Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr- 47. Wetlburg. In große Trauer wurde unser Rabbiner verseht. Sein einziger Sohn, der prakt. Arzt Dr. Landau in Berlin, starb plötzlich infolge Leuchtgasvergiftung. Der Fall ist um so tragischer, als der Verunglückte erst einige Tage vorher sich verlobt hatte. U. Laupheim. Der wegen seiner Verdienste um die hiesige israelitische Gemeinde und ihre Institutionen schon vor Jahren mit dem Friedrichsorden 1. Kl. ausgezeichnete Kirchenvorsteher und Stistungspsleger S. H. Steiner und seine Ehegattin Emilie, geb. Einstein, feierten in körperlicher und geistiger Rüstigkeit die goldene Hochzeit. Bei diesem Anlaß wurde das Jubelpaar vom König mit einem herrlichen Goldpokal mit entsprechender Inschrift und huldvollem Handschreiben erfreut. Pose«. Anläßlich ihrer silbernen Hochzeit spendeten Joseph Kantorowicz und Frau, geb. Hepner, der städtischen Armenverwaltung 1000 JL — In Koschmin wurden bei den Stadtverordneten - Ergänzungswahlen Kaufmann Jakob Scheyer und Justizrat Kantorowicz gewählt. Wie«. In der Synagoge der Seitenstettengasse wurde der Sohn des bekannten Komponisten Oskar Straus und Großneffe des Kultusgemeinde-Präsidenten Dr. Alfred Stern Barmizwo; er trug die Hastoro vor. — Oskar Straus machte aus diesem Anlässe eine Stipendienstiftung für einen Talmud- Thora-Schüler. Jerusalem lPalästina). Zum Nachfolger Hirszenbergs an der jüd. Kunstschule „B e z a l l e l" wurde der Maler Arnold Lachowsky-Odessa berufen. Hirszenbergs Witwe erhielt eine Stelle als Lehrerin der französischen Sprache am hebräischen Gymnasium in Jaffa. 0 JtiulMon. 0 Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levy. (Fortsetzung). Verwundert blickten die anderen auf, und Moses erzählte das so gefährlich scheinende Abenteuer und wie harmlos es abgelaufen war. Da meinte Bär: „Der Sender ist also krank geworden, weil ein Stein an ihm vorbeigeflogen ist. Immerhin ist er die Ursache, daß mein Neffe so rasch seine Verwandten gesunden hat, und das soll ihm nicht vergessen sem." Von der Roheit und Straflosigkeit der Angreifer redete niemand, man nahm diese Mißhandlungen hin wie unabwendbare zerstörende Naturereignisse. Zuvor harte der Gast mit Mendel eine ernste Unterhaltung gepflogen. Abraham konnte nicht fassen, daß der Jude in Deutschland wehrlos, rechtlos sein sollte, war er doch in seinem Vaterlande, bei den Mauren, allen anderen Bürgern gleichgestellt und standen ihm dort doch alle Aemter und Würden offen. — Es wurde in der Gemeinde rasch bekannt, daß ein neuer Arzt aus fernem Lande sich niedergelassen hatte. Daß er mit Bär Kuchenheim verwandt war und haß ihm der Ruf großen Reichtums folgte, konnte ihm nur nützen. Er hatte drei Zimmer in der Engen Gasse gemietet. Eine alte Frau hielt ihm Ordnung, gab den Besuchern Bescheid und war des Lobes voll über die Freundlichkeit ihres Herrn.. Er mußte bei seinem Verwant ten Bär Kuchcnheim essen, anders gab! es dieser nicht zu. Der junge Arzt hatte großen Zuspruch. Die Ersten kamen aus Neugier, aber die Kunst und das zutrauenerweckende, wenn auch ernste Wesen des Arztes wurden rasch berühmt, und so drängten sich die Kranken in seinem Stübchen zusammen, wenn er müde von seinen Besuchen heim kam. — Am Tag nach der Rückkehr Moses von Flammersfeld hatte ihn Bär ausgesucht und ihm von dem von Salomon Basel vorgeschlagenen Geschäfte erzählt. Moses hörte aufmerksam zu. Als er hörte, daß der Beuelshof verpfändet werden sollte, iprang er auf und rief: „Du kannst Deinem Schöpfer danken, daß Du mich vorher befragt hast. Der Pfandgegenstand gehört gar nicht dem Erzbischof." Und er erzählte dem erstaunt Znhörenden die ganze Angelegenheit mit Peter Overstolz. Bär antwortete: „Ich werde selbstverständlich dav'onbleiben, war überhaupt entschlossen, mit Salomon mich nicht zu verbinden; — aber was sage ich ihm?" „Das ist doch nicht schwierig. Sage, ich hätte nicht genug.bares Geld und Du auch nicht. Wer was ich Dir zur Warnung berichtet habe, muß geheim bleiben, davon darfst Du kein armes Wörtchen verraten." „Das ist sicher. Ich werde nur Salomon von diesem