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Neue jüdische Presse · 1908-12-04 · Heft 47 (4.12.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 47 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Oerte 2. Geheimer Regierungsrat dazu. Aber was nutzts ihm? Er ist Jude. Wenn aber Hermann Cohen nicht ein Exempel für ein tragisches Martyrium abgibt, wenn Hermann Cohen nicht ad ocolos demonstriert, daß Staat und Gesellschaft zu uns nicht in einem konfessionellen, sondern in nationalem Verhältnis stehen, so will ich Euch ein anderes, schlagendes Exeuipel bringen: Ludwig Stein. Ludwig Stein, der Inhaber des Lazarusschen Stuhles für Philosophie an der deutschschweizerischen Universität in Bern, ist nicht so eckig und kantig wie Hermann Cohen, er ist nicht Professor in Preußen, sondern in der „freien" Schweiz, er ist kein Unikum wie der große Marburger, und er hat sich nicht in einen so scharfen Gegensatz zu seiner Zeit gestellt wie Cohen, — und doch wird er nicht weniger verfolgt, als sein großer Schicksals- und Fachgenosse. Hermann Cohen ist der Philosoph der Kategorien und der grundlegende Systematiker, Ludwig Stein der weitschauende Historiker, der llare Analytiker, der Philosoph nicht des Transzedentalen und des Dinges an sich, sondern der der sichtbaren Erscheinungen innerhalb des Bereiches der Manifestationen des Menschengeistes. Ms Wirklichkeitsphilosoph ist er zu manchen Kompromissen geneigt. Als Beispiel steht ihm fein großer Meister Leibniz mit dieser Neigung da. Stein ist ein Intimus von Bülow und unterhält Beziehungen zu der haute societe in Berlin und Wien. Für die Sozial- und Rechtsphllosophie ist er von grundlegender Bedeutung — trotz der Klarheit seines Styls. . . . Der Begründer der Mllieutheorie in Deutschland, Gumplowitz, erhob ihn auf den Schild, der Münchener, Rechtsphllosoph Berolzheimer feiert ihn als den Neoleibnizianer, er ist der Herausgeber Leider Archive für systematische Philosophie und Geschichte der Phllosophie, seine Werke sind in alle Kultucsprachen übersetzt, sein Buch „Leibniz und Spinoza" ist das letzte Wort über das Verhältnis der Lehren dieser zwei Denker, seine „Psychologie der Stoa" hat nach ihrem Erscheinen Aufsehen erregt, und an der Pariser Universität ist ein halbes Jahr über dieses Buch gelesen worden, auf dem internationalen .Kongreß der Historiker in Rom im Jahre 1903 hatte er das Präsidium der Sektion für Geschichte der Phllosophie inne. Max Nordau feiert ihn als den größten deutschen Stylisten nach Börne, der Altmeister Zeller fand Worte der Begeisterung für seinen Schüler und Jünger. Wäre es nicht natürlich, wenn ein Mann von seiner vielseitigen Begabung, seiner universalen Gelehrsamkeit, seiner wissenschaftlichen Leistungen und Verdienste nach Gebühr geschätzt und geachtet wird? Aber Ludwig Stein ist ein Jude, und er wird nicht weniger verfolgt' als Hermann Cohen, obwohl er an einer schweizerischen Universität wirkt. Bei jeder Gelegenheit fällt die schweizerische Presse aller Partcischattierungen über ihn her. Der Führer der schweizerischen Literatur, Joseph Widmann in Bern, der schon mll Nietzsche angebandelt, überhäuft ihn mit Beleidigungen und verfolgt ihn, wo er nur kann. Im Jahre 1905 erschien im „Berner Bund", dessen Feullleton- Redakteur Widmann ist, folgendes ans Stein anspielendc Epigramm: Zwei Juden gingen durch das Tal, Der eine der hieß Lllienthal, der andre hieß Menasse, Na, was ist's für eine Rasse... Am Abend vorher hatte Stein eine Vorlesung über die neuesten Rassentheorien gehalten. Ein schweizerischer Bolksführer, der heute hoher Regierungsmann in Bern ist, mü dem ich mich über Stein umerhielt, sagte mir, nachdem er gegen Stein nichts mehr einzuwenden hatte: „Ja, sehen Sie mal, Stein ist halt ein Jude, so ein echter Talmudjude. . ." Nun ist es wahr, daß Stein auf allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft, Talmud, Neligionsphllosophie, Geschichte und hebräischer Literatur, bewandert ist, — aber deswegen! .... Und im Kreise seiner Kollegen in Bern wird