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Neue jüdische Presse · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 Frankfurter JsraelitiMes Familienblatt. Seite 3. Ich habe von allem Kenntnis genommen, was Sie mir geschrieben haben, und mache mir ein großes Vergnügen daraus, .Ihnen zu sagen, daß ich durchaus nicht der Fanatiker bin, als den die europäische Presse mich hinstellt. Ich bin im Gegenteil dafür, tatsächliche und gesetzliche Gleichberechiigung allen Wohlgesinnten zu gewähren, ohne Rücksicht auf Rasse und Bekenntnis. Sie haben ohne Zweifel mittlerweile erfahren, daß ich sofort nach meiner Rückkehr hierher alle notwendigen Maßnahmen getroffen habe, um die belästigenden Verfügungen zu beseitigen, die in jüngster Zeit gegen die Israeliten verhängt worden waren. Das ist mir auch, Gottseidank, vollständig gelungen. Die Israeliten leben in vollkommener Ruhe Md sind in der Medina (Aräberviertel) ebenso sicher und wohlgelitten, wie int eigenen Mellah. Es ist ihnen nicht ferner verwehrt, im Araberviertel ivic im Mellah ihre Babuschcn (Schlappschuhe) zu tragen und ztt Pferde zu steigen. Kurz, alles, was ihnen vordem verboten war, dürfen sie heute in voller Freiheit tun. Wir hoffen, daß sie immer zufrieden sein werden, und bitten den allmächtigen Gott, daß er uns helfe zum Besten Aller. Was die Wiedereröffnung Ihrer Schulen hier betrifft, so dürfen Sic sicher sein, daß ich den Lehrern, die Sic schickeit werden, alle Unterstützung gewähren werde, um die Wiedereröffnung zu erleichtern. Die Lehrer, die Sie schicken werden, sollen willkommen sein. Ich muß Ihnen auch sagen, daß ich über das Vorhandensein Ihrer Schulen in unserem Reich sehr glücklich bin, und daß ich den den israelitischen Kindern erteilten Unterricht immer bewundert habe. Es ist mir bekannt, daß Ihre Schulen einzig die intellektuelle und sittliche Hebung aller Ihrer Zöglinge zum Zweck haben und große Achtung vor allen Religionen lehren. Herr Corcos wird Ihnen sagen, daß ich sofort nach Keimtnisnahme von Ihrem Schreiben die beiden «tadtpaschas und den Pascha aus der Umgegend von Marrakesch — wo es viele Israeliten gibt — habe kommen lassen, um ihnen in Gegenwart des Herrn Corcos eindringlich zu empfehlen, sie sollten tun, was irgend in Ihrer Macht steht, daß die Juden tticht ferner mißhandelt würden und daß nichts zti ihrem Nachteil geschehe. Auch habe ich den Paschas die Schulen, ihre Lehrer und die Zöglinge empfohlen. Zum Schluß wiederhole ich: Ich bin ein Freund der Wahrheit und ein Freund der Gleichberechtigung aller. Wir sind voller Ergebenheit für alte Europäer, ganz besonders für unsere lieben Nachbarn, die Franzosen. Ich muß 'Ihnen noch sagen, daß Seine Majestät, uitsec erhabener Sultan ' Abdul Hafid, voll gütiger Gesinnung ist für alle Welt, daß er das .Wohl aller von Herzen wünscht, und daß alles, was die Zeitungen in anderer Richtung über ihn erzählt haben, von Grund ans falsch ist. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Präsident, die Versicherung meiner Hochachtung. Si Mcidani Elmezuar El Glaui, Großwesir." Rußland. Warschau. Am 14. November feierte man hier unter großer Beteiligung die Eröffnung einer a ch t k l a s s i g e n jüdischen H a n d e l s s ch u l e. Der Typus einer Handelsschule ist in Polen nicht neu. Das Neue daran ist — und dies auch nur für Warschau —, die Tatsache, daß es eine j ü - d i s ch e Handelsschule ist, d. h. daß sie nur für jüdische Schüler bestimmt ist. Solche Schulen existic- , ren bereits seit einiger Zeit in verschiedenen Städten ' Rußlands, wie z. B. in Petersburg, Odessa, Minsk, 5t oroini; sie verdanken ihr Entstehen den jahrelangen Bemühungen der russischen Juden, einen Ausweg aus der für jüdische Schulkinder unhaltbaren Situatioit zu schaffen. Und da die russische Regierung die für jüdische Kinder bestehende Prozentnorm in absehbarer Zeit abznschaffen nicht gewillt ist, so gewährte sie den Inden die Erlaubnis, aus privaten Mitteln jüdische Schulen zu errichten. Solche Handelsschulen oder ähnliche Gymnasien unterscheiden sich von den christlichen, was den Unterricht anbelangt, dadurch, daß sie außer dem üblichen Programm, noch die hebräische Sprache, j ü d i s ch e L i t e r n t tt r n n d Geschichte obligatorisch einführen und daß sie statt Samstag den Unterricht am Sonntag ansetzen. ES versteht sich, daß diese Schulen den Stolz der russischen Juden bedeuten, die «kein Opfer, kein Geld scheuen, »in diese nationalen Güter zu behüten und zu fördern. Leider weist die Geschichte dieser Schulen ein gctreuliches Abbild der im Unterrichtsministerium jeweilig vorherrschenden Strömung auf, und je nachdem man den Inden mehr oder weniger freundlich gesinnt ist, erhalten diese Schulen die sogenannten „Rechte", oder sie werden ihnen verweigert, ja manchmal entzogen; eine Tatsache, die bei der außergesetzlichen Lage der Juden in Rußland von größter Bedeutung ist. — Die neue Handelsschule in Warschau beginnt ihre Tätigkeit unter sehr günstigen Auspizien: die bis jetzt eröffneteit ersten vier Klassen sind bereits seit einiger Zeit vollständig besetzt, und wenn die innere Leitung der äußeren Einrichtung in hygienischer und pädagogischer Richtung entsprechen wird, o wird man von einer mustergültigen Schule prechen können. „N. I.-K." Rumänien. Bukarest. Die heilige Synode beschloß, die Bibel in rumänischer Sprache herauszugeben. — Der „Verband der rumänischen Handwerker" faßte dett Beschluß, die jüdischen Schneider aus dem Verbände auszuschließen und den Mitgliedern die Annahme jüdischer Lehrlinge zu untersagen. Palästina. Jerusalem. Der Verein Lemaan Zion kann über eine außerordentlich erfolgreiche Tätigkeit im abgelaufencn 3. Quartal (Juli-September) 1908 berichten. Die Augenklinik wurde ganz enorm in Anspruch genommen, und es zeigte sich, wie sehr dieselbe dazu beiträgt, den leidenden Glaubensgenossen helfend zur Seite zu stehen. Zur Behandlung kamen: 16 541 Fälle, 7 große und 49 kleine Operationen wurden anSgeführt, 20 Spitalbetten find fortwährend belegt gewesen, in dringenden Fällen mußten je 2 Kranke ein Bett teilen, selbst auf dem Boden wurden Lager hergerichtet. Da infolge dieser großen Leistungen die Mittel des Vereins nahezu erschöpft sind, richtet die Verwaltung (Vorsitzender: Rabbiner Dr. M. Horovitz in Fraitksurt a. M.) an edle Menschenfreunde die dringende Bitte, die Bestrebungen des Vereins mehr wie je zu unterstützen, und hat speziell für die Augenklinik eine Sammlung eröffnet. Auch die allgenteinen Leistungen des Vereins find nach wie vor sehr segensreiche. Durch die Aerzte des Vereins wurden 4454 diverse Kranke behandelt. Die Apotheke verabfolgte 5069 Rezepte. Für 5 Lehrlinge wurde Lehrgeld bewilligt, 243 kranke Personen erhielten erforderliche Utensilien, 16 russische Emigranten wurden zur Arbeit unterstützt und 4 Personen Arbeitsmöglichkeit