Geschäfte abraten, das ist meine Pflicht." „Dagegen kann ich nichts sagen, obgleich er es nicht verdient." Auf demselben Wege ging Bär zu Salomon, der ihn mit großer Freundlichkeit empfing. „Reb Bär, setzt Euch und nehmt Platz. Was bringt Ihr Gutes?" „Hm, Gutes, je nachdem. Das Geschäft, das Ihr mir vorgeschlagen habt, muß ich ablehnen. Ich habe Euch bereits gesagt, daß ich nicht die Barmittel flüssig habe, — und mein Schwager Moses, von dem ich jetzt komme, hat sie auch nicht." „So, dann muß ich sehen, wie ich mir allein helfe. Das Geschäft ist so gut, daß ich es mir nicht entgehen lassen will." „Reb Salomon, ich bezweifle das. Ich rate Euch, das Geschäft nicht zu machen, es könnte Euch mißglücken." Salomon wurde purpurrot. „Wie meint Ihr das, was kann dabei geschehen?" „Ich vermag eS Euch nicht zu sagen. Glaubt einem Mann, der wohl weiß, was er spricht. Wenn Ihr mir folgt, werdet Ihr mir später dankbar sein." Salomon lachte aus vollem Halse. „Bär, ich durchschaue Euch doch. Ihr macht gern Eure Scherze, aber ich weiß so gut wie Ihr, was icher und was unsicher ist. Ich schließe das Geschäft ab, — und der es später bereuen wird, das seid Ihr." „Salomon, macht was Ihr wollt. Lebt wohl." — Die Herbstfeiertage rückten näher. Frau Reiß war mit ihrer Tochter Blümchen wieder nach Emmerich gereist und hatte Mendel eingeladen, die steiertage dort zuzubringen, damit der Vater ihn kennen lerne. Der Schneider Gumpel war für den angehenden Bräutigam in fieberhafter Tätigkeit, und die Frau Ems hatte an weißen Halskrausen viel zu glätten, auch für allerlei Bänderwerk zu sorgen, damit der junge Mann stattlich herauskomme. Als Blümchen von ihrer Freundin Esther Mschied nahm, flüsterte sie dieser etwas in Hinsicht auf den neuen seinen Tischgast in's Ohr, worauf die Geneckte feuerrot wurde und nach ihr schlug, sie aber im selben Augenblick umarmte und küßte. Das Leben kurz vor den Feiertagen in den engen Straßen des Judenviertels war geräuschvoller, hastender, als sonst. Alles Geschäftliche sollte soviel wie möglich erledigt werden, damit man sich den Festtagen mit aller Ruhe hingcben konnte. Der Tag begann früher, die Männer gingen zu Selichoth in die Synagoge. Der Chasen war in fieberhaftem Eifer und hätte mit seinen Meschorerim am liebsten Tag und Nacht geübt, wenn diese sich nicht gewehrt hätten. Im Hekdesch war an den hohen Feiertagen ein Betsaal eingerichtet für die zugereisten armen Glaubensgenossen, die in der überfüllten, engen Synagoge keinen Platz erhalten konnten. Reb Feiwel, der Aufseher des Hekdesch, ein alter gelehrter Mann, war zu der Ehre ausersehen, dort Roschhaschonoh und Jomkippur Schacharis vorbeten zu dürfen. Der Greis war in allen rituellen Fragen, mochten sie auch sehr verwickelt sein, wohl erfahren, und die armen Leute vom Land kamen mit ihren „Schales" häufig lieber zu ihm, als zum Rabbiner, da Feiwel immer Zeit für sie hatte, während man bei dem Rabbi, obgleich dieser sehr leutselig war, nicht viel Worte machen durfte. Jetzt aber wurde Reb Feiwel unzugänglich und ungeduldig, denn er übte beständig. Wenn man zu ihm kam, saß er über das Machsor gebeugt und war bemüht, eine Melodie zu singen. Dann blickte er den schnöden Störenfried an, dielt den Daumen auf die Stelle, an der er eben war und sagte unwirsch: „Was wollt Ihr, ich habe gar keine Zeit." Der verschüchterte Besuch, wissend, daß vor den Feiertagen eigentlich kein Mensch Zeit hatte, zog sich dann rasch zurück. 9. K a p i t e l. Nun kam eines Mittags, als Reb Feiwel eben die Keduschah übte, ein Mann voin Land, eine dicke, behäbige Gestalt in blauem Kittel, mit struppigem Bart. Er setzte sich breit aus einen Stuhl, Pustete und sagte: „Guten Tag, Reb Feiwel." Der Begrüßte blickte auf. ,Mas wollt Ihr, ich habe gar nicht Zeit." „Ja, ja, es ist ein schwüles Wetter." Feiwel fragte: „Was ist denn?" ,LDenn ich bedenke, was voriges Jahr um diese Zeit kaltes Wetter war." Feiwel brummelte: „Kakosuw." „Reb Feiwel, habt Ihr nicht ein bischen Zeit?" „Nein, gar nicht. Was wollt Ihr denn eigentlich?" Der Besuch kratzte seinen Kopf. „Ja, es ist eine schwere