemerkte, daß aus seiner rechten Seite Blut strömte. Den Mördern gelang es, ungehindert das Lokal zu verlassen. Die Kiewer Polizei setzt alle Hebel in Bewegung, die Mörder einzufangen, was aber bis auf den heutigen Tag nicht gelang. — In Shitomir gelang es der Polizei, eine Höhle aufzudecken, in der unter Vorspiegelung guter Partien jüdische Mädchen nach der Türkei verkauft wurden. — Auf der Kiewer Straße im Gasthausc „Karszmar" wurden diese Geschäfte abgeschlossen, und allwöchentlich ging der Export der lebendigen Ware nach der Türkei ab. Die Reise war via Odessa, wo ein Herr Salomon die Ware in Empfang nahm und sie nach Konstantinopel in die Harems lieferte. I. I. Braun. Warschau. Hier haben zahlreiche jüdische Studenten, um an der Universität ausgenommen zu werden, dieTaufe über sich ergehen lassen. Auf diese Weise hat sich die Zahl der „christlichen" Studenten so vermehrt, daß nach der Prozentnorm zwei weitere Vakanzen für Juden entstanden, die auch sogleich besetzt wurden. — Acht jüdische junge Leute, die das Konkurrenz- Examen am hiesigen Polytechnikum sehr gut bestanden hatten, aber ihres Judentums wegen nicht ausgenommen wurden, wandten sich an den Chacham der Karaiten in Petersburg wegen Aufnahme in diese nicht unter Ausnahmegesetzen stehende jüdische Sekte, um so auf diese Weise der Taufe zu entgehen; — der Chacham lehnte jedoch ihr Gesuch ab, da die Karaiten gegen das Renegatentum seien. Rumänien. Bukarest. Endlich haben auch wir rumänische Juden einmal einen Sieg errungen! Wir haben bisher in Rumänien noch nie einen Erfolg gehabt, — nun endlich können auch wir einen solchen aufweisen: , Der barbarische Eidschwur more judaico l.,nach jüdischer Sitte" genannt, weil er mit jüdischer Sitte nichts zu tun hat!) wurde am 24. November durchSpruch desHohenKassations- Hofes abgeschafft. Das Hauptverdienst an dieser Abschaffung, einer wahrhaft barbarischen und der heutigen Zeit unwürdigen Erniedrigung der Juden, fällt dem Rabbiner Dr. I. Niemirower in Jassy zu, der sich als erster weigerte, einen solchen Schwur entgegenzunehmen und die Frage zum gerichtlichen Ausgleich brachte. „N. I. K." Personalien. Berlin. Eine Trauerkunde, tie Wohl auch noch weit über das Weichbild unserer Stadt hinaus schmerzlich ausgenommen worden ist, hat die Gemüter erschüttert: Oberamtmann Ludwig Cohn ist ganz plötzlich — infolge eines Hirnschlags — aus dem Leben geschieden. Als Vertrauensmann vieler Großgrundbesitzer und Verwalter großer Güter stets mit Arbeiten überhäuft und den größten Teil des Jahres unterwegs, fand der so jäh aus dem Leben Geschiedene dennoch immer Zeit, sich an sehr zahlreichen jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen mit aufopfernder Hingabe zu beteiligen. Mit bewundernswürdiger Ausdauer, jeder Müdigkeit trotzend, opferte er nicht selten seine wenigen freien Stunden irgend einer jüdisch-humanitäre» Sache. Für die Linderung des Elends, wie es in einer Großstadt in tausendfältiger Form existiert, war ihm kein Weg zu viel und zu weit, und für jeden wohltätigen Zweck wußte er bei seinen zahlreichen, vielvermögenden freunden Mittel aufzutreiben. Sein kluger, praktischer Sinn erblickte aber in der Linderung der Not durch Spendengeben keine soziale Mhilfe, und so schloß er sich allen Bestrebungen an, die dahin zielten, statt Almosen den Armen Erwerbsmöglichkeiten zu verschaffen. Die Schöpfung des jüdischen Arbeitsnachweises istnicht zum wenigsten seiner Initiative zu verdanken, und mit demselben Eifer, den er bei jeder Arbeit an den Tag legte, verschaffte er auch diesem Institut Gönner, Mitglieder und Popularität Der tiefere Einblick in das soziale Elend unserer Stammesgenossen, die, durch die politische Zurücksetzung auf wenige Berufs- und Erwerbszweige verwiesen, häufig der Großstadt zuwandern, um dort ihre Existenz zu finden und dann ebenso häufig hier scheitern, war jedenfalls mitbestimmend, die Juden für die landwirtschaftliche Tätigkeit zu gewinnen. Selber ein ausgezeichneter Landwirt (Herr Cohn war Rittergutsbesitzer) und überzeugt, daß ein gesunder Bauernstand dem Judentum in seiner politischen Stellung viel mehr nützen müßte, als ein durch dieses überfüllter Gelehrten- und Handelsstand, vertrat er den Standpunkt, daß den Juden