Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrankfrtrter Iftiklitislhes fimiliciitilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei -er Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKttorr «nd Hefchäftsstelle: Srsnkfurl 3. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Pelefo» 10507. Keransgever: KalL chei-s. . Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile.. 100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberrinkunft. 6. Jahrgang. Freitag, den 3. EMew 5669 (27. November 1908). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Ungarn. — Ans aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrcrwelt. — Feuilleton: Gine versunkene Weit. — Wochen- Kalender. — Familien - Nachrichren. — Barmizwo Hs. — Briefkasten. — Aus der Geschäftswelt. Brief aus Ungar«. Der Minister des Innern, der kleine Sohn des großen Grafen Julius Andrassy, ist entschieden ein liberaler Staatsmann. Die Klassifizierung der Staatsbürger nach Konfessionen widerspricht seiner konsequenten Weltanschauung. Die von ihm dem ungarischen Parlament eingereichte Wahlreformvorlage atmet auch den Geist der Toleranz. Charakteristisch ist seine Aeußeruug: „Wer hebräisch spricht und schreibt, loird nicht als Analphabet betrachtet, hat darum Wahlberechtigung/' Trotzdem ist . diese Vorlage für uns eine Danaidengabe, denn was sie uns au Vorteilen bietet, wird durch den heraufbeschworenen Haß unserer Gegner illusorisch gemacht. Der große Kampf um dieses Volksrecht hat iwch kaunl begonnen, und schon richten die feindlichen Granaten Verwüstungen in unseren Reihen an. A r p ä d Szentivünyi, der Jahrzehnte im Schatten des liberalen Regimes freiheitliche Phrasen drechselte, hat urplötzlich seinen Antisemitismus entdeckt. Im Klub der „freisinnigen" Kossuthpartei wetterte er gegen Juden, Israeliten, Semiten und Latifundianer. 'Sie müssen alle vertilgt werden. Und mit Ausnahme des jüdischen Parlamentariers Kelemen fand sich keiner, der diesem Menschenfresser den Mund verstopft hätte. Im Gegenteil. Das Beifallsgebrüll der organisierten Parteifreunde webte eine Gloriole um seinen grauen Schädel. Es war demnach nur natürlich, daß ein abgehärteter Sturmvogel und Wetterhahn, der gewesene Justizminister P ol onyi, bei dieser Windrichtung wieder seine Zeit gekommen sah. Ihn hatte der geniale jüdische Advokat Wilhelm Vuzronyi politisch und moralisch zu Tod gestreckt und das höchste Gericht des Landes, die königliche Kurie, den Totenschein amtlich signiert. Seine Ehre, . die auf geflickten Krücken hinkt, konnte nur in einem moralischen Schlammbad repariert werden. Die antisemitische Pfütze wurde entdeckt. Polony.i taucht in diesen: Jungbrunnen unter. Mit sophistischer Rabulistik behandelt er die statistischen Tabellen, um zum Schluß „als frommer Katholik, glühender Chauvin und aufrichtiger Bewunderer und Verehrer der Juden" das ungarische Volk vor der Vernichtungsgefahr zu warnen, die die kosmopolitischen Apostel und internationalen Konfessionalisten, die Israeliten, für das Magyarentum bedeuten. Und Poloichi .kennt seine Pappenheimer ganz gut. Er ist glänzeiü> rehabilitiert. Er war ein Opfer der internationalen Judenliga. Punktum. Nicht minder originell ist Graf A l a d 6 r S z e ch o n y als Agent für Schnaps und katholische Spezereiartikel. Seine Domäne ist Läbod (Com. Somozj). Dort gründelt der volle Blaublut eine Trutzkonsumbutike gegen den Juden Hermann Markusz. Durch Einschüchterung rmd Drohung hat er ihn: das ganze Dorf auf den Hals gehetzt, was dann zu einer erbitterten Preßkampagne führte. Das Volk als letztinstanzliches Preßgericht soll darüber entscheiden, ob Hermann Markusz ein Recht hat, neben dem Grafen zu leben. Die geborenen Antisemiten haben in letzter Zeit von jüdischer Seite nicht zn unterschätzenden Zuzug erhalten. Edmund Mandel, Fabrikant in Nyirbütor, hat beim Festessen zu Ehren des neuerwählten Stadtrichters diesen aufgefordert: die Streimel-Juden auszurotten und ihre Schulen äls Verdummungsstätten zu sperren. Die jüdischen Anwesenden, welche ihn beisälllig unterstützten, wurden von einem christlichen Landwirt und dem gefeierten Richter desavouiert. Bei einem solch dunklen Hintergrund wagen es die bis in den Tod getrennten Vertreter des offiziellen Judentums, den Dolch ins Herz der ungarischen Zionisten zu tauchen. Mit patriotischen Argumentationen, die von Denunziation kaun: zu unterscheiden sind, soll diesen das Lebenslicht ausgeblasen werden. Daß der Präses der ungarischen Orthodoxie für seine Ausfälle das Organ des getauften Ede Sälyi benutzt, das bis jüngst mit Gift und Galle gegen die Orthodoxie und die Jechiwot, „den Brutstätten der Unkultur", geiferte, ist der beste Beweis, wie dringet» notwendig eine entsprechende Dosis jüdisch-nationalen Selbstbewußtseins auch dort ist, Ivo man ehrlich jüdische Absicht nicht zu bezweifeln gezwungen ist, Zioni. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Geheim rat Dr. Conrad Küster schreibt in seinem soeben in: Berlage I. Harrwitz Nachf. erschienenen Buch: „Bekämpfung der politischen Parteiungen durch Politik" über die Tänflinge: „Ein deutsch gebildeter, sreidenkender Jude soll nun hintreten und erklären, ich glaube an alles dies, Wort für Wort, an die Auferstehung des Fleisches, an die Dreieinigkeit usw., also an Dinge, an die die «reisten gebildeten Deutschen auch nicht glauben; diese sind zwar Christen, aber sie sind gleichfalls nur ganz äußerlich Zugehörige der verschiedenen Bekenntnisses Kein wirklich Gebildeter der heutigen Zeit würde, er sei denn religiös gemütskrank, aus vollster Ucberzeugung freiwillig sich einem kirchlichen Bekenntnisse anschließen. Nur materielle Interessen sind die Beweggründe dazu. Also nicht aus Ueberzeugung, sondern nur der materiellen Interessen wegen würden auch die Juden nur übertreten können, so leicht ihnen auch von einigen christlichen Geistlichen der Uebertritt gemacht wird. Ein Mann, der auf seine Würde etwas hält, wird sich daher schwer zum Uebertritt verstehen können, soviel materielle Vorteile er' damit auch erreicht. Weder bei seinen früheren, iwch bei feinen: neuen Glaubensgenossen wird er ,in hohem Ansehen stehen. Und Hochschätzung seitens der Mitbürger steht Gott sei Dänk doch den meisten noch immer höher als Geld und Stellung ohne diese Hochschätzung. Noch weniger wird' der Uebertritt zu Zeiten der anti¬ No. 46. semitischen Hetzereien den ehrenwerten Juden möglich werden, da zum Uebrigen leicht noch der Borwnrf der Feigheit kommen könnte." Breslau. Auch hier hat unter zahlreicher Beteiligung ein Morris Rosenfeld-Abend stattgefunden. Dr. Franz Landsberger führte den Dichter ein, indem er die Entstehung des jüdischen Jargons aus dem Mittelhochdeutschen nachwies, die Eignung dieses Jargons infolge seines Wortreichtums für epische und lyrische Dichtungen klarlegte und einen kurzen Lebensabriß Rosenfelds gab. Bromberg. Zu dem in Aussicht genommenen Bau eines jüdischen A l t e r s he i m s spendete Kaufmann Louis C r o n h ei m den Betrag von 3000 Jt. (b.I Stratzburg. Verschiedenes. In der „Unitas-Loge" hielt Oberrabbiner Dr. Netter- Metz einen B o r t r a g über das Thema „Judentum und Weltkultur". — Die Schächtaffäre hat nunmehr einen den Gegnern nicht genehmen Abschluß gesunden: die damit betraute Kommission beschloß nämlich, die Angelegenheit a il acta z u legen, sodaß sie nicht einmal nrehr vor das Plenum des Gemeinderates kommt. — Hannover. Wie verlautet, steht die Simonsche Stiftung wegen des Erwerbs einesGutes in der Nähe von Celle vor dem Abschluß: azif diesem Gute sollen jüdische junge Leute zu Landwirten herangebildet werden. Ein gut empfohlener nichtjüdischer Inspektor ist bereits engagiert worden. Der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" wird sich an dem Unternehmen beteiligen. Oesterreich-Ungar«. Wie«, 22. November. Die ..Neue National- Ztg." äußert sich zu den heute stattfindenden Kultuswahlen wie folgt: „Der Kampf wird in erster Linie gegen die Person des Präsidenten Dr. Stern selbst gerichtet sein. Sein Mandat kommt allerdings nicht in Frage; er wurde vor zwei Jahren mit knapper Majorität gewählt. Allein Herr Dr. Stern hat sich nach Ansicht seiner Gegner im Gegensätze zu allen seinen Vorgängern so weit im Wahlkampfe persönlich engagiert, daß ein Sieg der Opposition gleichzeitig seine Niederlage bedeutet: den Sturz seines persönlichen Regimes und das Fiasko der starrsinnigen Negierung aller gerechten Wünsche der Bevölkerung. Was in den letzten Jahren an Vergewaltigung der Gemeindemitglieder in Bezug auf ihr Wahlrecht, an Verhöhnung der polnisch-jüdischen Gemeindemitglieder, an Herabsetzung des Ansehens des Kultusvorstandes durch Verschwägerung seiner Mitglieder mit christlichen Familien, an Verletzung der religiösen Gefühle durch Unterdrückung und Sperrung von Privatbethäusern und schließlich durch Verhinderung einer jeden zeitgerechten Reform des Steuer- und Wahlsystems geschehen ist, das ist auf die rein persönliche Initiative der Präsidenten zurückzuführen. In negativer Beziehung war also seine Initiative allerdings sehr stark; in positiver Beziehung ließ sie sehr viel zn wünschen übrig. Eine solche Armut an Ideen und einen solchen Mangel an geistigen Schwung wie in der Aera Stern hat die Kultusgemeinde- Wien kaum je aufzuweisen vermocht. «chablonenhaftigkeit und kleinlicher Krämergeist, die am Alten nicht rütteln lassen, denen jedes Verständnis für die Repräsentationspslichten' und die Verwaltung einer großen Gemeinde fehlen, sind die charakteristischen Merkmale des jetzigen Regimes.