Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 46. Diese Themen bringen aber auch den Redner in Gefahren, und zwar ist es besonders die ungekünstelte Logik, die durch das Haschen nach .dem Effekt gefährdet Wird. So auch bei dem letzten Vortrag! Redner hatte ausführen tvollen, daß das Judentum das Schöne in der Idee (Dichtkunst usw.) sehr hoch schätzt, das Schöne in der Wirklichkeit (Bildhauerei, Malerei) aber für sittlich gefährdend erachtet, — und hierzu hatte dem Redner eine haggadische Stelle des Talmuds in der Masechto „Megillo" dienen müssen. Ob haggadische Stellen — es gibt übrigens im gegenwärtigen Falle solche, die sich im anderen Sinne als den Dr. Breuers deuten lassen — für eine solch' folgenschwere Behauptung genügen! Ob man da nicht vielmehr die Halacha, die gesetzlichen Verordnungen, durchgehen muß, die doch nur „als Kult" das Unfertigen von Bildern und Gestalten verbietet? Rühmt doch die Thora Bezallel usw. als Künstler! Und dann wieder die . Ausfälle gegen den Zionismus, da er die Kunst fördert. Schönheitsabende usw. in Jerusalem als Zukunftsbild, die Moses-Statue des Michel Angela auf dem Vorhofc eines Rabbinerseminars als Beweis, ivie weit wir heute von den Idealen des Judentums abgcirrt sind; was soll das bei einer Linsten Behandlung eines ernsten Themas! Berlin. Der . äußerst rührige I s r a e litis cheFortbildungsvcreiuMontefiore, der sich die hohe Ausgabe gesetzt hat, die gesetzestreue jüdische Jugend Berlins zu vereinen, um in ihr jüdische Lebensanschauungen zu wecken und die Kenntnis des Judentums und seiner Lehre durch regelmäßige Lernstunden und Vorträge zu verbreiten, kann auf eine 24jährige Tätigkeit zurückblickcn. Aus kleinen Anfängen heraus hat sich der Verein zu der heutigen Größe entwickelt, sodaß er im vorigen Jahre ein eigenes größeres Bereinsheim Gipsstr. 12a beziehen konnte. Die Lese- und Bibliotheksräume sind allabendlich sowie den ganzen Sabbat geöffnet, und es liegen dort außer jüdischen Zeitungen auch Tageszeitungen, Zeitschriften und Journale aus. Der Eintritt ist jedermann gestattet. Im Wintersemester werden Sonntag, 4—5 Uhr nachm., Freitag, V-9—Ve10^ Uhr abends, Sabbat, V-12—V2I Uhr vormittags «chiurim abgehalten. An jedem Dienstag Abend 9 Uhr findet ferner ein Vortrag von Herrn Rabb. Dr. Munk über das jüdische Gebet statt. Am Dienstag den 17. er. vereinigten sich fast 400 Personen zur Feier des Stiftungsfestes. Das Fest, durch Aufführungen und Vorträge verschönt, nahm einen glänzenden Verlauf. Kölu. Der Jugendverein Gabriel Rießer schloß sei» 3. Vercinsjahr am 30. Septbr. init 406 aktiven und 110 inaktiven Mitgliedern ab; außerdem wurden 207 Dainenkartcn verausgabt. Er veranstaltete eine Reihe Diskussionsabende über jüdische und allgemeine Themen, 4 Kunstabende und 6 gemütliche Abende und unterhielt Unterrichtskurse in französischer, englischer und italienischer Sprache und in Stenographie; auch hat er einen Kegel- und einen Schachklub und ein Musikkränzchen. Von Januar ab wird ein Kursus über die Grundfragen des Judentums und seine Ethik eröffnet. Prag (Böhmen). Der Verein zur Gründung und Erhaltung eines jüdischen Museums in Prag zeigt in seinem Jahresbericht eine erfreuliche Entwicklung. Er hat bereits eine stattliche Sammlung, die Geräte des synogalen Kultus, Abbildungen, Gemälde und Photographien historisch bedeutsamer Oertlichkciten und Personen und Urkunden umfaßt. Aus der Lehrerwett. Meimbressen lKreis Hofgeismar). Nach 30 jähriger Amtstätigkeit in hiesiger Gemeinde verschied Lehrer und Kantor Abr. Hammerschlag. London. Rabbiner Professor Dr. W. Marks feierte seinen 98. Geburtstag. 