Sache. Wenn ich bedenke . . ." Und er fiel in tieses Nachdenken. Feiwel fing wieder an: „Kakosuw." „Reb Feiwel, was meint Ihr?" Der Angeredete schrie: ,Mas soll ich meinen, Ihr habt ja nichts gesagt!" „Ich glaube, Ihr müßt •» im Aefer Nachsehen, es ist wichtig." In dem Augenblick kam die alte Magd herein und brachte Feiwel das Mittagessen. ' Beim Essen wollte der alte Mann nun niemals gestört sein, und so sagte er, sich erhebend: „Wenn Ihr mir jetzt nicht rasch sagen wollt, was Ihr begehrt, so kommt morgen wieder. Jetzt muß ich essen, ich habe gar keine Zeit." Der Mann stöhnte: ,Mie kann ich wiederkomme», ich habe vier Stunden zu laufen. Nun hört zu. Ich bin in den Schlauschim, darf mir also den Bart nicht kürzen. Es steht aber geschrieben, daß man sich cheren darf, wenn es nötig ist. Nun ist mein Bart o groß geworden, daß die Leute mich auslachen. Ich bin Pferdehändler und habe viel mit den Leuten zu tun. Auch ist mein Bart mir im Wege beim Essen, er kommt mir immer in die Suppe. Nun rage ich Euch, darf ich mich scheren?" Reb Feiwel sagte: „Schert Euch, dann steht dem Essen nichts mehr im Wege." Der Mann ging befriedigt fort, wunderte sich aber, daß Feiwel für die so wichtige Sache so wenig Zeit hatte. Der geplagte Rebbe speiste jetzt mit Muße. Dann ging er in's Hekdesch zu Sender, der, unterstützt von Moses Ems und Bär Kuchenheini, Kölner Bürger geworden, jetzt sich nützlich damit beschäftigte, die Zimmer des Hekdesch neu anzu- 'treichen. Das Männchen pinselte fleißig an den Wänden herum. Feiwel sah eine Weile zu, dann sagte er: „Sender, das ist angenehmer, als Schächter zu sein." Sender brummte: „Ich tue es Bär zu Gefallen. Aber seht einmal, wie schön das Zimmer wird! Der Bürgermeister hat es nicht - feiner. Wenn ich hier fertig bin, kommt das Haus vom Rabbiner an die Reihe. Sie haben mich alle darum gebeten." Nun hatte ihm Bär allerdings gesagt: „Sender, Du bist ein schlechter Metzger, kannst aber ein guter Anstreicher sein, denn es kommt uns nicht darauf an. Du sollst genug Arbeit bekommen, die ausreichenden Lohn bringt." — Salomon Basel und seinem Sohn Joseph war es gelungen, die zweihundert Mark Gold zusammenzubringen, und durch Vermittelung des Vogtes iFabrizius wurde das Geschäft zur Zufriedenheit aller Beteiligten gemacht. Auch der Vogt machte ein fröhliches Gesicht, wenn er an den klingenden Lohn dachte, den ihm sein Freund Joseph in die Hand gedrückt. Salomon und sein Sohn rechneten mit Behagen, wieviel sie aus den Einkünften des Beuelshofes von Ostern an beziehen würden. — Am Domhof war eine kleine Weinschenke vom Küfer Pütz gehalten. Der Mann war seines guten Tropfens wegen berühmt. Mit den kleinen Weinen, die nur wenige Heller kosteten, hielt er sich nicht gerne aus. Aber das edle Gewächs des Rheines, das die Sonne bei Rüdesheim und Johannisberg durchglüht, das verzapfte der alte Pütz lieber, und daß er seinen Trank nicht mißachtete, sah man an seiner roten Nase. Diese Schenke war von den jungen Patrizierssöhnen stark besucht, — und so saß eines Abends eine lustige Gesellschaft nM den runden Tisch zusammen. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. K. — Gegen Gicbt und Bbenm&ttmnnB bewährt. Wohack »MW.« Inhaber: M.. WaiiaU. Perlen, Juwelen, Galdwarenm - Auf Wonach Answahlsendangen. r-. - Wocheu-SkazerrLer. (Zeitangaben nach demlmsvd.) EamStag, den 5. Dezember (--- 11. Lislsv): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 15 Min. in Berlin 4 Uhr 45 Min. Wochenabschnitt: Wajeize. — Jakobs Flucht aus deni Elternhause. Auf freiem Felde muß er übernachten. Im Traume offenbart sich ihm Gott. Er sieht eine Leiter, an der Engel auf und nieder steigen. Gott selbst steht über der Leiter, verspricht Jakob Schutz, das Land Kanaan und Nachkommen. Jakob nennt den Ort, wo er ^geschlafen, Beth-El (Gotteshaus!), setzt einen Stein zum Denkmal und verspricht den „Zehnten" (Maaser) von allem, was Gott ihm geben wird. 7— Er kommt in Charan an, trifft außerhalb der Stadt seine Kousine Rachel mit Schafen. Jakob bleibt als Schäfer bei seinem Onkel Laban. Als Lohn für 7 Dienstjahre wird ihm die