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Neue jüdische Presse · 1908-11-27 · Heft 46 (27.11.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 46 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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verte 2. to. 48 . . . Zu diesen Aufgaben gehört in erster Linie, daß sich die Kultusgcmeindc endlich über ihren politischenCharaktcr klar werbe. Die Kultusgemeinde ist die einzige von Staatswegen anerkannte jüdische Organisation. Ihr muß daher die Aufgabe zufallen, die jüdischen Interessen nach jeder Richtung zu vertreten. Die „israelitischen" Mitglieder der verschiedenen Repräsentationskörper drücken sich um ihr Judentum herum und gerieren sich mit Borliebe als Verteidiger der ganzen Menschheit, als ob es wirklich der ganzen Menschheit oder irgend einer Klasse auf ihre Verteidigung ankäme. Die einzige Bcvölkerungsschichte, die ihrer Verteidigung dringend benötigt, wird aus falscher Scham oder Mangel an Mut von ihnen bei Seite gelassen. Es ist daher die Pflicht Her jüdischen Gemeinde, wenn sie das Prädikat jüdisch überhaupt verdienen will, das jüdische Banner emvorzuheben und zur Führerin des Judentums zu werben. Wohl zählt der Kultusvorstand in seiner Mitte einzelne Herren, deren Gesichtskreis über den bürokratischen Schinnnel, Friedhofs-Agenden und Rabbiner-Versorgung hinausreicht, aber ihre Zahl ist zu gering und ihre Autorität gegenüber der Präponderanz des Präsidenten zu schwach. Sie müssen Zuzug erhalten durch die Wahl Gleichgesinnter und die darin liegende Willenserklärung der Gemeinde- Mitglieder." Wte«, 23. November. «Telegramm). Trotz eifrigster Agitation seitens der Opposition sind bei den Shi ltuswahlen die offiziellen Kandidaten mit ca. 80°/» der Stimmen wiedergewählt worden, darunter Hofrat i. P. Dr. Benjamin Rappaport, der sich für seine Tochter einen christlichen Schwiegersohn ersah und in seiner Kandidatenrede die Kultusbeamten als Faullenzer charakterisierte. Einen deutlicheren Beweis ihrer vollständigen Verständnislosigkeit für. die Aufgaben des Vorstandes einer jüdischen Gemeinde konnten die Wiener Juden nicht geben, als mit diesem Wahlresultat. Rußland. Odessa. Odessa ist nur mehr ein Schatten seiner früheren Macht. Schlimmer als sein Vorgänger haust sein gegenwärtiger Chef, der General Tolm a t s ch o w, der alles Leben ertötet. Unter seinem Regiment und dank seiner Gunst erscheint ein Blatt „Obessaer Gummischlau ch". Dieses Blatt, das zur „Beruhigung" der Bevölkerung beitragen soll, hat einen merkwürdigen Titel. Neben dem Titel ist eine russische Faust abgebildet, die auf eine Jüdin schlägt. Der Inhalt ist noch merkwürdiger. Da ist ein Leitartikel, der, nur wenige Zeilen umfassend, also lautet: „Nur eine Minute Zeit, dann nieder mit den Juden! Nieder mit den Juden! Verjagt die Juden! Vertreibt die Juden! Die verfluchten Juden, die ekligen Juden, die stinkenden Juden; o, die Juden! gebt es den Juden, rechnet mit den Juden ab!" Die beschimpften und so leidenschaftlich gehaßten Juden befinden sich jedoch in guter Gesellschaft. In derselben Nummer ist ein Galgen abgebildet, auf dem Tolstoi in Gestalt eines Affen hängt. Riga. Der Kurlänbische Generalgouverneur Meller-Sakomelsky, der berüchtigte Führer der Strafexpeditionen in den Ostsee - Provinzen, hat jetzt eine Verordnung erlassen, laut welcher jeder Jude, der nach Kurland kommt und sich dort niederläßt, ohne das Wohnrecht in Kurland