0 leuiMm. 0 Eine versunkene Wett. Roman von Jakob L e v y. (Fortsetzung). Moses tröstete: „Der Wagen wird im Hof untergebracht, und das Pferd versorge ich. Ruht Euch aus, und seid unbekümmert, morgen'sehe ich wieder nach Euch." Sender,' der Moses kannte, beruhigte sich und schlummerte ein. Moses ging mit dem Fremden die enge Treppe hinunter und sagte: „Herr, ich bitte Euch, seid mein Gast. Wenn Ihr fremd hier seid, werde ich Euch gerne mit Rat und Tat beistehen." Der Angeredete erwiderte: „Man hat mir die Garküche der Frommit Äschkenas empfohlen. /Ich habe mein Gepäck dorthin geschickt." Frankfurter JsraeWWs Fannlienblatt. „Dort könnt Ihr kanin wohnen. Die Witwe Äschkenas hat gute Zimmer und reinliche Betten, aber in jeder Stube stehn vier Betten, und^wenn viele Gäste da sind, legt sie noch einige «trolisäcke auf den Boden. Das ist nichts für Euch." Der Arzt lachte. „Für einige Tage wird es mir behagen, denn ich muß eine Wohnung haben, da ich in Köln zu bleiben gedenke. Und ich bin auch ein mäßiger Esser." „Die Frommit Äschkenas kocht gut. Aber verschmäht mein armes Haus nicht. Moses Ems freut sich seiner Gäste und meine Frau gleichfalls. Unser Gastzimmer ist immer bereit." Er hielt dem Arzte die Hand hin, und der schlug ein, „Wohlan, ich bin heute Nacht Euer Gast." Sie waren am Hanse Moses' angelangt, und beim Eintritt küßte der Fremde auch andächtig die Mesusa. „Rebekka, hier bringe ich einen Gast mit. Der Herr ist Arzt und hat den Sender ans Neuwied gerettet." Beide Männer lachten. Frau Rebekka reichte dem Fremden die Hand und sagte mit sanfter Stimme: „Seid willkommen und setzt Euch. Ich bringe Wasser auf Eure Stube, damit Ihr Euch erfrischen könnt." — Der Tisch sammelte die Familie um sich. Dem Gast wurde die Ehre des Tischgebets zu teil, und als sie behaglich ruhten, — erst da sagte der Gast: „Ihr lieben Leute, jetzt will ich Euch aber auch sagen, wen Ihr ausgenommen habt. Ihr wißt ja meinen Namen noch nicht." Und das Lächeln verklärte das ernste Gesicht des Mannes ungemein. 8. Kapitel. „Ich heiße Abraham Salomo den Jizchok. Jetzt wißt Ihr noch immer nichts von mir. Mer mein Ahne ist der Rabbi Uri ben Joseph ha Levi aus Eurer Stadt, der sein Leben .für unsere heilige Lehre gelassen hat. Einem Sohn von ihm gelang es damals, den Mörderfäusten zu entrinnen, und er kam unter großen Entbehrungen und Gefahren nach Spanien, wo die Juden geachtet und frei sind. Dort wurde er reich und angesehen, hat aber niemals seines Vaterlandes vergessen. ~ Der Tod seines Vaters, die Geschichte seiner Flucht hat er auf Pergament niedergeschrieben. Auf der Jahrzeit wrrd diese Megillo verlesen und den Söhnen jedesmal neu eingefchärft, das Grab des Märtyrers in Köln zu besuchen. Bis heute war es noch keinem möglich geworden, dieser Pflicht zu genügen, jeder schob die weite und gefährliche Reise auf, bis