er nicht weniger angefeindet. Auch Hermann Krankfurier Israelitisches FcünilieMatt. Cohen hat feit mehr als zehn Jahren nicht mehr das Dozenten-Zimmer in der Marburger Lima mater betreten, und er sah sich sogar einmal veranlaßt, einem nichtjüdischen Kollegen zuzurufen: „Sie sind nicht einmal ein Christ." Aus dieser Antwort ist zu ersehen, was sein Kollege ihm vorzuwerfen hatte. Da habt Jhrs: Wenn einmal der „gerechtigkeüsverwirllichende" Staat den Einfall hat, einen jüdischen Gelehrten zum ordentlichen Professor zu ernennen, wird er von Kollegen und von der Gesellschaft wegen seiner Ordentlichkeit ganz außerordentlich verfolgt, speziell, wenn er ordentlicher Jude ist. Und es gibt noch Toren, die da glauben, der Staat stehe zu uns nur in einem konfessionellen Verhältnis! — O! Ihr Toren, Ihr Kurzsichtigen, Ihr Heroen der Ausreden! Wegen eines bischen Konfession so viel Unrecht, so viel Martyrium, so viel Opfer und so viel Barbarei? . . . . Denkt nur.... Wie lauge nochd Die russischen Juden haben in den letzten Jahrzehnten Zeiten durchlebt, die mit ihren blutigen Greueln den finstersten Perioden des Mittelalters nicht nachstanden. Doch diese Zeiten sind vorbei, und es hat nicht den Anschein, daß die Blutbäder von Kischinew, Shllomir, Homel usw. sich wiederholen werden. Denn die herrschenden Klassen haben das Volk von jeder Regung nach Freiheit gründlich kyriert, — und da bedarf es nicht mehr jüdischer Blutbäder als Mittel zur Unterdrückung der Freiheit, noch dazu eines Mittels, welches den sonst so willfährigen jüdischen Finanziers Westeuropas die Geschäftsverbindung mll dem russischen Finanzminister erschwert. Und trotzdem hat sich die Lage der Juden Rußlands nicht gebessert, sondern im Gegenteil bis zu einem alles Bisherige übersteigenden Maße verschlimmert! Das Totschlägen hunderter von Juden durfte noch als eine polillsche Verlegcnheitsaktion aufgefaßt werden; was aber jetzt geschieht, ist die planmäßige Aushungerung der gesamten Judenheit Rußlands. Hier einige Geschehnisse der letzten Woche», die dies belegen: Am 23. November erließ der Minister des Innern eine Verordnung, alle Zirkulare über die Beschränkungen des Wohnrechts der Juden zu sammeln. Die bisherigen Wohnrechtsbcschränkungen genügen nicht, man will „System" in sie hineinbringen. In Verbindung hiermit sei auch die neuerdings in allen größeren Städten verschärfte Anwendung dieser Bestimmungen durch massenhafte Ausweisungen von Juden erwähnt. Der jüdische Dumaabgeordnete Nisselywitsch, der bekanntlich oft bei der Regierung zugunsten der Juden vorstellig geworden war, hat jetzt vom Minister des Innern die Mitteilung erhalten, daß er sich fernerhin nur in solchen Angelegenheiten an das Ministerium wenden möge, die einen prinzipiellen Charaller haben. Ebenso wurde ihm ein abschlägiger Bescheid auf sein Ersuchen an den Kultusminister, den jüdischen ftcien Zuhörern an der Universität die Zulassung zu erleichtern. Hinzu kommen zahlreiche Nachrichten aus Polen von einer immer größere Dimensionm annchmenden Zurückdrängung der Juden im Erwerbsleben. Die Bildung von Konsumvereinen, die Aufforderungen in der Presse, nicht bei Juden zu kaufen, sind Erscheinungen, die man ftüher nicht kannte, und deren Wirkung auf die arg zusammengedrückt wohnenden und berclls zu vier Fünfteln aus Proletariat bestehenden vier Millionen Juden des Ansiedlungsrayons eine verheerende ist. All' diese materiellen Momente verbinden sich aber heute noch mit einem neuen ideellen Momente trauriger Natur. Me Zulassung der Juden an höhere Lehranstalten und Universi¬ Nr. 47. täten war früher schon sehr eingeschränkt, und nur in den Jahren der Freihellsbewegung war sie gemildert worden; daß aber die gegenwärtig erbarmungslos strenge Durchführung der jüdischen Prozentnorm — früher half häufig der „Bakschisch" — scharenweise die jüdischen jungen Leute der Taufe zuführt, zeigt, daß auch die jüdische Lebensführung, die allen Stürmen von außen stets ein Gegengewicht geboten hat, erheblich ab genommen hat. Die Lage der russischen Juden ist also unhaltbarer denn je geworden, und die Frage, wie lange dieser Zustand andauern sott, hat damit ihre höchste Dringlichkeit erreicht. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Für die diesmaligen Ausschußwahlen der israel. Gemeinde haben sich der „Zentralverein israel. Gemeindemitglieder" und der „Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben" auf eine gemeinsame Liste geeinigt. Die gemeinsamen Kandidaten sind: Moritz Moser. Teilhaber der Firma PH. Mayfarth u. So., Dr. Albert Sondheimer, Teilhaber der Firma Beer, Sondheimer u. Co., (Zentralverein), Dr. med. Arnold Bärwald u. Kaufmann Regensburger (Freis. Verein.). Berlin. Der „Kalender für das höhere Schu'- wesen" gibt die Zahl der jüdischen Oberlehrer in Pre»lßen am 1. Mai d. I. wie folgt an: In Ostpreußen 1, und zwar an einer königlichen Anstalt, Westpreußen 4, davon 3 an königlichen Anstalten, Brandenburg 6, davon 2 an königlichen Anstalten, Berlin 51, davon keiner an königlichen Anstalten, Pommern keiner, Posen 3, diese alle an königlichen Anstalten, Schlesien 8, davon 1 an königlicher Anstalt, Sachsen 2, davon keiner an königlichen . Anstalten, Schleswig-Holstein keiner, Hannover keiner, Westfalen keiner, Hesseil-Nassau 19, davon) 16 an den beiden jüdischen Anstalten in Frankfurt a. M., Rheinprovinz keiner. Demnach hat am 1. Mai die Gesamtzahl der jüdischen Oberlehrer 94 betragen, von denen 51, d. h. mehr als die Hälfte, allein in Berlin, 16 an jüdischen, 10 an königlichen, und die übrigen an städtischen Anstalten wirkten. Was den Nachwuchs anbetrifft, so sind vorhanden: anstellungsfähige Kandidaten 5, Probanden 6, Seminarmitglieder 4. Der Nachwuchs ist demnach ein sehr geringer. Berlin. Endlich gibt die .Zellschrist für Schulgesundheitspflege" eine Erklärung für den Fall Dr. Moses. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut: „In seinem Aussätze (Heft 7, S. 340) „Ein Nackwort zur Darmstädter Versammlung des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege" hat Dr. Moses in Mannheim ausgeführt, ihm sei das Referat über das Thema der Mädchenschulhygiene nach mündlicher Mitteilung des Herrn Professors Dr. Griesbach vom Vorstande des Vereins deshalb nicht übertragen worden, tveil man an seinem alttestamentarischen Namen Anstoß genommen habe. Es sei in der Vorstandssitzung sogar erklärt worden, daß das preußische Ministerium auf keinen Fall in Darmstadt sich vertreten lassen würde, wenn sein fltame als Referent auf der Tagesordnung stände. Wir sind nicht in der Lage, prüfen zu können, ob der Vorstand tatsächlich eine solche Ansicht ausgesprochen hat und loodurch er sie hat begründen wollen. Denn , fest steht doch, was Herr Dr. Moses selbst schon zutreffend bemerkt hat, daß preußische Ministervertreter sehr häufig an Versammlungen teilnehmen, auf denen Herren mit alttestamentarischen Namen Referate zu erstatten haben, und deshalb würde gewiß auch die Betätigung eines als tüchtig bekannten Schulhygienikers, wie des Dr. Moses, als Referenten kein Hindernis für die Beteiligung der preußischen Ministerien geböten haben. Unseres Erachtens dürften die Gründe, weshalb die Versammlungen des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege nur selten von dem am nächsten interessierten preußischen Ministerium, dem der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, beschickt werden, auf ganz anderm Gebiete zu suchen sein, als in Namens- und Konfessionsfragen; jedenfalls ist zur Darmstädter Versammlung kein Vertreter dieses Ministeriums entsandt worden, obwohl Herrn Dr. Moses ein Referat nicht übertragen worden war" Man darf in dieser sehr vorsichtig formulierten Erklärung, in der der Hauptwerk auf das gelegt werden muß, was zwischen den Zeilen zu lesen ist, wohl auch eine Antwort des preußischen Ministeriums erblicken, zumal Herr Geh. Ober- Reg.-Rat im preußischen Kultusministerium Dr. Mathias selbst Mitglied der Redaktion des Blatt eS'ist. Uns scheint, alS ob gewisse Leute im Vorstand

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