mehr wie je die Beschäftigung mit der Landwirtschaft not tut. Die Anhäufung eines jüdischen Proletariats in den Großstädten, — eben eine Folge einseitiger Betätigung — die Verödung der kleinen Stadt- und Landgemeinden, in der er mit seinem klaren Blick eine große Gefahr für die Zukunft des Judentums erblickte, der stetige Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Deutschland waren für ihn die Symptome einer physischen Schwächung unseres Volksstammes. Von der einzig richtigen Schlußfolgerung ausgehend, daß hier nur eine Rückkehr zu einer Betätigung, ohne die kein Volk für die Dauer lebensfähig bleiben kann, Besserung schafft, war er einer der ersten, welche die Initiative zur Gründung eines Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden ergriffen. Wie jede große Idee von weittragendster Bedeutung nur sehr langsam Wurzeln schlägt und von Einsichtslosen entweder verlacht oder bekämpft wird, so hatte auch dieser Verein unter solchen Widrigkeiten zu kämpfen, wohinzu noch kommt, daß viele unserer jüdischen Zeitgenossen in dieser Bestrebung ein einfaches Wohltätigkeitsinstitut erblickten, wo eS doch vielmehr ein Kulturwerk hochbedeutsamster Natur ist. Unbeirrt von den unvermeidlichen anfänglichen Fehlschlägen, die nun einmal als die Kinderkrankheiten eines weitgesteckten Zieles nicht zu umgehen sind, beharrte er fest bei der Durchführung der geweckten Idee und leitete mit fester Hand den Verein. Seine größte Hoffnung, die Vereinigung des Vereins mit den großen, gleiche Ziele verfolgenden Stiftungen, — den Tag, der diese seine Hoffnung ihrer Verwirklichung näher bringen sollte, hat er nicht mehr erlebt. Zwei Tage zuvor wurde er zu Grabe getragen. Wer Ludwig Cohn näher gekannt, weiß auch, was wir Juden an ihm verloren haben. In seinem fast täglichen Verkehr mit den Vertretern des Hochadels vertrat er seine jüdische Persönlichkeit allen jenen gegenüber, die an ihm den Juden übersehen wollten. Eine stark ausgeprägte Persönlichkeit, dachte er niemals daran, auch nur einen «Augenblick sein Judentum zu verleugnen. Von einem schier unbegrenzten Vertrauen als Sachwaller und Fachmann getragen und nicht minder als ein unbestechlicher Ehrenmann geschätzt, war er noch vor wenigen Wochen von Allerhöchsten Persönlichkeiten berufen worden. Sein jüdischer Name, den er gerade in diesen Kreisen oft recht nachdrücklich unterstrich, war kein Hindernis für ihn geworden, so wenig wie seine jüdische Denkweise, mit der er Jedermann stolz gegenüber trat, so wenig seine äußere Erscheinung ben Juden auch verriet. Wahrlich ein wohltuendes Musterbild eines echten und rechten jüdischen Mannes in einer Zeit, in der eine charakterschwache Generation sich und anderen ihre jüdische Herkunft vergessen zu machen bemüht ist. Nun ist er von uns gegangen. Am verflossenen Freitag, als sich die Sonne zum Westen neigte und der Sabbat sich wieder nahte, verließen wir wehmutsvoll gestimmt den Friedhof, wohin ihm eine große Schar Leidtragender das letzte Ehrengeleite gegeben. Sein Andenken wird unvergessen in uns weiterleben. Dr. Arthur Kahn. Berlin. Hier verschied im 6». Lebensjahre Dr. Wilhelm Freiherr von Landau, Sohn des 1883 verstorbenen Geh. Kommerzienrats Jacob Landau. Als archäologischer und ethnographischer Forscher bereiste er fast alle Erdteile und verfaßte u. a. ein größeres Werk über phönizische Inschriften. — Fräulein Dr. Gertrud Klausner, Tochter des Generalsekretärs der Deutschen Konferenzgemeinschast der Alliance Jsraelite Universelle, der dieser Tage seinen 60. Geburtstag feierte, hat das Staatsexamen für das höhere Lehrfach bestanden. Breslau. Bei den Stadtverordnetenwahlen wurden wiederbezw. neugewählt: Geh. Justizrat Dr. Freund, der langjährige Stadtverordnetenvorsteher, Handelsrichter S i e g m. Sachs, Bankdirektor Dr. jur. Ernst Hanke, Justizrat Paul Hein und Dr. Ludwig Goldschmidt. Außerdem gehören noch folgende Juden dem Stadtverordnetenkollegium an: EmanuelBreslauer, Maurermeister Louis Ehrlich, Konsul Eugen Ehrlich, Handelsrichter Rud. Eppenstein, Adolf Friedenthal, Geh. Justizrat Feige, Louis Hamburger, Justizrat Heilberg, Dav. Mugdan, Justizrat Ollendorf, Max Oettinger, Dr. Reich und Professor

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