gegeben. Personalien. Frankfurt a. M. Prof. Dr. Paul Ehrlich, Direktor des König!. Jitstituts für experimentelle Therapie, erhielt den Nobelpreis. Ehrlich wurde am 14. März 1854 zu Strehlen in Schlesien geboren. Eine ordentliche Universitäts- Professur konnte der geniale Gelehrte, weil er Jude ist, nicht erreichen. Berlin. Geh. Kommerzienrat I. L o e w e. der am 24. November sein 60. Lebensjahr vollendet, wurde von der Technischen Hochschule zum D r. in g. honoris causa ernannt. Berlin. Prioatdozent Felix Hirschfeld ivurdc zum Professor ernannt. Hirschfeld wurde 1863 in Militsch (Schlesien) geboren, studierte vornehmlich in Berlin tind war lange Zeit Assistent am Krankenhaus Moabit. Sein Arbeitsgebiet betrifft in erster Reihe die Physiologie des Stoffwechsels. Er zeigte, daß die bisher geltende Boitsche Norm, wonach man täglich 118 Gramm Eiweiß zu sich nehmen müsse, physiologisch nicht begründet ist. Ferner beschäftigte er sich mit der Pathologie des Stoffwechsels und stellte Untersuchungen über Fettleibigkeit und Herzkrankheiten an. Eine Fülle von Arbeiten lieferte er überdie Zuckerkrankheit, von der er eine besondere klinische Form Nachweisen konnte. Mannheim. Max S t o ck h e i m hat wegen zu hohen Alters sein Amt als Stadtrat n i e berge l e g t. Er gehörte 33 Jahre den bürgerlichen Kollegien an, mehrere Jahre auch als Stadtverordneten-Borsteher. Mannheim. Bei den Wahlen in den Stadtrat wurden Rechtsanwalt Dr. S a l l y Stern und Kaufmann F r i e d r i ch W a ch e n h e i nt wiedergewählt. Posen. In Mogilno wurden Fabrikbesitzer I. London und Kaufmann H. S a l o m o n, in Friedhcim Kanfmann Jack ob Jacoby und in K o l m a r Kaufmann B o r ch a r d t, Kaufmann Kar! Cohn und Kaufmann S a l l y S a l o m o u zu Stadtverordn et en gewählt. Schwerin «.Warthe. Kauimann Jakob Cohn und Kaufmann Leopold Lands Hofs wurden zu Stadtverordneten gewählt. Königsberg i. Pr. Rechtsanwalt Dr. Lichtenst e i n wurde zum Nota r ernannt. Breslau. Justizrat Feige. Vorsitzender des Breslauer Anwaltsv°reins und Stadtverordneter, erhielt den Titel geheimer I u st i z r a t. Prag (Böhmen). Anläßlich des Todes ihres Redakteurs Hermann K a tz erhielt die „B o h e - mia" ans Donanefchingen von Fürst Max Egon zu Fü rst e nb er g folgendes Telegramm: „Tief erschüttert durch die Nachricht von dem Ableben des Herrn Katz spreche ich meine attfrichtige Teilnahme aus. Ich werde dem Unglücklichen, mit dem ich so viele Jahre zu verkehren die Freude hatte, stets ein gutes Angedenken bewahren." Czernowitz (Bukowina). Dem Großgrundbesitzer Dr. Hermann Fischer — bekannt durch seine großen interkonfessionellen Stistnngeit — wurde der Adel mit dem Ehrenwort „Edler" und dem Prädikat „Masara" verliehen. Szepes-Lfaln (Ungarn). Hier verschied im Alter von 100 Jahren Frau R e g in e U n terbe r g e r, die erst jüngst mit ihrem 102jährigen Gatten die 80. Wiederkehr ihres Hochzeitstages feierte. London. Im Alter von 65 Jahren verschied der bekannte Kunsthändler und Kunstkenner Sir Joseph Joel D u v e e n. — Ratsherr H. E. Davis wurde zum Bür g-e r - meister von G r a v e s en d, welches Amt er bereits 1902 innc hatte, und Ratsherr H. Feldm a n n znm dritten Male znm Bürgermeister von Hüll gewählt. — Herbert Louis Samuel, Mitglied des Unterhauses und Unterstaatssekretär des Innern, wurde znm Geheimen S t a a t s r a t ernannt, eine der höchsten Ehren, die der Staat für politische Dienste