cs ihm die Jahre verboten. Mein Vater beschwor mich auf feinem Sterbebette, an der Ruhestätte unseres Ahnen zu beten, auch ich schob es auf. Aber ein Unglück machte mich heimatlos, und da soll die Erfüllung meiner Pflicht mir auch ein neues Heini bieten." Inzwischen war Bär Kuchenheim eingetreten und hatte sich still an den Tisch gesetzt. Der Gast blickte auf. Moses sagte kurz „Mein Schwager Bär, fahrt nur fort." „Wir wohnen in Granada. Mein Bruder führt das Geschäft des Vaters, der mit Seide handelte, fort, meine Mutter lebt still und ehrt das Andenken des verstorbenen Gatten durch Wohltun an Juden und Mauren. Ich hatte immer nur Freude an den Wissenschaften und studierte auf den Hochschulen in Paris und Bologna und zuletzt in Toledo die ärztliche Kunst. Später ließ ich mich in meiner Vaterstadt nieder und hatte rasch einen unverdienten Ruf, sodaß ich ein viel begehrter Arzt wurde. Eines Tages entbot mich ein Großer der Stadt, ein Verwandter des Königs, zu sich. Er sagte mir: „Abraham, Du bist groß in der Kunst, das Leben zu verlängern, jetzt aber verlange ich von Deiner Geschicklichkeit das Gegenteil." Ich antwortete: „Herr, ich verstehe Deine Worte nicht." J „Habe nur Geduld! — Du behandelst den frommen Ibrahim, der schon dreimal die Wallfahrt nach Mekka geinacht hat und der jetzt fieberkrank darnieder liegt. Dieser Greis, der mein Oheim ist und dessen Erbe ich bin, will nun sein Vermögen den Moscheen vermachen, und es ist deshalb die höchste Zeit, daß er stirbt, bevor er sein verwerfliches Vorhaben ausführt. Du sollst ihm einen Trank mischen, damit er einschläft; Dich aber werde ich reich belohnen." „Ich sagte ihm, daß ich nie und nimmer einen Mord begehen würde, darauf verkündete mir der Bösewicht: „Gut, ich kann Dich nicht zwingen. So Du mir aber nicht zu Willen bist, sage ich. Du habest mir den Mord des Ibrahim angeboten, und mein Freund, der Richter, läßt Dich dann erdrosseln. Jetzt wähle, ich gebe Dir drei Tage Zeit." Zu Hause überlegte ich mit Mutter und Bruder, wie ich diesen! Unheil entgehen könne; aber bald war uns klar, daß meine Rettung nur in schleuniger Flucht aus dein Lande zu finden wäre. Und jetzt sprach ineinc Mutter das Richtige. In der Stadt meiner 'Ahnen soll ich mir eine neue Heimat suchen, bis ich wieder nach Spanien zurückkehren darf. Gepriesen sei die Voraussicht meines Urgroßvaters, der geboten hat. im stillen Heim seine Muttersprache zu reden, damit die Nachkommen sie niemals vergessen. In derselben Nacht flüchtete ich, init Mitteln reichlich versehen, und Gott verlieh mir seinen Schutz, sodaß ich glücklich am Ziel meiner Wanderung angelangt bin. Morgen bei guter Zeit suche ich das Grab meines Ahnen auf. Dann werdet Ihr, meine gütigen Gastfreunde, mir bei der Wahl einer Wohnung behülflich sein. Ich beabsichtige, in Köln zu bleiben und meine ärztliche Kunst meinen Brüdern zu widmen." In tiefer Stille hatte die Familie der Erzählung gehorcht, nach deren Beendigung saßen die Zuhörer noch eine Weile regungslos. Da erhob sich Bär Kuchenheim, ging auf den jungen Arzt zu und reichte ihm die Hand. „Sei mir von Herzen willkominen. Ich bin der einzige in Köln lebende Nachkommen des Märtyrers Rabbi Uri den Joseph ha Levi und also Dein