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Neue jüdische Presse · 1908-12-04 · Heft 47 (4.12.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 47 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^xanUfuxtex ZImIiWes fmilifnlilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»llngam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKtio« ««d chefchäftsDerle: Srsnkfurt 2. Iß., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße ®er efon 10507. < .. —.. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile ..100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. <■ 6. Jahrgang. Freitag, den 10. Eislew 5669 (4. Dezember 1908). No. 47. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Professoren. — Wie lange noch? — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Wochen-Kalend er. — Familiennach richten. Jüdische Profefforen. Ein Beitrag zur jiddischen Martyrologie. . Von Maxime Le Maitre - Gießen. Professor Dr. Ehrlich, der Schöpfer der Seitenkettentheorie, ist der diesjährige Empfänger des Nobelpreises. Der norwegische Reichstag, die norwegische Regierung und die in Betracht kommenden kompetenten Fachmänner haben einstimmig Professor Ehrlich in Frankfurt a. M. neben Mentschikoff für denjenigen Bakteriologen erklärt, der allein in Deutschland seiner wissenschaftlichen Verdienste willen würdig ist, mit dem hohen Nobelpreis ausgezeichnet zu werden. Wer ist dieser bedeutende Bakteriologe und Gelehrte vom höchsten europäischen Ruf, und warum ist er in Frankfurt a. Ai. ansässig und nicht Inhaber eines Katheders an einer Universität? Professor Dr. Ehrlich hat Pech .... er ist Jude, und Juden dürfen zwar Staat und Schule ihr Leben lang dienen, aber da sie Juden sind, müssen sie sich mit der Tatsache ihres aufopferungsvollen Dienstes und chrer hohen Leistungen allein zufrieden geben — nur diesen Entgelt gewährt ihnen der Staat. . Honorar, entsprechenden Rang, etatsmäßige Anstellung, Berufung an die geeignete Wirkungsstätte kann ihnen nicht gewährt werden, wird ihnen nicht gewährt, — denn Juden, meint der Staat, müssen sich bescheiden und froh sein, daß sie überhaupt leben dürfen. Professor Paul Ehrlich ist nicht das erste Opfer dieses „Gerechtigkeitssinnes" des Staates. Noch schreit das Blut des Kieler jüdischen Univcrsitätsprofessors Adler aus dem frischen Grabe, der große Weigert ist erst seit kurzem tot, und Männer wie Steinthal und Lazarus waren nicht weniger Opfer dieses Gerechtigkeitssinnes des Staates, als die noch lebenden Ehrlich, Simel, Baginski, Fränkel, Israel und wie alle die großen jüdischen Männer der deutschen Wissenschaft der Gegenwart heißen. Die jüdischen Gelehrten werden, da man sich in den Augen Europas nicht blamieren will, nachdem sie schon längst chren europäischen Ruf erlangt haben, in außeretatsmäßige Professuren versenkt, werden zuweilen auch Geheime Regierungsräte und damit hat der Staat ihre Leistungen vergolten. Wie jeder nicht zum Notar ernannte jüdische Rechtsanwalt am . Abend seines Lebens Justizrat wird, so jeder zu europäischem Ruf und Ruhm gelangte jüdische Gelehrte und UniversitätSdozent „Professor", d. h. außerordentlicher Professor, d. h. Beamter ohne Besoldung oder ohne genügende Besoldung, ohne Rang in seiner Einflußsphäre und ohne Priifungsrecht! Allein es gibt Ausnahmen: Wenn er sich tauft, d. h. wenn er eine öffentliche Charakterlosigkeit begeht und aus der jüdischen Gemeinschaft austritt, — oder — und das kommt selten vor, wenn der betreffende Gelehrte absolut unentbehrlich ist, oder wenn kein christlicher Vertreter für dieses Fach da ist. Beispiele: Der Physiker Grätz iir München, der Physiolog Rosentyal-Erlangen, der auf Betreiben des Münchener Altmeisters Voigt berufen wurde, und Herrmann-Königsberg, der bedeutendste Physiologe der Gegenwart. Dieser Ausnahmen und tollen Einfälle des gerechtigkeitsverwirklichenden Staates erfreuen sich nur einige ausgewählte Vertreter der exakten Wissenschaften. Anders ist es mit den Vertretern der spekulativen Wissenschaften bestellt. Der große Georg Simel darbt als Extraordinarius, einem Hegelianer wie Lasson hat selbst die Taufe nichts genützt, der große Literaturhistoriker Richard Mayer erfreut sich noch immer trotz seiner „Geschichte der deutschen Literatur im neunzehnten Jahrhundert" der professeralen Außerordentlichkeit. Und so noch viele andere. Ich kenne aber zwei Ausnahmefälle, die die Regel bestätigen, daß der Staat, speziell der deutsche Staat, zu uns in keinem konfessionellen, sondern