verleiht. Der so Ausgezeichnete ist erst 38 Jahre alt. Kiew (Rußland). Die beiden Söhne des Millionärs B r o d s k y, die unter 'Anklage gestellt wurden, weil iic bei dem seincrzeitigen Pogrom — also in der Notwehr! — einen Hooligan durch einen Schuß schwer verwundet hatten, sind nunmehr freigesprochen worden. Saloniki iTürkei). M. Kar asso wurde zum Parlamentsmitglied gewählt. New-Nork. Dem Admiral Adolph M a r i x, einem Inden, wurde das K o m m a n d o über die atlantische Flotte übertragen. — Cyrus L. Sulzberger wurde, da der seit 34 Jahren als Präsident fungierende H e n r y Rice aus Altersrücksichtcn eine Wiederwahl äblehnte, zum Präsidenten der UnitedHebrewCharities gewählt. Sulzberger, der auch Präsident der „Jüd. Ackerbau- und Jndustrie-Hilfsgescllschaft" und der „Jto" ist, hat sich kürzlich vom Geschäfte zurückgezogen, um sich ganz der Arbeit im Dienste der Wohltätigkeit zu widmen. — Im Alter von 84 Jahren verschied in Philadelphia der Rentier Henry C r a m e r, eine im dortigen jüdischen Gemeindelebcn sehr tätige Persönlichkeit. Er war aus Hergershausen im Großherzogtum Hessen gebürtig. Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levy. (Fortsetzung). Er lachte schadenfroh und rieb sich die Hände. „Als mich Herr Heinrich fortschickte, nachdem ich mehr denn zwanzig Jahre in Ehren gedient hatte, sprach er: „Eberlein, Ihr seid alt und unnütz, ich kann Euch ferner nicht mehr gebrauchen." Und er tvußte, daß ich hungern muß. Ich werde ihm zeigen, daß ich nicht unnütz bin, daß ich seine bösen Streiche vereiteln kann. Was soll jetzt geschehen, Moses?" „Herr Nikolaus, ersteht Euch ein Reitpferd und reitet nach Köln zu meinem Herrn." Er legte noch einige Münzen zu den anderen. „Das >vird für Roß und Reise reichen. Ich darf Euch versprechen, daß Eure bösen Tage ihr Ende erreicht haben. Aber seid vorsichtig mit Euren Reden. Niemand darf wissen, was Ihr vorhabt, cs könnte Euch und andere schädigen." Eberlein brummte: „Seid unbesorgt, ich kann schweigen. Keinen Tropfen Wein werde ich genießen, bis ich in Köln bin. 'In einigen Tagen bin ich bei Eurem Herrn." Moses erhob sich. „Der Herr beschütze Euch auf Eurer Reise. Lebt wohl." Nikolaus reichte ihm die Hand, und Moses entfernte sich, sofort mit rüstigem Schritt den Heimweg antretend. 7. Kapitel. Salomon Basel hatte inzwischen seine Glaubensgenossen bei dem Rat verklagt^ „Sie mißachten Eure Gebote, weil Ihr mir die «teuer erlassen, haben sie mich und mein Haus in ben Bann getan." Und seine hämische Anklage hatte Erfolg. Wieder mußte der Rabbiner das Kapitel zusammenbernfen und ihm von einem Schreiben Kenntnis geben, das ihm von dem Rat zngegangen war. Es war der ausdrückliche Befehl, den Bann über Salomon Basel und dessen Haus aufzuheben, ihn in die vorige Ehre und Freundschaft wieder einznsetzen und aus alle Gefälle und Steuern, die er zu leisten hätte, zu verzichten. Und Bär Knchenheim, war wieder derjenige, der dafür sprach, dem Gebote des Rats zu gehorchen, während der alte Reb Würzburger entschieden dafür eintrat, die Einmischung des Rats zurückzuweisen. Aber diesmal fand Bär mehr Gehör. Die Richter sahen ein, daß die schutzlosen Juden nicht mit Erfolg den «treit mit der Stadt durchführen konnten, und so beschloß das Gericht mit allen gegen die eine Stimme des Reb Würzburger, dem Rat zu gehorchen und den Bannbries zu verbrennen.

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