Verwandter." Abraham blickte in das gutmütige, kluge, jetzt vor Rührung zuckende Gesicht des vor ihm stehenden stattlichen Mannes und warf' sich in dessen Arme. „Oheim, ivie glücklich hat Gott meine Schritte gelenkt!" Bär hielt ihn auf 'Armeslänge von sich und betrachtete ihn mit Stolz. „Ich hätte Dich als Verwandten unter tausenden erkannt. Du hast die Züge und die 'Augen uyserer Sippe. Aber jetzt nehme ich Dich init, Du bist und bleibst so lange bei mir, wie Du willst." Die anderen aber protestierten lebhaft dagegen. Heute müsse Abraham bei ihnen bleiben, denn sie gehörten auch zur Familie. Der junge Mann schlichtete lachend den Streit. .Leute gehe ich nicht fort von hier. Morgen komme ich zw meinem Oheim, bis ich eine eigene Behausung gefunden. Und die müßt Ihr, meine Lieben, mir rasch besorgen, inich dürstet nach Tätigkeit. Aber ich muß den Meinigen in Granada Botschaft senden, dainit sie beruhigt sind. — Ist das zu ermöglichen?" Bär sagte nachdenklich: „Es ist ein Jude ans Holland hier, der ein Gelübde getan hat, drei Jahre unstät herumzuziehen und in jedem Orte Kaddisch zu sagen. Ich ireiß nicht, was er büßen will. Der Mann nährt sich von milden Gaben und dürfte wohl der geeignete Bote sein. Er ist ein frommer, alter Mann, dem wohl zu trauen ist." „Den Mann .möchte ich morgen sprechen." „Er ist im Hekdesch, ich begleite Dich zu ihm." Bei dem Worte Hekdesch fielen Moses und Abraham der alte Sender ein, beide sahen sich an und lachten. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. 3L Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocheu-Salerrder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 28. November (--- 4. Lislsv): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min. in Berlin 4 Uhr 47 Mn. Wochenabschnitt: Tauldaus. — Geburt der Zwillingsbrüder Esau und Jakob. Ersterec ist rötlich, rauh, haarig und roh von Sitten; letzterer schlicht, häuslich und fromm. Esau, Liebling Jsaks» Jakob, mehr von der Mutter geliebt. Jakob kauft Esau die Erstgeburt ab um ein Gericht Linsen. Die Erstgeburt hatte heiligernste Bedeutung; sie berechtigte und verpflichtete zum Gottesdienst in der Familie nach des Vaters Tode. Dazu war Esau weder fähig noch würdig! Ausdrücklich wird auch beim Verkauf hervorgehoben, daß Esau aß und trank, davonging und die Erstgeburt verachtete. — Jsak will ahnungslos den Erstgeborenen segnen. Er weiß nichts vom Verkauf dieses heiligen Rechtes. Esau geht auf's Feld, Wildpret zu bringen; er verschweigt den Verkauf, obwohl Jakob „so klar, wie der helle Tag" sich das Recht zusichern ließ. Esau ist ein Betrüger. Jakob bringt nun auf Rebekkas Geheiß Ziegenböcklein, nach Wildbretart bereitet, dem Vater. Hals und Hände sind mit Fellen bedeckt. Jsak soll auf schonende Art über Esaus Charatter und das Vorgefallene aufgeklärt werden. Er erkennt an der Stimme Jakob. Später kommt Esau. Jsak soll ihn segnen. Seine stillen Zweifel werden ihm zur Gewißheit: Esau zst gottlos! Jsak nimmt nicht seinen Segen zurück, er ruft: „Er soll auch gesegnet bleiben!" Dennoch nennt Esau den Jakob Betrüger, droht ihm sogar mit dem Tode. Jakob flieht nach Haran. Auch hier gibt er schonender Weise dem Vater als Grund an. daß er sich von dort eine Frau holen wolle. Jsaks