in einem nationalen Verhältnis steht: Hermann Cohen in Marburg und Ludwig Stein im deutsch-schweizerischen Bern. Beide Männer sind an zwei Universitäten auf deutschem Sprachgebiet ordentliche Professoren der Philosophie, und die beiden ordentlichen Philosophieprofessoren werden wegen chrer professoralen Ordentlichkeit außerordentlich verfolgt — weil sie ordentliche Juden sind — jeder in seiner Art und jeder gemäß seiner Welt-Anschauung. Ein paar Beispiele: Cohens Ethik bezeichnet Natrop als eines der bedeutendsten philosophischen Schöpfungen des neunzehnten Jahrhunderts, seine Logik als die einzig mögliche Logik überhaupt. Ein Juden- und Judentumsfresser wie Chamberlain hat für Cohen das Prädikat übrig: „Der einzige Nestor der Kantischen Philosophie in Deutschland". Der Gießener Philosoph Kinkel bezeichnet chn als „den Mann, der der Wahrheit am nächsten steht". Und Cohens Anregung dankt die deutsche Wissenschaft Cassirers epochemachendes Werk über Leibniz und seine zweibändige Geschichte der Erkenntnistheorie. Wenn die Königsberger Universität den hundertjährigen Todestag Kants feiert, wird von allen deutschen Philosophen der Gegenwatt der Jude Hermann Cohen allein für würdig befunden, aus diesem Anlaß nach Königsberg berufen zu werden, um die Festrede zu halten. Im auditorium maximum der Pariser Sorbonne schwirrt der Name Hermann Cohen, und der Philosophie- Professor an der Sorbonne fügt jedesmal hinzu „le seul philosophe, le plus grand philosophe de l’AHemagne contemporain“; und zopfige englische Philosophen in Cambridge und Oxford rufen mit englischer Kälte und mit englischem Ernste „the great philosophe". — Also gewiß ein Großer, ein Gewaltiger, ein Riese des Geistes, ein Genius. Und welchen Dank wissen ihm seine deutschen „Mit"phllosophen, die deutschen Philosophie- Historiker, welche Verehrung und Achtung bringen ihm seine nichtjüdischen Fad)kollegen entgegen? Der jüngst verstorbene Heidelberger philosophische Schönredner Exzellenz Geh. Rat Prof. Dr. Kuno Fischer (anders ließ sich der Mann nicht anreden) sprach nur bei unumgänglicher Erwähnung des großen Namen Cohen vom Rassenphilosophen, „vom Manne, der mehr Jude als Philosoph ist". Ein würdiger Kollege Fischers, dem nur Fischers berückender Stil fehlt, der Däne Höfding, dessen Einfluß aber dem Fischer's nicht nachsteht, bttngt es fertig, ein Buch über die Philosophie der Gegenwart zu schreiben, in dem jeder philosophische Ab- und Nachschreiber behandelt, — aber Hermann Cohen totgeschwiegen wird. Auch Paulsen hat es gerade so gemacht. Hermann Cohen war für ihn lediglich ein publizistischer Verteidiger der jüdischen Rasse. In einer weitverbreiteten süddeutschen Halbmonatsschttft werden anläßlich der Neubesetzung des Paulsen'schen Lehrstuhl für Phllosophie an der Berliner Universität alle Möglichkeiten erwogen .... alle Namen von phllosophischem Klang aufgezählt .... nur Hermann Cohen wird totgeschwiegen, als würde er gar nicht existieren. Wahinger in Halle gibt seit Jahren die „Kantstudien" heraus. In diesen Kantstudien werden alle Gelehtten und Philosophen, die zur Kantischen Phllosophie irgendwelches Verhältnis haben, behandelt, — der Nestor der Kantischen Philosophie in Deutschland, Hermann Cohen, wird systematisch totgeschwiegen. Die ganze deutsche „Professorenphllosophie" der Gegenwart schweigt den großen Hermann Cohen tot, nicht trotz seiner Logik und Ethik, sondern wegen seiner Logik und noch spezieller wegen seiner Ethik. Denn in diesem für die wissenschaftliche Ethik grundlegenden Werke wagt es Cohen, aus die jüdischen Propheten hinzuweisen, die ganze Geistesgewalt der Propheten geistesgeschichllich und systematisch zu demonstrieren; in diesem Werke erkühnt sich der Marburger Philosoph, auf den großen Widerspruch im Christentum hinzuweisen — und, was noch unerhötter ist — in diesem Buche nennt Cohen Carl Marx „den Abgesandten der Geschichte", was chn freilich nicht hindert, die ganze Haltlosigkeit des historischen Matettalismus darzutun. Weil in Hermann Cohen der letzte Funke jüdischen Kulturbewußtseins nicht verglommen ist, well er es wagt, auf die wellgeschichtliche Bedeutung und auf den unsterblichen Wett des Judentums als Faktor in der Weltgeschichte hinzuweisen, kurzum, well er Jude ist seinem ethischen und sozialen Bewußtsein nach, wird er als Rassenphllosoph verschtteen und in den letzten 5 Jahren völlig totgeschwiegen.Und Hermann Cohen ist schon ordentlicher Professor und

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