zu habe», mit 500 Rubel oder mit drei Monaten Gefängnis bestraft werden soll. — Das ist ba§ Echo der Petersburger und Moskauer Verfügungen, die nun also in Rußland Schule zu machen scheinen. Nichtsdestoweniger werden aber wahrscheinlich die jüdischen Bankiers bei der nächsten russischen Anleihe ebenso stark beteiligt sein wie früher. „N. I. K.» Worschau. Nach den Angaben des Warschauer statistischen Komitees betrug die Zahl der Juden in Polen am 1. Januar 1908 17)6 064 (14,5 Prozent der Gesamtbevölkerung), und zwar in der Stadt Warschau 277 787, in Gouvernement Warschau 189697, Gouvernement Kalisch 100080, Gouvernement Kielce 104515, Gouvernement Lomza 103394, Gouvernement Lublin 205 894, Gouvernement - Petrikau 282075, Gouvernement Plock 69 781, Gouvernement Radom 150 133, Gouvernement Suwalki 80599 und Gouvernement Siedlce 149317. Amerika. - Ncw-Gorl. Während des Wahlkampfes erhielt Präsident Roosevelt Tausende von Briefen, die ihn Mer die Religio» des Präsidentschaftskandidaten Taft anfragten. Nunmehr hat Hoosevelt einen offenen Brief in der Presse veröffentlicht, in dem es heißt: »Ich habe alle diese Briefe nicht beantwortet, weil ich es als schiurpflich betrachte, die Frage nach dem religiösen Bekenntnis eines Mannes zu diskutieren, um dadurch politisch zu beeinflussen. Einem Bürger mit Vorurteilen gegenuLerzutreten, »eil er einer bestimmten Konfession angehört, oder Frankfurter Israelitisches Familienblatt. konfessionslos ist, wie es Abraham Lincoln war, ist eine Beschinlpfung der Gewissensfreiheit, die ein Fundament des amerikanischen Lebens ist. Ich glaube, daß unsere Republik noch viele Jahrhunderte bestehen wird. Und ich hege keinen Zweifel, daß unter ihren künftigen Präsidenten sich nicht nur Protestanten, sondern auch Katholiken und wahrscheinlich bald auch Juden befinden werden. In meinem Kabinett sitzen momentan Seite an Seite Katholiken, Protestanten, Unitarier, Methodisten, Presbyterianer und Juden. Jeder ist nach seinen individuellen Fähigkeiten für den Platz, auf den ich ihn gestellt habe, erwählt worden. In keinem einzigen Falle aber hat eines Mannes religiöser Glauben seine Ernennung irgendwie beeinflussen können. Man verlangt, daß Taft die Welt wissen lassen soll, welcher Religion er sei. Ich aber sage, daß dies seine Privatangelegenheit ist, eine Angelegenheit zwischen ihm und seinen Erzeugern, zwischen ihm und seinem Gewissen. Zu verlangen aber, daß er öffentlich ein Glaubensbekenntnis ablege, hieße die ersten Prinzipien unserer Regierung negieren, die vollkommene religiöse Freiheit garantieren und jedem Mann das Recht gewähren, in religiösen Angelegenheiten nach seinem eigenen Ermessen und Gutdünken zu handeln." Afrika. Tunis. Am 5. November erschien hier die erste Nummer einer jüdischenWochcnschrift„LcD6fenseu r". Das Erscheinen dieser Wochenschrift darf sehr begrüßt werden, denn die Lage der tunesischen Juden ist trotz der Herrschaft Frankreichs eine sehr gedrückte. Personalien. Berli«. Alphonse Levy, seit 1894Generalsekretär des „Centralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", feierte seinen 70. Geburtstag. In Dresden geboren, widmete er sich erst dem Kaufmannsberufe und ging dann zum Journalismus über. Er schrieb: „Geschichte der Juden in Sachsen", „Erzählungen aus dem jüd. Familienleben" rc. — Professor Dr. Felix Liebermann ist zum korrespondierenden Mitglied der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt worden. Berli«. Dr. Alfred Blaschko, Generalsekretär der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und Lepraforscher, erhielt den Titel Professor. — Anläßlich der Jahrhundertfeier der Städte-Ordnung erhielt Stadtverordnetenvorsteher-Stellvertreter Geh. Justizrat Oskar Cassel den Roten Adlerorden 4. Klasse. Breslau. Bei den Stadtderordnetenw ah len wurden in der 1. Klasse Geh. Justizrat Dr. Freund und Kaufmann Siegmund Sachs gewählt. Kempen in Posen. Bei den Stadtverordnetenwahlen wurde Dr. med. Schlesinger gewählt. (L.) Lftrowo. Die Stadtverordneten haben anläßlich der Hundertjahrfeier der Städteordnung den Stadtrat Goldstein, der seit 25 Jahren Mitglied des Magistrats ist, zum Stadtältesten ernannt. (b.) Hagenau. Nach mehrwöchentlichem Krankenlager ist der geheime Medizinalrat Dr. Alexander Levy, 75 Jahre alt, gestorben. Er war ein geborener Berliner und kam als erster deutscher Beamter gleich nach dem deutsch-französischen Kriege nach Hagenau, wo er das Amt als Anstaltsarzt der Kaiserlichen Strafanstalt für Frauen und der Knabenerziehungs- und Besserungsanstalt übernahm, das er auch bis zu seinem Tode verwaltete. Seit mehreren Jahren war der Verblichene auch unser Kreisarzt. Wie«. Da sowohl die Stadt-, als auch die Landgemeinden nur Antisemiten in den Landtag wählten, so konnte nur durch die Wahl der Handelsnnd Gewerbekammer ein Jude in den Landtag gelangen, was auch geschehen ist. Der Name dieses Herrn ist kaiserl. Rat Cornel Spitzer; sein jüdisches Interesse ist jedoch gleich Null. Budapest. Dr. Ignaz Neuberger wurde zum Senatspräsrdenten in der Königl. Kurie befördert. — Der zum gleichen Amte beförderte Dr. Hugo Beck ist längst getauft. Loudou. Dr. Arthur Friedl, Sohn des Oberlehrer Josef Friedl in Wien, wurde wegen hervorragender Leistungen auf dem Gebiete der Chemie, insbesondere des künstlichen Kamphers, welcher auf der letzten englisch-franzö)ischen Ausstellung in London mit dem Grandprix gekrönt wuü»e, durch Verleihung der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. — Auf der 130. Ausstellung der tgl. Gesellschaft britischer Künstler waren bedeutende Arbeiten folgender jüdischer Künstler ausgeMlt: Assnr Michaelsohn, Lorris Weirter, Philipp H. Newman uyd Emil Fuchs. Paris. Im Alter von 83 Jahren verschied der frühere Bankdirektor HeinrichBambcrger,der Bruder des bekannten deutschen Reichstagsabgeordneten Ludwig Bamberger. New-Uork. Der zum Staatssekretär gewählte Advokat Samuel S. Koenig zeigt, was Energie und Fleiß vermögen. Er besuchte eine Volksschule und war dann 10 Jahre lang Geschäsisangestellter, in welcher Zeit er sich fortgesetzt weiterbildete. Noch während seiner Geschäftszeit bereitete er sich für die Advokatur vor und bestand 1896 glänzend sein Examen. Seine Wohltätigkeit hat ihm bei seinen jüdischen Brüdern im Ostend einen Namen gemacht. Ans de» Vereine«. Frankfurt a. M.. 24. Nov. .Die jüdische Religion und die moderne Wissenschaft", — ein Thema, dessen Stoff ein jo gewaltiger ist, daß er in dem Rahinen eines einstündigen Vortrages nur bei sehr weiser Beschränkung sachgemäß behandelt werden kann; — uttb diese Beschränkung hat Herr Dr. Arthur Kahn- Berlin in seinem.gestrigen Vorträge im „Centralverein israel. Gemeindemitglieder" beobachtet. Redner zeigte, wie die Menschen früher mit dem Fernrohr und heute mit dem Mikroskop unermüdlich forschen, um der Rätsel der Welt Herr zn werden, und wie sie — so gewaltig die Summe der einzelnen Forschungsergebnisse auch sind — damit der Frage nach bei» Ursprung, Sinn und Zweck des Lebens noch gerade so hülflos gegenüber stehen, wie vor Tausenden von Jahren. Wieso die Urzelle und das Uratom entstanden; welche Kraft sie in Bewegung setzte, wie das geistige Leben zu erklären ist, — all' diese Fragen kann die Wissenschaft niemals beantworten, und was sie darüber sagt, ist ebenso hypothetisch wie die Annahme, das Weltall sei einmal aus einer Urzelle und einem Uratom entstände», bei welcher Annahme sofort gefragt werden kann, warum es nicht viele Urzelle» und Uratome gewesen sein können. Redner geht zum Judentum über, das das freie Forschen nicht allein nicht hindert, sondern gebietet und für die Fragen, die dem Philosophen und dem Naturforscher stets verborgen bleiben müssen, mit seinem einen und ewig seienden Gott Antwort gibt. Er beleuchtet bei dieser Gelegenheit den Häckel'schen Monismus, dem zahlreiche Jrrtümer und Widersinnigkeiten von hervorragenden Gelehrten, z. B. von dem Zoologen Pater Waßmann und dem Physiker Chwolson, nachgewiesen worden sind. Herr Dr. Heinemann fügte den lichtvollen Ausführungen des Redners einige Worte an. Er wies auf die Gefahren des Materialismus für das Bestehen des Judentums hin und betonte, daß jede Richtung wegen dieser Gefahren des Judentums ein Interesse daran habe, sich mit dem Materialismus zu beschäftigen und seine Unhaltbarkeit besonders unserer bildungseifrigen, von Häckel angekränkelten Jugend nahezuführen. Frankfurt a. M. Israel. Hülfsverein. Der 26. Jahresbericht umfaßt die Zeit vom 1. Oktober 07 bis 30. September 08. Er gedenkt vor allen Dingen des Heimgegangenen Vorsitzenden Charles L. Hallgarten und des gleichfalls Heimgegangenen Ehrenpräsidenten Adolf Baer-Goldschmibt. Die Zahl der Durchreisenden und Arbeitslosen war im Berichtsjahre die größte seit Bestehen des Vereins. Ganz besonders mehrten sich die Gesuche um Unterstützung von seiten der benachbarten und auch entfernteren Landbevölkerung. Der Bericht bemerkt hierzu: „Von Liebe und Erbarmen zu den Hilfesuchenden beseelt, ist die Ausdauer und die Arbeit der Mitglieder des Arbeitsnachweises — insbesondere der Herren Sommer, Frohmann, Hcimann und Wolf — mehr als anerkennenswert; doch vergeblich ist deren Mühen, wenn nicht eine andere Organisation Platz greift, wenn dem Arbeitsnachweis nicht größere Unterstützung in Meldung von Vakanzen Vonseiten der jüdischen Arbeitgeber zn Teil wird." Die Ausgaben für Unterstützungen betrugen 58 688 Mark. Die Mitgliederzahl stieg von 621 auf 700. Frankfurt a. M. Verein „Mekor Chajim". Ein viel besuchter Redner, dieser junge Dr. Raphael Breuer! — Man fragt sich unwillkürlich: Warum? Jüdische Vorträge sind doch sonst nur spärlich besucht! .— Doch die Antwort ist nicht schwer! Weil diese Vorträge einen Typ darstellen, wie wir ihn in Mischen Kreisen nicht gewohnt sind. Da steht kein Gelehrter, kein Rabbiner, kein Politiker, sondern der Mann, der da hinter dem Rednerpult selbstbewußt und kühn mit Mund und Armen seine Worte ins Publikum schleudert, hat von jedem etwas, — und diese eigenartige Mischung zieht an. Schon die Fassung der Themen zeigt, daß Dr. Breuer die Psyche des großen Publikums kennt. Themen wie „Die Ahnfrau des Menschengeschlechts", „Sind Träume Schäume" oder wie diesmal „Die vier schönsten Frauen der Welt. Eine tatlmubische-St11egorie" reizen die Neugier.

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